Civitas Institut

Das Naturrecht als Grundlage jeder staatlichen Ordnung PDF Drucken E-Mail
Montag, den 21. Januar 2008 um 10:58 Uhr

thomas.jpgDas Naturrecht als Grundlage jeder staatlichen Ordnung

Vortrag des Civitas Instituts


1. Was versteht man unter Naturrecht?

Wenn man heute in verschiedenen Kreisen das Wort „Naturrecht“ gebraucht, stößt man nicht selten auf völliges Unverständnis. Das Verständnis des überlieferten Naturrechts scheint in der Tat vollständig aus dem Bewußtsein unseres Volkes verschwunden zu sein. Man assoziiert damit so etwas wie die Ordnung von Naturvölkern, das „Recht des Stärkeren“ und ähnliches. Man erkennt hieran einmal mehr, wie schnell ein grundlegender politischer und sozialer Begriff verschwinden kann, wenn bestimmte interessierte Kreise alles daran setzen, ihn zu unterdrücken und durch etwas anderes zu ersetzen. An die Stelle des Naturrechts hat man den Begriff der Menschenrechte gesetzt, der einen völlig anderen Hintergrund hat, worauf ich später noch genauer zu sprechen kommen werde.

Ohne ein gutes Verständnis des wahren Naturrechts, wie es seit Jahrhunderten von der Kirche verteidigt wird, ist eine richtige und angemessene Beurteilung ethischer, sozialer, politischer und juristischer Probleme unserer Welt nicht möglich. Darum ist es geradezu eine Verpflichtung für einen Katholiken, sich zumindest die Grundkenntnisse des Naturrechts anzueignen und für seinen persönlichen Lebensbereich fruchtbar zu machen. Dies will ich mit dem folgenden Vortrag versuchen.

Leider hat die katholische Kirche selbst den Begriff des Naturrechts nach dem II. Vatikanischen Konzil entweder ganz aufgegeben und ebenfalls durch den Begriff der Menschenrechte ersetzt, oder ihn so abgeändert, daß er nicht mehr im Widerspruch zum neuzeitlichen rationalistischen oder aufklärerischen Naturrechtsverständnis steht. Es gibt nämlich nicht das Naturrecht schlechthin, sondern ganz verschiedene Verständnisse des Naturrechts. Dazu später mehr.

Was ist nun mit dem Wort „Naturrecht“ gemeint? Das Wort „Natur“ bezieht sich nicht primär auf die allgemeine von Gott geschaffene Natur, sondern meint die Natur im Sinne von Wesen und zwar des menschlichen Wesens. Der Mensch ist nicht, wie uns der Existentialismus und ähnliche Ideologien klar machen wollen, das „nicht festgestellte Tier“ (Nietzsche), er ist nicht ein weißes, unbeschriebenes Blatt, daß sich selbst zu dem macht, was es sein will, ein „geworfener Entwurf“, wie Heidegger sagt, sondern er hat eine ihm, die allen Menschen gemeinsame Natur, ein unveränderliches Wesen, das allen Menschen aller Jahrhunderte gemeinsam ist. Alle Menschen sind Menschen und keine Kühe, oder Hühner, oder Regenwürmer. Dasjenige, was den Menschen zum Menschen macht, das, wodurch er sich von allen anderen Geschöpfen unterscheidet und wodurch er eben ein Mensch ist, nennt man die Natur des Menschen.

Und was ist diese Natur des Menschen, was zeichnet ihn vor allen anderen Geschöpfen aus? Der Mensch ist eine leib-seelische Einheit. Der Mensch ist das animal rationale, wie man im Mittelalter sagte, das vernunftbegabte, geistige, rationale Lebewesen. Er ist weder reiner Geist wie die Engel noch einfach ein Lebewesen wie die Tiere und Pflanzen. Es ist vor allem anderen der Geist, die Vernunft, die den Menschen von allen anderen Lebewesen auf der Erde unterscheidet. Und was ist mit dem Geist genauer gemeint? Insbesondere zwei Fähigkeiten sind es, die den Geist charakterisieren: durch seine Geistigkeit kann der Mensch etwas als etwas erkennen. Die menschliche Erkenntnis ist nicht einfach so, daß sie z.B. irgendetwas bloß wahrnimmt was ihr auf seinem Weg durch einen Raum im Wege steht, oder nur insofern wahrnimmt, als es zu seiner Lebenserhaltung notwendig ist wie beim Tier, sondern der Mensch nimmt z.B. wahr, daß der Stuhl dort aus Holz ist, daß der Himmel heute bedeckt ist und Regen verheißt. Durch die Vernunft kann der Mensch zudem erkennen, was gut ist und was schlecht ist, was böse ist. Er sieht z.B. nicht bloß einfach, daß ein junger Mensch einer älteren Dame die Tasche aus der Hand nimmt, sondern er sieht damit auch ein, daß diese Handlung böse ist. Und die zweite Fähigkeit des Geistes ist der Wille. Dadurch kann sich der Mensch frei, ohne inneren und äußeren Zwang für das Gute entscheiden. Er kann durch den Willen auch eine naheliegende Befriedigung zu Gunsten einer höheren Befriedigung zurückstellen, und das nicht nur einige Minuten, sondern tage-, wochen- und oft jahrelang; er kann seine natürlichen Triebe unterdrücken, umlenken und umformen.

