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Am 9. Oktober 1958 verschied Papst Pius XII. PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 09. Oktober 2011 um 14:29 Uhr

Als Papst Pius XII. starb, wurde er praktisch einhellig verehrt, und niemand hätte sich vorstellen können, dass alsbald ein posthumer Prozess gegen ihn aufgerollt würde, dass aus einem überall hochverehrten Papst ein bis heute geschmähter und verleumdeter Papst würde.

„Wir teilen den Kummer der Menschheit anlässlich der Mitteilung über das Hinscheiden Seiner Heiligkeit Papst Pius XII. In einer Zeit, die durch Zwietracht und Kriege erschüttert wird, hat er die denkbar höchsten Ideale von Friede und Mitgefühl hochgehalten. Als unser Volk während der sechs Jahre der nationalsozialistischen Terrorherrschaft vom schrecklichsten Martyrium geschlagen wurde, hat der Papst seine Stimme zugunsten der Opfer erhoben (…). Wir verlieren einen großen Diener des Friedens.“

Allein schon diese bewegende Ehrung durch die damalige israelische Außenministerin Golda Meir spiegelt den Tenor der Beileidsbekundungen, die in jenen Tagen in den Stunden nach der Nachricht vom Tode Pius’ XII. im Vatikan eintrafen. Der Papst war am 9. Oktober 1958 nach 19 Jahren und sieben Monaten auf dem Stuhle Petri im Castel Gandolfo gestorben. Dieser Beileidsbekundung jedoch kommt eine besondere Bedeutung zu, und zwar wegen der Persönlichkeit, welche sie unterzeichnete. Frau Meir, zehn Jahre zuvor eine der Gründerinnen des Staates Israel, wollte mit diesen Worten die Dankbarkeit der weltweiten jüdischen Gemeinschaft gegenüber dem dahingeschiedenen Pontifex bezeugen, hatte er doch tatkräftig zugunsten der Juden gewirkt, welche während des 2. Weltkrieges von der Ausrottung bedroht waren.

Diese Dankbarkeit wurde von den herausragendsten jüdischen Persönlichkeiten uneingeschränkt geteilt. Damals hätte sich niemand vorstellen können, daß dieser Papst, dem die höchsten jüdischen Würdenträger im Namen der überlebenden Juden dankbar waren, schon fünf Jahre nach seinem Tod genau diesbezüglich ein posthumer Prozeß gemacht würde. Und noch weniger hätte man sich vorstellen können, daß dieser Prozeß ein halbes Jahrhundert lang weitergeführt würde.

Bekanntlich nahm alles seinen Anfang mit einem Theaterstück des Deutschen Rolf Hochhuth, „Der Stellvertreter“. Hochhuth gab vor, sich auf wichtige Belege stützen zu können, und präsentierte einen Papst, der angesichts des jüdischen Leidens seltsamerweise geschwiegen habe. Ganz unterschwellig wurde immer mehr unterstellt, dieses Schweigen habe auf einer Indifferenz beruht, die wiederum aus einer Art stillem Einverständnis mit dem Nationalsozialismus entstanden sei.

Das Stück wurde am 20. Februar 1963 in West-Berlin uraufgeführt und erfuhr augenblicklich ein weltweites Echo. Und seitdem verstärkt eine ganze Reihe von extrem werbeträchtig auf den Markt geworfenen Werken diese Art, die Dinge darzustellen. Vorläufiger Höhepunkt war im Jahre 2002 die Verfilmung des Hochhuth-Stückes durch Costa-Gavras unter dem Titel „Amen“.

Mihai Pacepa ist ein ehemaliger Offizier des rumänischen Geheimdienstes, der im Jahre 1978 vom amerikanischen Geheimdienst CIA rekrutiert wurde. Von ihm erschien im Jahre 2007 in der amerikanischen Zeitschrift „National Review“ ein Artikel, in dem er berichtet, dass „Der Stellvertreter“ das Ergebnis einer Geheimoperation des Leiters der KGB-Desinformationsabteilung, General Yvan Agayants, gewesen sei. Der Vatikan ist dieser „Aufdeckung“ mit Zurückhaltung begegnet, obgleich – immer laut Vatikan – es keinem Zweifel unterliege, dass „Kommunisten und Feinde der Kirche“ starken Einfluss auf die Abfassung dieses Stückes genommen hätten. Zwei andere Faktoren beeinflussen jedoch das Fortdauern der im „Stellvertreter“ vertretenen Thesen.

