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Papst Pius XII. über Gesellschaft, Staat und Kirche PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 01. März 2008 um 09:37 Uhr

GESELLSCHAFT / POLITIK

 

INDIVIDUUM UND STAAT

Wo die Abhängigkeit des menschlichen Rechts vom göttlichen geleugnet wird, wo man sich nur noch auf eine unbestimmte Idee rein irdischer Autorität beruft, wo man eine nur auf eine utilitaristische Moral gegründete Autonomie beansprucht, da ver­liert gerade das menschliche Recht in seinen wichtigsten Anwen­dungen die sittliche Kraft, die die Hauptbedingung ist, damit es an­erkannt wird und auch Opfer fordern kann.

Es ist richtig, daß eine auf so schwache und schwankende Funda­mente gebaute Macht mitunter durch zufällige Umstände materielle Erfolge zur Verwunderung von weniger tiefen Beobachtern zu er­reichen vermag. Aber es kommt der Augenblick, in dem das unaus­weichliche Gesetz triumphiert, das alles trifft, was auf einem ver­borgenen oder offenen Mißverhältnis zwischen der Größe des äuße­ren materiellen Erfolges und der Schwäche des inneren Wertes und seines sittlichen Fundaments beruht. Einem Mißverhältnis, das immer dann besteht, wenn die öffentliche Autorität die Herrschaft des obersten Gesetzgebers verkennt oder leugnet, der den Regie­renden die Gewalt gegeben, aber auch ihre Grenzen bestimmt und bezeichnet hat.

Denn die staatliche Souveränität ist vom Schöpfer gewollt, damit sie das Leben der Gesellschaft nach den Vorschriften einer in ihren universalen Prinzipien unveränderlichen Ordnung regle, dem Men­schen in der zeitlichen Ordnung die Erreichung der physischen, gei­stigen und sittlichen Vollkommenheit erleichtere und ihm helfe, an sein übernatürliches Ziel zu gelangen.

Daher ist es das hohe Vorrecht des Staates, die privaten und individuellen Betätigungen des nationalen Lebens zu kontrollieren, zu unterstützen und zu ordnen, damit sie harmonisch zum allge­meinen Besten zusammenwirken. Das kann nicht von willkürlichen Konzeptionen bestimmt werden. Es empfängt seine Norm auch nicht in erster Linie von dem materiellen Gedeihen der Gesellschaft, son­dern vielmehr von der harmonischen Entwicklung und natürlichen Vervollkommnung des Menschen, für den die Gesellschaft vom Schöpfer als Mittel bestimmt worden ist.

Den Staat als Zweck zu betrachten, dem alles untergeordnet wer­den müsse, kann nicht zum wahren und dauerhaften Gedeihen der Völker führen. Und dies geschieht, sei es, daß eine solche unbe­grenzte Herrschaft dem Staat als Sachwalter der Nation, des Volkes oder auch einer Gesellschaftsklasse zugewiesen wird, oder sei es, daß der Staat unabhängig von irgendeinem Mandat sie als absoluter Herrscher beansprucht. Wenn der Staat die privaten Initiativen an sich zieht und sie ordnet, so können diese, die von genauen, komplexen inneren Nor­men regiert werden, die die Erreichung ihres eigenen Zieles ver­bürgen, zum Nachteil des Gemeinwohls geschädigt werden, indem sie ihrem natürlichen Bereich, nämlich der verantwortlichen privaten Tätigkeit, entrückt werden.

Auch die erste und wesentliche Zelle der Gesellschaft, die Familie, ihr Wohl und ihr Gedeihen, würde dann Gefahr laufen, ausschließ­lich unter dem Gesichtspunkt der nationalen Macht betrachtet zu werden, und man würde vergessen, daß der Mensch und die Familie von Natur aus vor dem Staat Vorrang haben, daß der Schöpf er beiden Kräfte und Rechte verliehen und eine Sendung zugedacht hat, die unbezweifelbaren natürlichen Forderungen entsprechen.

Einseitige Ausbildung der Jugend

Die Erziehung der neuen Generationen würde nicht auf eine gleichmäßige harmonische Entwicklung der physischen Kräfte und aller intellektuellen und sittlichen Eigenschaften hinzielen, sondern auf eine einseitige Ausbildung jener staatsbürgerlichen Tugenden, die man zur Erreichung politischer Erfolge für nötig hält. Jene Tugenden aber, die der Gesellschaft den Duft des Adels, der Mensch­lichkeit und der Achtung verleihen, würden wenig betont werden, so, als ob sie den Stolz des Staatsbürgers beeinträchtigen könnten.

In schmerzvoller Klarheit stehen vor Unserem Auge die Gefahren, die, wie Wir fürchten, für diese und die folgenden Generationen aus der Verkennung, der Verringerung und der fortschreitenden Be­seitigung der Eigenrechte der Familie entstehen können. Daher machen Wir Uns zu entschlossenen Verteidigern dieser Rechte im vollen Bewußtsein der Pflicht, die Unser Apostolisches Amt Uns auferlegt.

Die Ängste unserer Zeit, die äußeren wie die inneren, die mate­riellen wie die geistigen, die vielfachen Irrtümer mit ihren unüber­schaubaren Rückwirkungen werden von niemandem bitterer ver­spürt als von der kleinen edlen Zelle der Familie. Wahrer Mut und ein Heroismus, der in seiner Schlichtheit bewundernde Achtung ver­dient, sind oft nötig, um die Härte des Lebens, den täglichen Druck des Elends, die in einem nie zuvor erlebten Maße wachsende Be­dürftigkeit und Einschränkung zu ertragen, deren Grund und wahre Notwendigkeit oft nicht einzusehen sind. Wer sich um die Seelen müht, wer in den Herzen forschen kann, der weiß um die heim­lichen Tränen der Mütter, den resignierten Schmerz vieler Väter, den unermeßlichen Kummer, von dem keine Statistik spricht noch sprechen kann. Mit schmerzlichem Blick sieht er die Zahl dieser Dulder immer weiter anwachsen, und er weiß, daß die Mächte des Umsturzes und der Zerstörung darauf lauern, sich ihrer für ihre finsteren Pläne zu bedienen. Niemand, der guten Willens ist und offene Augen hat, wird unter den außerordentlichen Umständen, in denen sich die Welt befindet, dem Staat ein entsprechend ausge­dehnteres Ausnahmerecht verweigern können, um den Bedürfnissen des Volkes zu genügen. Aber die von Gott eingesetzte sittliche Ord­nung fordert auch in diesem Fall, daß die Zulässigkeit solcher Maß­nahmen und ihre tatsächliche Notwendigkeit nach den Normen des Gemeinwohls um so ernster und schärfer geprüft werde.

 

Recht der Eltern

Je größer die materiellen Opfer sind, die der Staat den Einzelnen und den Familien auferlegt, desto heiliger und unverletzlicher müssen ihm auf jeden Fall die Rechte der Gewissen sein. Er kann Gut und Blut verlangen, aber niemals die von Gott erlöste Seele. Die von Gott den Eltern anvertraute Aufgabe, für das materielle und das geistliche Wohl der Nachkommen zu sorgen und ihnen eine har­monische Bildung zu verschaffen, die von echtem religiösem Geist beseelt ist, kann ihnen nicht ohne schwere Rechtsverletzung entzogen werden. Diese Bildung muß gewiß auch das Ziel haben, die Jugend darauf vorzubereiten, daß sie mit Verstand, Gewissen und Stolz jene Pflichten eines edlen Patriotismus erfüllt, der dem irdischen Vaterland das ganze schuldige Maß an Liebe, Hingabe und Mit­arbeit gibt.

Andererseits aber wäre eine Bildung, die vergißt, oder, schlimmer, die es willentlich unterließe, die Augen und Herzen der Jugend auf das übernatürliche Vaterland zu richten, ein Unrecht gegen die Jugend, ein Unrecht gegen die unveräußerlichen Rechte und Pflichten der christlichen Familie, eine Grenzüberschreitung, der auch im Inter­esse des Volkes und des Staates widersprochen werden muß. Eine solche Erziehung wird vielleicht jenen, die für sie verantwortlich sind, als Quelle vermehrter Kraft und Stärke erscheinen; in Wirk­lichkeit wäre sie das Gegenteil, und die traurigen Folgen würden es beweisen. Das Verbrechen der Majestätsbeleidigung gegen den König der Könige und den Herrn der Herrschenden, begangen von einer gegen den christlichen Geist gleichgültigen oder ihm abgeneigten Erziehung, die Umkehrung des „Lasset die Kinder zu mir kommen", würde die bittersten Früchte zeitigen. Der Staat jedoch, der von den zerrissenen, blutenden Herzen der christlichen Väter und Mütter die Sorgen nimmt und ihre Rechte wiederherstellt, fördert nur den eigenen inneren Frieden und legt den Grund zu einer glücklicheren Zukunft des Vaterlands. Die Seelen der Kinder, die Gott den Eltern schenkt und die in der Taufe mit dem königlichen Siegel Christi ge­weiht werden, sind ein heiliges Vermächtnis, über das die eifer­süchtige Liebe Gottes wacht. Derselbe Christus, der das Wort „Lasset die Kindlein zu mir kommen" gesprochen hat, hat auch trotz seiner Barmherzigkeit und Güte jenen schreckliche Übel angedroht, die den Lieblingen seines Herzens Ärgernis geben. Und welches Ärgernis ist schädlicher für die Generationen und nachteiliger als eine Jugenderziehung, die auf ein Ziel gerichtet ist, das von Christus, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben wegführt und hinführt zu einem offenen oder verborgenen Abfall von Christus?

Dieser Christus, dem man die gegenwärtigen und künftigen jun­gen Generationen entfremden will, ist derselbe, der von seinem ewigen Vater alle Macht im Himmel und auf Erden empfangen hat. Er hält das Schicksal der Staaten, der Völker und der Nationen in seiner allmächtigen Hand. Ihm kommt es zu, Leben, Wachstum, Ge­deihen und Größe zu verkürzen oder zu verlängern. Von allem, was auf Erden ist, hat allein die Seele unsterbliches Leben. Ein Erziehungs­system, das nicht den geweihten Bereich der vom heiligen Gesetz Gottes geschützten Familie achtete, das ihre Grundlagen angriffe, der Jugend den Weg zu Christus, zu den Quellen des Lebens und der Freude des Erlösers versperrte, den Abfall von Christus und der Kirche als Zeichen der Treue zum Volk oder zu einer bestimmten Klasse betrachtete, würde sich selbst das Urteil sprechen und die unerschütterliche Wahrheit der Worte des Propheten erfahren: „Die sich von Dir zurückzuziehen, werden in den Staub geschrieben".1

1 Enzyklika „Summi Pontificatus", 20. Oktober 1939

KIRCHE UND STAAT

Wesensunterschiede zwischen der geistlichen und der bürgerlichen Rechtsordnung, nach ihrem Ursprung und ihrer Natur betrachtet

Ein flüchtiger Blick auf die Gesetze und die Rechtspraxis könnte glauben machen, daß die kirchliche und bürgerliche Prozeß­ordnung nur sekundäre Unterschiede aufweisen, ähnlich denjenigen, die man bei der Rechtsprechung zweier Staaten der gleichen Rechts­familie feststellen kann. Scheint doch auch der unmittelbare Zweck beider Prozeßordnungen derselbe zu sein: die Verwirklichung bzw. Sicherung des im Gesetz niedergelegten Rechts, das im Einzelfall bestritten oder verletzt war, mittels Richterspruches oder mittels eines Urteils, aber in Übereinstimmung mit dem Gesetz wiederher­gestellt wird. Die verschiedenen Stufen der Rechtsinstanzen sind ebenfalls in beiden vorhanden; das Verfahren zeigt" bei beiden die gleichen hauptsächlichen Bestandteile: Antrag auf Eröffnung des Verfahrens, Aufruf und Verhör der Zeugen, Austausch der Schrift­stücke, Vernehmung der Parteien, Schluß der Verhandlung, Urteil, Recht der Berufung.

Nichtsdestoweniger wird man über dieser weitgehenden äußeren und inneren Ähnlichkeit die tiefen Unterschiede nicht vergessen, die erstens im Ursprung und in der Natur, zweitens im Gegenstand, drittens im Zweck bestehen.1

Totalitarismus, Autoritarismus, Demokratie

Die Rechtsprechung ist ein wesentlicher Teil und eine notwendige Funktion der Macht der beiden vollkommenen Gesellschaften, der geistlichen wie der bürgerlichen. Daher fällt die Frage nach dem Ursprung der Gerichtsbarkeit zusammen mit der Frage nach dem Ursprung der Gewalt selbst.