Aus der kaum zu leugnenden allgemeinen Tatsache der leib-seelischen Einheit, die der Mensch ist, ergeben sich nun ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die mit dem Wort „Naturrecht“ zusammengefaßt werden, z.B. das ganz einfache Gesetz, daß bei allem was der Mensch tut, das Geistige gegenüber dem leiblichen vorherrschen soll. Diese Gesetzmäßigkeiten sind göttlichen Ursprungs, weil der Mensch, wie alles andere auch, von Gott geschaffen ist. Deshalb können sie vom Menschen ebenso wenig geändert oder beseitigt werden wie die allgemeinen Naturgesetze der Physik, der Chemie und Biologie. Der Mensch unterliegt auch diesen Naturgesetzen, sie sind gültig, unabhängig von Raum und Zeit. Allerdings sind die Gesetze des Naturrechts nicht in der selben Weise bindend, wie die Naturgesetze der Physik usw. Letztere sind unabänderlich und können durch uns nicht außer Kraft gesetzt werden. Wir können gegen Naturgesetze praktisch gar nicht verstoßen ohne zumindest schweren Schaden davon zu tragen. Wer die Gesetze der Schwerkraft nicht beachtet, fällt sogleich heftig auf die Nase und wird deshalb z.B. alles tun, möglichst nicht aus dem fünften Stock eines Hauses zu springen. Im Prinzip kann man auch gegen das Naturrecht nicht verstoßen, ohne schweren Schaden zu verursachen, doch tritt dieser Schaden nicht immer sofort ein und ist oftmals auch nicht sogleich zu erkennen. Die Gesetze des Naturrechts sind nämlich moralische Gesetze, Gesetze die ein Sollen beinhalten, was von den Naturgesetzen der Physik zweifellos nicht gesagt werden kann. Man kann gegen das Naturrecht verstoßen, sich darüber hinwegsetzen und anderes tun, als vom Naturrecht vorgesehen. Wir können uns z.B. unseren Begierden überlassen, uns von einer Wut beherrschen lassen und auf Rache aus sein. Dann herrscht das Animalische in uns über das Geistige.

Wir sehen also, woher das Naturrecht seinen Ausgangspunkt nimmt. Die Grundlage des Naturrechts ist das Wesen des Menschen, die menschliche Natur. Dies ist ein objektiver Ausgangspunkt, etwas, das völlig unabhängig von uns besteht, was wir uns nicht selbst ausgedacht haben, was wir nicht selbst gemacht haben. Es ist eine schlichte, auch wissenschaftliche Tatsache, daß der Mensch eine leib-seelische Einheit ist, daß er Person ist, die leibliches und geistiges in sich verbindet. Schon in diesem Ausgangspunkt, in der Grundlage unterscheidet sich das christlich verstandene Naturrecht, - man spricht auch vom metaphysisch verstandenen Naturrecht – von allen anderen Naturrechtstheorien. Das aufklärerisch-individualistische Naturrecht beispielsweise nimmt seinen Ausgangspunkt von einem angeblichen Urzustand des Menschen, einem einsamen Robinson Crusoe, wobei die Beschreibung dieses Urzustandes weitgehend von den subjektiven Vorlieben des Autors bestimmt wird. Beispiele hierfür sind etwa Jean Jacques Rousseau und Thomas Hobbes, die sich auch noch in der Beschreibung des Urzustandes des Menschen deutlich unterscheiden. In diesen Theorien wird zudem der Mensch in seiner Individualität zum Ausgangspunkt genommen und damit die soziale Natur des Menschen als etwas zweitrangiges, nicht ursprünglich zum Menschen gehörendes angesehen. Folglich können diese Theorien auch nur zum Individualismus führen.

2. Wo hat das Naturrecht seinen Ursprung?

Die Lehre vom Naturrecht ist eigentlich schon sehr alt und keine christliche Erfindung. Das Naturrecht selber ist allerdings noch viel älter als die Lehre vom Naturrecht. Die wichtigsten Elemente des Naturrechts finden sich praktisch in fast allen Hochkulturen der Menschheit, am deutlichsten ausgeprägt freilich in der griechisch-römischen Kultur und ganz besonders im Volk Israel in den Zehn Geboten. Die Zehn Gebote, die das Volk Israels am Berge Sinai von Gott selbst empfangen hat, sind gewissermaßen eine klare Kurzfassung des gesamten Naturrechts. Durch die schwere Beeinträchtigung die die menschliche Natur durch die Sünde unserer Stammeltern erlitten hat, sah Gott offenbar die Notwendigkeit, dem auserwählten Volk Israel das Naturrecht in einer einfachen und einprägsamen Form mitzuteilen. Grundsätzlich ist aber festzuhalten, daß der Mensch auch ohne göttliche Offenbarung, wenn auch mit verschiedenen Schwierigkeiten, das Naturrecht mit seiner Vernunft einsehen und verstehen kann. Dies sieht man beispielhaft in der griechisch-römischen Kultur, wenn hier auch zweifellos nicht immer alles mit rechten Dingen zuging und verschiedene Irrtümer fast unvermeidbar waren.

Die Lehre vom Naturrecht geht zurück auf die Anfänge der Philosophie bei den Griechen, besonders aber auf Aristoteles. Ihre systematische und christliche Prägung erhielt es insbesondere durch den hl. Thomas von Aquin. Auch hier sieht man, daß das Christentum das Vorhandene nicht einfach zerstört, sondern aufnimmt und durch das geoffenbarte Licht des Glaubens durchdringt, reinigt und erhellt. Seit der Zeit des engelgleichen Lehrers ist die Lehre vom Naturrecht die Grundlage für die Lehrverkündigung der Kirche in Bezug auf allgemeine moralische, soziale, politische und rechtliche Fragen mit denen sich die Kirche an alle Menschen des Erdkreises wendet und nicht nur an die Gläubigen.

