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Hl. Pius X: Apostolisches Vehementer Nos über die Trennung von Kirche und Staat PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 04. Januar 2008 um 13:31 Uhr

Am 11. Februar 1906 verdammte St. Pius X. mit seinem Apostolischen Schreiben an den französischen Episkopat Vehementer nos die Trennung von Kirche und Staat.


Hier das Apostolische Schreiben im Wortlaut:

„Welche Kümmernisse und welcher Schmerz Uns bedrückten beim Hinblick auf Eure Lage, brauchen Wir nicht erst auszuführen. Jenes Gesetz ist nun in Kraft getreten, welches mit einem Male die uralte Verbindung Eures heimatlichen Staatswesens mit dem Apostolischen Stuhle gewaltsam durchschnitten und die Kirche Frankreichs in eine ganz unwürdige und traurige Stellung herabgedrückt hat. Wahrhaftig, Wir stehen vor einem düsteren Ereignis! Jeder rechtschaffene Mensch muß es beklagen, wenn er den Schaden abmißt, welchen dasselbe der bürgerlichen Gesellschaft gleicherweise wie der Religion zufügt. Allerdings, nach der Haltung, welche die Männer an der Spitze der französischen Regierung in der letzten Zeit eingenommen haben, dürfte dasselbe niemand mehr überrascht haben. Ihr habt, Ehrwürdige Brüder, so viele in aller Öffentlichkeit den christlichen Anstalten zugefügte Unbilden nacheinander miterlebt, daß das letzte Ereignis für Euch gewiß weder unerwartet noch neu war. Ihr hab es mitansehen müssen, daß die Heiligkeit und Unauflöslichkeit des christlichen Ehebandes durch das Staatsgesetz verletzt wurde; von den öffentlichen Schulen und den Krankenhäusern wurde die Religion ausgeschlossen; die Kleriker wurden aus ihren geistlichen Studien und aus den religiösen Übungen herausgerissen und unter die Waffen gerufen; die religiösen Genossenschaften sind zerstreut und ihrer Güter beraubt worden, ihre Mitglieder sehen sich meistenteils jeglicher Not preisgegeben. Der alte Brauch, die Sitzungen der gesetzgebenden Körperschaften und der richterlichen Behörden unter Anrufung der Gnade Gottes zu eröffnen, ist durch Gesetz, wie Ihr wißt, abgeschafft worden, ebenso die Trauerkundgebungen der Kriegsflotte am Gedächtnistage des Todes Christi. Dem richterlichen Eid wurde die religiöse Feierlichkeit genommen. In den Gerichtssälen, in den Gymnasien, beim Landheer wie bei der Flotte, kurz bei allen der öffentlichen Gewalt unterstehenden Veranstaltungen wurde ausgeschlossen, was immer als Zeichen des christlichen Glaubens hätte gelten können. Bei all diesen namhaft gemachten und den ihnen verwandten Maßnahmen bestand offenbar die Absicht, Vorstufen zu schaffen, um die volle, gesetzliche Trennung von Kirche und Staat einzuleiten. Denn dieselben haben schon allmählich das Band zwischen beiden gelöst. Ihre Urheber haben ja selbst kein Bedenken getragen, das mehr als einmal offen zu erkennen zu geben. Der Apostolische Stuhl hat alle ihm zu Gebote stehenden Mittel angewendet, um das große Übel abzuwehren. Unablässig hat er die Regierung Frankreichs daran erinnert, die Menge von Schwierigkeiten zu beherzigen, welche die nun verwirklichte Trennung mit sich bringen müsse. Anderseits verdoppelte er die Beweise außerordentlicher Güte und Geneigtheit gegen Frankreich, im berechtigten Vertrauen auf die Dankbarkeit der Lenker des Staates. Man durfte hoffen, daß dieselben sich so von weiterem Vorgehen zurückhalten und zur Aufhebung der begonnenen Maßnahmen bewegen ließen. – Aber aller Eifer, alles Entgegenkommen, alles, was Unser Vorgänger und Wir selbst versucht haben, erweist sich nun als völlig eitel. Der Geist der Feindseligkeit gegen die Religion, der einen so langen Kampf gegen die Rechte Eures katholischen Volkes und gegen die Wünsche aller rechtlich Gesinnten geführt hat, hat Euch nun Eure Rechte mit Gewalt entrissen. Getreu dem Gebot der Pflicht und des Gewissens, erheben Wir in dieser Unglückszeit Unsere apostolische Stimme und teilen Euch, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, Unsere Gedanken und Absichten mit. Wir waren Euch stets in besonderer Liebe zugetan. Jetzt mußte diese Liebe nur noch größer werden.
