Civitas Institut

Gedanken zum 17. Juni: Ein schwieriges Vaterland? PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 17. Juni 2016 um 16:17 Uhr

Der völlig zu Recht längst vergessene Bundespräsident Gustav Heinemann (1899 – 1976, Amtszeit 1969 – 1974) hat einmal davon gesprochen, Deutschland sei ein schwieriges Vaterland. Nun – dem können wir uns nur in dem Sinne anschließen, als alle Vaterländer ebensolche sind: schwierige Vaterländer nämlich.

Jedes Land in unserem Europa ist durch seine Vergangenheit belastet. Unser deutsches Unglück z.B. ist es anscheinend (gewesen), dass ein friedliebendes, arbeitsames Volk in der Neuzeit immer wieder von Leuten regiert wurde, welche seine guten Eigenschaften (und seine Schwächen!!) für übelste Zwecke ausnutzten. So wurde Deutschland immer wieder das Opfer von Großmannssucht und arroganter Anmaßung von Einzelnen oder Gruppen.

Und es kann auch jedes Land auf seine Vergangenheit stolz sein. Gerade bei uns in Europa bewahrheitet sich der schöne Satz, Völker seien Gedanken Gottes: welchen Reichtum an Schönheit und gutem Geschmack hat Italien zur Zivilisation beigetragen, wie großartig ist die Begabung der Niederländer für die Malerei, was haben wir Deutschen für Künste und Wissenschaften geleistet, nachdem die entsetzlichen Folgen des 30jährigen Krieges (fast 200 Jahre später!) einigermaßen überwunden waren, was und wo wären wir ohne die griechische Philosophie! Und so hat jedes Volk unseres kleinen Kontinents etwas dazu beigetragen, dass eben dieser winzige Kontinent zum führenden Kontinent des Planeten aufsteigen konnte und so manche andere Kulturen bereichern konnte, die ohne ihn nicht einmal die Begriffe hätten, mit denen sie ihn heute anklagen wollen.

Die Völker dieses Kontinents haben in der Geschichte gegeneinander Krieg geführt, und sie haben sich gegen Gefahren eng zusammengeschlossen. Es hat im Leben dieser Völker großartige Augenblicke und niederschmetternde Ereignisse gegeben, so, wie im Leben jedes einzelnen Menschen auch. Und im Laufe der vielen Jahrhunderte ist bei aller Verschiedenheit im Einzelnen die einzigartige europäische Zivilisation entstanden, deren Grundlage das christliche Menschenbild (deshalb auch: die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft), ein gemeinsamer Wertekanon, eine gemeinsame Sicht des Verhältnisses von Sakralem und Profanem, eine identische Sicht der Bedeutung von Arbeit und Vernunft und ein immer mehr akzeptierter Verhaltenskodex ist. Diese Verschiedenheit ist sogar ein Reichtum, wenn eben diese Grundlagen gemeinsam sind.

Alle europäischen Völker sind in sich ebenso verschieden, wie es die Völker an sich und untereinander sind. Friesen und Bayern sind unterschiedlich, ebenso wie Normannen und Okzitanier, Lombarden und Sizilianer. Trotz aller dieser bereichernden Unterschiede begreifen sich alle als Angehörige eines Volkes, auch wenn sie zunächst und an erster Stelle eben Bayern, Friesen, Westfalen oder Ostpreußen sind. Irgend etwas an der Lebensweise macht, dass da Gemeinsamkeiten sind, die über den Verschiedenheiten stehen.

Am 17. Juni 1953 fand in den Ländern, die damals seit vier Jahren (!) die DDR bildeten, ein Volksaufstand statt, der sich zunächst gegen schlechte materielle Arbeits- und Lebensbedingungen richtete, bald aber sehr viel mehr meinte. Es war auch ein Aufstand gegen ein System, welches begann, die herkömmliche, gewachsene Lebensweise immer mehr zu verändern, einen neuen, den „sozialistischen“ Menschen zu schaffen. Ein System, das immer mehr in die Freiheit des Menschen eingriff, sein eigenes Leben selbst zu gestalten; ein System, das die Geschichte (soweit sie sie überhaupt duldete) in seinem Sinne umschreiben wollte, das Traditionen und Eigenes auf Blasmusik und Stechschritt reduzieren wollte (ja, ja, das ist stark vereinfacht, aber das Prinzip war genau dieses: Äußerlichkeiten ohne den eigentlichen kulturellen Hintergrund, weil der Sozialismus die Erinnerung an die Vergangenheit fürchtet), das die typisch deutsche Arbeitsamkeit und den typisch deutschen Hang zur friedfertigen Hinnahme alles dessen schamlos ausnutzen wollte und so ungewollt den Anlass für den Aufstand lieferte. Auch ohne es wohl so genau zu erfassen, haben es die Landsleute damals begriffen und Mut vor jenen Panzern gezeigt, die eigentlich nichts weiter tun konnten als ihnen, den Unterdrückten, Recht zu geben, indem sie die Herrschaft jenes Systems für die insgesamt zehnfache Zeit, nämlich vierzig Jahre, sicherten. Was blieb anders übrig, als sich einzurichten? Wer hätte denn anderes bewirken können unter den Gegebenheiten dieses Systems?

Der 17. Juni 1953 ist deshalb ein Tag der Würde, auch wenn diese Würde in der Folgezeit arg verdunkelt wurde. Verdunkelt durch die Kräfte, die in Deutschland mit Begriffen wie Einheit, gar Volk, Vaterland, Ehre, Würde nichts mehr zu tun haben wollten (eine gewisse Partei an der Spitze, die heute immer mehr in die ihr zustehende Bedeutung versinkt) und den 17. Juni zu einem – so das Wetter denn mitspielte – Bier-und-Würstchen-Feiertag verkommen ließen.

Nein. Der farblose 3. Oktober ist so völlig nichtssagend, dass er sogar zum „Tag der offenen Moschee“ gemacht werden kann. - Die Franzosen feiern mit dem 14. Juli jenen Tag, an dem ihre grausame und in jeder Beziehung fürchterlich mörderische Revolution begann. Wir Deutschen hätten die Möglichkeit, den Tag eines Volksaufstandes zu begehen, dessen Ziele würdevoll und ehrenhaft waren und immer noch sind.

Wer soll uns daran hindern, heute abend ein gutes Glas Riesling vom Rhein (oder von der Mosel, oder...) auf unser Vaterland zu trinken? Nur so als Anfang, meine ich...

JV

 

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