Die Lehre des Naturrechts ist nicht primär eine kirchliche Lehre oder mit der katholischen Lehre identisch. Sie bezieht sich ausschließlich auf die natürlichen Rechte und Pflichten des Menschen als Menschen. Dies wird schon dadurch ersichtlich, daß z.B. die christliche Moral weit über die Ethik des Naturrechts hinausgeht. Die genuin christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe sind übernatürliche Tugenden, die ohne die göttliche Gnade nicht bestehen können. Gnade setzt aber die Natur voraus. Das Naturrecht ist das allgemeine Gesetz, das sich aus der von Gott geschaffenen Natur des Menschen ergibt. Es ist für alle Völker aller Zeiten verbindlich, weil das Wesen des Menschen unabhängig von Volkszugehörigkeit, Kultur und Geschichte ist.

3. Wandlungen im Verständnis des Naturrechts (Rationalismus, Aufklärung, Menschenrechte); protestantische Autoren.

Heute und schon seit dem 16. Jahrhundert wird das wahre Naturrecht häufig einfach mit der katholischen Moral identifiziert und auf Grund dieser Verbindung abgelehnt. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt auch die Revolution des Protestantismus, der zunächst mit Luther das Naturrecht ablehnte, sich dann aber später wieder damit befaßte und eine eigene Naturrechtstheorie entwickelt. Zu nennen ist hier Hugo Grotius, der die Grundlagen für das liberale Naturrechtsverständnis geschaffen hat und Samuel Puffendorf, dessen Naturrechtsverständnis die wichtigsten Grundlagen für das Naturrecht der Aufklärung vorwegnimmt. Ganz im Sinne von Luther ist beiden die Trennung von göttlichem und weltlichem Recht gemeinsam, beide säkularisieren das Naturrecht, d.h. sie trennen die Rechte und Pflichten des Menschen von den Rechten Gottes. Diese Trennung von Gott und Mensch in der Gesellschaft findet sich seither bei allen anderen Theorien des Naturrechts, am radikalsten bei den auf die französische Revolution zurückgehenden „Menschenrechten“, in denen Gott bestenfalls noch in irgendeiner Präambel vorkommt. Die Theorie der Menschenrechte ist die Naturrechtslehre der Freimaurer. Hierzu gehört auch das Projekt „Weltethos“ des sogenannten 'Theologen' Hans Küng, für das er am 17. Mai 2007 den „Kulturpreis Deutscher Freimaurer“ vom Großmeister Jens Oberheide überreicht bekam. Laudator war übrigens der Intendant des WDR, Fritz Pleitgen.

Vor allem seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Begriff des Naturrechts nicht nur aus der öffentlichen Diskussion weitgehend verschwunden, sondern auch aus der kirchlichen Lehrverkündigung. Dies wird ersichtlich am neuen Sozialkatechismus der katholischen Kirche (Kompendium der Soziallehre der Kirche, 2006), der seine individualistisch-personalistische Prägung nicht verbergen kann und den Grundbegriff der überlieferten Soziallehre, das Gemeinwohl, kaum noch verwendet. An die Stelle des Naturrechts treten heute die „Menschenrechte“.

Wir halten also fest, daß es nicht das Naturrecht gibt, sondern daß es zumindest drei unterschiedliche Verständnisse des Naturrechts gibt. Gemeinsam ist allen drei Auffassungen der Gegensatz zum sogenannten positivistischen Rechtsverständnis, welches das gesamte Recht als bloße Setzung (lat. positio) des Menschen, bzw. der menschlichen Vernunft, versteht. Damit hört aber bereits die Gemeinsamkeit auf.

4. Das metaphysisch verstandene Naturrecht:

Die Natur des Menschen als leib-geistige Einheit

Doch kehren wir zurück zum ursprünglichen und wahren Verständnis des Naturrechts. Naturrecht in diesem Sinne hat eine ontologische, eine metaphysische Begründung im Wesen, in der Natur des Menschen. Und die Natur des Menschen, wie der Mensch und alles andere überhaupt, ist von Gott geschaffen. Hier sind wir schon beim wichtigsten Unterschied zwischen dem überlieferten, metaphysischen Naturrecht und allen anderen Naturrechtsverständnissen, die sich später in der Neuzeit herausgebildet haben. Außer dem metaphysischen Naturrecht sind alle anderen Begriffe des Naturrechts, einschließlich der protestantischen Formen, säkularisierte Formen des Naturrechts. Selbst wenn bei ihnen Gott noch vorkommt, hat er eine bestenfalls nebensächliche Bedeutung, bildet aber nicht das Prinzip des Naturrechts. Dabei ist zu beachten, daß der naturrechtliche Gottesbegriff nicht mit dem Gott der Offenbarung identisch ist! Im Naturrecht nimmt man Bezug auf einen Gott, wie er mit den Mitteln der natürlichen Vernunft klar erkannt werden kann. Gott ist demnach ein ewiges, unveränderliches, allmächtiges, allwissendes, gerechtes und gütiges Wesen, das das gesamte Universum geschaffen hat, ein Gottesverständnis, wie es zum Teil bereits in der griechischen Philosophie beschrieben wurde.

Was folgt aber aus dieser Stellung Gottes? Wenn Gott alles erschaffen hat, dann hat er selbstverständlich auch uns, den Menschen erschaffen. Und mit dem Menschen hat Gott bestimmte Gesetze erschaffen an die sich der Mensch halten muß, um seiner menschlichen Würde gerecht zu werden.

