Civitas Institut

Charitas Pirckheimer, Äbtissin von St. Klara zu Nürnberg PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 04. August 2015 um 08:37 Uhr

 

Charitas Pirckheimer, Äbtissin von St. Klara zu Nürnberg (1467-1532)

 

Es war unmittelbar nach meiner Priesterweihe in Eichstätt, da bekam ich von meinem Guardian den Auftrag, nach Nürnberg zu fahren und in der Klarakirche am Sonntag zwei Gottesdienste zu halten. Vorsorglich machte mich der Guardian aufmerksam, mit sauberem Habit und mit Schuhen ohne abgetretene Absätze dorthin zu fahren. Es war im Jahre 1937; der Machtterror des Dritten Reiches lief bereits auf Hochtouren.

Kaum hatte ich den Hauptbahnhof in Nürnberg verlassen, wurde ich mit Bardengebrüll von einer Gruppe junger Männer begrüßt; ich tat, als ob ich nichts hörte und steuerte auf die St.-Klara-Kirche zu. Wohl hatte ich schon am Gymnasium im Geschichtsunterricht von der tapferen Charitas Pirckheimer gehört; aber ich hatte mich nicht sonderlich für sie interessiert. Es gab mehr mutige Menschen, warum sollte ich mich gerade für diese Frau mehr als für andere interessieren? Zudem hatten wir uns in den Studienjahren um so vieles zu kümmern, dass mir wenig Zeit blieb zu einem Spezialstudium über eine Klosterfrau aus dem 15. Jahrhundert.

Erst in den letzten Jahren wuchs mein Interesse an ihr; ich las »Die schweren Stunden der Charitas Pirckheimer« von Wolfgang Johannes Bekh und vor allem machte das Jahr 1982, das Jubiläumsjahr zu ihrem 450. Todestag, auf sie aufmerksam. Die Stadt Nürnberg fand dieses Jubiläum so wichtig, dass sie eine Ausstellung über ihr Leben und Wirken veranstaltete. Die beiden Diözesen Eichstätt und Bamberg unterstützten in jeder Weise dieses Unternehmen. Anfangs fürchtete man, die ökumenische Bewegung konnte darunter leiden. Aber schließlich sagte man sich: Der klare Standpunkt und zugleich die große Offenheit einer Persönlichkeit wie der Charitas Pirckheimer kann auch heute allen, die für die Annäherung der Kirchen Verantwortung tragen, nur ein Vorteil sein. Historiker, Theologen und Literaturwissenschaftler halfen der katholischen Stadtkirche Nürnberg bei ihrem Unternehmen. Diese bedeutende Äbtissin von Nürnberg sollte wieder zum Leben erstehen. Sie kann in ihrer tapferen Haltung jedem nur Vorbild sein. Denn Feigheit ist nach Nietzsche »die einzige Sünde«. Wenn dieses Wort auch einseitig und übertrieben ist, so leidet die Menschheit doch gar sehr unter dieser Sünde.

Charitas Pirckheimer kam in das Klarissenkloster nach Nürnberg in einer Zeit, wo man in den verschiedenen Klöstern die Reform durchzuführen suchte. Manche erhielten weltliche Pfleger aus der Bürgerschaft, welche die Voraussetzung schaffen sollten, dass sich das religiöse Leben in den Klöstern ungehindert abspielen könne. Gerade das Klarakloster hatte enge Verbindung mit der Stadt. Nachwuchssorgen gab es keine. Das Kloster St. Klara stand in gutem Ruf. Die Schwesterngemeinschaft lebte ein Leben der Armut, des Gehorsams sowie der Ehelosigkeit nach der Klarissenregel. Von den Franziskanern seelsorglich betreut, beteten die Schwestern bei Tag und Nacht das Chorgebet und vertieften ihr geistliches Leben durch Betrachtung und Lesungen aus der Heiligen Schrift sowie der Kirchenväter.

Im Spätmittelalter hatte Nürnberg viele Klöster. Da gab es Benediktiner in St. Egidien, Franziskaner seit 1224, Karmeliten, Augustiner, Dominikaner seit 1279. Die Kartäuser besaßen seit 1380 eine Niederlassung für ihr beschauliches Leben.

Neben den Männerorden gab es auch Frauenklöster; so hatten die Schwestern der hl. Klara bereits um 1279 eine Niederlassung. Der Konvent von St. Klara besaß in der Reichsstadt Nürnberg einen guten Ruf. Dieser gründete nicht allein in der Befolgung der Regel durch die Ordensgemeinschaft nach der strengen Observanz, sondern ebenso in der Führung durch hervorragende Äbtissinen, die zum großen Teil Patrizierfamilien entstammten. Wen wundert es bei solcher Tradition, wenn die angesehene Nürnberger Familie der Pirckheimer, in Eichstätt gerade ansässig, ihre zwölfjahre Tochter Barbara den Nonnen zur Ausbildung anvertraute?

Die Familie Pirckheimer hatte zwölf Kinder, von denen zehn am Leben blieben. Von den neun Mädchen wählten acht den geistlichen Stand. Barbara Pirckheimer, die als Äbtissin Charitas sich später einen Namen machte, ist am 21. März 1467 in Eichstätt geboren. Seit Pfingsten 1479 lebte sie bei den Klaraschwestern zu Nürnberg. Dort hat sie vermutlich schon mit 16 Jahren den Schleier genommen. Ihr Vater Dr. Johannes Pirckheimer zog nach dem Tode seiner Frau 1488 von München nach Nürnberg und arbeitete dort im Dienste des Rates. Sein großes Haus am Hauptmarkt galt als Treffpunkt der Humanisten. Dort starb er 1530.

Charitas Pirckheimer wurde am 20. Dezember 1503 Äbtissin von St. Klara. Zu ihren Untergebenen gehörten auch ihre Schwester Klara und ihre beiden Nichten Katharina und Kreszenz. Durch ihre Verbindung mit den Humanisten der damaligen Zeit eignete sie sich eine hohe Bildung, verbunden mit einer tiefen Frömmigkeit, an. Sie stand in geistigem Austausch mit Probst Sixtus Tucher von St. Lorenz, mit Dürer, Erasmus von Rotterdam und besonders mit Konrad Celtis. So sehr Schwester Charitas aufgeschlossen ist für den Humanismus, lässt sie sich doch von der Schwärmerei dieser Leute für das Griechentum und für die heidnischen Götter nicht beirren. Sie re­det ihnen mutig ins Gewissen: »Lasset ab von den schnöden Fabeln der Diana und Venus! Macht euch die Heiligen Gottes zu Freunden! Die Heilige Schrift und ein tugendsames Leben ist mehr zu achten als die weltliche Weisheit. Wollet euere Umkehr nicht auf den folgenden Tag verschieben! Ihr wisset nicht, ob ihr einen morgigen Tag noch haben werdet!« So mahnt sie die dem Christentum entfremdeten Gelehrten.