Der erste liegt in der Persönlichkeit Pius XII. und in den Gegebenheiten seines Pontifikates, des letzten vor dem zweiten vatikanischen Konzil. Beides musste als den neuen Normen, den neuen Empfindlichkeiten eines immensen sozialen Umbruchs seit den sechziger Jahren nicht entsprechend erscheinen. In der Persönlichkeit Pius’ XII., in seinem asketischen Gesicht, seinem aristokratischen Auftreten, seinem intensiven, von der Tragik des Lebens geprägten Blick fand eine vertikale Orientierung ihren Ausdruck, die einer immer mehr konsumorientierten, horizontal ausgerichteten westlichen Welt unerträglich geworden war.

Seine monarchische Auffassung der Kirchenführung, sein Neothomismus, seine Strenge bezüglich der Liturgie, die Tatsache, dass er Papst Pius X. (den Gegner des Modernismus) 1954 heiligsprach, und auch, dass er 1939 die im Jahre 1926 ausgesprochene Verurteilung der Action Française aufhob: all das reichte aus, um ihn a posteriori zu einem Ausbund der Reaktion, also zu einem Verdächtigen zu stempeln. Und das gelang so gut, dass seine Rolle beim Anstoßen von gewissen Erneuerungen vergessen wurde – dabei bewertete André Frossard sein Pontifikat noch anlässlich seines Todes als „friedlich revolutionär“.

Der zweite Faktor ist eine recht manichäistische, im Schwarz-Weiß-Denken verhaftete Sichtweise der Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. Diese macht das Verhalten des Papstes für heute unverständlich, eines Papstes, der nicht nur ein großer Christ, sondern eben auch ein großer Diplomat nach den Maßstäben des Alten Europa gewesen ist: war Pius XII. doch aus der Elite der vatikanischen Diplomatie hervorgegangen, in der er auch seine gesamte Laufbahn absolviert hatte.

Eugenio Pacelli wurde am 2. März 1876 geboren. Er stammte aus einer Familie, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Diensten des Vatikan stand (sein Großvater väterlicherseits war 1861 einer der Mitbegründer des Osservatore Romano“). 1899 wurde er zum Priester geweiht, erwarb sich den Doktorgrad in Theologie und beider Rechte. 1901 trat er ins Staatssekretariat ein, wo er Stufe um Stufe der Leiter aufstieg. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatte er ein Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Serbien ausgehandelt, durch die Kriegsjahre hindurch wird er einer der engsten Mitarbeiter Papst Benedikts XV., den er bei seinen Versuchen unterstützt, das Massaker aufzuhalten, zu beenden: eine prägende Erfahrung.

1917 wird er zum Apostolischen Nuntius in München ernannt, drei Jahre später in Berlin. Dort kann er direkt vor Ort einschätzen, in welchem Ausmaß das den ehemaligen Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn von den Siegermächten auferlegte Schicksal eine schwere, neuerliche Bedrohung ist. Seitdem tritt er unablässig für eine Revision der Verträge von Versailles und Saint-Germain ein: exakt derselben Ansicht sind die Päpste Benedikt XV. und ab 1922 dessen Nachfolger, Pius XI. Pacelli wird zur Vorbereitung des Konkordats mit Italien herangezogen und Ende 1929 nach Rom zurückgerufen; in diesem Jahr wird er zum Kardinal kreiert. Am 7. Februar 1931 folgt er Kardinal de Gasperi auf dem Posten des Staatssekretärs.

