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DER SPIEGEL hat doch Recht PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 04. August 2016 um 12:39 Uhr

Das Wochenmagazin DER SPIEGEL, gelegentlich auch als „Bildzeitung für Intellektuelle“ bezeichnet und bekannt für seine radikal säkularistische und atheistische Berichterstattung, hat im Jahr 1970, also vor 46 Jahren, einen Beitrag veröffentlicht, der den Untergang der katholischen Kirche präzise vorhersagt. Die Analyse ist umso überraschender, als der Mainstream der damaligen Zeit und insbesondere der Mainstream in der katholischen Kirche nach dem Konzil eher das Gegenteil behauptete: Einen neuen Aufbruch der Kirche, auch und besonders in Folge der Liturgiereform. Heute wissen wir: DER SPIEGEL hatte Recht.

Die folgenden Zitate stammen aus der Ausgabe des SPIEGEL vom 6. Juli 1970 (unser Bild):

„Man braucht nicht das Urteil künftiger Historiker abwarten, um das Ende des europäischen Kirchentums vor sich zu sehen. Es ist nicht das Ergebnis von Kulturkämpfen und diktatorischer Unterdrückung. Zumal auf dem Schauplatz der Bundesrepublik sind die wesentlichen Kompromisse zwischen Staat und Kirche, der Kirchen untereinander, zwischen Säkularisation und Theologie zufriedenstellend formuliert, die Konfessionen Teilhaber des legalisierten Pluralismus, kein Gegner weit und breit. Der Fluch Voltaires ist verhallt, der philosophische Atheismus und die ideologische Entlarvung des Christentums gehören schon zu den Antiquitäten des 20. Jahrhunderts.“


Man sucht nach Ausdrucksformen, nach ‚Welt‘, weniger nach Wahrheit, und das verstärkt die Gemeinsamkeiten der Kirchen: in der Rezeption der kritischen, zum Teil schon negativen Theologie durch die katholischen Theologen, in dem retardierenden Konservatismus der Kirchenleitungen, in der Neigung zum sozialkritischen Radikalismus beim niedrigen Klerus, den Studenten und ideologisch Aktiven. Der Gegensatz zwischen konservativer Hierarchie und dem progressiven Radikalismus ist freilich nur relativ. Beiden wollen die Anpassung, beide wollen, autoritär oder revolutionär, den Glauben als soziale Funktion.“


„So sind die Kirchen ähnlich geworden, weniger durch ökumenische Bewegung als durch Assimilation des Alterns. In Zukunft wird die Verständigung unter konservativen und traditionsorientierten Katholiken und Protestanten leichter sein als zwischen Progressiven und Konservativen innerhalb der eigenen Kirchen.“


Intra muros die Neuinszenierung von Gottesdiensten, Diskussionen, Beat-Messen oder die liturgische Imitation protestierender Gesten. Alle diese Experimente, radikal und gemäßigt, haben dieselbe Tendenz, aus der traditionellen Gemeinde eine Aktionsgruppe zu machen, die Institution in soziale Energie zu verflüssigen – in Wirklichkeit ist es freilich Regression.“


„Umso größer ist ihre Wirkung auf den Kultus der Kirchen. Sie wird ihn in absehbarer Zeit zerstört haben.
Man wird nicht mehr lange vom unverbindlichen ‚Weltbild der Bibel‘ sprechen können, ohne zugleich die alten Formen des Kultus beiseite zu schieben.


Für die protestantische Kirche ist das fast schon selbstverständlich, wenn auch nicht zu sehen ist, welche Formen Kirchenlied, Gebet und Predigt annehmen sollen. Um so tiefgreifendere Folgen muß die Rezeption der kritischen Theologie für den Katholizismus haben, wenn die Messe den Charakter der Mysterienfeier verliert. Hier ist gewiß langer und zäher Widerstand zu erwarten [siehe die Bewegung, die von Erzbischof Marcel Lefebvre ins Leben gerufen wurde. Anm. der Red.). Aber wird es möglich sein, die Auferstehung Jesu und seine Himmelfahrt, die Unbefleckte Empfängnis und vieles andere gegen die theologische Kritik, gewissermaßen als sakrale Folklore, zu erhalten? Vielleicht werden die Gewerkschaften die letzten sein, die die christlichen Feiertage, wenn auch nur tarifpolitisch, verteidigen.


Die Zerstörung des Kultus wäre aber ein Vorgang, der weit mehr als die Außenseite der Liturgie betrifft. Sie trifft die Struktur des europäischen Kirchentums, zu dessen Schwerpunkten der Kultus und seine Öffentlichkeit gehören. Sie trifft die Darstellungsfähigkeit des Glaubens und damit seine Mysterien. Denn die christliche Botschaft ist, trotz der überwältigenden Rationalität, die von ihr als Wirkung ausging, Offenbarung von Geheimnissen. Sollten die Kirchen auch nur allmählich, aber in einer sich rascher beschleunigenden Entwicklung, darauf verzichten müssen, die Wahrheiten ihres Glaubens zu verehren und zu feiern, und sich damit begnügen, soziale Prinzipien zu demonstrieren [man denke an Papst Franziskus u.a.; Anm. der Red.], wäre ihr Ende besiegelt.“

Der Artikel endet mit dem Satz:


Die Zukunft der Kirchen liegt wahrscheinlich allein in der Wiederherstellung des Kultus. Das klingt reaktionär, ist es auch. Andernfalls bleibt ihnen die ‚Öffnung zur Welt‘. Aber was sie für die Teilnahme am sozialen Prozess halten – das eben ist ihre Liquidation.


Der Artikel stammt übrigens von Rüdiger Altmann
Ein Nachdruck des Beitrags wurde veröffentlicht in SINFONIA SACRA. Mitteilungsblatt Nr. 54, März / Juni 2016.

Den vollständigen Beitrag finden Sie im SPIEGEL-Archiv hier

 

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