Sie war berühmt durch ihr Wissen, aber noch berühmter wurde sie durch ihren heldenhaften Kampf, in dem sie ihr Kloster gegen »Bekehrungsversuche« des Nürnberger protestantischen Rates verteidigte Sieben Jahre musste sie auf geistliche Hilfe verzichten; Schmähpredigten, Drohungen, List und Gewalt fanden gegen sie Anwendung, um sie im Glauben mürbe zu machen. Charitas Pirckheimer hat über diesen Kampf von 1524 bis 1528 Tagebuch geführt. Sie nannte ihre Ausführungen »Denkwürdigkeiten«. Lange Zeit galten diese Blätter als verschollen. Erst 1852 wurden sie von dem Prager Universitätsprofessor Constantin Höfler im Bamberger Diözesanarchiv ent­deckt und im Jahr darauf veröffentlicht. Eine 1926 erschienene Schrift des Neußer Studienrates Hermann Joseph Schmidt greift auf Höflers Ausgabe zurück. Schmidt schreibt: »Die Denkwürdigkeiten der hochedlen Äbtissin Charitas Pirckheimer führen mitten in die Stürme der Reformationszeitalters hinein. Ihre Tagebuchaufzeichnungen geben ein erschütterndes Bild von der religiösen Unduldsamkeit derer, die im Namen der christlichen Freiheit und des reinen Evangeliums gegen alle diejenigen vorgingen, welche ihre Anschauungen aus Gewissensrücksichten nicht zu teilen vermochten.

An Stelle des Rechts trat die Gewalt. Seelenqualen folgten der Gewalt in gleichem Schritte. Mögen auch die Dulderherzen, die für die alte Mutterkirche damals heiß erglühten, längst im Tod erkaltet sein, die Nachwelt hat die Pflicht das Andenken an diese edlen Menschen wach zu halten. Zu den Treuesten der Treuen jener schicksalsschweren Tage gehören ohne Zweifel die Klarissinnen zu Nürnberg und ganz besonders ihre hochgesinnte geistliche Mutter und Seelenführerin, die Äbtissin Charitas Pirckheimer.«

 

Der Kampf gegen die Klöster beginnt

 

»... In dem jar 1524 hat es sich begeben, das durch die newe leer der lutterey gar vil ding verentert sind worden und vil zwyspaltung jn dem cristenlichen gelauben sich erhebt haben, auch die cere-monien der Kirchen vil abgethan sind worden und nemlich der standt der geistlichen an viel Orten schir ganz zu grünt gangen. Dann man prediget die christenlichen Freyheit, das die gesatz der Kirchen und auch die gelub der geistlichen nichts gelten sollen und nymant schuldig wer, sy zu halten. Auß demselben entsprang das vil nunnen und münch, die sich solcher Freyheit gebrauchten, auß den Clostem luffen, jr. Orden und Habit hinworffen, etlich sich verheyratten und theten, was sy wollten.«

Der Rat der Stadt versuchte, die Franziskaner-Beichtväter aus dem Klarissinnenkloster zu entfernen. Auf ihren Einfluss führte er es zurück, dass die Nonnen lieber im Kloster bleiben als ins Weltleben zurückkehren wollten. Die Freiwilligkeit ihres Entschlusses erschien dem fortschrittlichen Rat als undenkbar. Erklärtes Ziel war von Anfang an die Vernichtung des Klosters. Jedoch wollte man dieses Ziel zunächst ohne viel Aufheben erreichen. Das konnte nach Meinung des Rates nur dann gelingen, wenn man den Nonnen statt ihrer bisherigen Beichtväter abgefallene Weltpriester (Charitas nennt sie »Leyenprister«) an die Seite gab, die das Ordensleben als verdammenswürdig bezeichneten. Solche untreu gewordenen Priester fühlten sich an kein Gelübde gebunden, waren, als der Zölibat abgefallen war, häufig nicht nur zu einem biederen Eheleben, sondern zum anderen Extrem der Enthaltsamkeit, zu Leidenschaft und Unkeuschheit, bereit. In einem Brief an ihren Schwager Martin Geuder, Mitglied des Stadtrates, schreibt Charitas: »Das ist mir und meinem Kloster das Beschwerlichste, man will uns Laienpriester geben. Es wäre uns lieber und nützlicher, wenn man uns einen Henker ins Kloster schicken würde, damit er uns allen den Kopf abschlüge. Wir wären ärmer als arm. Sollen wir denen beichten, die selber keinen Glauben an die Beicht haben? Sollen wir von denen das hochwürdigste Sakrament empfangen, die so abscheulich Missbrauch damit treiben? Sollen wir denen Gehorsam leisten, die selber keinen Gehorsam gegen Papst, Bischof, Kaiser und die ganze heilige christliche Kirche kennen? Wenn sie nun auch den Gottesdienst nach ihren Köpfen ändern, dann wollt ich lieber tot als lebendig sein...« Sie weist darauf hin, dass sie im Kloster das Alte und Neue Testament haben und Tag und Nacht darin lesen im Chor, bei Tisch, lateinisch und deutsch.

»Wir haben keinen Mangel am heiligen Evangelium. Wir wollen niemand zur Last fallen oder zum Ärgernis sein. Hat man aber eine Beschwerde gegen uns, dann zeige man uns den Missstand an und wir wollen uns gerne bessern. Denn wir bekennen uns als gebrechliche Menschen, die nicht in allem recht tun. Ich hoffe, dass ihr mir nicht einen Wolf unter meine Schäflein schickt, die mir jetzt schon 21 Jahre gehorsam sind.«

In einer Bittschrift ersucht sie den Stadtrat, vorläufig nichts gegen St. Klara zu unternehmen. »Vielleicht schickt Gott wieder einmal bessere Zeiten und dann werden alle wieder zu Ruhe und Ordnung finden!«

 

Eine Mutter will ihre Tochter aus dem Kloster entführen

 

Eines Tages kam Frau Tetzel zum Klarissenkloster, schrie und tobte, dass hinter den Klostermauern nur Verderben und Sünde seien; ihre Tochter Margarethe habe das Kloster sofort zu verlassen. Eine ganze Stunde redete sie zum Fenster des Oratoriums hinein; schließlich wollte sie sie mit Gewalt wieder nach Hause bringen. Margarethe wehrte sich jedoch mit allen Kräften und erklärte, kein Mensch könne sie aus dem Kloster bringen, sie wolle halten, was sie gelobt. Voll Zorn lief die Mutter hinweg. Margarethe aber bat die Schwestern, sie sollten sie nicht wegreißen lassen, andernfalls werde sie am Jüngsten Tag ihre Seele von ihnen fordern.