Während der Zeit seiner Tätigkeit als Nuntius in Berlin hatte er Verhandlungen über ein Konkordat mit Deutschland eingeleitet. Den Abschluss der jahrelangen, mühevollen Verhandlungen bildete die Unterzeichnung des Konkordats am 20. Juli 1933. Seit sechs Monaten erst ist Adolf Hitler zu diesem Zeitpunkt in Deutschland an der Macht. Sehr bald schon verletzen die Machthaber des „Dritten Reiches“ den Vertrag und treten eine Offensive gegen die Kirche los. Bis 1939 schreibt Kardinal Pacelli nicht weniger als 55 offizielle Proteste gegen wiederholte Vertragsverletzungen.

Die zwölf Jahre als Nuntius in Deutschland haben in ihm eine große Zuneigung zu Land und Leuten reifen lassen. Und gerade deshalb verurteilt er den Nationalsozialismus von Anfang an, und zwar eindeutig. Er hat „Mein Kampf“ aufmerksam gelesen, und über Hitler sagt er: „Der Mann geht über Leichen“. Er ist der Haupt-Verfasser der einzigen in deutscher Sprache verfassten Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937), welche den Nationalsozialismus scharf und eindeutig verurteilt – sie erscheint fünf Tage vor der Enzyklika „Divini Redemptoris“, die ihrerseits den Kommunismus verurteilt.

Er ist ein ebenso tiefreligiöser wie auch politischer Geist. Kardinal Pacelli beeindruckt durch seine wache Intelligenz, seine weitgreifende Kultiviertheit, seine Gewandtheit und seine Aktenkenntnis. Pius XI. sieht sehr bald in ihm seinen Nachfolger – am 12. November 1936 sagt er Vertrauten: „Das wird ein großartiger Papst!“ Es ist dann auch keine Überraschung, daß Eugenio Pacelli durch das Konklave am 2. März 1939, am Tage seines 63sten Geburtstages zum Nachfolger Pius’ XI. gewählt wird. Um die Kontinuität zu demonstrieren, wählt er den Namen Pius XII. Von Anfang an nimmt die internationale Lage seine ganze Kraft in Anspruch. Sechs Monate nach der Münchner Konferenz muss der neue Pontifex seine gesamte Energie aufbieten: wieder verdunkelt sich der Himmel über Europa, und Pius XII. versucht fünf Monate hindurch alles, um den Sturz in den Abgrund aufzuhalten. Er will Frankreich, England, Italien, Deutschland und Polen an den Verhandlungstisch bringen, um in einer Fünferkonferenz alle Streitpunkte zu regeln. Am Vorabend der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 24. August, erfolgt ein letzter Versuch: „Nichts ist verloren mit dem Frieden. Mit dem Krieg ist alles verloren“, ruft er den Lenkern Europas zu. Vergeblich.

Als der Krieg ausgebrochen war, wirkte der Papst in zwei Richtungen: politisch und humanitär. In beiden Fällen hatte er jedoch nur recht begrenzte Möglichkeiten. Auf der politischen Ebene nutzte er jede vermutete Gelegenheit, die sich bot, den Konflikt zu beenden, und unablässig auf „den Abschluss eines gerechten und für alle ehrenhaften Friedens“ zu drängen. Und wie ging er vor? Er war, wenn nicht neutral, so doch zumindest unparteiisch. Daher auch seit dem Sommer 1941 seine entschlossene Weigerung, den Forderungen der Achsenmächte nachzugeben und einen „antibolschewistischen Kreuzzug“ zu befürworten. Dem französischen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Léon Bérard, sagte er sogar: „Ich fürchte Hitler noch mehr als Stalin“. Und genau deshalb verurteilte er von Januar 1943 an die alliierte Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation, die seiner Ansicht nach den Krieg nur verlängern würde, weil sie „die Kraft der Verzweiflung“ wecken würde.