Um welche Gesetzmäßigkeiten handelt es sich nun? Man kann die sich aus der Natur des Menschen ergebenden Gesetzmäßigkeiten in drei Gruppen einteilen, die sich aus den Beziehungen ergeben, in denen der Mensch, also wir, eingebunden sind. Man findet ja oft die Vorstellung, daß Gott nur Einzeldinge erschaffen hat und alles andere gewissermaßen von selbst da ist oder von den Einzeldingen selbst gemacht wurde. Diese Vorstellung, die das Einzelne, Individuelle in den Mittelpunkt stellt und alles andere, wie z.B. die Beziehungen und Eigenschaften der Dinge und Menschen als zweitrangig betrachtet, nennt man Nominalismus. Diese Vorstellung stammt aus dem Spätmittelalter und war der Wegbereiter der neuzeitlichen Welt. Gott hat keineswegs nur Einzeldinge und einzelne Menschen erschaffen, sondern ebenso alle allgemeinen Eigenschaften und Beziehungen, in denen die Dinge und Menschen stehen, also auch z.B. die Familie und die Gesellschaft! Die Gesetzmäßigkeiten die mit dem Wort Naturrecht zusammengefaßt werden ergeben sich nun aus den drei Gruppen von Beziehungen, in denen der Mensch immer schon steht, die Gott mit dem Menschen zusammen erschaffen hat. Es gibt nun drei Gruppen solcher Beziehungen:

1. Da sind zunächst die Pflichten und Rechte, die sich aus dem Verhältnis des Menschen zu Gott ergeben, denn er ist ein von Gott geschaffenem Wesen, das in seinem gesamten Leben vollständig von Gott abhängig ist.

2. Aus seiner Natur als leib-seelisches Wesen ergeben sich bestimmte Verpflichtungen im Verhältnis des Menschen zu sich selbst.

3. Es folgen bestimmte Rechte und Pflichten aus der Natur des Menschen im Verhältnis zu seinen Mitmenschen.

Zur Verdeutlichung des hier sehr allgemein Gesagten zunächst eine kurze Erläuterung.

Zu 1.: Als von Gott geschaffenes und von ihm abhängiges Wesen folgt für den Menschen die Verpflichtung, Gott zu danken und ihm die Ehre zu erweisen. Der Mensch ist vollständig von Gott abhängig, unendlich abhängiger, als ein Säugling von seinen Eltern. Und während die Abhängigkeit des Kindes von den Eltern im Verlauf des Lebens immer mehr abnimmt, gilt dies von der Abhängigkeit des Menschen von Gott keineswegs. Er ist immer in der gleichen Weise von Gott abhängig und kann keinen Atemzug tun, ohne das Gott ihn am Leben erhält. Daher schuldet der Mensch seinem Schöpfer Dank, Lob und Anerkennung. Schon eine natürliche Einsicht legt uns nahe, daß wir jemandem, der uns etwas wirklich gutes tut, dafür zu danken haben. Um wie viel mehr schulden wir dann unserem Schöpfer Dank, der uns alles erst ermöglicht. Selbstverständlich schulden wir aber nicht irgendwelchen falschen Göttern diesen Dank, sondern dem wahren Gott. Und dieser wahre Gott hat sich dem Menschen klar und deutlich geoffenbart in Jesus Christus. Im Prinzip zumindest kann jeder Mensch mit einem durchschnittlichen Verstand, der sich die Mühe macht, die verschiedenen Religionen zu prüfen, mit großer Sicherheit erkennen, daß allein die christliche Religion die wahre Religion ist, die in der einen, römisch-katholischen Kirche auf Erden sichtbar ist. Nun ist der Mensch kein Einzelwesen, kein Robinson Crusoe, sondern er ist wesentlich ein Gemeinschaftswesen, worauf ich später noch zurückkommen werde. Deshalb hat nicht nur die einzelne Person die Pflicht, Gott zu danken, zu preisen und Ihn anzuerkennen, sondern auch die Gemeinschaft, die ja ebenfalls von Gott geschaffen wurde. So ergibt sich die Pflicht der Gemeinschaft zu einem öffentlichen Kult. Es folgt daraus aber auch das Recht zur Ausübung des wahren religiösen Kultes. Dadurch wird unmißverständlich deutlich, daß die zunehmende Beseitigung der Sonntagsruhe durch den liberal-kapitalistischen Staat ein schwerer Verstoß gegen das Naturrecht ist. Dies ist nur ein Beispiel wie der moderne Staat, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit über Menschenrechte daher faselt, die Rechte Gottes, aus denen sich überhaupt erst Rechte für den Menschen ergeben, mit Füßen tritt. Ein Christ, der dies auch offen ausspricht, wird von denselben Personen mit einem islamistischen Hassprediger gleichgesetzt.

Zu 2.: Kommen wir nun zum zweiten Bereich der Beziehungen, den Beziehungen des Menschen zu sich selbst. Die leib-geistige Natur des Menschen bedeutet nicht, daß der menschliche Leib und sein Geist einfach nur nebeneinander bestehen wie zwei Welten. Dieser radikale Dualismus wurde von dem französischen Philosophen René Descartes im 17. Jahrhundert vertreten und fand später viele Anhänger. Es gibt hier eine Hierarchie zwischen dem Leiblichen und dem Geistigen, wobei das Geistige im Menschen dem Leiblichen, - seinen Trieben, Emotionen usw. – übergeordnet ist. Daraus folgt für den Menschen die Verpflichtung, alles triebhafte und aus seiner Physis stammende, dem Geistigen soweit wie möglich unterzuordnen. Damit gemeint sind bestimmte Tugenden, wie die Mäßigkeit, die Keuschheit usw., also Verhaltensweisen, in denen der Mensch seine triebhafte Natur nicht ausschaltet, sondern dem Geistigen unterordnet. Ein auch nur grober Blick auf unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände macht schon klar, daß heute das genaue Gegenteil propagiert wird. Man muß seine Triebe ausleben, alles in vollen Zügen genießen. Zurückhaltung, Mäßigkeit gilt als „total spießig“. In früheren Jahrhunderten waren diese Tugenden schon allein zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung lebensnotwendig. Die moderne Gesellschaft hat offensichtlich Mechanismen entwickelt, durch die solche Tugenden heute scheinbar überflüssig geworden sind. Ich bin mir aber sicher, daß dies sich rächen wird und die moderne liberale Gesellschaft an ihrer Triebhaftigkeit zugrunde geht. Schon heute wird überdeutlich, daß der Staat kaum noch in der Lage ist, die Geister die er selbst rief, zu bändigen und die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Ganze Stadtteile in Großstädten werden heute schon von kriminellen Banden beherrscht, die ihren Anteil an der Triebbefriedigung „jetzt und sofort“ fordern und in die sich die staatlichen Ordnungsorgane nicht mehr hineinwagen. Schulen müssen durch Sicherheitskräfte geschützt werden und der Drogenkonsum, - ein typisches Kennzeichen einer reinen auf Lustmaximierung gerichteten Gesellschaft – fordert mehr und mehr Opfer.