Einige Tage später erschien Frau Tetzel mit ihren beiden Brüdern wieder und forderte noch energischer die Herausgabe ihrer Tochter.

Charitas erklärte, sie wolle die Tochter nicht zurückhalten, wenn sie nicht bleiben wolle. Würde sie jedoch das Mädchen mit Gewalt gegen ihren Willen hinaustreiben, so wäre das nicht evangelisch und auch gegen alle schwesterliche Liebe. Die beiden Männer meinten daraufhin, Charitas solle Margarethe vier Wochen bei ihrer Mutter wohnen lassen; sie könne dann das wahre Evangelium hören, wie man es in der Stadt predige.

Darauf erklärte die Äbtissin, die Mutter habe bereits eine ganze Stunde mit ihrer Tochter am Chorfenster gesprochen, sie sei aber bereit, die Mutter noch einmal am Fenster mit ihrer Tochter sprechen zu lassen. Brächte sie es fertig, ihre Tochter zu überreden, dann stünde Tür und Tor weit offen. Ja, sie erklärte sich sogar bereit, die Entscheidung dem Stadtrat zu überlassen. Daraufhin entfernten sich die Mutter und die beiden Brüder.

 

Die Schwestern müssen lutherische Prediger und Beichtväter in ihr Kloster aufnehmen

 

Am 19. März 1525, am Sonntag »Oculi«, kamen zwei Räte, Christof Koller und Bernhard Paumgartner, und setzten durch, dass sie im Winter-Remter, vor versammeltem Konvent, eine Botschaft des Rates verlesen durften. Nach umständlicher Einleitung sagten sie: Sie wollten die Schwestern nicht der Gnade berauben, die Gott der Herr der Stadt erwiesen habe, indem das klare Wort Gottes und das heilige Evangelium die hochgelehrten Prädikanten klar und helle an den Tag gebracht hätten; wären die Schwestern bei diesen Predigten dabei gewesen, sie hätten erklären müssen, dass sie bis jetzt in vielen Stücken geirrt hätten. Die bisherigen Prediger hätten das Evangelium unter der Bank liegen lassen und hätten seine Wahrheit verdunkelt. Der Rat wolle diese Gnade nun auch den Schwestern mitteilen; deshalb werde ein hochgelehrter Prediger namens Poliander aus Wirtzpurg zu ihnen kommen und er werde so lange bei ihnen predigen, bis der Stadtrat einen anderen bestimme. Außerdem werde der Rat Beichtväter ins Kloster schicken. Es würden tapfere, hochgelehrte und erfahrene Männer sein. Die Schwestern könnten sich für drei entscheiden, zwei waren (abgefallene) Augustinermönche, der dritte Laienpriester (Lutheraner) von der Kirche St. Sebald, deren Geistliche schon damals vom katholischen Glauben abgefallen waren.

Auf die schwulstige Rede des Stadtrates erklärte die Äbtissin, sie hätten bereits 250 Jahre lang die Barfüßer (Franziskaner) als Prediger und Beichtväter gehabt und sie seien bis jetzt mit ihnen immer zufrieden gewesen; sie drückte die Hoffnung aus, dass der Stadtrat sie in Sachen des Gewissens nicht zwingen werde. Entrüstet fragt sie: »Sollen wir Apostaten als Seelsorger annehmen, die Gott gegenüber meineidig geworden sind? Sie würden uns nichts anderes lehren, als was sie selber tun. Meinen sie vielleicht, wir sollten, wie sie Weiber genommen haben auch Männer nehmen? Davor bewahre uns Gott!« »Durfft wahrlich Nit gedenken, dass wir uns in dise Ding werden begeben.« Als die Abordnung sah, wie bestürzt die Nonnen waren, gaben sie ihnen zu verstehen, dass sie undankbar gegenüber dem Stadtrat seien. Dem Rat solle davon nichts berichtet werden, »dem Kloster zuliebe«. Nichtsdestoweniger befahlen die Herren draußen im Beichthaus dem Beichtvater Erhard Horolt und dem Prediger Nikolaus Lichtenstem, das Kloster augenblicklich zu verlassen. Daraufhin gingen sie zum Guardian der Franziskaner und setzten ihn vom Willen des Rates in Kenntnis, »er und seine Brüder sollten fürpass gehn«; der Rat wolle künftig die Klarissinnen selber mit Beichtvätern und Predigern versorgen.

 

Ohne Gottesdienst und ohne Sakramente

 

»Am Eritag (Dienstag) darnach«, schreibt die Äbtissin Charitas, »kamen unsere Beichtväter und Prediger wieder; sie holten ihr Werkzeug, das sie noch im Beichthaus hatten, hielten Predigt und Messe in der Kapelle und renovirten das hochwürdig Sakrament.« Dann gingen sie; die Klarissinnen waren von da ab aller christlichen Sakramente beraubt. Doch die hochbetagte Schwester Klara Löffelholz war die erste, die am 9. April 1525 ohne Sterbesakramente verscheiden musste. Äbtissin Charitas schrieb in ihr Tagebuch: »Gott im Himmel sei dieser geistliche Mangel geklagt. Er schicke ein gutes Mittel durch seine grundlose Barmherzigkeit!«

 

Energische Erklärung der Äbtissin vor dem Pfleger

 

Pfleger Kaspar Nützel hatte die Aufgabe, das Kloster in Rechtsangelegenheiten zu vertreten. Da er bereits vom katholischen Glauben abgefallen war, suchte er auch die Schwestern auf seine Seite zu ziehen. Er versuchte es zunächst mit Drohungen, dann mit Schmeicheleien. Charitas schreibt: »unter viel liebkosen«. Er wies auf den »Ungeheuern Schaden« hin, den ihre Seele haben werde, wenn sie in ihrem »Irrtum« verharre.