Der Grundsatz, daß Staat und Kirche getrennt werden müßten, ist fürwahr ein ganz falscher und im höchsten Grade verderblicher Grundsatz. – Denn wer sich auf den Boden der Annahme stellt, daß der Staat sich in keiner Weise um die Religion bekümmern dürfe, fügt zuvörderst Gott ein großes Unrecht zu, der ebenso Begründer und Erhalter der menschlichen Gesellschaft als des Lebens der einzelnen Menschen ist. Deshalb kann sich der Kult nicht auf das Gebiet des Privatlebens zurückziehen, sondern er muß ein öffentlicher sein. – Ferner liegt diesem Grundsatz deutlich genug die Leugnung des Übernatürlichen zu Grunde. Denn es werden hierbei die staatlichen Unternehmungen ganz allein nach den Aussichten für die Wohlfahrt dieses sterblichen Lebens bemessen, welche ja wohl die nächste Angelegenheit der bürgerlichen Gesellschaft ist; die höchste Angelegenheit der Bürger aber, die ewige Seligkeit, welche jenseits des kurzen Erdenlebens uns sich darbietet, vernachlässigt er vollständig als eine dem Staate fremde Sache. Und doch sollte das Staatswesen gemäß der ganzen Ordnung der wandelbaren irdischen Dinge für die Erreichung des absoluten, höchsten Gutes nicht hinderlich, sondern förderlich sein. – Sodann durchbricht er die von Gott mit höchster Weisheit getroffene Ordnung der menschlichen Dinge, welche ohne Zweifel die Eintracht zwischen der religiösen und der bürgerlichen Gesellschaft erheischt. Denn da beide, wiewohl auf getrenntem Gebiete für sich, doch eine Herrschaft über dieselben Menschen ausüben, so müssen sich oft die Verhältnisse so gestalten, daß Kenntnisnahme davon und Beurteilung auf beiden Seiten erforderlich wird. Wo nun der Staat mit der Kirche keine Beziehungen unterhält, da werden solche Verhältnisse leicht zum Anlaß von für beide Seiten recht bittern Streitigkeiten, welche den Sinn für die Wahrheit zu großer Verwirrung der Gemüter trüben. – Das hat schließlich auch für den Staat sehr große Nachteile im Gefolge. Bei Zurücksetzung der Religion kann die bürgerliche Gesellschaft nicht blühen und fest bestehen bleiben. Jene ist der oberste Führerin und Lehrerin für den Menschen in Sachen der gewissenhaften Beobachtung von Recht und Pflicht.
Entsprechend dieser Sachlage haben die römischen Päpste, wann und wo die Verhältnisse es rätlich machten, jene Meinungen zurückgewiesen und mißbilligt, welche sich für die Trennung von Staat und Kirche aussprachen. Unser glorreicher Vorgänger Leo XIII. insbesondere hat mehrmals herrlich auseinandergesetzt, wie groß die Eintracht beider Gewalten nach den Grundsätzen der christlichen Offenbarung sein sollte. „Es muß“, so führte er aus, „unter diesen eine geordnete Verbindung bestehen, welche nicht unpassend mit der Vereinigung von Leib und Seele verglichen wird.“ Er fügt noch bei: „Die Staaten können ohne Sünde sich nicht so verhalten, als existierte Gott gar nicht, noch auch können sie die Sorge für die Religion als etwas ganz Fremdes und Unnützes von sich weisen ... Die Kirche aber, die Gott selbst begründet hat, von jeder Lebensäußerung bei der Gesetzgebung, beim Jugendunterricht und der Familie ausschließen, daß ist ein großer und verderblicher Irrtum.“ (Rundschreiben Immortale Dei)
Wenn nun der Ausschluß der Kirche durch den Staat in jedem Staatswesen eine gegen alles Recht verstoßende Maßnahme wäre, um wieviel mehr ist er zu mißbilligen in Frankreich, das weniger als jeder andere Staat dazu Veranlassung hatte! Hat doch der Heilige Stuhl in den langen Zeiträumen der vergangenen Jahrhunderte gerade Frankreich mit besonderer Liebe einzigartig geschätzt, Frankreich, dessen Geschick, hoher Ruhm und Glanz immer mit der Religion und christlicher Humanität verschwistert war! Mit Recht fährt derselbe Papst fort: „Frankreich möge sich daran erinnern, daß seine providentielle Verbindung mit dem Apostolischen Stuhle zu eng und zu alt ist, als daß es jemals an eine Auflösung zu denken wagen sollte. Es hat aus ihr seinen schönsten Ruhm und die glänzendste Auszeichnung gewonnen ... Diese Beziehung stören wollen, hieße soviel als von dem Ansehen und der Schätzung der französischen Nation bei den anderen Völkern ein gutes Stück opfern.“ (Allokution and die französischen Pilger vom 13. April 1888)