Aber gerade deswegen hat man außer den bereits angedeuteten Ähnlichkeiten, auch andere, tiefere zu finden geglaubt. Es ist merk­würdig zu sehen, wie manche Anhänger der verschiedenen moder­nen Auffassungen betreffs der staatlichen Gewalt zur Bestätigung und Bekräftigung ihrer Meinung die vorgeblichen Ähnlichkeiten mit der geistlichen Gewalt angeführt haben. Das gilt nicht weniger für den sogenannten „Totalitarismus" und den „Autoritarismus" wie für deren Gegenpol, die moderne Demokratie. In Wirklichkeit aber bestehen diese tieferen Ähnlichkeiten in keinem der drei Fälle, wie eine kurze Prüfung leicht ergeben wird.

Es ist unbestreitbar, daß es eine der lebenswichtigen Forderungen jeder menschlichen Gemeinschaft, daher auch der Kirche und des Staates ist, die Einheit in der Verschiedenheit ihrer Glieder auf dauerhafte Weise zu sichern.

Nun kann der „Totalitarismus" niemals dieser Forderung genü­gen, da er der Staatsgewalt nach Inhalt und Form eine ungebühr­liche Ausdehnung auf alle Tätigkeitsbereiche verleiht und so jedes rechtmäßige Eigenleben — das persönliche, das gemeindliche und das berufliche — in eine mechanische Einheit oder Kollektivität zu­sammenpreßt unter dem Stempel des Volkes, der Rasse oder der Klasse.

Wir haben in Unserer Rundfunkbotschaft zu Weihnachten 1942 im besonderen auf die traurigen Folgen dieser Auffassung und Handlungsweise für die Rechtsprechung hingewiesen, welche die Gleichheit aller vor dem Gesetz unterdrückt und die Rechtsentschei­dungen dem Spiel eines wandelbaren Kollektivinstinkts ausliefert.

Wer könnte übrigens jemals annehmen, daß solche irrigen Auf­fassungen, die das Recht verletzen, den Ursprung der geistlichen Ge­richte hätten bestimmen oder Einfluß auf ihre Tätigkeit hätten aus­üben können? Das ist nie der Fall gewesen und wird nie der Fall sein, weil es der Natur der sozialen Gewalt der Kirche zuwiderläuft, wie wir noch sehen werden.

Aber von der Erfüllung jener grundlegenden Forderung ist auch die andere Auffassung der Staatsgewalt sehr weit entfernt, die man als „Autoritarismus" bezeichnen kann, weil sie die Staatsbürger von jeder wirksamen Teilnahme und jedem Einfluß auf die Bildung des Gemeinwillens ausschließt. Er spaltet das Volk folgerichtig in zwei Klassen, die der Herrscher und die der Beherrschten, deren ge­genseitige Beziehungen unter der Herrschaft der Gewalt rein mecha­nisch sind oder nur eine ausschließlich biologische Grundlage haben.

Der Staat: Eine Gemeinschaft für das Gemeinwohl

Wer sieht nicht, daß solchergestalt die wahre Natur der Staatsge­walt im tiefsten verkehrt wird? Denn diese muß aus sich selbst und mittels der Ausübung ihrer Funktionen danach streben, daß der Staat eine echte Gemeinschaft sei, innig geeint im letzten Ziel, näm­lich dem Gemeinwohl. In jenem System wird jedoch der Begriff des Gemeinwohls so schwankend, und offenbart sich so deutlich als trü­gerischer Deckmantel des einseitigen Interesses des Herrschers, daß ein zügelloser gesetzgeberischer „Dynamismus" jede Rechtssicher­heit ausschließt und damit ein Grundelement jeder wahren Rechts­ordnung unterdrückt.

Niemals wird ein solcher falscher Dynamismus dazu kommen, die wesentlichen Rechte untergehen zu lassen und zu beseitigen, die den einzelnen physischen und moralischen Personen in der Kirche zu­erkannt sind. Die Natur der kirchlichen Gewalt hat nichts mit jenem „Autoritarismus" gemein, dem man daher keinerlei Beziehung zu der hierarchischen Verfassung der Kirche nachsagen kann.

Es bleibt noch die demokratische Form der Staatsgewalt zu prü­fen, in der einige eine große Ähnlichkeit mit der Gewalt der Kirche erblicken wollen. Wo eine wahre Demokratie in Theorie und Praxis herrscht, da erfüllt sie ohne Zweifel jene lebenswichtige Forderung jeder gesunden Gemeinschaft, auf die Wir hingewiesen haben. Aber das erweist sich oder kann sich unter gleichen Bedingungen auch in den anderen rechtmäßigen Regierungsformen erweisen.

Sicher hat das christliche Mittelalter, das in hervorragender Weise vom Geist der Kirche gestaltet wurde, mit seinem Reichtum an blühenden demokratischen Gemeinschaften gezeigt, daß der christ­liche Glaube eine wahre und echte Demokratie zu schaffen vermag und sogar ihre einzige dauerhafte Grundlage ist. Denn eine Demo­kratie ohne die Einheit der Geister, wenigstens in den grundlegen­den Lebenswahrheiten und -gesetzen, vor allem hinsichtlich der Rechte Gottes und der Würde der menschlichen Person und der rechtlichen Tätigkeit und persönlichen Freiheit auch in politischen Dingen, eine solche Demokratie wäre mangelhaft und schwankend. Wenn sich also das Volk vom christlichen Glauben entfernt und ihn nicht entschlossen als Grundlage des bürgerlichen Lebens bejaht, dann wird auch die Demokratie leicht entstellt und verzerrt und läuft mit der Zeit Gefahr, dem „Totalitarismus" und dem „Auto­ritarismus" einer einzigen Partei zu verfallen.

Hält man sich andererseits die Lieblingsthese der Demokratie vor Augen — eine These, die hervorragende christliche Denker zu allen Zeiten verfochten haben -, daß nämlich das ursprüngliche Subjekt der Staatsgewalt, die sich von Gott herleitet, das Volk sei (nicht die „Masse"), so wird der Unterschied zwischen der Konstitution der Kirche und jener des demokratischen Staates immer klarer.2

Unterschiede zwischen Staat und Kirche

Wesentlich verschieden von der staatlichen Gewalt ist in der Tat die kirchliche, und daher auch ihre richterliche.

Der Ursprung der Kirche liegt im Gegensatz zu dem des Staates nicht im Naturrecht. Die weiteste und genaueste Analyse der mensch­lichen Person bietet kein Element für die Folgerung, daß die Kirche ganz wie die bürgerliche Gesellschaft auf natürliche Weise habe ge­boren werden und sich entwickeln müssen. Sie leitet sich von einem positiven Akte Gottes her, der außer und über der Gemeinschafts­anlage des Menschen steht, wiewohl in vollkommener Übereinstim­mung mit dieser. Daher ist die kirchliche Gewalt — und somit auch die ihr entsprechende Gerichtsgewalt — aus dem Willen und dem Handeln entstanden, mit dem Christus seine Kirche gegründet hat. Das schließt aber nicht aus, daß, nachdem die Kirche einmal durch den Erlöser als vollkommene Gesellschaft gegründet war, aus ihrem innersten Wesen viele Elemente ähnlich dem Aufbau der bürger­lichen Gesellschaft sind.

In einem Punkte jedoch tritt dieser grundlegende Unterschied be­sonders deutlich hervor. Die Gründung der Kirche als Gemeinschaft ist anders als der Ursprung des Staates, nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten geschehen. Das heißt: Christus, der in seiner Kirche das von ihm angekündigte und für alle Menschen aller Zeiten bestimmte Reich Gottes auf Erden verwirklicht hat, hat nicht der Gemeinschaft der Gläubigen die Sendung als Lehrer, Prie­ster und Hirte, die er vom Vater zum Heil des Menschengeschlechtes empfangen hatte, anvertraut, sondern er hat sie einem Kollegium von Aposteln oder Sendboten übertragen, die er selbst erwählt hatte. Ihre Predigt, zusammen mit ihrem priesterlichen Dienst und der Gewalt ihres Amtes, sollte die Menge der Gläubigen in die Kirche eintreten heißen, um sie zu heiligen, zu erleuchten und zur vollen Reife der Jünger Christi zu führen.

Prüfet die Worte, mit denen er ihnen seine Vollmachten überge­ben hat: die Gewalt, im Gedenken an ihn das Opfer darzubringen, die Gewalt, die Sünden nachzulassen, das Versprechen und die Über­tragung der höchsten Schlüsselgewalt an Petrus und seine Nachfol­ger persönlich, die Übertragung der Macht zu lösen und zu binden an alle Apostel. Wäget endlich die Worte, mit denen er vor seiner Himmelfahrt den gleichen Aposteln die allumfassende Sendung er­teilte, die er vom Vater erhalten hatte. Ist etwa in all dem etwas, das zu Zweifeln oder zu verschiedenen Auslegungen Anlaß geben könnte? Die ganze Geschichte der Kirche, von ihren Anfängen bis in unsere Tage, ist immer wieder ein Echo dieser Worte und gibt das­selbe Zeugnis mit einer Klarheit und Genauigkeit, die keine Spitz­findigkeit verwirren oder verschleiern könnte. Nun besagen aber alle diese Worte und Zeugnisse einhellig, daß das Wesen und der Mittelpunkt der kirchlichen Gewalt, nach dem ausdrücklichen Wort Christi, die Sendung ist, die er den Dienern seines Heilswerkes für die Gemeinschaft der Gläubigen und für das ganze Menschenge­schlecht übergeben hat.

Kanon 109 des Corpus iuris canonici hat dieses wunderbare Gebäude in helles Licht gerückt: Qui in ecclesiasticam hierarchiam cooptantur, non ex populi vel potestatis saecularis consensu aut vocatione adleguntur; sed in gradibus potestatis ordinis constituuntur sacra ordinatione; in supremo pontificatu, ipsomet iure divino, adimpleta conditione legitimae electionis eiusdemque exceptationis; in reliquis gradibus iurisdictionis, canonica missione. („Die Aufnahme in die kirchliche Hierarchie erfolgt nicht auf Grund der Zustimmung oder Berufung seitens des Volkes oder der welt­lichen Gewalt; vielmehr werden die Erwählten in die Weihe­hierarchie eingereiht durch eine heilige Weihe; die Übertragung der obersten Hirtengewalt erfolgt unmittelbar durch göttliches Recht, nach Erfüllung der Vorbedingung einer rechtmäßigen Wahl und der Annahme dieser Wahl; die Einreihung in die übrigen Grade der Re­gierungsgewalt erfolgt durch die kirchliche Sendung.")


Verantwortung der Glieder der kirchlichen Hierarchie

„Non ex populi vel potestatis saecularis consensu aut vocatione": Das gläubige Volk oder die weltliche Gewalt können im Lauf der Jahrhunderte oft an der Bezeichnung jener teilgenommen haben, denen die geistlichen Ämter übertragen werden sollten, — zu wel­chen übrigens, das oberste Pontifikat mit eingeschlossen, sowohl der Sproß eines edlen Stammes wie der Sohn der bescheidensten Arbei­terfamilie erwählt werden können. In Wirklichkeit aber haben die Glieder der kirchlichen Hierarchie ihre Amtsgewalt von oben erhal­ten und erhalten sie immer wieder von oben und müssen sich für die Ausübung ihres Auftrags entweder nur unmittelbar vor Gott verantworten, welchem allein der Papst unterworfen ist, oder, in den anderen Graden, vor den hierarchischen Oberen. Aber sie haben weder dem Volk noch der bürgerlichen Gewalt irgendwie Rechen­schaft zu geben, abgesehen davon, daß natürlich jeder Gläubige die Möglichkeit hat, der zuständigen geistlichen Behörde, oder auch un­mittelbar der obersten Gewalt der Kirche seine Bitten und seine Be­schwerden zu unterbreiten, besonders wenn der Bittsteller oder Be­schwerdeführer von Beweggründen geleitet ist, die an seine persön­liche Verantwortung für das geistliche Wohl seiner selbst oder an­derer rühren.

Aus dem Gesagten ergeben sich in der Hauptsache zwei Folge­rungen:

1.       In der Kirche ist, anders als im Staat, das ursprüngliche Sub­jekt der Gewalt, der höchste Richter, die höchste Berufungsinstanz, niemals die Gemeinschaft der Gläubigen. Es gibt also und kann in der Kirche, die von Christus gegründet worden ist, niemals ein Volksgericht oder eine Gerichtsgewalt geben, die vom Volke ausgeht.