In Äbtissin Charitas stieg immer mehr der Unwille; sie schreibt: »Da er nun ausgeredet hatte, nahm ich mir ein Herz und sagte ihm, wie mir zumute war. Unter anderem sagte ich: ,Herr, ich kann mich nicht genug wundern, dass Ihr euch so annehmt um unsere Seligkeit. Euch ist doch mit dem Pflegeamt nicht die Seelsorge anbefohlen. Ihr seid lediglich Pfleger über die zeitlichen Güter; Ihr beansprucht Vollmachten, die Ihr gar nicht habt. Ihr entzieht uns unsere Seelsorger, denen wir von Päpsten, Königen und Kaisern anbefohlen sind. Dazu habt Ihr weder Fug noch Recht. Damit kann ich nicht einverstanden sein; denn ich sehe und weiß, dass diese Änderung die Zerstörung unseres Klosters und der göttlichen Ordnung herbeiführen wird!« Erklärend schreibt Schwester Charitas: »Es herrscht in unserer Zeit so viel Durcheinander und Irrtum, dass bald niemand mehr weiß, was man glauben soll. Darum haben wir alle miteinander beschlossen, im alten Glauben und im geistlichen Stand zu verharren und nichts anzunehmen, was nicht von den christlichen Kirchen angenommen ist. Auch meine Schwestern haben mir verboten, irgendwie meine Einwilligung zu geben; sollte ich es aber trotzdem tun, dann würden sie mir den Gehorsam kündigen. Ihr habt die Änderung mit den 'Vätern' (Beichtvätern und Predigern) getroffen; dies hätte niemals ohne unsere Einwilligung geschehen dürfen. Die frommen Beichtväter habt Ihr ohne jeden Grund uns genommen und nun wollt Ihr uns beschwern (belasten) mit wildem gesind1«. Scheinheilig antwortet der Pfleger:

»Liebe Mutter, wenn euch schon die nicht gefallen, die man euch vorgeschlagen hat, so nennt mir einen anderen! Aber das will ich euch sagen: Man wird euch keinen geben von der alten Sekt.« Charitas schlägt ebenso entschieden zurück: »Dann wollen wir auch keinen von der neuen Sekt.« Der Pfleger rühmt dann die neuen Prediger. Sarkastisch meint dazu die Äbtissin: »Er konnte seine Olyander und Pollyander nicht genug loben, was diese doch für erleuchtete Männer seien, und disputierte viel vom neuen Glauben und von dem 'pilligen Ablegen der verfluchten Ceremonien'« (Messe und Sakramente waren für den Pfleger lediglich Zeremonien ohne Wert).

 

»Die Kirche ist eben jetzt so«

 

Man redete der Bevölkerung von Nürnberg immer wieder ein, dass Martin Luther keine neue Kirche wolle. Er wolle nur eine Reform. Charitas aber witterte die Gefahr und darum schreibt sie an den Pfleger: »Wir wollen im Glauben der christlichen Kirche (der katholischen Kirche) bleiben und wollen weder tot noch lebend uns von ihm abbringen lassen! Erst muss diese Zwiespältigkeit beseitigt sein und die Einheit im Glauben wieder hergestellt sein.« Aber gerade die Vertreter des neuen Glaubens wollten den Ausdruck »Zwiespältigkeit« nicht hören. Immer wieder behaupteten sie, es gebe keine zweierlei Kirchen, es gebe keine alte und keine neue Kirche. Es ist die gleiche Kirche wie ehedem. »Die Kirche ist eben jetzt so.« Es wird lediglich eine Erneuerung nach germanischen Vorstellungen angestrebt

Viel Unsicherheit über die wahre Kirche wäre damals nicht möglich gewesen, hätte man sich daran erinnert, was Christus über die Gründung seiner Kirche bei Cäsarea Philippi zu Petrus gesagt hat. In aller Klarheit sagt er: »Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen« (Mt. 16,18). Die wahre Kirche ist dort, wo Christus sie hingestellt hat. Er hat sie auf Petrus gebaut. Dieser seiner Kirche auf dem Felsenfundament verheißt er ewige Dauer: »Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.« Wie soll das möglich sein, wenn Petrus als Mensch stirbt? Was soll es dann mit dem Felsenfundament sein? Die Antwort kann nur die sein: Christus dachte in dieser Stunde von Cäsarea Philippi nicht so sehr an den Menschen Petrus, sondern an den Papst als das Oberhaupt seiner Kirche. Dort, wo der Papst ist, dort ist seine Kirche. Diese Kirche hat ewige Dauer, weil sie die wahre Kirche Christi ist. Wie es von Christus heißt: »Christus gestern, Christus heute, Christus in alle Ewigkeit«, so gilt auch von seiner Kirche: Die Kirche gestern, die Kirche heute, die Kirche in alle Ewigkeit. Sie steht auf Felsengrund und keine Macht der Welt kann sie erschüttern und vernichten.

Wenn darum heute wieder so mancher Wirrwarr herrscht, so liegt die Wahrheit nicht bei den Theologen und Politikern, auch nicht bei der Wissenschaft, sondern dort, wo der Papst spricht. Da kann man nicht sagen: Die Kirche ist eben jetzt so; sie ist so, wie Christus sie gebaut hat.

 

Die Lutherischen Prediger in St. Klara

 

Man kann sich das heute gar nicht vorstellen, dass man in ein Kloster Prediger hineinschickt, die völlig anderen Glaubens sind als die Insassen. So wollte man den Schwestern von St. Klara am Donnerstag nach dem Sonntag Judica einen abgefallenen Kartäuser, Poliander aus Würzburg, zum Predigen bestimmen. Dieser aber war krank. »Am Palmsonntag predigte Dominikus von St. Sebald, am Montag und Mittwoch Osiander von St. Lorenz... Am Karfreitag und Ostertag hielt Dominikus von St. Sebald Predigt, am 2. und 3. Ostertag kam Osiander. »So mussten wir die ganze Karwoche alle Prediger hören. Man wollte uns mit Gewalt bekehren. Wir hatten wahrlich eine Marterwoche, groß Geläuf, Geschrei und Unruhe in unserer Kirche. Man sah streng darauf, dass der ganze Konvent die Predigten hörte; keine Schwester durfte sie versäumen. Man glaubte uns nicht, dass wir die Predigten hörten. Man wollte uns Leute hereinsetzen, die auf uns aufpassten, ob wir vollzählig die Predigt hörten.« Die Schwestern mussten feststellen:

»Wie unchristlich diese Prediger die Heilige Schrift auslegten, einen fremden Sinn hineinlegten, die Vorschriften der Kirche umstießen und die heilige Messe sowie die Zeremonien verächtlich verwarfen, wie sie lästerten über die Orden und die geistlichen Stände! Sie schonten weder Papst noch Kaiser, nannten sie Tyrannen, Teufel und Antichristen. Sie wollten uns reizen, die Klöster zerreißen und uns mit Gewalt aus den Klöstern zerren. Wir sollten wissen, dass wir in einem ,verdemlichen Stand und ewiglich des Teufels seien', - das kann und mag nicht alles geschrieben werden.«

 

Vergebliche Bitte um einen kirchentreuen Beichtvater

 

Da die seelische Not der Schwestern immer größer wurde, wandten sie sich an den Stadtrat, man möge ihnen einen frommen Priester schicken, dem sie in ihren Nöten beichten könnten. Man verdächtigte die Schwestern, es gehe ihnen nicht so sehr um das Bußsakrament als vielmehr um die Barfüßer. Um diesem Gerede ein Ende zu bereiten, rieten die Schwestern, die Äbtissin solle sich vom Rat Herrn Conrad Schrötter erbitten; dieser galt als fromm und tapfer und war bereits an die 65 Jahre alt.