Diese enge Beziehungen hätten um so heiliger sein müssen, als sie auf feierlichen Verträgen beruhten. Zwischen dem Apostolischen Stuhl und der Französischen Republik bestand ein beiderseits verpflichtendes Abkommen ganz der Art, wie sie zwischen den Staaten gültigerweise in Übung sind. Daher hat sowohl der römische Papst als der Lenker des französischen Staates sich und seine Nachfolger verpflichtet, an dem geschlossenen Vertragsverhältnis treu festzuhalten. Dieses Übereinkommen beruhte folglich, ebenso wie andere zwischen Staaten getroffene Vereinbarungen, auf dem Völkerrecht. Es konnte demgemäß von keinem der beiden Teile einseitig aufgehoben werden. Der Apostolische Stuhl hat auch seinerseits die Vertragsbedingungen allzeit ganz getreu beobachtet und stets verlangt, daß der Staat hinwieder sie ebenso treu wahre. Kein auf diesem Gebiete Urteilsfähiger kann das leugnen. Doch siehe! Einen so feierlichen und rechtsgültigen Vertrag löst die Republik ganz nach eigenem Belieben. Die Verletzung heiliger Vertragstreue achtet sie für nichts, wenn sie sich dadurch von der Verbindung und freundschaftlichen Stellung zur Kirche losmachen kann, für nichts achtet sie das schwere Unrecht, das sie dem Apostolischen Stuhle zufügt, die Verletzung des Völkerrechtes, die bedenklichste Durchbrechung der politischen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Ist doch für das menschliche Leben und die ruhige Betätigung der Gegenseitigkeit in der Gesellschaft nichts so wichtig, als daß die öffentlichen Verträge heilig und unverletzlich gehalten werden.
Die Art und Weise, wie de Republik das Konkordat aufgelöst hat, hat das Unrecht des Vorgehens selbst noch bedeutend erhöht. Völkerrecht, Sitte und bürgerliche Gewohnheit halten gleichmäßig an dem Grundsatz fest, daß Staatsverträge nicht früher aufgelöst werden dürfen, als die derjenige Staat, der die Auflösung anstrebt, dem andern seine Entschließung ordnungsgemäß offen angezeigt hat. Hier aber hat keinerlei Mitteilung dieser Entschließung and en Apostolischen Stuhl, geschweige denn eine ordnungsgemäße Anzeige stattgefunden. Die französischen Staatslenker haben kein Bedenken getragen, gegen den Heiligen Stuhl die allgemeinen Pflichten der Höflichkeit zu verletzen, welche man selbst gegenüber dem kleinsten und unbedeutendsten Staatswesen zu erfüllen pflegt. Obwohl sie als Vertreter einer katholischen Nation zu handeln hatten, haben sie sich nicht gescheut, Würde und Gewalt des Papstes, des Oberhauptes der katholischen Kirche, zu verachten, während doch dieser Gewalt gegenüber eine um so höhere, die Ansprüche der bürgerlichen Gewalt übersteigende Ehrerbietung am Platze war, als sie die ewigen Güter der Seele verwaltet und keineswegs in die Grenzen eines einzelnen Landes eingeschränkt ist.
Fassen Wir aber das Gesetz selbst ins Auge, das nunmehr verkündet ist, dann mehren und erschweren sich nur die Gründe zur Klage. Nachdem die Republik von allen vertragsmäßigen Verbindlichkeiten gegen die Kirche sich losgerissen hatte, hätte eine folgerichtige Anwendung der betätigten Grundsätze verlangt, daß sie auch die Kirche selbst freigegeben und ihr den Genuß aller durch das gemeine Recht begründeten Freiheiten eingeräumt hätte Doch nichts weniger als das! Wir müssen von Bestimmungen lesen, welche die Kirche der weltlichen Gewalt unterstellen, während sie zugleich schroff die Privilegien der Kirche aufheben. Als schwer und lästig müssen Wir es empfinden, daß durch solche Maßnahmen die weltliche Gewalt in Gebiete eingedrungen ist, deren Regelung und Ordnung allein Sache der geistlichen Gewalt ist. Noch größerer Schmerz aber drückt Uns darüber, daß ebendieselbe unter Beiseitesetzung von Recht und Billigkeit die französische Kirche in die mißlichsten und widrigsten Verhältnisse gestürzt hat, welche ihren heiligen Rechten aufs schroffste widerstreiten.