Die Frage nach der Reichweite der kirchlichen Gewalt stellt sich gleichfalls auf andere Weise als beim Staat. Für die Kirche gilt in erster Linie der ausdrückliche Wille Christi, der ihr nach seiner Weisheit und Güte größere oder kleinere Mittel und Macht verleihen konnte, ausgenommen immer jenes Mindestmaß, das ihre Natur und ihr Ziel notwendigerweise erfordern.  Die Macht der Kirche umfaßt den ganzen Menschen, sein Inneres und sein Äußeres, zur Verfolgung des übernatürlichen Zieles, insofern dieser Mensch gänzlich dem Gesetz Christi unterstellt ist, für das die Kirche von ihrem göttlichen Gründer als Wächterin und Vollstreckerin einge­setzt ist, sowohl im äußeren Rechtsbereich als auch für den inneren Bereich des Gewissens. — Eine volle und vollkommene Gewalt also, obschon fern jenem „Totalitarismus", der nicht die ehrliche Beru­fung auf die klaren und unabweisbaren Weisungen des eigenen Ge Wissens zuläßt noch anerkennt, und der die Gesetze des Einzel- und Gemeinschaftslebens verletzt, die in die Herzen der Menschen ein­geschrieben sind. Denn die Kirche zielt mit ihrer Gewalt nicht ab auf die Unterjochung der menschlichen Person, sondern auf die Siche­rung ihrer Freiheit und Vervollkommnung, indem sie dieselbe von Schwächen, Irrtümern und Verirrungen des Geistes und des Herzens erlöst, welche früher oder später immer in Entehrung und Verskla­vung enden.

Der heilige Charakter, der der kirchlichen Gerichtsgewalt aus ihrem göttlichen Ursprung und aus ihrer Zugehörigkeit zur hier­archischen Gewalt zukommt, muß euch, geliebte Söhne, die höchste Achtung für euer Amt eingeben und euch anspornen, seine ernsten Pflichten mit lebendigem Glauben, mit unveränderlicher Rechtlich­keit und immer wachem Eifer zu erfüllen. Aber hinter dem Schleier dieses Ernstes — welcher Glanz tut sich da auf für die Augen dessen, der in der Gerichtsgewalt die Majestät der Gerechtigkeit zu sehen versteht, die in ihrem gesamten Wirken bestrebt ist, die Kirche, die Braut Christi „heilig und makellos" vor ihrem göttlichen Bräutigam und vor den Menschen erscheinen zu lassen!3

Unterschiede geistlicher und bürgerlicher Gerichtsordnung

Was gestern für viele eine Pflicht der Kirche war, und was man von ihr, auch auf ungeordnete Weise, forderte, nämlich den unge­rechten Auflagen totalitärer Regierungen, die die Gewissen bedrück­ten, zu widerstehen, sie vor der Welt anzuklagen und zu verurtei­len (was zu tun sie nie unterlassen hat, aber sie tat es aus eigenem, freiem Antrieb und in den gebührenden Formen), ist heute für die­selben Menschen, da sie zur Macht gelangt sind, ein Vergehen und ein unerlaubtes Eindringen in den Bereich der staatlichen Obrigkeit. Und die gleichen Argumente, die die tyrannischen Regierungen von gestern gegen die Kirche und ihren Kampf zur Verteidigung der göttli­chen Rechte und der gerechten Würde der menschlichen Person ins Feld geführt haben, werden heute von den neuen Herrschern gebraucht, um ihre ausdauernden Bemühungen zum Schutz der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu bekämpfen. Aber die Kirche wandelt geradeaus auf ihrem Weg, immer nach dem Ziel strebend, für das sie von ihrem göttlichen Gründer eingesetzt worden ist, nämlich die Men­schen auf den übernatürlichen Pfaden der Tugend und des Guten zum himmlischen und ewigen Glück zu führen, wodurch sie zu gleicher Zeit auch das friedliche und ersprießliche Zusammenleben der Menschen fördert.

Dieser Gedanke führt uns natürlicherweise dazu, von dem wesensverschiedenen Ziel der beiden Gesellschaften zu sprechen. Der Un­terschied im Ziel schließt ohne Zweifel jene erzwungene Unterwer­fung, ja Eingliederung der Kirche in den Staat aus, die der Natur beider zuwiderläuft und die jeder Totalitarismus, wenigstens an­fänglich, zu erreichen sucht. Sie leugnet jedoch gewiß nicht jede Ver­bindung zwischen den beiden Gesellschaften, und noch weniger setzt sie zwischen beide eine kalte trennende Linie des Agnostizismus und der Indifferenz. Wer die rechte Lehre so verstehen wollte, daß Kirche und  Staat  zwei  verschiedene,  vollkommene  Gesellschaften  sind, würde in die Irre gehen. Er vermöchte die vielfältigen, trotz der Grad­verschiedenheit fruchtbringenden Formen nicht zu erklären, in denen die Verbindung zwischen den beiden Gewalten in Vergangenheit und Gegenwart erscheint; er würde sich vor allem keine Rechen­schaft darüber geben, daß Kirche und Staat aus derselben Quelle entspringen, aus Gott, und daß beide sich um denselben Menschen kümmern, seine natürliche oder übernatürliche Personwürde. All dies konnte und wollte Unser ruhmreicher Vorgänger Leo XIII. nicht vernachlässigen, als er in seiner Enzyklika Immortale Dei vom i. November 1885 die Grenzen der beiden Gesellschaften auf Grund ihres verschiedenen Zieles klar umriß und bemerkte, daß es dem Staate zunächst und in der Hauptsache obliege, sich um die irdischen Belange zu kümmern, der Kirche, für die himmlischen und ewigen Güter der Menschen zu sorgen, soweit diese nämlich der Sicherheit und Stützung bedürfen, seitens des Staates für die irdischen, seitens der Kirche für die ewigen.

Sehen wir darin nicht eine gewisse Ähnlichkeit zu den Beziehun­gen zwischen Leib und Seele? Beide wirken in solcher Weise zusam­men, daß das seelische Gepräge des Menschen in jedem Augenblick die Folgen seines Temperaments und seiner körperlichen Zustände spürt, während umgekehrt die sittlichen Eindrücke, die Erregungen, die Leidenschaften sich im leiblich-sinnlichen Empfindungsvermögen so mächtig widerspiegeln, daß die Seele auch die Züge des Gesichts bestimmt, denen sie gleichsam ihr Bild aufdrückt.

Das geistliche Gericht

Es besteht also ein Unterschied im Ziel, ein Unterschied, der auf die Kirche und auf den Staat einen verschiedenen und tiefen Einfluß ausübt, vor allem auf die oberste Gewalt beider Gesell­schaften. Daher auch auf die richterliche Gewalt, die lediglich ein Teil und eine Funktion davon ist. Unabhängig, ob die einzelnen kirchlichen Richter sich dessen bewußt sind oder nicht, ist und bleibt ihr richterliches Tun eingeschlossen in die Fülle des Lebens der Kirche mit ihrem hohen Ziele: caelestia ac sempiterna bona comparare — die himmlischen und ewigen Güter zu vermitteln —. Dieser finis operis (innere Zweck) der kirchlichen Gerichtsgewalt gibt ihr das objektive Gepräge und macht sie zu einer Einrichtung der Kirche als einer übernatürlichen Gemeinschaft. Und da sich dieses Gepräge aus dem überirdischen Zweck der Kirche herleitet, wird die kirchliche Gerichtsgewalt niemals in die Starrheit und Unbeweglich­keit verfallen, der rein irdische Einrichtungen aus Furcht vor Ver­antwortung oder aus Trägheit oder auch aus einer schlechtverstan­denen Sorge, das gewiß hohe Gut der Rechtssicherheit zu schützen, leicht hörig "werden. Das heißt aber nicht, daß es in der kirch­lichen Gerichtsordnung einen Bereich gebe, der der bloßen Willkür des Richters in der Behandlung der einzelnen Fälle frei gelassen wäre. Diese Irrtümer einer angeblichen verhängnisvollen „Vitali­tät" des Rechts sind traurige Erzeugnisse unserer Zeit in Tätig­keiten, die nichts mit der Kirche zu tun haben. Unberührt von einem heute ziemlich verbreiteten Antiintellektualismus bleibt die Kirche fest auf dem Standpunkt, daß der Richter im einzelnen Fall nach dem Gesetz entscheidet, einem Standpunkt, der, ohne einen über­triebenen „juristischen Formalismus" zu begünstigen, doch jene „subjektive Willkür" zurückweist, die den Richter nicht unter, son­dern über das Gesetz stellen würde. Die rechtliche Norm klar im Sinne des Gesetzgebers verstehen und den einzelnen Fall gemäß der anzuwendenden Norm richtig zergliedern, diese Verstandes­arbeit ist ein wesentlicher Teil der konkreten Rechtsprechungsarbeit. Ohne solches Verfahren wäre das Urteil des Richters ein einfacher Befehl und nicht das, was das Wort „positives Recht" ausdrücken will, nämlich in dem einzelnen und daher konkreten Fall Ordnung in der Welt zu schaffen, die als ein Ganzes von der Weisheit Gottes in der Ordnung und für die Ordnung geschaffen worden ist.

Ist dieses Gebiet der richterlichen Tätigkeit etwa nicht reich an Leben? Mehr noch: Das kirchliche Gesetz gilt dem Gemeinwohl der kirchlichen Gesellschaft und ist daher untrennbar mit dem Ziel der Kirche verbunden. Während also der Richter das Gesetz auf den ein­zelnen Fall anwendet, arbeitet er daran mit, die Fülle des Ziels zu vollenden, das in der Kirche lebt. Sieht er sich aber zweifelhaften Fällen gegenüber oder läßt ihm die Gesetzgebung Freiheit, so wird ihm die Verbindung der kirchlichen Gerichtsordnung mit dem Ziel der Kirche helfen, die rechte Entscheidung zu finden und zu be­gründen und sein Amt vor dem Makel reiner Willkür zu bewahren. Wie auch immer man daher die Beziehung der kirchlichen Gerichts­gewalt zu diesem Ziel betrachten mag, sie erscheint als die sicherste Garantie der wahren Lebenskraft ihrer Entscheidungen, und während sie den kirchlichen Richter in ein von Gott gewelltes Amt ein­setzt, weist sie ihn auf sein hohes Verantwortungsbewußtsein hin, das auch in der Kirche über alle gesetzliche Regelung hinaus der un­erläßliche Schutz der Rechtssicherheit ist.

Damit wollen wir in keiner Weise die praktischen Schwierig­keiten verkennen, die trotz allem das moderne Leben auch in der kirchlichen Gerichtsgewalt verursacht, unter gewissen Gesichts­punkten sogar noch mehr als im bürgerlichen Bereich. Man denke nur an gewisse geistliche Güter, denen gegenüber sich die richter­liche Gewalt des Staates weniger gebunden fühlt oder sogar sich bewußt gleichgültig verhält. Typisch in diesem Sinne sind die Fälle von Vergehen gegen den Glauben oder von Abfall, die die „Ge­wissensfreiheit und die „religiöse Toleranz" und die Eheprozesse betreffen. In diesen Fällen kann die Kirche und daher auch der kirchliche Richter sich nicht die neutrale Haltung der Staaten mit verschiedenen religiösen Bekenntnissen zu eigen machen, noch weni­ger die einer Welt, die dem Unglauben und der religiösen Gleichgül­tigkeit verfallen ist, sondern sie muß sich allein von dem wesent­lichen Ziel leiten lassen, das ihr von Gott gesteckt ist.

So stoßen wir immer wieder auf den tiefen Unterschied, den die Verschiedenheit des Ziels zwischen kirchlicher und bürgerlicher Gerichtsgewalt bewirkt. Ohne Zweifel steht dem nichts im Wege, daß die eine die Ergebnisse der anderen verwendet, die theoretischen Erkenntnisse ebensogut wie die praktischen Erfahrungen. Doch wäre es irrig, Elemente und Normen der einen mechanisch auf die andere zu übertragen, und noch irriger, sie einfachhin gleichsetzen zu wollen. Die kirchliche Gerichtsgewalt und der kirchliche Richter brauchen ihr Ideal nicht anderswo zu suchen, sondern müssen es in sich selbst tragen; sie müssen sich immer vor Augen halten, daß die Kirche ein übernatürlicher Organismus ist, dem ein göttliches Lebens­prinzip innewohnt, ein Prinzip, das auch die Gerichtsbarkeit und das Amt des kirchlichen Richters bewegen und lenken muß.