Der Pfleger kam am nächsten Freitagabend. Charitas erinnerte ihn, dass er ihr selber unter vier Augen geraten habe, einen Nichtfranziskaner als Beichtvater zu wählen. Um dem Rat entgegenzukommen, habe sie einen frommen alten Priester, der nicht Franziskaner sei, ausgesucht, dessen Namen sie allerdings vorerst nicht nennen wolle. Der Konvent wolle wissen, ob der Rat überhaupt geneigt sei, auf diese Bitte einzugehen.

Der Pfleger hörte Charitas scheinbar gütig zu, hatte aber doch das Bedenken, sie könnten einen ganz Schlechten, Unerfahrenen und Ungelehrten wählen, so dass er den Stadträten nicht Gefalle. Sie mussten doch einen wählen, der Ansehen habe.

Die Äbtissin erwiderte darauf: »Den wir wollen, ist erfahren genug. Denn er hat viele Jahre schon Beicht gehört. Wir brauchen auch keinen, der großes Ansehen hat. Je weniger wir in der Beicht mit ihm zu tun haben, desto lieber ist es uns. Wir brauchen einen Treuen und Verschwiegenen, der unsere Sünden geduldig anhört und uns absolviert, aber keinen, der viele Worte macht.« Am Abend vor dem Palmsonntag schickte der Pfleger einen Brief ins Kloster, in dem den Schwestern der Beschluss des Stadtrates mitgeteilt wurde, der Rat wolle erst den Namen des erwählten Beichtvaters wissen, dann werde er prüfen, ob dieser für das in Frage stehende Amt tauglich sei. Charitas erwiderte dem Pfleger, sie könne unmöglich schon jetzt den Namen des Priesters nennen, um diesem keine Schwierigkeiten zu bereiten für den Fall, dass der Rat ihn als nicht genehm ablehne. Aber aufzwingen ließen sie sich keinen als Seelenarzt, wie man ja auch keinem Kranken ei­nen Arzt aufnötige, zu dem er kein Vertrauen hat. Energisch erklärte sie; »Was geht es die Leute an, wem wir beichten?«

Charitas hatte nur zu klar das Intrigenspiel des Pflegers durchschaut. Der Rat wollte den Schwestern den abtrünnigen Kartäuser Poliander aus Würzburg aufdrängen. Dieses Ansinnen, das einer geistigen Vergewaltigung gleichkam, wies sie entschieden zurück: »Wir sind Klarissinnen und keine Kartäuserinnen. Wir wollen keinen Kartäuser. Schließlich müssen wir auch noch seinen Orden annehmen.«

Der Pfleger suchte zu beschwichtigen, dass dies nie der Fall sein werde, weil ja jener selber die Kutte nicht behalten werde. »Da sprach ich (Charitas): ,Ei, so beicht ihm der Tod! Sollen wir einem treulosen Apostaten beichten, der Gott die Treue nicht hält? ... Was sollte er uns anders lehren, als was er selber tut? Demnach mussten wir alle apostasieren. Davor bewahr uns der lebendige Gott!'« Als der Pfleger merkte, dass sich die Schwestern von ihm nicht überzeugen ließen, drohte er, die aufständischen Bauern, die gerade die Klöster in Bamberg zerstörten, würden auch nach Nürnberg kommen und ihr Kloster überfallen. Er schien nicht wissen zu wollen, dass die umstürzlerische Stimmung der Glaubenserneuerer auch die Bauern angesteckt hatte, so dass sie den Kampf gegen »unbiblische Menschensatzungen« aufnahmen und in ihrem Fanatismus Klöster zerstörten. Als Martin Luther von den Auswüchsen der aufständischen Bauern hörte, wollte er zunächst vermitteln, rückte aber dann von ihnen ab und forderte zur Vernichtung der Bauern auf.

 

Der Rat verbietet gänzlich den katholischen Gottesdienst in der Stadt

 

Mit Jammer hatten die Klarissinnen die Fastenzeit überstanden, aber nach Ostern wurde es noch viel schlimmer. Am Freitag in der Osterwoche rief man alle Priester auf dem Rathaus zusammen und verbot ihnen, die lateinische Messe zu lesen. Man sagte ihnen, sie hätten bei den Gelehrten gefunden, dass die Messe ein »abgottisch, gotteslästerliches Ding« sei, darum könne sie nicht mehr länger geduldet werden. Es wurde auch allen »layenpriestern« und denen in den Klöstern verboten, ausgenommen jenen in den Pfarreien, Beicht zu hören und andere Sakramente zu spenden. »Von diesem Tag an war leider keine Messe mehr in unseren Kirchen, ausgenommen am Fest der heiligen Mutter Klara« (12. August). Da hatten die lutherischen »Weyber mit den lutherischen Pfaffen« es fertig gebracht, dass sie eine deutsche Messe in unserer Kirche »plärten«. Von jenem Freitag an durften die Franziskaner nicht mehr die Glocken läuten und sie durften weder bei Tag noch bei Nacht einen Gottesdienst halten.

 

Abfall der Klöster

 

Zuerst (Ende 1524) fielen die Augustiner ab. Da Martin Luther ehedem Augustiner war, sympathisierten sie als erste mit ihm. Im Mai 1525 folgten die Karmeliter, im Juli die Benediktiner und im November die Kartäuser.

Charitas schreibt dazu: »Sie fielen leider ungezwungen ab, hielten die deutsche Messe, anders in den Pfarreien. Sie reichten auch die heilige Kommunion unter beiden Gestalten in allen Kirchen.« Treu zur Kirche standen damals noch die Franziskaner und die Klarissinnen. Alsbald gingen die Vertreter des »reinen Evangeliums« auf den Besitz der Klostergüter aus. Man eignete sich alle Kunstgegenstände an, die in den Kirchen waren, so Kelche, Messgewänder, Ornate, Altartücher; der Abt von St. Ägidien war so entgegenkommend, sein Kloster mit allen beweglichen und unbeweglichen Gutem samt Urkunden und Kleinodien selbst dem Rat der Stadt zu übergeben. Mönche, die das Kloster verließen und sich weltlich kleideten, bekamen vom Rat 25 Gulden ausgehändigt, wenn sie noch dazu heirateten, erhielten sie sogar 50 bis 200 Gulden. Dass sie keine Messe mehr lasen und keinen Fasttag mehr hielten, versteht sich von selbst. Angesichts dieser Unordnung schrieb Chantas in ihr Tagebuch:

»Die Prediger auf allen Kanzeln sagten mit Nachdruck immer wieder, man soll kein Kloster noch Cutten hie leyden; es soll keinen Unterschied zwischen weltlichen und geistlichen Personen mehr geben; alle sollten gleich sein.