Die Gesetzesbestimmungen verstoßen nämlich in erster Linie gegen die Verfassung, welche Christus selbst seiner Kirche gegeben hat. Die Heilige Schrift lehrt es und die Überlieferung der Väter bestätigt es, daß die Kirche in geheimnisvoller Weise der Leib Christi ist, welcher durch die bevollmächtigten Hirten und Lehrer geleitet wird (Eph 4,11 ff.), d.h. sie ist eine Gesellschaft unter den Menschen, in welcher einzelne an der Spitze der übrigen stehen und die volle und ganze Gewalt zu leiten, zu lehren und zu richten besitzen (Mt 28, 18-20; 16, 18 19; 18, 17. Tit 2, 15. 2 Kor 10, 6; 13, 10 u.a.). Diese Gesellschaft ist demnach in Hinsicht auf ihre Gewalt und Beschaffenheit eine ungleiche, so zwar, daß sie zwei Stände von Personen, Hirten und eine Herde enthält, d.h. jene, welche in den verschiedenen Rangstufen der Hierarchie sich befinden, und unter diesen die Menge der Gläubigen. Dabei sind diese Stände so voneinander unterschieden, daß das Recht und die Gewalt, die Mitglieder der Kirche zur Erstrebung ihres Zieles anzuregen und anzuleiten, bei der Hierarchie ruht, die Gläubigen aber die Pflicht haben, sich der Kirchenregierung zu unterwerfen und der Leitung ihrer Vorsteher gehorsam zu folgen. Der heilige Märtyrer Cyprian hat dieses Verhältnis vortrefflich mit den Worten dargelegt: „Unser Herr, dessen Gebote wir ehren und beobachten müssen, sagt im Evangelium, indem er den Rang des Bischofs und die Verfassung der Kirche begründet, zu Petrus: Ich sage dir, du bist Petrus usw. Von dort leitet sich durch die wechselnden Zeiten und die Reihe der sich folgenden Inhaber die Beauftragung der Bischöfe und die Verfassung der Kirche her. Die Kirche ist so auf die Bischöfe begründet, und die Betätigung der Lebenswirkungen der Kirche muß durch dieselben als ihre Vorsteher geleitet werden. So ist es“, sagt er, „durch göttliche Gesetze bestimmt.“ (S. bei Migne, Patr. Lat. IV 298). Im Gegensatz hierzu wurde durch dieses Trennungsgesetz die Verwaltung und Bewahrung der öffentlichen Gottesverehrung nicht der von Gott bestellten Hierarchie überlassen, sondern sie ist an eine gewisse Vereinigung von Bürgern übertragen worden. Dieser hat man die Eigenschaften und Befugnis einer juristischen Person zugesprochen; sie allein gilt für alle Gebiete des religiösen Kultes als gesetzliche Vertreterin und ist den gesetzlichen Vorschriften unterworfen. Diesen Vereinigungen soll also der Gebrauch der Kirchen und Kapellen und der Besitz der beweglichen und unbeweglichen kirchlichen Güter zustehen. Ihnen wird, und zwar nur zeitweilig, das Verfügungsrecht über die bischöflichen Gebäulichkeiten, die Pfarrhäuser und Seminarien zugestanden. Sie haben die Güter zu verwalten, die Umlagen zu erheben, den Zwecken der Religion gewidmetes Geld und solche Legate anzunehmen. Aber von der Hierarchie schweigt das Gesetz. Es wird zwar verfügt, daß diese Vereine so zu bilden sind, wie es die Normen und die Verfassung des religiösen Kultes erfordern, zu dessen Gunsten sie gebildet werden sollen. Aber es ist auch vorgesehen, daß man etwa ein Streit über ihre Angelegenheiten entstehen sollte, ihn allein der „Staatsrat (Conseil d’Ètat) zu entscheiden hat. Es ist offenbar, daß diese Kultgenossenschaften der weltlichen Gewalt in einem Maße unterstellt sind, das die kirchliche Obrigkeit ganz von der Betätigung ihrer Gewalt über sie ausschließt. Wie sehr all das der Würde der Kirche Abtrag tut, ihren Rechten und ihrer göttlichen Verfassung zuwiderläuft, liegt auf der Hand; es trifft um so mehr zu, weil das Gesetz in diesem Kapitel sich nicht in klaren, scharf bestimmten Sätzen, sondern in so unbestimmten, weitmaschigen Verfügungen ergeht, daß man von der Auslegung noch größere Nachteile fürchten darf.