Im humanitären Bereich belebte er das Hilfswerk Benedikts XV. neu, welches jener im Ersten Weltkrieg für alle Opfer ins Leben gerufen hatte. Unter diesen Opfern galt seine besondere Fürsorge natürlich den bedrohten Juden. Er handelte mit Worten, und er handelte mit Taten. Sicherlich war er sparsam mit Worten, und das wird ihm seit dem „Stellvertreter“ zum Vorwurf gemacht. Dieser Vorwurf aber ignoriert (bewusst), dass jede kraftvolle Äußerung von seiner Seite sich unter den Umständen dieses entsetzlichen Krieges eher gegen jene gewendet hätte, die hätten geschützt werden sollen. Harold Tittmann, der Sondergesandte des amerikanischen Präsidenten Truman bei Pius XII., schrieb in seinen Memoiren: „Ich bin sicher, dass der Heilige Vater gut daran getan hat, zu vieles Reden zu vermeiden; auf diese Weise hat er sehr viele Leben gerettet.“

Obwohl der Papst sich vor lautstarken Stellungnahmen hütet, bleibt er doch nicht stumm. Erwähnt sei seine Weihnachtsbotschaft aus dem Jahr 1942, in der er „… Hunderttausende, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind…“ deutlich und öffentlich erwähnt, oder auch die ebenso deutliche Erklärung vor dem Kardinalskollegium vom 3. Juni 1943, in der er eindeutig von den Juden spricht, von den „ … Bitten derjenigen, die sich mit angsterfülltem Herzen flehend an Uns wenden. Es sind dies diejenigen, die wegen ihrer Nationalität oder wegen ihrer Rasse von größerem Unheil und schwereren Schmerzen gequält werden und die auch ohne eigene Schuld bisweilen Einschränkungen unterworfen sind, die ihre Ausrottung bedeuten.“

Vor allem aber sprechen seine Taten eine deutliche Sprache. Da gibt es zunächst die an Berlin und an die damals von Deutschland abhängigen Staaten gerichteten Proteste. Reichsaußenminister von Ribbentrop bezeugt während der Nürnberger Prozesse: „Unsere Schubladen waren voll von Protestschreiben aus dem Vatikan“. Dann gibt es die mit Hilfe der Apostolischen Nuntii und der Episkopate in die Wege geleiteten Rettungsaktionen. Während der Besetzung Roms durch die deutschen Truppen im September 1943 ging der Heilige Stuhl ebenso entschlossen und hartnäckig wie notwendigerweise auch diskret vor. Einen Monat später begann die Verhaftung der Juden. Die jüdische Gemeinde der Stadt sieht sich von der Deportation bedroht. Pius XII. schweigt, ja – doch im Austausch für dieses Schweigen erreicht der deutsche Botschafter von Weizsäcker einen Aufschub der Razzien, und in der Zwischenzeit findet eine große Zahl von Juden Zuflucht im Vatikan selbst oder in den Klöstern und Konventen der Umgebung. Pius XII. befiehlt sogar, im Notfall streng abgeschlossene Klausuren zu öffnen. Der Großrabbiner von Rom, Israel Zolli, dankt persönlich dem Papst am Ende des Krieges, bevor er (später auch seine ganze Familie) zum katholischen Glauben findet. Als Zeichen seiner Dankbarkeit nimmt er den Taufnamen Eugenio an.

Und im Jahre 1967 beziffert der israelische Historiker Pinchas Lapide die Zahl der während des Zweiten Weltkrieges dank der Aktionen Pius’ XII. und der Kirche geretteten Menschen auf 850 000. Das sind mehr als durch sämtliche anderen Organisationen weltweit Geretteten zusammen.

Erst in jüngster Zeit wird auch in  den Medien zunehmend versucht, dem Andenken Pius XII. und ihm selbst Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so in dem zweiteiligen Spielfilm "Gottes mächtige Dienerin", der stark von der führenden Mitarbeit des bekannten Vatikanisten Ulrich Nersinger geprägt ist. Auch die wissenschaftliche Literatur, die sich mit der Kirche unter der nationalsozialistischen Diktatur auseinandersetzt, gewinnt durch die Loslösung von den Denkvorgaben und Klischees der siebziger Jahre; hier sei stellvertretend für manche andere an Michael F. Feldkamps "Pius XII. und Deutschland" oder an Gerhard Senningers "Glaubenszeugen oder Versager?" erinnert.

JV

 

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