Civitas Institut

Pater Grasset +: Katholiken, Revolution und Gegenrevolution PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 30. Oktober 2012 um 12:37 Uhr

Wir geben im Folgenden Auszüge aus einem Brief wieder, den der kürzlich verstorbene P. Georges Grasset von den Pfarrmitarbeitern des Christkönigs (Coopérateurs paroissiaux du Christ-Roi oder „pères de Chabeuil“) an seinen Mitbruder, P. Vinson, im Januar 1959 schrieb. Dass wir ihn hier veröffentlichen, bedeutet nicht, dass wir alle seine Ansichten und Standpunkte teilen – dieses Dokument verdient jedoch eine sehr aufmerksame Lektüre. Es zeigt wichtige Grundsätze auf, welche ein Katholik kennen und in politischen Aktivitäten umsetzen muss, um nicht Wasser auf die Mühlen der Revolution zu gießen.

 

Die „Pfarrmitarbeiter des Christkönigs“ wurden in der Zeit zwischen den Weltkriegen von P. Vallet (+ 1947) gegründet. Aufgabe ist die Predigt der geistlichen Exerzitien nach dem hl. Ignatius von Loyola. Die Patres Grasset und Vinson waren Mitglieder dieser Kongregation, ebenso P. Barielle, der bis zu seinem Tod 1983 Spiritual in Ecône war.

29. Januar 1959

(…). Sicher, viele der Punkte, welche streng katholische Nationalisten verteidigen, sind authentischer Teil der traditionellen Lehre der Kirche. Man kann sogar zugestehen, dass das Ziel einiger Nationalisten die Wiederherstellung der christlichen Gesellschaftsordnung ist... Ich wiederhole jedoch nochmals: das, was zählt, ist das Formale und nicht das Materielle. Es ist im Extremfall sogar möglich, dass jemand das Katholische meisterlich verteidigt und sich für das katholische Unterrichtswesen einsetzt. Man ist aber trotzdem nicht formal katholisch, wenn man dafür nicht den Geist des Katholizismus hat.

(…). Den Nationalisten wie den meisten der modernen Katholiken fehlt jene besondere Sicht, jenes lumen sub quo der Scholastiker. Diese Blindheit ist nichts neues, sie ist die Ursünde aller Naturalisten, oder besser die Strafe für ihren naturalistischen Hochmut. Charles Maurras, der große Charles Maurras war mit eben dieser intellektuellen Blindheit geschlagen. Er war ein großer Bewunderer der katholischen Kirche. In ihr sah und besang er die zivilisatorische Kraft, kämpfte gegen ihre Feinde. Er sah jedoch nicht, dass diese Ordnung, die ihn so faszinierte, in Wirklichkeit etwas Übernatürliches ist.

Die Kirche ist ein harmonischer Leib, es würde jedoch bedeuten, diesen Leib zu verstümmeln, wollte man ihm seine lebenspendende Seele nehmen: den Heiligen Geist Jesu, ihres Bräutigams. Der Irrtum der Nationalisten ist ein Irrtum über die Fleischwerdung des Wortes. (…). Sie möchten, ja: sie wollen sogar die wunderbare Ordnung, welche die römisch-katholische Kirche geschaffen hat. Sie wollen sie aus mehreren Gründen: wegen der katholischen Tradition; aus Liebe zu Ordnung und Vernunft; aus Gegnerschaft zu den Feinden, die eben diese römische Kirche bekämpfen. Aber sie wissen nicht – und wenn sie es wissen, hat es keine Auswirkung auf ihr Handeln, das heißt, ihr Handeln richtet sich nicht nach dieser Sicht, diesem Wissen aus - dass diese natürliche Ordnung ohne das Übernatürliche nicht möglich ist, dass sie die Frucht der Gnade Christi, des Erlösers ist, (…)., und dass sie infolgedessen einzig und allein mit natürlichen Mitteln erreicht und verteidigt werden kann, die durch das Übernatürliche überhöht werden. Die Ursünde der Nationalisten ist dieser praktische Naturalismus, ich würde sogar sagen, diese atheistische Praxis (um die marxistische Ausdrucksweise zu verwenden), mit der sie ihre Gegner besiegen und die christliche Gesellschaftsordnung aufrichten wollen.

Das ist der tiefere Grund für das wiederholte Scheitern der Gegenrevolution. Sie stellt sich materiell gegen die Revolution bzw. gegen deren Ziel, ihr materielles Ziel steht im Widerspruch, objektiv im Widerspruch zum materiellen Ziel der Revolution; formal jedoch sieht sie dieses Ziel so, wie es die marxistische, die naturalistische Sicht der Dinge tut. Infolgedessen handelt sie naturalistisch und arbeitet, ohne sich wirklich darüber klar zu sein, im Sinne der Revolution. So ist sie eine Phase der Revolution, eine dialektische Phase, welche anderen extremen Phasen der Revolution (jedoch auf derselben Ebene) diametral entgegensteht, rein formal entgegengesetzt bleibt, aber nicht im Widerspruch zur revolutionären Aktion als solcher steht. (…).