Sodann ist der Freiheit der Kirche nicht so feindlich wie dieses Gesetz. – Denn wenn die religiösen Gewalten durch Einsetzung dieser Kultgenossenschaften abgehalten werden, ihre volle Gerechtsame auszuüben; wenn in diesen Genossenschaften der „Staatsrat“ die oberste Entscheidung hat und dieselben an Gesetze gebunden sind, die vom gemeinen Rechte ganz verschieden sind, so daß sie sich schwer bilden und noch schwerer bestehen können; wenn das Recht zur Ausübung des Kultes durch vielfältige Ausnahmen wieder beschränkt wird; wenn die Hut der Gotteshäuser, welche der Eifer und die Fürsorge der Kirche hergestellt hat, dieser entzogen und dem Staate zugewiesen wird; ja wenn der Kirche selbst das Recht, über den Glauben und die Sittenlehre zu predigen, beschnitten wird und diese Geistlichen mit strengen Strafen bedroht werden, - wenn ein Gesetz solches verfügt und dabei der Willkür in der Auslegung noch Spielraum gelassen wird: heißt man das nicht die Kirche in eine demütigende und verächtliche Stellung herabdrücken und unter dem Schein, das öffentliche Recht zu wahren, den friedlichen Bürgern, zu denen die Mehrzahl der Franzosen zählt, das heilige Recht zu entziehen, ihren Glauben zu bekennen, wie sie wollen? Freilich beruht die Verletzung der Rechte der Kirche durch den französischen Staat nicht darin allein, daß er die freie Übung des göttlichen Kultes unterdrückt, worin doch die Kraft und das Wesen der Religion gelegen ist, sondern auch darin, daß er ihr die Möglichkeit nimmt, dem Volke ihre Wohltaten zuzuwenden, und darin, daß er überhaupt ihre Wirksamkeit in vielfältiger Weise schmälert. So war es ihm ja nicht genug, neben andern Schädigungen die religiösen Orden zu unterdrücken, welche der Kirche zur Vornahme der gottesdienstlichen Verrichtungen, zur Erziehung und zum Unterricht der Jugend, bei Ausübung der christlichen Wohltätigkeit vortreffliche Kräfte zu Gebote stellten; er entblößte die Kirche auch ihrer menschlichen Hilfsmittel, der zum Leben und zur Amtsführung notwendigen Güter.
Wahrlich, daß Trennungsgesetz verletzt und beschränkt zu den beklagten Nachteilen und Unbilden der Kirche auch das Recht auf den Besitz ihres Eigentums. Denn es treibt die Kirche zum guten Teil aus dem Besitze mit den gerechtesten Titeln erworbenen Vermögens, welches die Gerechtigkeit mit lautem Einspruch zurückverlangt. Was immer korrekt verfügt sein mag, hebt es auf, sobald Stiftungen für den Gottesdienst oder zum Troste der Verstorbenen in Frage kommen. Freigebige Zuwendungen der Katholiken für christliche Schulen und Wohltätigkeitsinstitute werden den weltlichen Anstalten zugewiesen, bei denen man meistenteils umsonst nach einer Spur katholischer Religiösität sucht. Mit dem Rechte der Kirche wird somit offenbar auch das Recht des Testamentes samt den Willensverfügungen der Stifter durchbrochen. Die ungerechteste Verfügung des Gesetzes ist aber jene, welche die kirchlichen Gebäude, die die Kirche ehedem besaß, in Zukunft dem Staate, den Provinzen oder Gemeinden zuweist. Diese Bestimmung ist für Uns ein Gegenstand der größten Sorge. Denn wenn auch den Kultgenossenschaften die Benützung der Kirchen zum Gottesdienst unentgeltlich überlassen wird, aber nicht definitiv, wie wir gesehen haben, so wird doch diese Bewilligung wieder durch so viele Ausnahmen eingeschränkt, daß die weltliche Obrigkeit ganz freie Hand hat. Endlich müssen Wir für die Heiligkeit der Gotteshäuser fürchten. Die Gefahr ist, wie Wir sehen, keineswegs fern, daß die hehren Wohnstätten der göttlichen Majestät, die für den Franzosen die Stätten der teuersten Erinnerung und ehrwürdigsten Weihe