Da waren wir in vielen Ängsten und Nöten; denn wenn man von uns etwas hörte, begann man zu fluchen und zu schelten sowie zu schreien in den Kirchen. Man warf mit Steinen in unseren Chor, zertrümmerte die Fenster und sang schändliche Lieder auf dem Kirchhof.

0, da waren wir in großen Nöten und Ängsten. Tag und Nacht stieß man Drohungen gegen uns aus. Wir waren entschlossen, das Kloster in keiner Weise aufzugeben; wir hatten es ja nicht gebaut und es war nicht unser Eigentum, über das wir verfügen konnten. Man drohte uns täglich, uns hinauszutreiben oder das Kloster zu verbrennen.« Der aufgehetzte Straßenpöbel hatte Machtgelüste verspürt, Bestärkt durch die neuen Prediger. Kein Wunder, predigten doch diese Apostaten, die Klaraschwestern seien schlimmer als die Huren, die ihrem unzüchtigen Gewerbe hinter der Stadtmauer nachgingen.

 

Der 7. Juni 1525

 

Am Mittwoch in der Pfingstwoche früh, während der Prim kamen die Nürnberger Stadträte Siegmund Führer, Sebald Pfinzing und Andreas Imhof mit einer Botschaft des Rates. Sie waren so ungeduldig, dass sie kaum das Gebet der Prim abwarten wollten. Die Äbtissin ließ die Herren in den Sommer-Remter (Speisesaal) treten und rief dann den Konvent zusammen. Dann begann der Sprecher der Abordnung:

»Durch das klare, heilige, evangelische Gotteswort ist es nun an den Tag gekommen, dass die sonderbare Sekte, nämlich der Ordensstand, ein verworffener, sündtlicher, verdampter Stand wer', da man dort gegen die Gebote Gottes und gegen das hl. Evangelium lebe. Darum ist die Bevölkerung über ihn so ergrimmt, dass sie kein Kloster und keinen geistlichen Stand mehr ertragen wolle. Es gibt keine andere Kirche mehr als die neue. Das sei auch die Ursache des großen Blutvergießens das jetzt von den Bauern geschieht. Diese hätten sich deswegen zusammengetan, um den geistlichen Stand überall auszurotten.«

Aus väterlichem Wohlwollen habe der Rat ihn beauftragt, 5 Artikel dem Kloster zu unterbreiten. »Nehmt ihr die Artikel an, dann können wir euch vor der Bevölkerung besser beschützen. Nehmt ihr sie aber nicht an, dann könnten sie unser Kloster nimmer erhalten.« Diese fünf Artikel forderten innerhalb einer Frist von vier Wochen:

1. Die Äbtissin soll alle Schwestern von ihren Gelübden entbinden und ihnen volle Freiheit gewähren.

2. Jede Schwester soll das Klosterleben aufgeben dürfen. Auch soll den Eltern freistehen, ihre Kinder aus dem Kloster - selbst gegen deren Willen - herauszuholen. Das Kloster soll die Pflicht haben, jeder Schwester bei ihrem Austritt aus dem Orden ein »Leibgeding« mitzugeben, beziehungsweise bei der Heirat eine »Ausfertigung« (Aussteuer).

3. Die Schwestern sollen die Ordenskleidung ablegen.

4. Das Sprechfenster im Kloster soll zu einem Gesichtsfenster umgeändert werden, so dass jeder die Schwestern beim Gespräch sehen kann.

5. Das Kloster soll ein Inventarverzeichnis aufstellen und dem Rat aushändigen, in dem alle Besitzungen und Einkünfte des Klosters genau verzeichnet sind.

(Dieser letzte Artikel lässt die Katze aus dem Sack. Dem Rat geht es um den Besitz des Klosters.)

 

Antwort der Äbtissin

 

Als die Herren ausgeredet hatten, erklärte die Äbtissin: »Was den ersten Artikel bezüglich der Gelübde angeht, so hat keine Schwester mir oder einem anderen Menschen diese abgelegt, sondern einzig und allein dem allmächtigen Gott. Darum habe ich als armseliger Mensch in keiner Weise das Recht, ein Gelübde aufzulösen, das Gott gemacht wurde. Das steht nicht in meiner Macht.« Zu Artikel 3: »Ihr sagt immer, wir wären die Ursach mit unseren Kleidern und Gelübden von Auflauf und Empörung. Ich fürchte sehr, dass euere Prediger, die wir hören müssen, davon die Ursache sind, da sie uns ständig auf den Kanzeln lästern und 'solch groß Sünd und Unreinigkeit sagen'. Würden wir solches tun, was man von uns auf der Kanzel sagt, dann wäre es gut, wenn man uns im Kloster verbrennte. Einige sagen: Jetzt kommt es an den Tag, wir seien schlimmer als die Huren hinter der Stadtmauer. Wir fordern die Herren vom Stadtrat auf, sie sollen den Predigern sagen, sie sollen auf den Kanzeln gegen uns nicht so viele Verleumdungen aussprechen und dann wird die Empörung über uns von selbst aufhören.«

Zu Artikel 4: »Ich merke wohl, dass sie aus diesem Kloster, das reformiert ist, ein offenes Kloster machen wollen. Wenn dies geschieht, will ich nicht im Kloster bleiben; 'denn ich trauet mir nicht, darin meine Seele selig zu machen'.«

Als die Klosterfrauen zum Kapitel zusammenkommen, erklären sie einmütig, sie wollten die Regel, die sie Gott gelobt haben, halten; niemals aber wollten sie die Regel annehmen, die der Stadtrat ihnen geben wolle. Leidenschaftlich begehrten sie, gehorsam bleiben zu dürfen. Umgekehrt versprach Charitas, in allen Stürmen bei ihren Schwestern zu bleiben.

»Wenn aber die Schwestern lutherisch werden wollten oder treubrüchig oder ein offenes Kloster wollten machen, dann wolle sie nicht einen Tag bei ihnen bleiben.»

Charitas befragte einige Freunde des Klosters, wie sie sich zu den Forderungen des Rates verhalten solle. Die Freunde schlugen den Schwestern vor, wenigstens in der Einrichtung eines Gesichtsfensters nachzugeben.