Das will ich mit einigen Beispielen deutlich machen.

Die Partei. Dieses moderne Verständnis von „Partei“ ist eine revolutionäre Idee. Selten entgeht sie einem Kasten-Hochmut, der Tyrannei und dem Vorrang des Teiles vor dem Ganzen. Ihren Ursprung nimmt sie in einer mehr oder weniger konfusen oder präzisen, subjektiven individualistischen Idee. Die Partei, das ist das kollektive Individuum. Prinzipiell ist sie unnatürlich und infolgedessen Quelle von Ungeordnetheit und Unordnung. Ihr Menschenbild ist nicht organisch, göttlich. Sie bildet Kräfte im Dienst einer abstrakten Ideologie aus. Der Parteienmensch ist ein austauschbarer Standardtyp. Sie erinnern sich daran, was unser Freund neulich über die Arbeiter sagte: „Sie gehören uns“. Der Gedanke des Eigentums ist der christlichen Harmonie sehr abträglich. Man könnte glauben, unser Freund sei eifersüchtig auf die, welche sich um ein Problem kümmern, das nur er lösen zu können glaubt. Das ist eine sehr große Gefahr. Die Partei will alles regeln. Wenn die Partei triumphiert, endet das in einem unerträglich diktatorischen Etatismus, ihre Tyrannei erhält sich durch Verfolgung im Sattel, bis dann ein anderer Naturalismus, eine andere Partei sie zerstört. (…). Es liegt im Wesen der Partei begründet, dass sie sich vom Volk entfernt, weil dem Volk sehr schnell bewusst wird (und die kommenden, anderen Tyrannen bestätigen das ganz augenscheinlich), dass die Partei nicht ihm dient, sondern dass ganz im Gegenteil das Volk der Sklave (in verschiedenen Graden der Annehmlichkeit) der Partei ist (was auch immer es sei, das durch das Wort „Partei“ bezeichnet wird: sei es eine Klasse, sei es ein Einzelner, sei es ein anders gearteter Zusammenschluss usw.). Das steht in völligem Gegensatz zum Geist Jesu Christi, der nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen! Wie kann man die Revolution, welche doch diesen Parteiengeist erst hervorgebracht hat, mit einer weiteren Partei überwinden? Das ist ein Irrtum, ein tiefer und schwerer Irrtum, selbst wenn das Programm dieser Partei das Königtum Jesu Christi ist. Glauben Sie nicht, das sei nur so dahingesagt. Unsere Nationalisten sollen sich einmal selbst analysieren (gute fünftägige Exerzitien!), dann werden sie erkennen, dass sie eben nicht geduldig ertragen, dass andere als sie selbst für dieselbe Sache streiten und den Ruhm des Erfolgs ernten könnten. Wie soll man mit einem solchen Partisanengeist (…) den katholischen, den komplementären Charakter der Werke verstehen? Die rechten Parteien scheitern regelmäßig, weil sie alles tun wollen wie der totalitäre Staat. Und das kommt von ihrer falschen Sicht auf die Wirklichkeit, im wesentlichen deshalb, weil sie vergessen, dass die Gegenrevolution, dass die christliche Gesellschaftsordnung in erster Linie Gottes Werk ist. Sie täten gut daran, die Lehre vom mystischen Leib neu zu überdenken, wie der hl. Paulus sie darlegt (1 Kor. 12). Verschiedene Glieder, aber ein einziger Geist, verschiedene Ämter, aber ein einziger Geist. Ihr unbewusster Naturalismus lässt sie glauben, die einzige Quelle der Ordnung zu sein. Von da bis zum positivistischen Rationalismus ist es nur ein Schritt; zum Marxismus sind es zwei Schritte, weil dieser das bloße menschliche Handeln als Ursprung jeder Realität sieht... Ich spreche nicht von den Verwirrungen, welche dieser Parteiengeist (dessen Ursprung den Hochmut im Dienst des Guten hat, während der Marxismus der Hochmut im Dienst des Bösen ist) zwischen der spekulativen und der praktischen Ordnung hervorbringt. Sie wissen am besten, wie schnell man etwas zum Dogma erhebt, was lediglich eine Handlungsanweisung ist und nur von Klugheit zeugt. (…). „Meine, bzw. unsere Haltung ist die einzig richtige“. Man dogmatisiert, man schließt aus, schnell zweifelt man an der Gutwilligkeit der anderen... Und bald beginnt man, die anderen zu hassen.