sind, durch profane Feierlichkeiten entweiht werden, nachdem sie einmal der weltlichen Gewalt überwiesen sind. Durch die Bestimmung, welche den Staat von der Pflicht zur Zahlung eines jährlichen Beitrages für die religiös-kirchlichen Bedürfnisse entbindet, versetzt das Trennungsgesetz die feierlich beschworene Treue und Gerechtigkeit jedoch auf das schwerste. Die geschichtlichen Tatsachen und Belege schließen jeden Zweifel aus, daß der französische Staat bei Übername der vertraglichen Verpflichtung zur Zahlung der Summe, welche für den standesgemäßen Unterhalt der Kleriker und die würdige Abhaltung der öffentlichen Gottesdienste jährlich nötig ist, keineswegs aus bloßer Höflichkeit und Güte gehandelt hat. Der Beitrag stellt vielmehr eine wenigstens teilweise Rückgabe der Güter dar, welche der Kirche kurz zuvor durch die öffentliche Gewalt geraubt worden waren. Wenn der Papst bei derselben Vereinbarung aus Liebe zum Frieden verhieß, daß er und seine Nachfolger diejenigen nicht behelligen werden, an welche jene Güter übergegangen waren, so ließ er sich dazu nur mit der Bedingung bestimmen, daß der Staat selbst auch dauernd für den würdigen unterhalt der Geistlichen und des Gottesdienstes Sorge tragen werde.
Zuletzt soll es nicht verschwiegen sein, daß dieses Gesetz nicht einmal nur der Kirche, sondern auch Eurem Staate erheblichen Schaden zufügt. Zweifellos bedroht es die Einigkeit und den Zusammenhalt der Bürger, ohne den kein Staat bestehen und erstarken kann, mit schwerer Erschütterung. Aber gerade bei den heutigen Verhältnissen in Europa, muß jeder gute und vaterländisch denkende Franzose wünschen, daß diese Einigkeit nicht ins Wanken gerät. Wir haben Unsererseits von Unserem Vorgänger das Erbe ganz besonderer Liebe für Euer Volk übernommen, und als Wir Uns zur Verteidigung des alten religiösen Rechtsbestandes erhoben, da hatten Wir zugleich die Absicht und bewahren sie, den Frieden und die Eintracht unter Euch allen zu befestigen, deren bestes Band die Religion ist. Nur mit den größten Befürchtungen erkannten Wir deshalb, daß die öffentliche Gewalt bei Euch einen Schritt unternommen, der zur völligen Umwälzung des Staatswesens führen kann, nachdem einmal unter das schon so wie so aufgereizte Volk die Fackel des religiösen Streites mit ihren Gefahren geworfen worden ist.
Eingedenk Unserer apostolischen Pflicht, die heiligen Rechte der Kirche gegen jeden Angriff zu schirmen, weisen Wir somit das offiziell bestätigte Gesetz, welches den französischen Staat und die Kirche völlig trennt, gemäß der göttlichen, Uns übertragenen Gewalt zurück und verurteilen es. Die Gründe für diese Verwerfung haben Wir angegeben. Das Gesetz ist ein schweres Unrecht gegen Gott, welchen es feierlich entrechtet, indem es den Grundsatz durchführt, daß der Staat jeglicher Teilnahme an der Gottesverehrung sich entschlagen soll. Es verletzt das Natur- und Völkerrecht und die öffentliche Vertragspflicht. Es steht im Widerspruch zur göttlichen Verfassung der Kirche, ihrem innersten Geist und ihrer Freiheit. Es stürzt die Gerechtigkeit um durch die Vergewaltigung eines Eigentumsrechtes, das auf so gute Gründe sich stützt und durch gesetzliche Vereinbarung sichergestellt war. Es ist eine schwere Beleidigung der Würde des Apostolischen Stuhles, Unserer Person, des Episkopates, des Klerus, der französischen Katholiken insgesamt. Daher beschweren Wir Uns aufs entschiedenste über die Einbringung, Genehmigung und Verkündigung dieses Gesetzes und erklären, daß es keinerlei Kraft besitzt, die durch kein menschliches Unterfangen veränderlichen Rechte der Kirche zu entwerten.
