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Caritas im Mittelalter PDF Drucken E-Mail
Montag, den 17. September 2012 um 06:49 Uhr

»Nachdem Europa bekehrt ist und die wahre christliche Renaissance einen Höhepunkt erreicht hat, tritt unter den charakteristischen Erscheinungen des neuen Lebens die Liebe zu den Armen hervor. Der heilige Franziskus von Assisi verstärkt sie, indem er wirklich in den Elenden Christus erblickt, als Armer im Geiste lebt und so die Würde des Armen erhöht und vor dem Leichtsinn des Reichen warnt. Nach dem franziskanischen Epos blühen wohltätige Institutionen auf, und die Almosentätigkeit nimmt zu. Mit glühendem Eifer bemühte sich der Genius der christlichen Völker, der Welt das zu geben, was ihr fehlte, damit die Gemeinschaft der Reichen mit den Armen Wirklichkeit wurde. Unter den Völkern traten die Italiener mit besonderem Eifer hervor.

Kein Jahrhundert verging, ohne daß neue Institutionen gegründet wurden. Bruderschaften, die die Armen zu Hause besuchten, Gebrechliche pflegten, Obdachlose unterbrachten, Nackte kleideten, armen Mädchen Aussteuern schenkten, Findlingen Ammen, armen Kindern die Schule ermöglichten und Gefangene besuchten. Und Sünder und Tugendhafte, Herren und Kaufleute, Wucherer und Notare, Schäfer und Handwerker, Männer und Frauen förderten mit ihrer Hilfe diese Werke, während Päpste, Priester, Mönche, Nonnen und Heilige sie unermüdlich ermahnten.

Die Geschichte der Caritas im Mittelalter bleibt noch zu schreiben, aber man besitzt genügend Zeugnisse, daß einem die Wahl schwer fällt. Zahllose Erblasser ließen den Armen, die an ihrem Begräbnis teilnahmen, Almosen spenden. Ewiges Andenken gebührt der Großmut eines Cangrande della Scala [1291-1329], der in seinen Palästen täglich dreihundert Arme speiste, der Hofsitte der d’Este, die am Gründonnerstag 150 Arme zu Tisch luden, denen der Fürst, nachdem er sie bedient hatte, die Füße wusch, Kleider, Schuhe und Geld schenkte, während ein Chor die Stelle aus dem Evangelium sang: „Mandatum novum do vobis“ (Joh XIII, 34-35).

Florentinische und auch deutsche Kaufleute legten am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts einen Teil ihres Kapitals auf den Namen Gottes an. Noch im fünfzehnten Jahrhundert spendeten Handelsgesellschaften für Kirche und Arme einen Zehntel ihres Gewinnes. Einzelne Kaufleute stellten den Armen ganze Vermögen zur Verfügung. Handel und Geldwesen spielten sich nicht immer makellos ab, und sie wurden von den Zeitgenossen auch stets bemängelt. Aber die Schuldigen bekehrten sich oft und erstatteten den Armen das unrecht erworbene Geld zurück. Aus der Schar der Wucherer, die später bereuten, erinnern wie hier nur an Oliviero Forzetta, der im Jahr 1368 den Armen von Treviso achtzigtausend Dukaten hinterlassen hat.

Die Gesellschaften der Handwerker und Kaufleute und die berühmten Körperschaften der Künstler erfüllten unter ihren vielen Aufgaben auch caritative.

Wir können die tausend und abertausend Erblasser nicht nennen, die Geld für die Armen hinterlegten, damit ihnen Wohnungen gebaut und Kleider genäht wurden. In Zeiten von Seuchen und großer Sterblichkeit sind die Vermächtnisse so auffallend groß, daß sie auf eine bemerkenswerte Weise andeuten, wie Reichtümer in fromme Werke übergehen. Die Pest, die Boccaccio am Anfang seines Decamerone beschreibt, jagte den bedrohten Florentinern so große Furcht ein, daß sie allein dem Werk Orsanmichele 350.3000 Gulden vermachten.

Über den geistlichen Sinn testamentarischer Almosen besteht kein Zweifel; Empfänger und Erblasser nannten sich oft nur „pauperes Christi“ oder „pauperes Die“.

Nur wenn die spontane Wohltätigkeit nachließ, trat der Gesetzgeber ein, indem er verordnete, daß die Notare keine Testamente annehmen dürften, in denen nicht eine Schenkung für ein Wohltätigkeitswerk verzeichnet war. An Armen fehlte es nie, und wenn die freiwillige Wohltätigkeit ausbleibt, muß man immer zu erzwungenen greifen. In Epochen eines schwachen christlichen Geistes ist die Armensteuer dazu bestimmt, das Almosen zu ersetzen.

In guten Zeiten genügt der Impuls des Glaubens, um beim Tode die Wohltätigkeitsverfügungen zu vergrößern, und auch im Leben trieb er die Christen zur Freigiebigkeit gegenüber den Armen. An mehr als einem Orte bettelten die Brüder frommer Gesellschaften an einem Tag des Monats öffentlich für die Armen, und ihre Leiter brachten wöchtentlich Almosen in die Häuser der Armen. Entweder waren die Bruderschaften vom Geiste der Buße getrieben, oder sie wollten das Lob Gottes singen, und es gelangt ihnen, in der ganzen christlichen Welt den Armen wirksame Hilfe zu bringen.

Um den Schandfleck des Wuchers zu beseitigen und den Armen mit kleinen Anleihen zu helfen, wurden in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts die „Monti di Pietà“ gegründet, von den Franziskanern gefördert, von den Reichen mit dem nötigen Kapital für die unentgeltlichen Anleihen versehen, von den Städten in ihre Mauern aufgenommen, als Pfand des göttlichen Segens.

Im Mittelalter gab es für jede Not ein Werk, für alle Werke angemessene Mittel und eine verbreitete Achtung von den Armen. Man glaubte wirklich in ihnen Christus zu erkennen. Dieser lebendige Glaube erklärt das Beispiel, das die Menschen des Mittelalters allen Generationen der Christenheit geben.

Dieses Beispiel kann man auch mit der Tatsache erklären, daß sie erstmals ein ganz christliches Europa darstellten, und was sie taten, war gleichsam ganz neu. Doch die Neuheit genügt nicht, den Zauber zu erklären, den ihre Unternehmungslust auf uns ausübt, die oft naiv und ungeschickt, aber nicht ohne Poesie war, und die Unmittelbarkeit der kindlichen Völker wirkt weiter.

Die Bewunderung, die man heute noch für das Mittelalter hegt, wenigstens von dem Gesichtspunkte aus, der uns hier interessiert, ist keine romantische Reminiszenz, keine falsche geschichtliche Rekonstruktion einer gewollt apologetischen Vision. Sie ist Frucht einer objektiven Feststellung: Die Menschen des zwölften bis vierzehnten Jahrhunderts hatten das Verdienst trotz der vielen Mängel, vielleicht gerade, weil sie sich ihrer bewußt waren, den allgemeinen Wert der Forderung des Evangeliums begriffen zu haben. Sie liebten die Armen und in den Armen Christus.«

Text von Amintore Fanfani (1908-1999). Dieser war ein italienischer christdemokratischer Politiker. Mehrfach war er Ministerpräsident seines Landes. Der Wirtschaftswissenschaftler promovierte über die Folgen des Reformation für die mittelalterliche Wirtschafts- und Sozialordnung.

Bild: Fresko „Allegorie der Caritas“ von Giotto in der Arena-Kapelle [dieses Gotteshaus war Unserer Lieben Frau von der Nächstenliebe geweiht] in Padua.

 

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