Richter sind in der Kirche kraft ihres Amtes und durch göttlichen Willen die Bischöfe, von denen der Apostel sagt, daß sie „vom Heiligen Geist eingesetzt sind, um die Kirche Gottes zu lenken". Aber dieses „lenken" schließt das „urteilen" als eine notwendige Funktion ein. Daher beruft nach dem Worte des Apostels der Hei­lige Geist die Bischöfe nicht weniger zum Richteramt als zur Regie­rung der Kirche. Vom Heiligen Geist rührt darum der heilige Cha­rakter dieses Amtes her. Die Gläubigen der Kirche Gottes, „die er mit seinem Blute erworben hat", sind diejenigen, auf die sich die richterliche Tätigkeit bezieht. Das Gesetz Christi ist von Grund auf jenes, nach dem in der Kirche die Urteile gefällt werden. Das göttliche Lebensprinzip der Kirche bewegt alle und alles, was in ihr ist, auf ihr Ziel zu, also auch die richterliche Gewalt und den Richter: caelestia ac sempiterna bona comparare (die himmlischen und ewi­gen Güter zu vermitteln).4

1,2,3 Allokution bei der Eröffnung des Gerichtsjahres der S. Romana Rota, 2. Ok­tober 1945

4 Allokution bei der Eröffnung des Gerichtsjahres der S. Romana Rota, 29.  Ok­tober 1947

DIE SOZIALE ORDNUNG

Das Zifferblatt der Geschichte zeigt heute eine ernste, für die ganze Menschheit entscheidende Stunde.

Eine alte Welt liegt in Trümmern. Aus diesen Trümmern so schnell wie möglich eine neue, gesündere, rechtlich besser geordnete Welt erstehen zu sehen: das ist die Sehnsucht der so schwer ge­prüften Völker.

Sollen etwa den schmerzlichen und verhängnisvollen Irrtümern der Vergangenheit neue, nicht weniger beklagenswerte folgen, und soll die Welt unaufhörlich von einem Extrem ins andere taumeln? Oder wird das Pendel dank dem Wirken weiser Staatenlenker nach Richtlinien und Lösungen, die dem göttlichen Recht nicht widerspre­chen und nicht im Gegensatz zum menschlichen und zum christlichen Gewissen stehen, ausschlagen?

Von der Antwort auf diese Frage hängt das Schicksal der christ­lichen Kultur in Europa und der Welt ab — einer Kultur, die, weit entfernt, den vielfältigen besonderen Lebensformen, in denen sich die Eigenart jedes Volkes kundgibt, Abbruch zu tun, sich vielmehr mit ihnen verbindet und dabei ihre höchsten ethischen Grundsätze neu belebt: das Sittengesetz, das der Schöpfer in die Herzen der Menschen geschrieben hat, das Naturrecht, das von Gott kommt, die Grundrechte und die unantastbare Würde der menschlichen Person. Und um den Willen besser unter den Gehorsam gegen sie zu beugen, flößt sie den einzelnen, dem ganzen Volke und der Gemein­schaft der Nationen jene höheren Kräfte ein, die kein menschliches Wirken auch nur entfernt verleihen kann, während sie, gleich den Kräften der Natur, dieselben von den giftigen Keimen bewahrt, welche die sittliche Ordnung bedrohen und deren Einsturz ver­hindert.

Wirken und Segen der christlichen Kultur

So geschieht es, daß die christliche Kultur, ohne die gesunden Ele­mente der verschiedensten ursprünglichen Kulturen zu ersticken oder zu schwächen, sie in den wesentlichsten Dingen harmonisiert und so eine breite Einheit von Gefühlen und sittlichen Grundsätzen schafft, das festeste Fundament wahren Friedens, sozialer Gerechtigkeit und brüderlicher Liebe zwischen allen Gliedern der großen Menschheits­familie.

Das letzte Jahrhundert hat in einer Entwicklung voll von Wider­sprüchen gesehen, wie auf der einen Seite die Fundamente der christ­lichen Kultur systematisch untergraben wurden, auf der anderen Seite dagegen sich die christliche Kultur ständig über alle Völker hin ausbreitete. Europa und die anderen Kontinente leben noch in ver­schiedenem Grade von den Lebenskräften und Prinzipien, die ihnen die Erbschaft des christlichen Gedankens fast wie in einer geistigen Bluttransfusion übermittelt hat. Manche gehen so weit, dieses kost­bare Erbe zu vergessen, zu vernachlässigen, ja sogar es zurückzu­weisen; aber die Tatsache dieser Erbfolge bleibt bestehen.

Klarsicht, Hingabe und Mut, erfinderischer Genius, brüderliche Liebe aller geraden und redlichen Geister werden bestimmen, in welchem Maße und bis zu welchem Grade es dem christlichen Ge­danken gegeben sein wird, das riesige Werk der Wiederherstellung des sozialen, wirtschaftlichen und internationalen Lebens auf einer Ebene aufzurichten, die dem religiösen und sittlichen Inhalt der christlichen Kultur nicht widerstreitet.

Die Hebung des Arbeiterstandes

Loyal und wirksam kann die Zusammenarbeit in allen jenen Be­reichen sein, in denen die Schaffung einer besseren rechtlichen Ord­nung sich als eine besondere Forderung des christlichen Gedankens erweist. Dies gilt im besonderen für jenen schwierigen Problem­komplex, der die Einsetzung einer wirtschaftlichen und sozialen Ord­nung betrifft, die dem ewigen göttlichen Gesetz und der menschlichen Würde besser entspricht. In ihr zielt der christliche Gedanke auf He­bung des Arbeiterstandes als wesentliches Element, deren entschlos­sene, großherzige Verwirklichung jedem wahren Jünger Christi nicht nur als irdischer Fortschritt, sondern auch als Erfüllung einer sittlichen Verpflichtung erscheint.

Versprechungen von Staatsmännern, die vielfältige Auffassungen und Vorschläge von Gelehrten und Technikern haben unter den Opfern einer ungesunden Wirtschafts- und Sozialordnung die trüge­rische Erwartung einer gänzlichen Wiedergeburt der Welt erweckt, eine übersteigerte Hoffnung auf ein tausendjähriges Reich universa­ler Glückseligkeit.

Ein solches Gefühl bietet der Propaganda der radikalsten Programme ein günstiges Feld und macht die Geister einer sehr ver­ständlichen/» aber unvernünftigen und ungerechtfertigten Ungeduld geneigt, die sich nichts mehr von organischen Reformen verspricht, sondern alles von Umsturz und Gewalt erwartet. Gegenüber diesen extremen Tendenzen bleibt der Christ, der über die Bedürfnisse und das Elend seiner Zeit ernsthaft nachdenkt, in der Wahl der Heilmittel den Grundsätzen treu, die Erfahrung, gesunde Vernunft und christ­liche Sozialethik als Grundlagen und Prinzipien jeder gerechten Re­form aufzeigen.

Das Recht des Privateigentums

Schon Unser unsterblicher Vorgänger Leo XIII. hat in seiner En­zyklika Rerum Novarum den Grundsatz ausgesprochen, daß für jede rechte Wirtschafts- und Sozialordnung „als unerschütterliches Fun­dament das Recht des Privateigentums gelegt werden" müsse.

Wenn es wahr ist, daß die Kirche immer „das natürliche Recht des Eigentums und der erblichen Übertragung der eigenen Güter" an­erkannt hat, so ist doch nicht weniger gewiß, daß dieses Privat­eigentum auf besondere Weise die natürliche Frucht der Arbeit ist: das Produkt einer intensiven Tätigkeit des Menschen, das er ge­winnt dank seinem energischen Willen, mit seinen Kräften die eigene Existenz und die seiner Familie zu sichern und zu entfalten, sich und den Seinen einen Bereich gerechter Freiheit, und zwar nicht nur wirt­schaftlicher, sondern auch politischer, kultureller und religiöser Frei­heit zu schaffen.

Das christliche Gewissen kann eine soziale Ordnung nicht als gerecht gelten lassen, die das natürliche Eigentumsrecht entweder grundsätzlich leugnet oder praktisch unmöglich und vergeblich macht, und zwar sowohl in bezug auf die Verbrauchsgüter wie auf die Produktionsmittel.

Aber es kann auch jene Systeme nicht annehmen, die das Recht des Privateigentums nach einem völlig falschen Begriff anerkennen und daher zur wahren und gesunden Sozialordnung im Widerspruch stehen.

Kapitalismus

Daher hat die Kirche da, wo sich zum Beispiel der Kapitalismus auf solche irrigen Begriffe gründet und sich ein unbegrenztes Recht über das Eigentum ohne jede Unterordnung unter das Gemeinwohl anmaßt, ihn als dem Naturrecht entgegengesetzt verworfen.

Wir sehen die ständig wachsende Schar der Arbeiter oft jenen übertriebenen Zusammenballungen wirtschaftlicher Güter gegenübergestellt, denen es, häufig unter anonymen Formen versteckt, gelingt, sich ihren sozialen Pflichten zu entziehen. So machen sie es dem Ar­beiter beinahe unmöglich, sich ein wirkliches Eigentum zu schaffen.

Wir sehen das kleine und mittlere Eigentum im Leben der Ge­sellschaft schwinden und schwächer werden, da es zu einem immer härteren und hoffnungsloseren Verteidigungskampf gezwungen ist.

Wir sehen, wie auf der einen Seite riesige Reichtümer die private und öffentliche Wirtschaft und oft auch das staatsbürgerliche Wirken beherrschen, und auf der anderen sehen wir die unzählbare Menge jener, die, jeder direkten oder indirekten Sicherheit der eigenen Exi­stenz beraubt, kein Interesse mehr an den wahren und hohen Wer­ten des Geistes haben, sich dem Streben nach echter Freiheit ver­schließen, sich irgendeiner politischen Partei in die Arme werfen, als Sklaven eines jeden, der ihnen auf irgendeine Weise Brot und Ruhe verspricht. Und die Erfahrung hat gezeigt, zu welcher Tyrannei die Menschheit unter solchen Umständen auch in der gegenwärtigen Zeit fähig ist.

Privateigentum und Produktionsmittel

Wenn also die Kirche das Prinzip des Privateigentums vertritt, so verfolgt sie damit ein hohes ethisch-soziales Ziel. Sie will nicht etwa lediglich den derzeitigen Stand der Dinge aufrechterhalten, als ob sie in ihm den Ausdruck des göttlichen Willens erblickte, noch will sie aus Prinzip den Reichen und den Plutokraten gegen den Armen und Habenichts schützen. Im Gegenteil! Seit ihren Anfängen ist sie die Schützerin der unterdrückten Schwachen gegen die Tyrannei der Mächtigen gewesen und hat sich immer der gerechten Ansprüche der Arbeiterschicht gegen jede Unbilligkeit angenommen. Aber die Kirche richtet ihr Streben vielmehr darauf, daß das Institut des Privateigen­tums das sei, was es nach den Plänen der göttlichen Weisheit und nach den Bestimmungen der Natur sein soll: ein Element der sozia­len Ordnung, eine notwendige Voraussetzung der menschlichen Initiative, ein Ansporn zur Arbeit zugunsten der zeitlichen und transzendenten Zwecke des Lebens und daher der Freiheit und der Würde des Menschen, der nach dem Ebenbild Gottes erschaffen ist, von dem ihm von Anfang an die Herrschaft über die materiellen Dinge zu seinem Nutzen zugewiesen wurde.

Nehmt dem Arbeiter die Hoffnung, irgendwelche Güter als Privat­eigentum zu erwerben — welchen anderen natürlichen Antrieb könn­tet ihr ihm bieten, um ihn zu intensiver Arbeit anzuspornen, zum Sparen, zur Nüchternheit, heute, da so viele Menschen und Völker, die alles verloren haben, nichts mehr als ihre Arbeitskraft besitzen?

Oder will man die Kriegswirtschaft verewigen, derzufolge in man­chen Ländern die öffentliche Gewalt alle Produktionsmittel in Hän­den hat und für alles und für alle sorgt, aber mit der Peitsche einer harten Disziplin? Oder will man sich der Diktatur einer politischen Gruppe unterwerfen, die als herrschende Klasse über die Produk­tionsmittel verfügt, zugleich aber auch über das Brot und damit über den Arbeitswillen der einzelnen?