Zu 3.: Kommen wir nun zur dritten Beziehung in die der Mensch eingebunden ist, der Beziehung zu den Mitmenschen. Der Mensch ist von Anfang an ein soziales Wesen, er steht immer schon in Beziehungen zu Mitmenschen. Er wird in eine Familie hinein geboren und ist zunächst vollständig von seinen Eltern abhängig. Auch aus dieser Abhängigkeit ergibt sich die Pflicht zur Unterordnung der Kinder unter ihre Eltern, zum Gehorsam gegenüber ihnen. Auch Dankbarkeit und Ehrfurcht gebührt den Eltern von Seiten ihrer Kinder, sowie die Verpflichtung, ihnen später im Alter, wenn sie selbst Hilfe brauchen, beizustehen. Alle diese Verpflichtungen, die sich natürlicherweise aus dem Wesen des Menschen ergeben und Jahrtausende lang nicht in Frage gestellt wurden, werden heute lächerlich gemacht.

Der Mensch ist aber außer in der Familie und der weiteren Verwandtschaft noch in zahlreichen weiteren sozialen Beziehungen eingebunden - als Nachbar und Mitglied seiner Heimatgemeinde, als Staatsbürger, er ist Kollege in einem Unternehmen und in einer Berufsgemeinschaft. All diese Beziehungen bringen bestimmte Pflichten mit sich, aus denen auch Rechte für den Einzelnen erwachsen, nicht umgekehrt. Die grundsätzlichste und allgemeinste Verpflichtung, die sich aus den sozialen Beziehungen des Menschen ergeben, ist die Verpflichtung, bei allen seinen Handlungen zum Gemeinwohl der jeweiligen Gemeinschaft aber auch des Ganzen, daß heißt des Staates, beizutragen. Wir werden darauf in einem späteren Vortrag eingehender zurückkommen.

Aus dem wenigen, das ich bisher zu den Rechten und Pflichten gesagt habe, die sich aus der menschlichen Natur ergeben, erkennt man bereits, daß alle Rechte des Menschen in Pflichten gegründet sind, daß das „subjektive Recht nichts anderes ist, als die Befugnis, seine Pflicht zu erfüllen“ (Fellermeier, 1980, 9). Dies ist ein weiterer ganz entscheidender Unterschied des wahren Naturrechts zu den Naturrechtsverständnissen des Rationalismus und der Aufklärung, aber ebenso zu den sogenannten Menschenrechten. Die Menschenrechtsfanatiker haben nichts besseres zu tun, als die Rechte des Menschen aufzulisten und sie lassen keine Gelegenheit außer acht, neue Menschenrechte zu proklamieren. Neuerdings werden das Recht auf freie sexuelle Orientierung, das Recht auf Abtreibung, das Recht auf Selbstmord usw. als Menschenrechte gefordert. Allein durch den bloße Hinweis auf das Grundprinzip des Naturrechts, daß Rechte sich aus Pflichten ergeben, würden alle diese angeblichen Rechte mit einem Schlag erledigen. Gibt es eine Pflicht zur Homosexualität? Eine Pflicht gezeugte Kinder umgehend zu ermorden oder sich selbst, im angemessenen Alter und bei Hilfsbedürftigkeit zu erhängen? Man sieht hier, wie lächerlich der Begriff der Menschenrechte ist. Menschenrechte sind der Kampfbegriff der Freimaurerei gegen die Rechte Gottes.

