Civitas Institut

Haltet die Presse! (3) PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 03. Juni 2012 um 05:31 Uhr

Niemand würde Artikel, Reportagen und Sendungen verfassen, wenn er nicht ein Ziel damit verfolgen würde. Im günstigsten Fall ist die Information des Bürgers das Ziel. Immer häufiger jedoch beschleicht einen das Gefühl, dass die Information in bestimmter Absicht gestreut wird. Da wird in Schwaben ein Provinzbahnhof umgebaut – wahrlich kein Vorhaben von nationaler Bedeutung, und doch: wochenlang wird ein Medienspektakel inszeniert, das sich gewaschen hat, und zehntausende lassen sich bewegen, „denen da oben“ mal so richtig die Meinung zu geigen.

Es wird gar ein eigener Begriff geschaffen: seither gibt es den „Wutbürger“, der allerdings, wie das meiste an neuen Begriffen aus journalistischer Kreativität, inzwischen auch zur Floskel erstarrt ist, ähnlich wie das „Gesicht zeigen“, wahlweise „Flagge zeigen“, „kein Platz für ...“ und was es da sonst noch so gibt.

Worum geht es? In Stuttgart sollen viele Millionen für den Umbau des Bahnhofes ausgegeben werden. Hier ist es müßig, über den Sinn des Umbaus zu diskutieren. Was auffällt, sind die Begründungen als solche: da sollen irgendwelche Käfer geschützt werden, zu fällende Bäume bringen angejahrte Damen zum Weinen, und pensionierte Alt-68er ergehen sich in Erinnerungen an die damalige Demonstrationskultur mit sit-ins, teach-ins, joint-ins.

Dieselben „Wutbürger“ denken nicht im Schlaf daran, Gesicht und Flagge zu zeigen und dagegen aufzustehen, dass in der BRD die Steuereinnahmen sprudeln wie noch nie in der Geschichte und dass trotzdem z.B. der Verkehrsminister immer lauter an die Einführung einer Pkw-Maut denkt. Kein Wutbürger macht sich Gedanken darüber, dass trotz sprudelnder Steuereinnahmen seine Enkel (so er denn solche hat) in Schulen gehen, deren Gebäude, deren Ausstattung sehr oft hoffnungslos veraltet und unzumutbar sind. Er fragt sich nicht, wieso kein Geld für die Familienförderung da ist, wieso mit seinem Steuergeld weit entfernt von der BRD nagelneue Schulen gebaut werden und auch nagelneue Autobahnen, während er auf manchmal lebensgefährlichen Schlaglochstrecken schleicht, die zu DDR-Zeiten längst repariert worden wären. Er fragt sich nicht, wieso seine Alterssicherung und das Vermögen seiner Kinder und Enkel in die sowieso vergebliche Rettung von Pleitebanken und Pleiteländern fließt, während Island (man erinnere sich, bitte!) zeigt, dass der zukunftsträchtige Weg eben genau anders aussehen muss.

Informationen darüber und über so vieles mehr sind im Netz anstrengungsfrei zu bekommen.

Baden-Württemberg hat - bleiben wir noch eben bei den bundesweit aufgehypeten Protesten in Stuttgart – Baden-Württemberg hat seither einen „grünen“ Ministerpräsidenten, originellerweise aber wurde bei einer Volksabstimmung mit Mehrheit für den Umbau des Bahnhofs gestimmt, was die „Wutbürger“ nicht hinderte, ihren Unwillen über die demokratische Willensbildung kundzutun.

Der Wutbürger hat Wut auf „die da oben“, und er hat möglicherweise noch nicht einmal unrecht. Zu den Zeiten, als die Medien begannen, den Zorn für den Erhalt einiger Bäume und Käfer in Stuttgart zu wecken, erschien in der BRD ein Buch, das wirklich Zorn auf „die da oben“ hervorrief, der dann alsogleich kanalisiert wurde. Das Buch konnte man nicht verschweigen, aber den Zorn konnte man in eine andere Richtung lenken: Blitzableiter für den Zorn war möglicherweise eben der Stuttgart21-Trip. Denen haben wir es gezeigt! Da wurde mächtig Dampf aus dem Kessel abgelassen. - Das Buch war übrigens, man ahnt es schon, Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“.

Nach einigen Talkshows hatte man in den Redaktionsstuben verstanden, die Sache war gegessen, wurde zur Verschlußsache, bis Thilo Sarrazin sein nächstes Buch vorlegte. Reaktion in den Medien: wenig, wenig Reaktion und bei einem gewissen Günther Jauch Zustimmung des sorgfältig verlesenen und gebrieften Publikums zu Peer Steinbrücks argumentfreien und denkbereinigten Worthülsen.

Momentan gilt ja auch: Fußball statt Euro-Untergang und galoppierende Enteignung. Die ersten Autos fahren schon mit der BRD-Fahne. Auch diese seltsame, erlaubte Form von Nationalstolz lässt Dampf aus dem Kessel.

Sollen wir nun den Medien eine gekonnte Psychologie unterstellen? Nein, wir müssen da nichts unterstellen. Es gibt sie, diese psychologische Praxis, und die Medien beherrschen sie prächtig. - Man fragt sich, ob deshalb zwei Pressesprecher der „Piratenpartei“ dieser Tage das Handtuch warfen, einer von ihnen: "Ich bin müde, ausgepowert und erschöpft".

(wird fortgesetzt)

JV

 

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