Enteignungsrecht des Staates

Die Sozial- und Wirtschaftspolitik der Zukunft, die ordnende Tä­tigkeit des Staates, der Gemeinden, der beruflichen Einrichtungen werden ihr hohes Ziel, nämlich die wahre Fruchtbarkeit des sozialen Lebens und die normale Leistung der Nationalwirtschaft, auf die Dauer nicht erreichen können, wenn sie nicht die lebenswichtige Funktion des Privateigentums in seinem persönlichen und sozialen Wert achten und schützen. Wenn die Verteilung des Eigentums ein Hindernis auf dem Weg zu diesem Ziel ist — was nicht notwendiger­weise und auch nicht immer von der Ausdehnung des privaten Be­sitzes verursacht ist —, so kann der Staat im allgemeinen Interesse eingreifen, um seinen Gebrauch zu regeln, oder auch, wenn keine andere Lösung nach Billigkeit möglich ist, die Enteignung gegen eine angemessene Entschädigung verfügen. Zu demselben Zweck müssen das kleine und das mittlere Eigentum in der Landwirtschaft, in den Künsten und Handwerken, im Handel und in der Industrie gesichert und gefördert werden; die genossenschaftlichen Vereinigungen müs­sen ihnen die Vorteile des Großbetriebs sichern; wo sich der Groß­betrieb heute noch als produktiver erweist, muß die Möglichkeit ge­boten werden, den Arbeitsvertrag durch einen Gesellschaftsvertrag zu mildern.

Genossenschaften oder Riesenbetriebe?

Man sage nicht, der technische Fortschritt stehe einer solche Re­gelung entgegen und treibe in seinem unwiderstehlichen Strom alle Aktivität auf Riesenbetriebe und -Organisationen zu, denen gegen­über ein auf das Privateigentum der einzelnen gegründetes Sozial­system unweigerlich zusammenbrechen müsse. Nein: der technische Fortschritt bestimmt nicht als ein schicksalhaftes und notwendiges Faktum das Wirtschaftsleben. Er hat sich allzu oft den Forderungen gieriger, egoistischer Berechnungen auf unbegrenzte Vermehrung der Kapitalien gebeugt. Warum sollte er sich nicht auch der Not­wendigkeit beugen, das Privateigentum aller, den Eckstein der so­zialen Ordnung, aufrechtzuerhalten und zu sichern? Auch der technische Fortschritt darf als soziales Faktum nicht die Oberhand über das Gemeinwohl erlangen, sondern er muß nach ihm geordnet und ihm untergeordnet werden.1

1 Aus der Rundfunkbotschaft an die Welt, 1. September 1943

DIKTATUR UND DEMOKRATIE

In einer ständig wachsenden Schar edler Geister erwacht ein Gedanke, ein immer klarerer und festerer Entschluß: eine durch­greifende Neuordnung der Welt. Staatsmänner, verantwortliche Ver­treter der Völker finden sich zu Besprechungen zusammen mit dem Ziel, die grundlegenden Rechte und Pflichten zu bestimmen, auf denen eine Gemeinschaft der Staaten wiederhergestellt werden sollte, und um den Weg in eine bessere, sicherere, der Menschheit würdi­gere Zukunft zu bahnen.

Ohne Zweifel kann man über den Wert, die Durchführbarkeit, die Wirksamkeit dieses oder jenes Vorschlags verschiedener Mei­nung sein, man kann wohl mit seinem Urteil darüber zurückhalten, aber es bleibt immerhin wahr, daß die Bewegung eingeleitet ist.

Überdies — und das ist vielleicht der wichtigste Punkt — sind die Völker wie aus langer Betäubung erwacht. Sie haben dem Staat, den Regierenden gegenüber eine neue Haltung eingenommen, eine fra­gende, kritische, mißtrauische Haltung. Durch bittere Erfahrung belehrt, widersetzen sie sich mit größerem Nachdruck den ausschließ­lichen Befugnissen einer unkontrollierbaren und unantastbaren diktatorischen Macht und fordern ein Regierungssystem, das mit der Freiheit und Würde der Bürger besser vereinbar sei.

Diese unruhigen Massen, vom Krieg bis in die untersten Schichten aufgewühlt, sind heute von der - zuerst vielleicht unbestimmten und verworrenen, aber nunmehr unabweisbaren - Überzeugung beherrscht, daß, hätte nicht die Möglichkeit gefehlt, die Tätigkeit der öffentlichen Gewalt zu überwachen und zu berichtigen, die Welt nicht in den verhängnisvollen Wirbel des Krieges gezogen worden wäre und daß es, um für die Zukunft ähnliche Katastrophen zu ver­meiden, nötig sei, im Volk selbst wirksame Sicherungen dagegen zu schaffen.

Ist es bei einer solchen Verfassung der Geister zu verwundern, wenn die Neigung zur Demokratie die Völker ergreift und weithin die Unterstützung und die Zustimmung derer findet, die danach streben, wirksamer an den Geschicken der einzelnen und der Ge­sellschaft mitzuarbeiten?

 

Die Kirche verwirft keine Regierungsform

Es ist kaum notwendig, daran zu erinnern, daß es, nach den Leh­ren der Kirche, „keine Pflichtverletzung ist, eine Staatsverfassung von gemäßigter demokratischer Form vorzuziehen, solange dabei die katholische Lehre über Ursprung und Gebrauch der öffentlichen Gewalt gewährleistet bleibt", und daß „die Kirche keine der ver­schiedenen Regierungsformen verwirft, sofern sie nur an sich ge­eignet ist, das Gemeinwohl der Bürger zu sichern".

Wenn Wir also Unsere Aufmerksamkeit dem Problem der De­mokratie zuwenden, um zu prüfen, nach welchen Richtlinien sie gestaltet sein muß, um sich eine wahre und gesunde Demokratie nen­nen zu können, eine Demokratie, die den Verhältnissen der gegen­wärtigen Zeit entspricht, so zeigt sich deutlich, daß die Sorge und die Bemühung der Kirche nicht so sehr auf ihren äußeren Aufbau und ihre Gliederung gerichtet ist — die ja von den besonderen Nei­gungen jedes Volkes abhängen — als vielmehr auf den Menschen als solchen, der, weit entfernt, Gegenstand und passives Element des gesellschaftlichen Lebens zu sein, in Wahrheit dessen Träger, Grundlage und Ziel ist, und sein und bleiben muß.

Vorausgesetzt, daß die Demokratie, im weiteren Sinne verstan­den, verschiedene Formen zuläßt und sich ebensogut in Monarchien wie in Republiken verwirklichen kann, bieten sich Uns zwei Fragen zur Prüfung dar:

1.         Welche Eigenschaften müssen die Menschen kennzeichnen, die in der Demokratie und unter dem demokratischen Regime leben?

2.         Welche Eigenschaften müssen die Männer auszeichnen, die in der Demokratie die öffentliche Gewalt innehaben?

Der Staatsbürger im demokratischen Staat

Die eigene Meinung über die Pflichten und die Opfer aussprechen zu können, die ihm auferlegt werden; nicht gezwungen zu sein zu gehorchen, ohne erst gehört zu werden: das sind zwei Rechte des Staatsbürgers, die in der Demokratie, wie ihr Name sagt, ihren Aus­druck finden. An der Festigkeit, am Einklang und an den guten Fol­gen dieser Verbindung zwischen Staatsbürgern und Staatsregierung kann man ermessen, ob eine Demokratie wirklich gesund und aus­geglichen ist und wie stark ihre Lebens- und Entwicklungskraft ist. Was sodann Art und Umfang der Opfer betrifft, die von allen Bür­gern gefordert werden — besonders noch in unserer Zeit, in der das Wirken des Staates so weit gespannt und entscheidend ist —, so er­scheint die demokratische Regierungsform vielen als eine natürliche, von der Vernunft selbst gestellte Forderung. Wenn man aber „mehr Demokratie und bessere Demokratie" verlangt, so kann eine solche Forderung nur bedeuten, es müsse dem Staatsbürger immer mehr die Möglichkeit geboten werden, sich eine eigene, persönliche Meinung zu bilden, ihr Ausdruck zu verleihen und in einer dem Gemeinwohl entsprechenden Weise Geltung zu verschaffen.

Volk und Masse

Daraus ergibt sich ein erster notwendiger Schluß samt seiner praktischen Folgerung. Der Staat enthält und vereinigt in sich nicht mechanisch auf einem gegebenen Gebiet eine gestaltlose An­häufung von Individuen. In Wirklichkeit ist und muß er die orga­nische und organisatorische Einheit eines echten Volkes sein.

Volk und gestaltlose Menge, oder, wie man zu sagen pflegt, „Masse", sind zwei verschiedene Begriffe. Das Volk lebt und be­wegt sich aus eigener Lebenskraft; die Masse ist in sich träge und kann nur von außen bewegt werden. Das Volk lebt aus der Fülle des Lebens der Menschen, die es bilden und von denen jeder — an seinem Posten und der ihm eigenen Art — eine ihrer eigenen Verantwortung und der eigenen Überzeugung sich bewußte Person ist. Die Masse hingegen erwartet den Anstoß von außen, ein leichtes Spielzeug in den Händen jedes beliebigen, der ihre Instinkte und ihre Beeindruckbarkeit auszunutzen versteht; sie ist bereit, heute diesem, morgen jenem Banner zu folgen. Aus der Lebensfülle eines wirklichen Volkes ergießt sich das Leben reich und überströmend in den Staat und alle seine Organe und flößt ihnen mit unauf­hörlich erneuerter Kraft das Bewußtsein eigener Verantwortung und den wahren Sinn für das Gemeinwohl ein. Auch der elementaren Kraft der Masse kann sich der Staat bedienen, wenn sie nur geschickt bearbeitet und genutzt wird. In den ehrgeizigen Händen eines ein­zelnen oder mehrerer, die selbstsüchtige Neigungen künstlich zu­sammengeführt haben, kann der Staat selbst, gestützt auf die Masse, die darauf beschränkt ist, nicht mehr als eine einfache Ma­schine zu sein, seine Willkür dem besseren Teil des wirklichen Vol­kes auf zwingen: Das Gemeinwohl wird dadurch hart und auf lange Zeit getroffen und die Wunde ist oft schwer zu heilen.

Daraus ergibt sich klar eine zweite Schlußfolgerung: Die Masse - wie Wir sie soeben gekennzeichnet haben - ist der Hauptfeind der wahren Demokratie und ihres Ideals von Freiheit und Gleich­heit.

 

Ideal und Zerrbild des Staatsbürgers

In einem Volk, das dieses Namens würdig ist, fühlt der Bürger in sich selbst das Bewußtsein seiner Persönlichkeit, seiner Pflichten und seiner Rechte, seiner eigenen Freiheit, verbunden mit der Achtung vor der Freiheit und der Würde des anderen. In einem Volk, das dieses Namens würdig ist, sind alle die Ungleichheiten, die nicht aus der Willkür, sondern von der eigentlichen Natur der Dinge herrühren, von der Ungleichheit der Bildung, des Besitzes, der sozialen Stellung — wohlgemerkt ohne Nachteil für die Gerech­tigkeit und gegenseitige Liebe —, durchaus kein Hindernis für das Bestehen und die Herrschaft eines echten Gemeinschaftsgeistes und einer wahren Brüderlichkeit; ja weit entfernt, auf irgendeine Weise die bürgerliche Gleichheit zu verletzen, verleihen sie ihr sogar ihren wahren Sinn, daß nämlich jeder dem Staate gegenüber das Recht hat, in Ehren das eigene persönliche Leben zu leben auf dem Platz und unter den Bedingungen, in die ihn die Fügung und Führung der göttlichen Vorsehung gestellt hat.

Welches Schauspiel bietet im Gegensatz zu diesem Bild des Ideals der demokratischen Freiheit und Gleichheit in einem Volk, das von redlichen und umsichtigen Händen geleitet wird, ein demokratischer Staat, der der Willkür der Masse ausgeliefert ist! Die Freiheit, in­sofern sie persönlich sittliche Verpflichtung ist, verwandelt sich in einen tyrannischen Anspruch auf ungehemmte Befriedigung mensch­licher Gier und menschlicher Triebe zum Schaden der anderen. Die Gleichheit entartet in eine geistlose Gleichmacherei, in eine ein­tönige Gleichschaltung. Sinn für wahre Ehre, persönlichen Einsatz, Achtung vor Überlieferung, Würde — mit einem Wort, alles was dem Leben seinen Wert gibt, versinkt nach und nach und verschwin­det. Übrig nur bleiben auf der einen Seite die getäuschten Opfer des Trugbilds der Demokratie, das sie in ihrer Harmlosigkeit mit dem wahren Geiste der Demokratie, mit Freiheit und Gleichheit ver­wechselten; und auf der anderen Seite die mehr oder weniger zahl­reichen Gewinner, die es verstanden haben, sich mit der Macht des Geldes oder der Organisation eine bevorzugte Stellung, ja die Ge­walt über die ändern zu sichern.