Wie soll man mit einem solchen Partisanengeist (…) den katholischen, den komplementären Charakter der Werke verstehen? Die rechten Parteien scheitern regelmäßig, weil sie alles tun wollen wie der totalitäre Staat. Und das kommt von ihrer falschen Sicht auf die Wirklichkeit, im wesentlichen deshalb, weil sie vergessen, dass die Gegenrevolution, dass die christliche Gesellschaftsordnung in erster Linie Gottes Werk ist. Sie täten gut daran, die Lehre vom mystischen Leib neu zu überdenken, wie der hl. Paulus sie darlegt (1 Kor. 12). Verschiedene Glieder, aber ein einziger Geist, verschiedene Ämter, aber ein einziger Geist. Ihr unbewusster Naturalismus lässt sie glauben, die einzige Quelle der Ordnung zu sein. Von da bis zum positivistischen Rationalismus ist es nur ein Schritt; zum Marxismus sind es zwei Schritte, weil dieser das bloße menschliche Handeln als Ursprung jeder Realität sieht... Ich spreche nicht von den Verwirrungen, welche dieser Parteiengeist (dessen Ursprung den Hochmut im Dienst des Guten hat, während der Marxismus der Hochmut im Dienst des Bösen ist) zwischen der spekulativen und der praktischen Ordnung hervorbringt. Sie wissen am besten, wie schnell man etwas zum Dogma erhebt, was lediglich eine Handlungsanweisung ist und nur von Klugheit zeugt. (…). „Meine, bzw. unsere Haltung ist die einzig richtige“. Man dogmatisiert, man schließt aus, schnell zweifelt man an der Gutwilligkeit der anderen... Und bald beginnt man, die anderen zu hassen.

Schauen wir uns ein anderes typisches Beispiel an. Es ist eigentlich dasselbe, aus einem anderen Blickwinkel. In dem, was sie politisch und gesellschaftlich tun, verkennen die Nationalisten (weil sie die Dinge nicht im Lichte des Glaubens und mit Verstand und Wissenschaft sehen) das Übernatürliche, zumindest in der Praxis. Deshalb verausgaben sie sich unnötig, indem sie sich mit ihren Gegnern auf deren eigenem Gebiet auseinandersetzen. Ein Wahnsinn mit fatalen Folgen! Welche Mühen, welche Opfer für die gute Sache! Und als Lohn aller dieser Mühen eine endlose Abfolge von immer dramatischerem Scheitern! Man greift zur Feder, man schreibt, man schlägt sich, man landet sogar einen großen Treffer und was sieht man? Der Feind ist stärker als zuvor, die Verfechter der guten Sache sind entmutigt und untereinander gespalten... Es muss einmal gesagt werden, wir haben den Sinn des gegenrevolutionären Kampfes verloren, weil wir den Sinn für das Übernatürliche verloren haben, den übernatürlichen Geist. Sicher, es muss gekämpft werden, aber wir wissen nicht mehr, dass es allemal „Gott ist, der den Sieg schenkt“. Es wird nicht mehr unablässig gebetet, wie Jesus selbst es gesagt hat. Man vergisst, dass wir ohne Gott nichts tun können. Natürlich kann die Vernunft einige Wahrheiten erkennen, jedoch nicht alle ohne die Gnade, welche die Vernunft stärkt und erhebt. Natürlich kann der Wille Akte von natürlicher Tugend vollbringen, ohne die Gnade kann er aber nicht alle Tugenden praktizieren und sie beibehalten. Also gibt es keine dauerhafte und stabile Gesellschaftsordnung ohne den Herrn Jesus Christus, das heißt konkret, ohne Jesu Lehre im Lichte Jesu, ohne die Gnade und die Liebe Christi, welche durch übernatürliche Mittel wirksam gemacht wird, insbesondere durch die Sakramente. Und da die Sünde (die Erbsünde wie auch unsere Sünden) das Haupthindernis für die gottmenschliche Ordnung ist, gibt es keine Gesellschaftsordnung ohne das Kreuz Christi, und das heißt ohne Entsagung und Opferbereitschaft, ohne Armut, ohne Widerstand.

Seit Jahren erteilt uns Gott Lektionen durch Tatsachen, und wir wollen und wollen nicht verstehen. Unser praktischer Naturalismus scheitert. Was brauchen wir denn noch, um ein für allemal darauf zu verzichten? Sollen wir denn immer wieder dieselben Fehler machen und immer wieder dieselben Strafen dafür bekommen?

Werden wir endlich verstehen, dass Jesus Christus – nach dem Wort von Kardinal Pie – nicht fakultativ ist? Werden wir die Sache, der wir dienen wollen, in ihrem gesamten Wert begreifen und schätzen? Werden wir die wunderbare Ordnung des Christentums mit den Augen des Glaubens sehen, im hellen und nötigen Licht eines ausdrücklichen, betonten Katholizismus'? (…).

Die wirklichen Tatmenschen sind kontemplativ. Sie sehen alles im Wort Gottes, wie der Vater alles in Seinem Wort sieht, in Seinem eigenen Glanz. So werden sie von diesem Licht, welches das Leben ist (Joh. 1,1), gestärkt und erhoben, und sie entdecken besser als die anderen, welches die wirksamsten und sichersten Mittel sind, um zum Ziel zu gelangen. Die wirklichen (es gibt auch falsche, die nichts sind als von der Wirklichkeit weit entfernte Träumer, nebulöse Idealisten) Kontemplativen sind die Klügsten. (…).

Übersetzung aus dem Französischen: JV

 

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