Ehrwürdige Brüder! Vor Euch, vor dem französischen Volke und vor allen, welche den christlichen Namen tragen, mußten Wir das zur Verwerfung dieses Vorgehens erklären. – Der Ausblick auf die Folgen dieses Gesetzes für die geliebte Nation erfüllt Uns mit schwerer Betrübnis, und das Elend, der Kummer, die vielerlei Beschwerden, mit denen es Euch, Ehrwürdige Brüder, und Euern Klerus bedrückt, betrüben Uns tief. Doch auch diese großen Sorgen sollen Uns nicht niederschmettern und beugen. Davor bewahrt Uns der Glaube an Gottes Güte und Vorsehung und die festbegründete Hoffnung, daß Jesus Christus seine Kirche niemals seiner Hilfe und Gegenwart beraubt. Ferne sei es, daß Wir für den Bestand der Kirche die geringste Befürchtung aufkommen lassen. Von Gott sind die Grundlagen ihrer Kraft und ihrer Dauer; deutlich beweisen es die Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte. Jedermann weiß, wie viele und schwere Heimsuchungen sie im Verlaufe der verflossenen Zeiten zu ertragen hatte, und daß, wo menschliche Kraft hätte unterliefen müssen, die Kirche nur stärker und größer aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Von den Gesetzen, die zum Verderben der Kirche gemacht worden sind, bezeugt hinwieder die Geschichte fast allgemein, daß der Neid sie zwar durchsetzen konnte, daß sie aber hinterher wegen ihrer Schädlichkeit für den Staat hauptsächlich aus Gründen der Klugheit wieder abgeschafft wurden. Das ist auch schon in Frankreich geschehen, und zwar vor gar nicht allzulanger Zeit. Möchte doch das Vorbild der vergangenen Zeit die heutigen Machthaber zur Besinnung bringen, so daß sie die Religion, die Quelle der Humanität und Förderin des Glückes der Allgemeinheit, bald und zur Freude aller Gutgesinnten wieder in den Besitz ihrer alten Würde und Freiheit einsetzten!
Bis dahin aber müssen die Kinder der Kirche, während die Unterdrückung und Befehdung freien Lauf hat, wenn überhaupt je, angetan mit den Waffen des Lichtes (Röm 13, 12), für Wahrheit und Gerechtigkeit mit aller Macht kämpfen, die ihnen zur Verfügung steht. Ihr, Ehrwürdige Brüder, werdet als Lehrer und Führer der andern in diesem Kampfe alle Unerschrockenheit, Regsamkeit und Standhaftigkeit bewähren, welche der alte glänzen de Ruhm der französischen Bischofe ist. Unser innigster Wunsch ist dabei vor allem, daß Ihr bei allen Maßnahmen zum Schutze der Kirche nach Übereinstimmung bei Euern Gesichtspunkten und Entschließungen trachtet, wie es von so großer Wichtigkeit ist. Wir haben es wohl überlegt und erkennen sicher, daß es Unsere Aufgabe ist, Euch in geeigneter Weise vorzuschreiben, wie Ihr Unseres Erachtens in diesen schwierigen Verhältnissen vorgehen sollt, und Wir zweifeln nicht, daß Ihr Unsere Vorschriften mit aller Sorgfalt beachten werdet. Fahrt zunächst, wie Ihr schon begonnen habt, fort, den Geist der Frömmigkeit um so eifriger zu kräftigen, den Volksunterricht im christlichen Glauben zu fördern und in weitere Schichten zu verbreiten, Eure Herden vor den Abwegen der Irrlehren und den Lockrufen des Verderbens, die heutzutage so weit verbreitet sind, zu behüten, ihnen mit Belehrung, Ermunterung, Ermahnung und Trost zur Seite zu stehen, kurz, alle Pflichten der leibreichen Hirtensorge zu erfüllen. – In Euern Bemühungen wird Euch Euer Klerus als kraftvoller Helfer zur Seite stehen; Wir wissen, wie reich er ist an ausgezeichneten Männern voll Frömmigkeit, Bildung und Ergebenheit gegen den Apostolischen Stuhl, und wie treu bereit er ist, sich Euch für das Wohl der Kirche und das ewige Heil der Seelen zu unterwerfen. Gewiß werden alle, die diesem Stand angehören, es fühlen, daß sie bei dem gegenwärtigen Sturme so gesinnt sein müssen, wie wir es von den Aposteln lesen: „Sie freuten sich ..., daß sie gewürdigt wurden, für den Namen Jesu Unbilden zu erdulden.“ (Apg 5, 41) Mögen sie daher fest für die Rechte und Freiheiten der Kirche eintreten, ohne jedoch dabei gegen andere gehässig zu werden; ja im Gegenteil: als Diener Christi ziemt es sich für sie in erster Linie, das Unrecht mit Billigkeit, den Trotz mit Milde, Benachteiligungen mit Wohltaten zu vergelten.