Menschen, die in der Demokratie die öffentliche Gewalt ausüben

Der demokratische Staat, ob monarchisch oder republikanisch, muß wie jede andere Regierungsform mit wahrer und wirksamer Autorität ausgestattet sein. Die gleiche absolute Ordnung des Seins und der Zwecke, die den Menschen als autonome Persönlichkeit ausweist, das heißt, als Träger unverletzlicher Pflichten und Rechte, als Ursprung und Ziel seines gesellschaftlichen Lebens, schließt auch den Staat als eine notwendige Gesellschaft ein, die mit jener Autorität versehen ist, ohne die sie weder bestehen noch leben könnte. Denn wenn die Menschen unter Berufung auf die persönliche Freiheit jede Abhängigkeit von einer höheren Autorität, die Zwangsgewalt be­sitzt, ablehnten, so würden sie gleichzeitig auch das Fundament ihrer eigenen Würde und Freiheit untergraben, eben jene absolute Ordnung des Seins und der Zwecke.

Auf diesem nämlichen Grunde errichtet, sind die Person, der Staat, die öffentliche Gewalt mit den entsprechenden Rechten der­gestalt miteinander verbunden, daß sie zusammen stehen oder

fallen.

Da nun diese unbedingt geltende Ordnung, im Lichte der ge­sunden Vernunft und vornehmlich des christlichen Glaubens ge­sehen, keinen anderen Ursprung haben kann als den persönlichen Gott, unseren Schöpfer, so folgt daraus, daß die Würde des Men­schen die Würde des Ebenbildes Gottes ist, daß die Würde des Staa­tes die Würde der von Gott gewollten moralischen Gemeinschaft, die Würde der öffentlichen Gewalt ist, und daß die Würde ihrer Teilhabe an der Autorität Gottes ist.

Keine Staatsform kann diese enge, unlösliche Verknüpfung über­sehen, am wenigsten von allen die Demokratie. Wenn daher der Inhaber der öffentlichen Gewalt diese Verbindung nicht sieht oder sie mehr oder minder übersehen will, so erschüttert er seine eigene Autorität in ihrer Grundlage selbst. Ebenso wird, wenn er diese Beziehung nicht genügend in Betracht zieht und in seinem Amt nicht die Sendung erblickt, die von Gott gewollte Ordnung zu verwirk­lichen, die Gefahr entstehen, daß Herrschsucht oder Eigennutz die Oberhand gewinnen über die wesentlichen Forderungen der poli­tischen und sozialen Moral und daß der leere Schein einer reinen Formaldemokratie oft nur als Maske für das dient, was dort in Wirklichkeit am wenigsten demokratisch ist.

Einzig die klare Einsicht in die von Gott jeder menschlichen Ge­sellschaft gesetzten Ziele, verbunden mit dem tiefen Gefühl für die hohen Aufgaben des sozialen Wirkens, kann jene, denen die Macht anvertraut ist, instandsetzen, ihre Pflichten in bezug auf Gesetz­gebung oder Rechtsprechung oder Exekutive mit jenem Bewußtsein der eigenen Verantwortung, jener Objektivität, jener Unparteilich­keit, jener Loyalität, jener Großherzigkeit, jener Unbestechlichkeit zu erfüllen, ohne die es einer demokratischen Regierung schwerlich gelingt, Achtung, Vertrauen und Zustimmung des besseren Teils des Volkes zu erwerben.

 

Die Volksvertretung

Das tiefere Erfassen der Grundsätze einer politischen und so­zialen Ordnung, die gesund ist und den Normen des Rechts und der Gerechtigkeit entspricht, ist von besonderer Bedeutung für jene, die, in jeder Art von demokratischem Regime, als Volksvertreter die gesetzgebende Gewalt ganz oder zum Teil innehaben. Und da der Schwerpunkt einer richtig aufgebauten Demokratie eben in dieser Volksvertretung liegt, von der aus die politischen Ströme in alle Bereiche des öffentlichen Lebens gehen — zum Bösen wie zum Guten —, so ist die Frage des moralischen Niveaus, der praktischen Eignung, der intellektuellen Fähigkeit der Abgeordneten im Par­lament für jedes demokratisch regierte Volk eine Frage, von der Leben und Tod, Wohlstand und Verfall, Gesundung oder dauerndes Siechtum abhängen. Um eine fruchtbare Tätigkeit zu entfalten, um Achtung und Vertrauen zu gewinnen, muß jede gesetzgebende Körperschaft — wie unzweifelhafte Erfahrung beweist — über eine Auslese von geistig hervorragenden, charakterfesten Männern ver­fügen, die sich als Vertreter des ganzen Volkes betrachten und nicht als Beauftragte einer Gruppe, deren Sondervorteilen leider nur zu oft die wahren Bedürfnisse und die wahren Forderungen des Gemein­wohls geopfert werden. Eine Auslese von Männern muß es sein, die nicht auf irgendeinen Beruf oder Stand beschränkt sein soll, sondern vielmehr das vielfältige Leben des gesamten Volkes wider­spiegelt. Eine Auslese von Männern von tiefer christlicher Über­zeugung und Gesinnung, von gerechtem und sicherem Urteil, von praktischem und ausgeglichenem Wesen, sich selber treu in allen Lagen; Männer von klarer und gesunder Weltanschauung, beharr­lich und gradlinig in ihren Zielen; Männer vor allem, die fähig sind, kraft der Autorität, die von ihrem reinen Gewissen ausgeht und weit um sie ausstrahlt, Führer und Lenker zu sein, besonders in den Zeiten, in denen die dräuende Not die Beeindruckbarkeit des Volkes übermächtig erregt, und es leichter in Gefahr bringt, irregeleitet zu werden und sich zu verlieren; Männer, die in Über­gangszeiten, die allgemein von Leidenschaften, Meinungsverschie­denheiten und Programmgegensätzen zerrissen sind, sich doppelt verpflichtet fühlen, in den Adern des Volkes und des Staates, die von tausend Fiebern brennen, das geistige Gegengift klarer An­sichten, zuvorkommender Güte, einer für alle gleich gewogenen Ge­rechtigkeit und eines auf Einigung und Eintracht des Volkes im Geiste aufrichtiger Brüderlichkeit gerichteten Willens kreisen zu lassen. Die Völker, deren geistige und sittliche Anlage gesund und fruchtbar ist, finden in sich selbst und können der Welt Herolde und Werkmeister der Demokratie geben, Männer, die in jener inneren Verfassung leben und es verstehen, sie zur Tat werden zu lassen. Wo hingegen solche Männer fehlen, nehmen andere ihren Platz ein und machen aus der politischen Tätigkeit den Kampfplatz ihres Ehr­geizes, ein Rennen nach Gewinn für sich selbst, für ihre Kaste oder Klasse, während die Jagd nach Sonderinteressen sie das wahre Ge­meinwohl aus den Augen verlieren läßt und dieses der Gefahr über­antwortet.

 

Der Staatsabsolutismus

Eine gesunde Demokratie, die sich auf die unabänderlichen Grund­sätze des Naturgesetzes und der geoffenbarten Wahrheiten gründet, wird geschlossen gegen jene Verderbnis Stellung nehmen, die der Gesetzgebung des Staates eine zügel- und grenzenlose Macht erteilt und die auch aus der demokratischen Staatsform trotz des ent­gegengesetzten trügerischen Scheins, einfachhin ein absolutistisches System macht.

Der Staatsabsolutismus (der als solcher nicht mit der absoluten Monarchie zu verwechseln ist, von der hier nicht die Rede ist), be­steht in der Tat in der irrigen Auffassung, daß die Staatsautorität unbegrenzt sei, und daß es ihr gegenüber — auch wenn sie ihren despotischen Absichten über die Grenzen von Gut und Böse hinweg freien Lauf läßt — keine Berufung auf ein höheres und sittlich ver­pflichtendes Gesetz gebe.

Ein Mann mit rechten Vorstellungen über den Staat, die Autori­tät und die Macht, mit der er als Hüter der sozialen Ordnung aus­gestattet ist, wird nie daran denken, die Majestät des positiven Gesetzes im Bereich seiner naturgemäßen Zuständigkeit zu ver­letzen. Aber diese Majestät des positiven menschlichen Rechtes ist nur dann unanfechtbar, wenn es der absoluten Ordnung gemäß ist — oder ihr wenigstens nicht widerstreitet — die der Schöpfer auf­gerichtet und durch die Offenbarung des Evangeliums in ein neues Licht gerückt hat. Es kann nur so weit bestehen, wie es das Funda­ment achtet, auf dem die menschliche Person nicht weniger als der Staat und die öffentliche Gewalt ruht. Dies ist das grundlegende Kennzeichen jeder gesunden Regierungsform einschließlich der De­mokratie, der Prüfstein, nach dem der sittliche Wert jedes einzelnen Gesetzes beurteilt werden muß.

Wir wollten zeigen, auf welchen Wegen eine Demokratie, die der menschlichen Würde entspricht, in Übereinstimmung mit dem Naturrecht und mit den Plänen Gottes, die in der Offenbarung kund­getan sind, zu wohltätigen Ergebnissen gelangen kann; denn Wir fühlen tief die hohe Bedeutung dieses Problems für den friedlichen Fortschritt der menschlichen Familie. Zugleich aber sind Wir Uns der hohen Anforderungen bewußt, die diese Regierungsform der sitt­lichen Reife der einzelnen Staatsbürger auferlegt, einer sittlichen Reife, die gänzlich und mit Sicherheit zu erreichen man vergeblich versuchen würde, wenn nicht das Licht des Stalles von Bethlehem den dunklen Pfad erhellte, auf dem die Völker aus der sturm­bewegten Gegenwart einer Zukunft entgegenschreiten, die, wie sie hoffen, glücklicher sein wird.1

1 Aus der Rundfunkbotschaft an die Welt, 24. Dezember 1944


DIE ATHEISTISCHEN DIKTATUREN

Ein charakteristisches Merkmal, das den Verfolgern zu allen Zei­ten gemeinsam ist, besteht darin, daß sie, nicht zufrieden damit, ihre Opfer physisch niederzuwerfen, sie auch noch dem Vaterland und der Gesellschaft verächtlich und verhaßt machen wollen.

Wer erinnert sich nicht der ersten römischen Märtyrer, die unter Nero geopfert und als Brandstifter, als verabscheuungswürdige Übel­täter, als Feinde des Menschengeschlechts, hingestellt wurden? Die modernen Verfolger erweisen sich als gelehrige Schüler dieser un­rühmlichen Schule.

Sie eifern ihren Lehrern und Vorbildern nach, wenn sie dieselben nicht noch an Grausamkeit übertreffen, und überragen sie geschickt, wie sie sind, in der Kunst, die jüngsten Fortschritte der Wissenschaft und der Technik zum Zweck einer Beherrschung und Knechtung des Volkes anzuwenden, wie sie in der Vergangenheit nicht vorstellbar gewesen wäre.

Die Kirche Christi geht den Weg, den ihr der göttliche Erlöser vorgezeichnet hat. Sie weiß sich ewig, sie weiß, daß sie nicht unter­gehen kann, daß die heftigsten Stürme sie nicht zu überfluten ver­mögen. Sie bettelt nicht um Gunst, die Drohungen und die Un­gnade der irdischen Macht schüchtern sie nicht ein. Sie mischt sich nicht in rein politische und wirtschaftliche Fragen ein, und läßt sich nicht ein in den Streit über die Nützlichkeit oder Schädlichkeit der einen oder der anderen Regierungsform. Im Streben, mit allen in Frieden zu leben, soweit es von ihr abhängt, gibt sie dem Kaiser, was ihm von Rechts wegen zukommt, aber sie kann nicht verraten und aufgeben, was Gottes ist.

Nun ist wohlbekannt, was der totalitäre und religionsfeindliche Staat als Preis für ihre Duldung oder ihre fragliche Anerkennung von ihr verlangt und erwartet.

 

Darf der Papst schweigen?