Wenn alle Rechte in Pflichten begründet sind, dann bedeutet das natürlich auch, daß derjenige, der größere Pflichten hat, auch mehr Rechte daraus ableiten kann. Eltern haben natürlich mehr Pflichten und damit auch Rechte als ihre Kinder, und ein mittelständischer Unternehmer, der die Verantwortung für sein Unternehmen und dreihundert Mitarbeiter hat, hat selbstverständlich auch mehr Rechte als seine Mitarbeiter. Hierzu das Zitat des Sozialethikers Jakob Fellermeier, der noch 1980 eine im großen und ganzen ordentliche kleine Schrift zum Naturrecht veröffentlicht hat: „Die grundsätzliche Voranstellung der Rechte vor den Pflichten, wie sie in der Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter oder nach dem Recht auf Mitbestimmung der Arbeitnehmer in der Wirtschaft zum Ausdruck kommt, hat den Naturrechtsbegriff der Aufklärung zur Voraussetzung, der das Naturrecht primär als subjektives Recht sieht und jede Rechtspflicht als nachträgliche Beschränkung dieses Rechts auffaßt“ (ebd. 10). In diesem Satz ist das Wesentlichste zum Problem der Gleichberechtigung kurz und klar zusammengefaßt. Hinsichtlich der Würde als von Gott geschaffene Ebenbilder sind alle Menschen gleich; die liberalistische und sozialistische Forderung nach vollständiger Gleichberechtigung aller Menschen führt zu nichts anderem als zu maßlosen Ungerechtigkeiten. Ein Familienvater, der gut für seine Familie sorgt und in zahlreichen Pflichten eingebunden ist, hat selbstverständlich auch mehr und andere Rechte als seine Ehefrau. Dies ist absolut keine Herabwürdigung der Frau, sondern ganz im Gegenteil die Einsetzung der Frau in ihre eigentliche und volle Würde. Selbstverständlich hat eine Frau, die selbst arbeiten geht und zum Lebensunterhalt der Ehe, evtl. zum Lebensunterhalt der Familie beitragen muß, weil die liberal-kapitalistische Gesellschaft dem Vater ein angemessenes Familieneinkommen verweigert, auch zusätzliche Pflichten und damit auch zusätzliche Rechte. Seit Jahren werden in Deutschland ganze Wahlkampfschlachten um den Begriff der Gerechtigkeit geführt. Keine schwachsinnige Talkshow ohne Diskussion um „soziale Gerechtigkeit“. Haben Sie in diesen Jahren auch nur einmal von einem Politiker, egal ob CDU-Politiker, Sozialdemokrat oder Linkssozialist jemals gehört, was überhaupt Gerechtigkeit bedeutet, nämlich „Jedem das Seine“? Natürlich nicht! Gerechtigkeit bedeutet für diese Ideologen „allen das Gleiche“. Der Kommunismus ist keineswegs mit dem Zusammenbruch des Ostblocks untergegangen. Er findet sich heute mitten in der liberalen Gesellschaft.

Mit dem naturrechtlichen Prinzip, daß alle Rechte in Pflichten gründen, haben wir zugleich ein gutes Mittel in der Hand, die sogenannten Menschenrechte angemessen zu beurteilen.

Ob ein sogenanntes Menschenrecht auch ein wirkliches Recht des Menschen ist, zeigt sich daran, ob dieses Menschenrecht eine vorausgehende Pflicht mit sich bringt. Nehmen wir das Beispiel eines sogenannten Menschenrechts, daß heute scheinbar eines der wichtigsten ist und in fast allen liberalen Verfassungen der Welt ganz weit oben steht. Ich meine das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit. Ergibt sich dieses vermeintliche Recht aus der Natur des Menschen? Wenn dies zutrifft, dann muß es eine Pflicht geben, die dem Recht auf Meinungsfreiheit vorhergeht. Gibt es eine solche Verpflichtung des Menschen? Aus der menschlichen Natur, die in der Lage ist, das Gute und Böse zu erkennen und zu unterscheiden und damit das oberste Gesetz des Naturrechts „Man soll das Gute tun, und das Böse lassen“ (Thomas von Aquin) mit Hilfe des Gewissens erkennt, folgt die Verpflichtung, stets dem Gewissen zu folgen. Aus dieser Pflicht folgt das Recht auf Gewissensfreiheit, wobei ein gebildetes Gewissen selbstverständliche Voraussetzung ist. Einem fünfjährigen Kind wird niemand Gewissensfreiheit zubilligen, weil es noch kein gebildetes Gewissen haben kann. Gewissensfreiheit ist aber etwas durchaus anderes als Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit bedeutet, daß jeder uneingeschränkt seine Meinung in Wort und Schrift ausdrücken darf, sofern er nicht die Rechte anderer Personen verletzt, diese z.B. beleidigt. Von der Wahrheit der Meinung wird dabei völlig abgesehen. Dieses Absehen von der Wahrheit ist überhaupt ein allgemeines Kennzeichen der liberalen Menschenrechtsauffassung. Der Liberalismus ist agnostizistisch, das bedeutet, er geht davon aus, daß niemand die Wahrheit mit Sicherheit erkennen kann. Wenn die Wahrheit aber nicht erkennbar ist, dann darf sie auch nicht bei den Rechten und Pflichten eine Rolle spielen. Jeder soll seine Meinung vertreten können die er „persönlich“ für wahr hält, denn wer weiß schon, ob seine Meinung wahr oder falsch ist. Auf welcher Pflicht gründet aber dann das Recht auf Meinungsfreiheit? Es gibt eine Verpflichtung stets die Wahrheit zu sagen, aber keine Pflicht, stets seine Meinung zu sagen. Meinungsfreiheit im naturrechtlichen Verständnis besagt das Recht, Dinge die in politischer Hinsicht strittig sind oder die dem Volk abgefordert werden, offen und frei besprechen zu dürfen. Ein demokratischer Staat, und auf diesen bezieht sich vor allem diese Bestimmung der Meinungsfreiheit durch Papst Leo XIII., darf vom Volk nicht verlangen, daß es „die ihm auferlegten Pflichten und Opfer“ einfach ableistet, ohne sich seine „eigene Ansicht zu bilden“, und dieser Ansicht ehrlich „Ausdruck zu verleihen und in einer dem Gemeinwohl entsprechenden Weise Geltung zu verschaffen“ (Leo XIII., Libertas praestantissimum. vgl. auch: Herders Sozialkatechismus, Bd. II, 1953, 232). Die so verstandene Meinungsfreiheit ist an Bedingungen geknüpft, z.B. daß die Äußerungen dem Gemeinwohl dienen, daß sie sich auf Fragen beziehen, „über die man verschiedener Meinung sein kann, welche Gott dem Menschen anheimgestellt hat, diese zu untersuchen“, und sie entspringt aus der Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit. Der heutige Begriff der Meinungsfreiheit, wie er auch den Menschenrechten zugrunde liegt, ist hingegen individualistisch geprägt; sie ist durch nichts begrenzt, außer daß sie die Rechte anderer Personen nicht beeinträchtigt, diese vor allem nicht beleidigt.