 

Drei Schwestern werden gewaltsam aus dem Kloster geholt

 

Am Samstag vor dem Dreifaltigkeitsfest erschienen Jeremias Ebner und der Pfleger Kaspar Nützel, um ihre Töchter aus dem Kloster zu holen. Als Grund gaben sie an, der Stadtrat habe für die Schwestern ein neues Ordenskleid vorgeschrieben und sie wollten ihre beiden Töchter neu kleiden. Montag daraufkamen Frau Nützel und Frau Tetzel auf einem Wagen gefahren und wollten mit Gewalt ins Kloster eindringen. Die Äbtissin verwehrte es ihnen. Die Frauen machten geltend, sie hätten Erlaubnis vom Rat, hineinzugehen, so oft sie Lust hätten. Als sie auf diese Weise nichts erreichten, verlangten sie, dass die Äbtissin die drei Schwestern in die Kirche hinausgehen lasse. Wenn sie nicht einwillige, werde man sie zwingen. Sie fragten auch, wo die Gesichtsfenster seien, die der Rat geboten habe. Verärgert erklärten sie, es sei offenkundig, dass die Schwestern in allen Dingen Widerstand leisteten.

Charitas erklärte, es sei ihr in dieser kurzen Zeit nicht möglich gewesen, das Gesichtsfenster machen zu lassen und dass ihr der Rat eine Frist von vier Wochen gewährt habe. Darauf gingen sie unter Drohungen fort mit der Versicherung, sie würden das nächste Mal Hilfe mitbringen. Am 14. Juni, am Fronleichnamsabend, kamen die drei Frauen wieder zur Äbtissin und erklärten, sie wollten während der Essenszeit kommen und ihre Kinder holen. Die drei Schwestern, denen die Äbtissin Bescheid gab, weinten. Charitas schrieb in ihrem Tagebuch ausführlich, in welch verzweifelter Lage sie sich befand, da die drei Mädchen nicht aus dem Kloster gehen wollten. »Die Kinder fielen um mich, weinten und schrien und begehrten, ich sollt' sie nicht verlassen. Aber ich konnte ihnen leider nicht helfen...«

Männer und Frauen mühten sich, die drei Mädchen mit Gewalt hinauszuzerren. Diese wehrten sich, soviel sie konnten. Die Eindringlinge befahlen ihnen, hinauszugehen... »Denn sie seien dazu da, dass sie ihre Seele aus der Hölle befreien, sie säßen dem Teufel im Rachen, das könnten sie nicht in ihrem Gewissen hinnehmen. Die Mädchen schrien, sie wollten sich von dem frommen, heiligen Konvent nicht trennen und erklärten, sie wären gar nicht in der Hölle.«

Charitas, die den Kampf hinter der Türe miterlebte, war erschüttert: »Da standen meine armen Waislein unter den grimmigen Wölfen und kämpften mit all ihren Kräften. Ich sagte zu den Frauen: 'Hättet ihr auf Befehl eines Rates euere Kinder hierhergebracht, so würden sie sehen, wie gern sie hinausgingen...'«

Margaretha Tetzel schrie: »0 liebe Mutter, treibt uns nicht von euch!« Charitas antwortete: »Liebes Kind, du siehst, dass ich dir leider nicht helfen kann. Denn die Gewalt ist groß und wenn dann dem Konvent weitere Unannehmlichkeiten zugefügt werden, seht ihr es auch nicht gern. Ich hoffe, dass wir deswegen nicht geschieden sind und wieder zusammenkommen und ewig bei unserm treuen Hirten bleiben.« Katharina Ebner erklärte: »Da steh ich und werde nicht weichen; kein Mensch soll erzwingen können, dass ich hinausgehe.« Kaum hatte sie so gesprochen, nahm sie der »Held« unter die Arme und fing an zu ziehen und zu zerren.

»Da lief ich mit den Schwestern davon; ich konnte den Jammer nicht mehr ansehn. Einige Schwestern blieben vor der Kapellentür und hörten das Schreien und Weinen der Kinder. Vier Menschen hatten an je einer gezogen und geschoben; auf der Türschwelle waren Katharina Ebner und Margarethe Tetzel aufeinandergefallen. Dem armen Tetzelien hat man schier den Fuß abgetreten. Frau Tetzel drohte ihrer Tochter, wenn sie nicht folgen wolle, werde sie dieselbe über die Stiege zur Kanzel hinabstoßen... Als man sie dann 'auf die Wege vor der Kirche wollte setzen', riefen die armen Kinder mit lauter Stimme und klagten, sie litten Gewalt und Unrecht; man habe sie mit Gewalt aus dem Kloster gezogen ... Frau Ebner schlug (ihrer Tochter) Katharina so auf den Mund, dass sie ständig auf dem Weg geblutet hat.

Wie es den armen Kindern weiterhin ergangen ist, können wir nicht wissen. Man erzählte uns vier Tage danach, dass Klara Nützel bis dorthin noch keinen Bissen zu sich genommen habe und die anderen würden ohne Unterlass weinen.«

 

Die Predigtweise der neuen Prädikanten

 

Charitas schreibt: »Ich habe in meinem Leben viel und viel gelesen, hab aber nie ein so seltsames Evangelium gelesen (wie die neuen Prediger es verkündeten), mit so viel Schänden und Schmähen und dem Teufel ergeben. Doch ich will nicht über ihn klagen; denn ich habe seine Predigt mit besonderem Fleiß gehört und sie ist mir auch zu Nutzen gewesen; er hat uns im alten Glauben mehr Bestärkt als ein Franziskaner es fertig gebracht hätte.« An den Pfleger Nützel schreibt sie über die neuen Prediger:

»Wir sind nicht allein, die Zweifel an den neuen Predigern haben. Oft höre ich, dass viel in der Stadt fast verzweifeln und in keine Predigt mehr gehn; sie sagen, dass sie durch die Predigten verwirrt werden und nicht mehr wissen, was sie glauben sollten. Sie gäben viel darum, wenn sie dieselben nicht gehört hätten... Dem Osiander hätten sie nahezu vier Stunden zugehört... Wir sind ihm zu wenig als dass wir mit solch hochgelehrten Leuten disputiern könnten. Wir könnten sagen, was wir wollen. Wir müssen einfach Unrecht haben. Das ist die Ursache, warum wir uns bisher enthalten haben, mit den Predigern viel zu reden. Sie sollen sich über unsere Worte nicht argem und dann auf der Kanzel viel Geschrei machen."