Auch an Euch alle, Katholiken Frankreichs, richten Wir heute Unsere Mahnung. Möge Euch Unsere Stimme zugleich das Zeugnis uneingeschränktesten Wohlwollens sein, daß wir für Euer Volk unaufhörlich voll Liebe gehegt haben, und ein Trost in den bevorstehenden schweren Zeiten. – Verderbliche Parteien haben sich Euch aufgedrängt und sich das Ziel gesetzt, ja es mit seltener Kühnheit als ihren Entschluß verkündet, die katholische Kirche in Frankreich auszutilgen. Sie streben danach, aus Euern Herzen die letzten Wurzeln des Glaubens herauszureißen, welcher Euern Vätern und Vorfahren Ruhm, Eurem Heimatlande Glück und achtunggebietende Größe verschaffte, des Glaubens, welcher Euch aufrichtet in den Tagen des Kummers, der zur Schutzwehr des häuslichen Friedens und der inneren Ruhe ward und Euch den sichern Weg zur Erlangung der ewigen Seligkeit führt. Ihr findet, daß zur Verteidigung dieses Glaubens gewiß alle Kraft aufgeboten werden muß; wisset dabei, daß Ihr Euch umsonst bemühen werdet, wenn Ihr mit zersplitterten Kräften den feindlichen Angriff abzuwehren sucht! Erstickt jeden Zunder der Zwietracht unter Euch, wenn er irgendwo sich einstellen möchte, und bemüht Euch alle, so einmütig im Entschluß und in der Kampfesart vorzugehen, wie es Männer tun müssen, welche eine gemeinsame Sache verteidigen, und zwar eine Sache, für welche jeder bereitwillig auch ein Opfer in Hinsicht auf persönliche Ansichten bringen muß. – Jetzt ist die Zeit, das Beispiel edler Mannhaftigkeit zu geben, wenn Ihr, soweit es an Euch liegt, pflichtmäßig die Religion aus den gegenwärtigen Gefahren retten wollt. Wenn Ihr hier den Dienern Gottes gütig zur Seite steht, dann werdet Ihr auch in besonderer Weise die Huld Gottes erlangen.
Bedenkt nun wohl, daß Ihr, um die Religion würdig zu schützen und in dieser Aufgabe richtig und segensreich auszuharren, als Hauptsache das betrachten müßt, daß Ihr, getreu den Geboten der christlichen Lehre, Eure christliche Haltung und Euren ganzen Wandel zum Bekenntnis des katholischen Glaubens macht, und daß Ihr Euch aufs engste an die eigentlichen Leiter der religiösen Angelegenheiten anschließt, die Bischöfe und die Priester, und an das Haupt, den Apostolischen Stuhl, auf welchen der Katholik in seinem Glauben und der zeitgemäßen Betätigung desselben wie auf den Mittelpunkt sich stützen muß. So bewehrt und vorbereitet tretet mit Vertrauen in die Reihen zur Verteidigung der Kirche. Aber Euer Vertrauen soll ganz und gar auf Gott sich stützen. Für ihn streitet Ihr. Darum ruft unablässig seine Hilfe an. Sie steht bereit. Solange die Gefahr währt, werden Wir mit Unserem Herzen und Sinn bei Euch sein und an Euern Mühen und Sorgen und Leiden Anteil nehmen. Mit Bitten und Flehen in Demut und Beharrlichkeit werden wir Uns an den Begründer der Kirche wenden, daß er sich Frankreichs erbarme und aus diesen Stürmen es bald ruhigen Zeiten entgegenführe. Das walte die Fürbitte der unbefleckten Gottesmutter Maria!

Als Unterpfand der göttlichen Gnade und zum Zeichen Unseres besondern Wohlwollens erteilen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, in aller Liebe den Apostolischen Segen im Herrn.

Gegeben zu Rom bei St. Peter am 11. Februar 1906, im dritten Jahr Unseres Pontifikates.

Pius X., Papst.

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