Die grundlegendste menschliche Gemeinschaft, die von Gott selbst gestiftet wurde, ist die Ehe. Die Ehe beruht auf der Liebe zwischen Mann und Frau und ist die Keimzelle der Familie. Gegen diese rein natürlichen Grundlagen, die sich aus dem Wesen des Menschen und seiner Erschaffung als Mann und Frau selbstverständlich ergeben, laufen die Feinde Gottes schon seit zweihundert Jahren Sturm. Während man sich über die Mißachtung der Meinungsfreiheit in China oder Rußland die größten Sorgen macht, stört sich niemand dieser Moralapostel an der Zerstörung der Grundlagen der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil betreibt der Staat selbst die Aushöhlung von Ehe und Familie. Dafür ein aktuelles Beispiel, das gleich mehrere Verstöße des deutschen Staates gegen das Naturrecht offenbart. Das Wesen der Ehe ist die von Gott gestifteten unauflösliche Gemeinschaft von Mann und Frau, die schon in der Schöpfungsordnung angelegt ist. Mann und Frau sind von Anfang an aufeinander verwiesen, Gott hat den Menschen in zwei Geschlechtern geschaffen.“ Der geschlechtliche Unterschied ist unter den Menschen der grundlegendste und tiefgreifendste; er ist nicht nur körperlich, sondern ebenso gut geistig-seelischer Art“ (Herders Sozialkatechismus, II, 3). Der Sinn der Ehe ist die Zeugung, Pflege und Erziehung von Nachkommen, denn dadurch wird die menschliche Gemeinschaft erhalten. Kinder sind von Geburt an und über viele Jahre unselbständig und bedürfen der Pflege und Erziehung. Wenn diese schlichten empirischen Tatsachen auch heute mehr und mehr bestritten werden, so kann jeder gesunde erwachsene Mensch, der nicht total ideologisch verbohrt ist, diese Tatsachen ohne große Überlegung erkennen. Nun folgen aber aus diesen Tatsachen einige weitere Sachverhalte, die durch den modernen Liberalismus und Sozialismus in Frage gestellt werden. Was zunächst aus den Tatsachen der Ehe folgt ist die Verpflichtung der Eltern, mit allen ihnen verfügbaren Mitteln für die Pflege und Erziehung der ihnen geschenkten Kinder zu sorgen. Dies ergibt sich als logische Folge aus dem Ziel der Ehe. Niemand kann den Eltern diese Aufgabe abnehmen, es ist ihre ureigenste Pflicht, denn die Kinder gehören den Eltern, es sind allein ihre Kinder.

Nicht nur, daß sich der Staat schon seit langem das Recht anmaßt, Ehen zu schließen und gültig geschlossene Ehen zu scheiden, - beides schwere Verstöße gegen das Naturrecht -, er will nun auch die Kindererziehung selbst übernehmen. Eine derartige ungeheure Anmaßung war bisher nur aus kommunistischen und nationalsozialistischen Diktaturen bekannt. Natürlich ist der Staat berechtigt und auch verpflichtet, die Erziehung der Eltern zu schützen, auf verschiedene Weise zu unterstützen und nach den Erfordernissen des Gemeinwohls zu ergänzen, aber in keinem Fall ist es dem Staat erlaubt, die elterliche Erziehung zu ersetzen. Sollten die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sein, für die Erziehung der Kinder zu sorgen, so tritt hier zunächst die Hilfe der Angehörigen in Kraft. Sollten auch diese nicht in Lage sein, die Kinder zu erziehen, dann ist die Kirche mit ihren Einrichtungen zuständig. Überhaupt ist außer den Eltern allein die Kirche erziehungsberechtigt. Dies ergibt sich aus den folgenden Prämissen: Das Ziel, der Sinn des menschlichen Lebens ist die Verherrlichung Gottes und das ewige Leben bei Gott. Da der Mensch aus eigener Kraft dieses Ziel seines Lebens nicht zu erreichen vermag, hat Gott die Kirche gegründet, die Er selbst lenkt und führt und durch die Er die Menschen zu ihrem ewigen Heil gelangen läßt. Die Kirche ist dadurch die von Gott selbst gegründete Lehrerin der gesamten Menschheit. Außerdem ist die Kirche die „übernatürliche Mutter“ aller Menschen, die mit ihren Sakramenten und ihrer Lehre die Menschen zu einem übernatürlichen Leben gebiert, ernährt und erzieht (Pius XI.). Auf keinen Fall hat jedenfalls der Staat ein Erziehungsrecht oder irgendeine Gewalt über Kinder.