Dem Papst aber sind göttliche Verheißungen gegeben. Auch in seiner menschlichen Schwachheit ist er unbesiegbar und unerschüt­terlich. Als Verkünder der Wahrheit und Gerechtigkeit, als Prinzip der Einheit der Kirche brandmarkt er Irrtümer, alle Formen von Götzendienst und Aberglauben; er verurteilt die Ungerechtigkeiten und ladet alle zu Mildtätigkeit und Tugend ein.

Darf er also schweigen, wenn in einer Nation die Kirchen durch Gewalt und List von Rom, dem Zentrum der Christenheit, mit dem sie verbunden sind, losgerissen werden, wenn man alle griechisch­katholischen Bischöfe gefangensetzt, weil sie sich weigern, von ihrem Glauben abzufallen, wenn man Priester und Gläubige ver­folgt, weil sie es von sich weisen, sich von ihrer wahren Mutter, der Kirche, zu trennen?

Darf der Papst schweigen, wenn den Eltern das Recht, die eigenen Kinder zu erziehen, von einer Minderheitsregierung genommen wird, die sie von Christus entfernen will?

Darf der Papst schweigen, wenn ein Staat die Grenzen seiner Zuständigkeit überschreitet und sich die Macht anmaßt, die Diö­zesen aufzuheben, die Bischöfe abzusetzen, die kirchliche Organisa­tion umzustürzen und sie auf einen Zustand zurückzuführen, der unter den Mindestforderungen liegt, die für eine wirksame Seel­sorge gestellt werden müssen?

Darf der Papst schweigen, wenn es so weit kommt, daß man einen Priester mit Kerker bestraft, weil er bezichtigt wird, er habe das heiligste und unverletzlichste der Geheimnisse nicht verletzen wol­len, das Geheimnis des Bußsakraments?

Ist dies alles vielleicht unrechtmäßige Einmischung in die poli­tischen Machtbefugnisse des Staates? Wer könnte das redlicherweise behaupten?1

1 Aus der Ansprache an die Bevölkerung von Rom, 2. Februar 1949

WAHLEN UND STIMMRECHT

Recht und Pflicht ist es, die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf die außerordentliche Wichtigkeit der Wahlen und die sittliche Verantwortung hinzuweisen, die sich aus ihnen für alle ergibt, die Stimmrecht haben. Ohne Zweifel will die Kirche außerhalb und über den politischen Parteien bleiben. Aber wie könnte sie gleichgültig sein gegenüber der Zusammensetzung eines Parlaments, dem die Verfassung die Macht verleiht, Gesetze zu geben in Dingen, die unmittelbar die höchsten religiösen Interessen und die Lebensbedin­gungen der Kirche selbst angehen?

Auch andere schwierige Fragen, vor allem die wirtschaftlichen Probleme und Kämpfe, berühren unmittelbar das Wohlergehen des Volkes. Insofern sie zeitlicher Art sind (wenngleich auch sie die sitt­liche Ordnung betreffen), überlassen die Männer der Kirche anderen die Sorge, sie zu erwägen und fachmännisch zu behandeln zum all­gemeinen Nutzen des Volkes. Aus all dem folgt:

Das Wahlrecht ist strenge Pflicht für alle Männer wie Frauen, die das Recht dazu haben, sich an den Wahlen zu beteiligen. Wer sich dessen enthält, insbesondere aus Gleichgültigkeit oder Feigheit, be­geht an sich eine schwere Sünde, lädt eine tödliche Schuld auf sich.

Jeder hat nach seinem eigenen Gewissen abzustimmen. Nun ist es offenkundig, daß die Stimme des Gewissens jedem echten Katho­liken befiehlt, seine Stimme jenen Kandidaten oder jener Liste von Kandidaten zu geben, die wirklich ausreichende Sicherheit bieten für den Schutz der Rechte Gottes und der Seelen wie für das Heil der einzelnen, der Familien und der Gesellschaft nach Gottes Gesetz und der christlichen Sittenlehre.1

1 Aus der Ansprache an die Delegierten der Internationalen Konferenz über Aus­wanderungsfragen, 17. Oktober 1951

DER KLASSENKAMPF

Das gewicht der gegenwärtigen harten Verhältnisse lastet besonders schwer auf der Masse der Arbeiter; doch mehr be­lastet und gedrückt als andere, tragen sie doch nicht allein daran. Jeder Stand muß seine Bürde tragen; dabei ist die eine mehr, die andere weniger lästig und beschwerlich. Nicht nur die soziale Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen fordert Reformen, sondern die ganze, in ihrem Gefüge schwer erschütterte Gesellschaftsstruktur bedarf der Verbesserung und Wiederherstellung.

Wer sieht aber nicht, daß die Arbeiterfrage wegen der Schwierig­keit und Vielfalt der Probleme, die sie in sich birgt, und wegen der großen Zahl von Menschen, die sie betrifft, von so großer Wichtig­keit ist, daß sie aufmerksame, wachsame und vorausschauende Sorge erfordert? Eine überaus heikle Frage, man möchte sagen der neural­gische Punkt des Gesellschaftskörpers, aber auch zuweilen ein beweg­licher und unsicherer Boden, voll leichter Illusionen und eitler, nicht zu verwirklichender Hoffnungen für den, der nicht von vornherein in Verstand und Herz die Lehre der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Liebe, der gegenseitigen Achtung und des Zusammenlebens trägt, wie sie vom Gesetze Gottes und der Stimme der Kirche eingeschärft werden.

Ein Lohn, der die Existenz der Familie sichert und den Eltern die Erfüllung ihrer natürlichen Pflicht ermöglicht, eine gesund genährte und gekleidete Nachkommenschaft heranwachsen zu lassen; eine menschenwürdige Wohnstatt, die Möglichkeit, den Kindern eine gute Ausbildung und eine passende Erziehung zu gewähren, Vorsorge zu treffen für Zeiten der Not, der Krankheit und des Alters: diese Be­dingungen gesellschaftlicher Vorsorge müssen erfüllt sein, wenn man will, daß die Gesellschaft nicht ständig von trüben Gärungen und gefährlichen Zuckungen erschüttert werde, sondern ruhig in Harmo­nie, in Frieden und gegenseitiger Liebe fortschreite.

Aber so lobenswert auch mancherlei Maßnahmen und Zugeständ­nisse der öffentlichen Gewalt und das großherzige menschliche Ge­fühl nicht weniger Arbeitgeber sein mag, wer könnte in Wahrheit behaupten, daß diese Wünsche überall erfüllt sind?

Jedenfalls empfinden und wägen die Arbeiter und Arbeiterinnen im Bewußtsein ihrer großen Verantwortung für das Gemeinwohl die Pflicht, das Gewicht der außerordentlichen Schwierigkeiten, von denen die Völker bedrückt werden, nicht zu vergrößern, indem sie in dieser Stunde allgemeiner und gebieterischer Notwendigkeiten ihre Forderungen laut und in unbesonnener Erregung vortragen, sondern ruhig und beherrscht bei der Arbeit ausharren und so eine unschätzbare Stütze für die Ruhe und den Nutzen aller im sozialen Zusammenleben bilden. Solch friedfertiger Eintracht zollen Wir Unser Lob.

Die Kirche, Hüterin und Lehrerin der Wahrheit, die mutig die Rechte des arbeitenden Volkes behauptet und verficht, hat im Kampf gegen den Irrtum wiederholt davor gewarnt, sich von dem Blend­werk gleisnerischer und oberflächlicher Theorien und Visionen künf­tigen Wohlstandes und von den trügerischen Verlockungen falscher Lehrer eines gesellschaftlichen Wohlstandes täuschen zu lassen, die das Böse gut und das Gute bös nennen und sich als Freunde des Volkes ausgeben, aber zwischen Kapital und Arbeit und zwischen Arbeitgebern und Arbeitern nicht jenes gegenseitige Verständnis wünschen, das die soziale Eintracht zum allgemeinen Fortschritt und Nutzen aufrechterhält und fördert.

Weltrevolution und Diktatur der Arbeiterklasse

Wann haben ihren Worten jemals die Tatsachen entsprochen oder ihre Hoffnungen sich verwirklicht? Betrug und Enttäuschung erleb­ten und erleben die Einzelnen und die Völker, die ihnen Glauben, schenkten und ihnen auf Wegen folgten, die, weit entfernt, zum Besseren zu führen, die Lebensverhältnisse und die materielle und sittliche Entwicklung verschlechtern. Diese falschen Führer erklären, das Heil müsse aus einer Revolution hervorgehen, die den Bestand der Gesellschaft verändert oder nationalen Charakter annimmt.

Die soziale Revolution rühmt sich, sie erhebe die Arbeiterklasse zur Macht. Ein eitles Wort und ein bloßer Schein einer unmöglichen Wirklichkeit! Tatsächlich bleibt das arbeitende Volk an die Macht des Staatskapitalismus gebunden, die alle drückt, unterwirft, die Familie nicht weniger als die Gewissen, und die Arbeiterschaft in eine riesige Arbeitsmaschine verwandelt. Nicht anders als andere soziale Systeme und Ordnungen, die er zu bekämpfen vorgibt, ge­staltet er alles in ein furchtbares Kriegsinstrument um, das nicht nur Blut und Gesundheit, 'sondern auch Besitz und Wohlstand des Volkes fordert. Und wenn die Führenden stolz sind auf diesen oder jenen Vorteil oder irgendeine Verbesserung im Bereich der Arbeit, die sie laut rühmen, so ist ein solcher materieller Gewinn niemals ein ange­messener Ausgleich für die jedem einzelnen auferlegten Entsagun­gen, die die Rechte der Person, die Freiheit in der Leitung der Familie, in der Ausübung des Berufs, in der Stellung als Staats­bürger und besonders in der Ausübung der Religion und sogar das Gewissen verletzen.

Nein, nicht in der Revolution liegt das Heil, und es ist gegen die echte christliche Weltanschauung, wenn man — einzig im Gedanken an den ausschließlichen materiellen Vorteil, der doch immer un­gewiß bleibt — nach einer Revolution strebt, die aus der Ungerech­tigkeit und der bürgerlichen Insubordination hervorgeht, und die traurige Schuld auf sich lädt, das Blut der Mitbürger zu vergießen und gemeinsame Güter zu vernichten. Wehe dem, der vergißt, daß eine echte nationale Gesellschaft die soziale Gerechtigkeit in sich schließt und eine billige und angemessene Beteiligung aller an den Gütern des Landes fordert. Andernfalls würde die Nation in senti­mentaler Heuchelei enden, in wahnhaften Vorwänden, einem Deck­mantel gewisser Kreise, die sich den Opfern entziehen wollen, die zur Erhaltung des Gleichgewichts und der Ruhe und Ordnung un­umgänglich sind. Und dann, wenn aus der Gesellschaft der Adel ver­schwunden ist, den ihr Gott verliehen hat, würden der Wettbewerb und die inneren Kämpfe eine furchtbare Drohung für alle werden.

Nicht in der Revolution, sondern in einer einträchtigen Evolution liegen das Heil und die Gerechtigkeit. Gewalttätigkeit hat immer nur zerstört, nie aufgebaut, hat die Leidenschaften nur entflammt, nicht beruhigt, hat Haß und Zerstörung vermehrt, aber nicht die Streiten­den versöhnt, und hat Menschen und Parteien gezwungen, nach schmerzlichen Prüfungen auf den Trümmern der Zwietracht langsam wiederaufzubauen. Nur eine fortschreitende, vorsichtige, mutige, der Natur gemäße Evolution, die von den heiligen christlichen Grund­sätzen der Gerechtigkeit und der Billigkeit erleuchtet und geleitet wird, kann zur Erfüllung der gerechten Wünsche und Bedürfnisse des Arbeiters führen.

Statt Abschaffung Ausbreitung des Privateigentums

Also: Nicht zerstören, sondern aufbauen und festigen! Nicht das Privateigentum abschaffen, das Fundament der Festigkeit der Fa­milie, sondern seine Ausbreitung fördern als Frucht der gewissen­haften Mühe jeden Arbeiters und jeder Arbeiterin, so daß sich daraus die allmähliche Verminderung jener unruhigen und verwegenen Volksmassen ergibt, die sich, bald aus finsterer Verzweiflung, bald aus blindem Instinkt, von jedem Wind trügerischer Lehren oder von den arglistigen Künsten skrupelloser Agitatoren verführen lassen.

Nicht das Privatkapital zerstreuen, sondern eine vorsichtig über­wachte Ordnung desselben fördern, als Mittel und Stütze zur Er­langung und Erweiterung des wahren materiellen Wohls des ganzen Volkes.