 

Melanchthons Fürsprache für die Schwestern

 

Melanchthon war der Freund Luthers; er hat die Rechtfertigungslehre Luthers abgeschwächt. Für den Augsburger Reichstag 1530 formulierte er die »Augsburger Confession«. Er unterhandelte mit den Katholiken im Geist der Versöhnung. Dieser Geist der Versöhnung zeigte sich bei ihm auch, als er 1525 nach Nürnberg kam und von den Klarissinnen hörte. Charitas schreibt: »Um Martini (11. November) verlangte der Pfleger, ich sollt ihm vergungen, dass er mit Philipp Melanchthon zu mir komme, der fast (sehr) ein gelehrter Mann war zu Wittenberg.«

Die Äbtissin bemerkt an ihm: »Er war bescheidener mit seiner Rede, wie ich noch keinen lutherischen gehört hab.«

Melanchthon äußerte dem Pfleger Nützel und den Ratsherren gegenüber sein Missfallen, dass man den Barfüßern (Franziskanern) den Gottesdienst in St. Klara verboten habe und drei Nonnen mit Gewalt aus dem Kloster geschleppt habe. Ja, er nannte dieses Vorgehen ohne Umschweife eine Sünde. Offensichtlich ist Melanchthon zur rechten Zeit bei Charitas Pirckheimer erschienen, denn eben war vom Rat beschlossen worden, die Schwestern aus dem Kloster zu vertreiben und die Baulichkeiten abzubrechen. Fortan ließen die Quäler ein wenig von den Klarissinnen ab.

Eine Abtrünnige im Kloster

Äbtissin Charitas berichtet von einer Schwester, die durch den Einfluss der neuen Prediger lutherisch geworden war und 1528 zu ihrer Familie zurückkehrte, obwohl man sie dort gar nicht haben wollte. Später heiratete sie den ehemaligen Benediktinerabt von Sankt Ägidien, Friedrich Pistorius. Charitas: »Von dieser Person wäre viel zu schreiben. Sie fing das lutherisch Leben an, ging emsig in die Predigt, gebraucht sich lutherisch Freiheit, sie nahm keine Strafe an, weder von den Obern noch von ihren Mitschwestern. Sie sagte, sie wolle nicht ein Schaf sondern eine Hirtin sein. Sie meint, sie könne das Amt der Äbtissin wohl übernehmen, sie wäre dazu gelehrt und geschickt. Wer sich von solch unbilligen Benehmen abweist, dem ist sie feind. Niemand hat gern mit ihr zu tun. Immer ist sie voll Widerwillen gegen den Orden und disputiert über die Lutherei, dass niemand ungetrübt von ihr wegging... Wenn der Konvent zu Tisch saß, dann schlief sie. Wenn man im Chor war, dann aß sie. Sie konnte nicht im Kloster bleiben.«

Es wäre zu verwundern, wenn es in jener verwirrten Zeit keinen Judas in der Schwesterngemeinschaft der Klarissen gegeben hätte. In Zeiten voll Sturm und Wettern gibt es immer viel Fallobst. So wenig wie dieses Fallobst uns etwas sagt über die gesunden Äpfel, so wenig sind Abtrünnige ein Beweis für den Stand eines Klosters. Selbst Jesus Christus konnte es nicht verhindern, dass einer seiner Apostel zum Verräter wurde.

 

Das Ende

 

Die Tagebuchaufzeichnungen der Äbtissin Charitas Pirckheimer schließen mit dem Jahr 1528. Ihre Kräfte waren erschöpft. In den Armen der von ihr treu behüteten Ordensschwestern starb sie im Alter von 66 Jahren am 19. August 1532. Am Eingang der Klosterkirche wurde sie beigesetzt. Ihrer Tapferkeit war es zu verdanken, dass der Rat der Stadt das Kloster nicht mit einem Schlag aufzuheben gewagt hatte. Man ließ es langsam aussterben. Allerdings war die Stadt bemüht, den alternden Nonnen das Leben im Kloster durch stete Drangsalierung so sauer wie möglich zu machen. Die letzte Äbtissin, Ursula Muffel, verschied 1590. Nicht lange danach starben auch die letzten Klosterschwestern. Der Rat hatte sein Ziel erreicht. Das Kloster schloss die Pforten für immer. Die Stadt beschlagnahmte die Klostergüter. Das Kirchlein diente nun dem protestantischen Gottesdienst. Seit 1854 ist es wieder in den Händen der Nürnberger Katholiken.

Dem stillen Heldentum der Charitas Pirckheimer, die mit ihrer Schwestemschar in den sturmbewegten Tagen der Reformation unerträgliche Leiden, Kämpfe und Seelenqualen auszustehen hatte, wird niemand, gleich ob er Freund oder Gegner ist, seine Bewunderung versagen. Ein Gedanke drängt sich auf: Nicht mehr Dienst und Bescheidenheit, nicht mehr Gemeinschaft und Unterordnung, nicht mehr Zurückgezogenheit und Stille, nicht mehr Verehrung und Entsagung, sondern von allem das Gegenteil begann sich in der Welt seitdem durchzusetzen. Die Ansprüche ans Leben stiegen, aus Ichsucht wurde Ausgestoßenheit und aus Selbstüberschätzung Selbstzerstörung (Wolfgang Joh. Bekh).

Wie sehr hatte damals mein Guardian recht, wenn er mich beauftragte, mit sauberem Habit und mit ordentlichen Schuhen nach St. Klara in Nürnberg zu fahren. Eine so tapfere, heiligmäßige Frau und ihre Schwestern haben es verdient, dass man ihnen mit Ehrfurcht begegnet, die sich auch im Äußern zeigt.

Demütig wenden wir uns an Gott und bitten:

»0 Herr, bewahre uns den heiligen katholischen Glauben auf die Fürbitte deiner treuen Dienerin Charitas Pirckheimer, die diesen Glauben mit ihren Schwestern so standhaft bekannt und verteidigt hat. Verleihe ihr zum Lohne ihres starkmütigen Glaubens und zur größeren Wirksamkeit ihres Beispiels die Ehre der Altäre.« Amen.

 

P. Edilbert Lindner O.F.M. Cap. in: »Ewige Anbetung«, 1983/1

 

Zeitschrift

Newsletter

Aktuell online

Wir haben 39 Gäste online

Termine


Aktuell stehen keine Termine an.

PayPal-Spende

Jedes Engagement, jede Aktion hat auch eine finanzielle Seite, die unsere Einsatzmöglichkeiten begrenzt. Um uns zu helfen, unsere Ausstrahlung zu vergrößern oder unseren Einsatz zu vervielfältigen benötigen wir Ihre finanzielle Unterstützung.
Herzlichen Dank für Ihre Spenden!