Nun wird sehr oft eingewandt, daß das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder nicht selten mißbraucht wird. Denn wenn den Eltern das erste Erziehungsrecht zusteht, dann sind die Kinder auf Gedeih und Verderb den verschiedenen Einstellungen und Weltanschauungen der Eltern ausgeliefert. Sie können ihre Kinder zu Ungläubigen, Asozialen, Sektierern, Kommunisten und was sonst noch erziehen. Dieser Einwand ist zweifellos richtig. Wie alles andere auch, so kann auch das Elternrecht mißbraucht werden, d.h. die Eltern kommen ihrer Pflicht nicht in angemessener Weise nach. Aber der Mißbrauch eines Rechts kann niemals dazu führen, das Recht selbst abzuschaffen oder mehr und mehr zu untergraben. Bei Mißbrauch des Elternrechts kann der Staat von Fall zu Fall eingreifen und zwar im Sinne des Gemeinwohls. Die Gründe für den gerade in unserer Zeit massenhaften Mißbrauch des Elternrechts liegen nicht in diesem Recht, sondern im modernen Zeitgeist, dem der Staat entgegentreten sollte, anstatt, wie es heute geschieht, diesen noch zu fördern. Ein Staat, der die Tötung von Kindern im Mutterleib nicht bestraft, muß sich nicht wundern, wenn Eltern ihre Kinder nach der Geburt mißhandeln oder töten. Die Botschaft die von solch einer nicht bestraften Tat wie der Abtreibung ausgeht ist doch die, daß das Leben von Kindern nichts wert ist. Hinzu kommt die staatlich betriebene Aushöhlung der Ehe, die das Fundament der Familie ist, durch die Förderung – nicht nur Duldung, was schon schlimm genug wäre – der Homosexualität, der Ehescheidung und so weiter. Ehe und Familie und das sich aus der Natur der Ehe ergebende Elternrecht sollten hier nur als Beispiel dienen für die zunehmende Zerstörung der naturrechtlichen Grundlagen der Gesellschaft und des Staates durch den modernen liberalen Staat, der zunehmend anstelle des Naturrechts das positive Recht setzt: ‚Allein der menschliche Wille ist Urheber und Grund aller Gesetze und allen Rechts.’ Mehr und mehr nimmt diese Auffassung in der politischen Diskussion die Mehrheit ein. Selbst die sogenannten Menschenrechte werden heute zunehmend positivistisch gedeutet, indem man nach eigenem Gutdünken bestimmte Rechte wegnimmt und andere hinzufügt. Nur so kann man erklären, warum seit einigen Jahren das „Recht auf freie sexuelle Orientierung und freie Wahl der Geschlechtsrolle“ als Menschenrecht gefordert wird.

Das Naturrecht ist ewiges Recht, von Gott selbst erschaffen und dem Menschen gegeben, damit er sein ewiges Ziel erreichen kann. Niemand, keine Gewalt auf dieser Erde und auch nicht die freimaurerische UNO, kann dieses Recht außer Kraft setzen.

Damit komme ich nun zum Schluß und möchte dazu die entscheidende Frage stellen: Warum ist der Kampf für das Naturrecht so wichtig? Die Antwort ergibt sich aus einem bekannten Dogma der katholischen Kirche, dem Dogma nämlich, daß die Gnade die Natur voraussetzt. Wo die menschliche Natur schwer beeinträchtigt ist, wo der Mensch in seinem natürlichen Wesen bedroht und entwurzelt ist, dort besteht nur noch geringe Hoffnung, daß er sein ewiges Ziel, die glückselige Anschauung Gottes, erreicht. Starke Drogenabhängigkeit, sexuelle Perversionen in großem Ausmaß, Heimat- und Bindungslosigkeit, mit schwer zerrütteten Familien und ausgeprägter Egoismus mit starken gesellschaftlichen Spaltungen sind heute keine Ausnahmeerscheinungen mehr. Je mehr derartige Phänomene zunehmen, desto schwieriger wird es für die Kirche ihrer Aufgabe noch nachzukommen, daß Evangelium zu verkünden, die Menschen und die Gesellschaft zu Christus zu führen. Und diese Aufgabe ist die Aufgabe jedes Christen, nicht nur der Ordensleute, Priester und Bischöfe. Um Louis Veuillot zu zitieren: „jeder Gabe, die wir erhalten, wohnt zugleich die Pflicht inne, Seelen und Leiber der vielen schwachen und unwissenden Brüder zu schützen. Der besondere Schutz, den wir den Schwachen schulden, ist die Einrichtung von Gesetzen, die ihnen die Erkenntnis Gottes und die Kommunikation mit Gott ermöglichen. In diesem Sinne wird man über uns zu Gericht sitzen und urteilen, und kein Christ darf glauben, daß er sich mit der Antwort Kains aus der Affäre ziehen kann, wenn er Rechenschaft ablegen soll über diese Kleinen, voller Verachtung Fallengelassenen oder ohne Standhaftigkeit und ohne Liebe Verteidigten.“ (Die liberale Illusion, S. 37)

Damit Christus wieder als König der Gesellschaft und der ganzen Menschheit anerkannt wird, damit die Menschen sich wieder Seinem Königtum öffnen und ihm Seine königliche Würde zugestehen, dazu ist es, vor allem anderen, im wörtliche Sinne „not-wendig“, daß das Naturrecht seine unbedingte Gültigkeit wiedererlangt. Apostolat, Mission und Rechristianisierung sind nur möglich auf der Grundlage einer gesunden menschlichen Natur, deren Wesenseigenschaft die Offenheit für Gott ist.

Der liberal-individualistische Staat ist seinem Wesen nach auf die Isolierung, Atomisierung und Individualisierung des Menschen gerichtet und zerstört so aus seinem inneren Wesen heraus die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft, die für den Liberalismus nichts anderes ist als ein nachträgliches Phänomen, eine Aktiengesellschaft. Dieser Zerstörung der menschlichen Natur, die sich mehr und mehr rächen wird, dürfen wir nicht weiter tatenlos zusehen. Alle Menschen guten Willens, besonders aber wir Christen, sind zum Widerstand gegen die Zerstörung der menschlichen Natur aufgerufen.

 

 

Literatur:

Fellermeier,Jakob (1980) Das Naturrecht und seine Probleme, Stein am Rhein:Christiana Verlag

Papst Leo XIII. (1888)Libertas praestantissimum

PäpstlicherRat für Gerechtigkeit und Frieden (Hrsg.) (22006)Kompendium der Soziallehre der Kirche, Freiburg: Herder Verlag

LouisVeuillot (2007) Die liberale Illusion, Dettelbach: editionesscholasticae

Welty,P. Eberhard OP (Hrsg.) (1951 – 1958) Herders Sozialkatechismus,drei Bände, Freiburg: Herder Verlag

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