Nicht die Industrie zurückdrängen noch ihr einen ausschließlichen Vorzug geben, sondern ihre harmonische Koordination mit Hand­werk und Landwirtschaft herbeiführen, wodurch die vielfältige, not­wendige Produktion des nationalen Bodens genutzt wird. — Im Ge­brauch der fortschrittlichen technischen Mittel ist nicht einzig der größtmögliche Gewinn im Auge zu behalten, sondern ihre Ergeb­nisse sind auch dazu zu verwenden, die persönlichen Verhältnisse des Arbeiters zu verbessern, seine Arbeit weniger mühevoll und hart zu machen und die Bindung seiner Familie an den Boden, auf dem er lebt, und an die Arbeit, von der er lebt, zu festigen.

Nicht danach ist zu streben, das Leben der Einzelnen gänzlich von der Willkür des Staates abhängig zu machen, sondern es ist darauf hinzuwirken, daß der Staat, dessen Pflicht es ist, das Gemeinwohl zu fördern, durch soziale Einrichtungen (wie Sozialversicherung und soziale Fürsorge) ergänze, unterstütze und vollende, und so das Wirken der Arbeiterorganisationen fortführe, insbesondere das Wirken der Familienväter und Mütter, die sich und den Ihren mit ihrer Arbeit den Lebensunterhalt erwerben.

Man wird vielleicht sagen, dies sei eine schöne Vision der Wirk­lichkeit, aber wie wird man sie verwirklichen und ihr mitten im Volke Leben einhauchen können? Dazu bedarf es vor allem einer großen Redlichkeit des Wollens und einer vollkommenen Loyalität der Absichten und des Verhaltens in der Leitung und Regierung des öffentlichen Lebens, sowohl seitens der Bürger wie seitens der Obrig­keit. Dazu ist notwendig, daß ein Geist wahrer Eintracht und Brüder­lichkeit alle beseele: Hohe und Niedere, Direktoren und Arbeiter, Große und Kleine, mit einem Wort: alle Stände des Volkes.1

Ist Religion Opium für den Arbeiter?

Der Mensch ist das Ebenbild des einen und dreieinigen Gottes und daher ebenfalls Person, Bruder des Gottmenschen Jesus Christus, und mit ihm und durch ihn ist er Erbe des ewigen Lebens: das ist seine wahre Würde.

Wenn je irgendein Mensch auf der Welt, so muß sich gewiß der Arbeiter immer mehr von dieser Wahrheit durchdringen und über­zeugen lassen. Man hat behauptet, und behauptet heute noch, die Religion mache den Arbeiter schlaff im täglichen Leben, in der Ver­teidigung seiner privaten und öffentlichen Interessen, sie schläfere ihn ein wie Opium, indem sie ihn mit der Hoffnung auf ein Leben im Jenseits gänzlich zur Ruhe bringe.

Ein offenkundiger Irrtum! Wenn die Kirche in ihrer Gesellschafts­lehre immer wieder auf der Rücksicht besteht, die der inneren Würde des Menschen geschuldet ist, wenn sie für den Arbeiter im Arbeits­vertrag den gerechten Lohn verlangt, wenn sie für ihn wirksame Hilfe in seinen geistigen und geistlichen Nöten fordert, was anders ist Beweggrund für all das, wenn nicht der, daß der Arbeiter Mensch ist, daß seine Arbeitskraft nicht als „Ware" betrachtet und behan­delt werden darf, daß seine Arbeit immer eine persönliche Leistung darstellt?

Gerade jene Welterneuerer, die die Sorge für die Interessen der Arbeiter gleichsam wie ein Monopol für sich beanspruchen, und die erklären, ihr System sei das einzige wirklich soziale, schützen die persönliche Würde des Arbeiters nicht, sondern machen aus seiner Arbeitskraft ein bloßes Objekt, über das die Gesellschaft nach ihrem freien Belieben und mit voller Willkür verfügt.

Die Kirche sagt, daß die menschliche Freiheit ihre Grenzen in dem göttlichen Gesetz und in den vielfältigen Pflichten findet, die das Leben mit sich bringt. Zugleich aber bemüht sie sich darum und wird sich bis zum letzten darum bemühen, daß jeder seine Tage im Glück seines Heims und unter ruhigen und anständigen Bedingungen in Frieden mit Gott und den Menschen verbringen kann. Die Kirche verspricht nicht jene absolute Gleichheit, die andere proklamieren, weil sie weiß, daß das Zusammenleben der Menschen immer wieder und notwendigerweise eine ganze Stufenleiter von Unterschieden in den physischen und den geistigen Eigenschaften, den inneren An­lagen und Neigungen, den Tätigkeiten und den Verantwortlich­keiten hervorbringt. Aber zu gleicher Zeit sichert sie die volle Gleich­heit in der menschlichen Würde zu ebenso wie in dem Herzen dessen, der alle zu sich ruft, die mühselig und beladen sind, und sie einlädt, sein Joch auf sich zu nehmen, um Frieden und Ruhe für ihre Seelen zu finden, weil sein Joch süß ist und seine Bürde leicht.

Auf solche Art, um die menschliche Würde und Freiheit zu schützen, und nicht, um die Sonderinteressen dieser oder jener Gruppe zu begünstigen, verwirft die Kirche jeden Staatstotalitarismus und schwächt auch nicht mit dem Gedanken an das Jenseits die gerechte Verteidigung der Rechte der Arbeiter auf Erden. Vielmehr jene Welterneuerer, auf die Wir hindeuteten, opfern, während sie den Augen des Volkes das Trugbild einer Zukunft voll illusorischen Wohlstands und unerreichbaren Reichtums vorspiegeln, mit dem Aberglauben an Technik und Organisation die Würde der mensch­lichen Person und das häusliche Glück den Götzen eines schlecht­verstandenen irdischen Fortschritts.

Konzeption der Lebensbedingungen des Menschen

Die Kirche als erfahrene Erzieherin der menschlichen Familie und getreu der Sendung, die ihr von ihrem göttlichen Stifter anvertraut ist, verkündet die Wahrheit der einzigen vollkommenen Seligkeit, die uns im Himmel bereitet ist. Aber gerade dadurch stellt sie die Gläubigen fest und stark auf den Boden der gegenwärtigen Wirk­lichkeit. Denn der höchste Richter, der uns am Ende des irdischen Lebens auf der Schwelle der Ewigkeit erwartet, ermahnt alle in hoher und bescheidener Stellung gewissenhaft die Gaben zu gebrauchen, die sie von Gott erhalten haben, jede Ungerechtigkeit zu meiden und jede Gelegenheit zu Werken der Liebe und des Guten zu nutzen. Das ist das einzige Maß jeden Fortschritts, denn dieser ist nur dann echt und nicht fiktiv, wenn er ein Fortschreiten zu Gott und in der Ähnlichkeit mit ihm ist. Alle rein irdischen Maßnahmen des Fort­schritts sind eine Illusion, beinahe hätten Wir gesagt: eine Ver­spottung des Menschen inmitten einer Welt, die unter dem Gesetz der Erbsünde und ihrer Folgen steht und die daher, obgleich sie auch mit dem Licht und der Gnade Gottes unvollkommen ist, ohne dieses Licht und ohne diese Gnade in einen Abgrund von Elend, Unrecht und Selbstsucht stürzen würde.

Nur diese religiöse Auffassung des Menschen kann auch zu einer einheitlichen Auffassung seiner Lebensbedingungen führen. Wo Gott nicht Anfang und Ende ist, wo die Ordnung seiner Schöpfung nicht für alle Richtschnur und Maß der Freiheit und des Handelns ist, da ist die Einheit unter den Menschen nicht zu verwirklichen. Die materiellen Lebens- und Arbeitsbedingungen können für sich allein niemals das Fundament der Einheit der Arbeiterklasse auf der Basis einer angeblichen Gleichförmigkeit der Interessen bilden. Hieße das nicht der Natur Gewalt antun, und würde es nicht nur neue Be­drückungen und neuen Zwiespalt in der menschlichen Familie schaffen, in einem Augenblick, in dem sich jeder redliche Arbeiter nach einer gerechten und friedlichen Ordnung der privaten und öffentlichen Wirtschaft und des ganzen sozialen Lebens sehnt?

Jede rechtmäßige Macht über die Menschen kann ihren Ursprung und ihr Dasein nur aus der Macht dessen ziehen, der sie kraft seiner Natur besitzt im Himmel und auf Erden, ohne Grenzen von Raum und Zeit: Jesu Christi, der über die Großen der Welt herrscht, der uns liebt und der uns mit seinem Blut von der Sünde erlöst hat, dem Ruhm und Macht gebührt in alle Ewigkeit (Apoc. 1, 6).2

1  Aus der Ansprache an die Vertreter der italienischen Arbeiter, 13. Januar 1943

2  Aus der Ansprache an die Fiat-Arbeiter, 31. Oktober 1948

KAPITAL UND ARBEIT

Mit Wohlwollen und Interesse sehen Wir immer wieder Arbeiter und Vertreter industrieller Organisationen zu Uns kommen, die mit einem Vertrauen, das Uns tief bewegt, ihre verschiedenen Sorgen darlegen.

Wir sprechen von den Sorgen derer, die an der industriellen Pro­duktion beteiligt sind. Irrig und verhängnisvoll in seinen Folgen ist das leider nur allzu verbreitete Vorurteil, als ob in ihnen ein unauf­lösbarer Gegensatz widerstreitender Interessen zu erblicken sei. Es handelt sich jedoch nur um einen scheinbaren Gegensatz, denn im wirtschaftlichen Bereich gibt es Aufgaben und Interessen, die Leiter wie Arbeiter eines Unternehmens in gleicher Weise angehen. Diese gegenseitige Verbindung verkennen, sie zerreißen zu wollen, ist das Ergebnis der Willkür eines blinden und unvernünftigen Despotis­mus. Unternehmer und Arbeiter sind keine unversöhnbaren Geg­ner. Sie sind Mitarbeiter an einem gemeinsamen Werk. Sie essen, möchte man fast sagen, am gleichen Tisch. Denn sie leben schließlich vom Gesamtertrag der Wirtschaft ihres Landes. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Nutzen, und unter diesem Gesichtspunkt versklaven ihre gegenseitigen Beziehungen durchaus nicht die einen gegenüber den anderen.

 

Der eigene Nutzen

Das Bestreben, den eigenen Nutzen zu suchen, gehört mit zur persönlichen Würde jedes Einzelmenschen, der, in der einen oder anderen Form, als Unternehmer oder als Arbeiter, aktiv an der Produktion der Wirtschaft des Landes mitwirkt. In der Bilanz der Privatindustrie kann die Summe der Löhne und Gehälter als Passivum für den Arbeitgeber erscheinen. Aber in der Wirtschaft eines Landes gibt es nur eine Art von Ausgaben, nämlich die natürlichen Güter, die zur Produktion verwertet werden und daher beständig erneuert werden müssen.

Daraus folgt, daß beide Teile sich so verhalten müssen, daß die Ausgaben dem Ertrag der Produktion des Landes angeglichen sind. Wenn also ihr Interesse das gleiche ist, warum sollte es sich dann nicht auf eine gemeinsame Formel bringen lassen? Warum sollte es nicht erlaubt sein, den Arbeitern einen gerechten Anteil an der Ver­antwortung für die Gestaltung und die Entwicklung der wirtschaft­lichen Verhältnisse ihres Landes zuzugestehen, zumal heute, wo der Kapitalmangel, die Schwierigkeit des internationalen Austauschs das freie Spiel der Produktionskosten lahmen? Die jüngsten Sozia-lisierungsexperimente haben die traurige Wirklichkeit um so offen­kundiger gemacht. Es ist einleuchtend, daß sie weder dem bösen Willen der einen zugeschrieben, noch von dem guten Willen der anderen aufgehoben werden kann. Aber warum sollte man nicht, solange es noch Zeit ist, die Dinge im vollen Bewußtsein der ge­meinsamen Verantwortung ordnen, so daß die einen vor unge­rechtem Mißtrauen, die anderen vor Illusionen bewahrt werden, die beide bald zu einer sozialen Gefahr werden müßten?

Unser Vorgänger Pius XL hatte eine konkrete und zweckmäßige Formel für die Gemeinsamkeit der Interessen und der Verantwor­tung am Werk der nationalen Wirtschaft vorgeschlagen, als er in der Enzyklika Quadragesimo Anno die „Berufsorganisation" in den verschiedenen Produktionszweigen empfahl. Um den wirtschaftlichen Liberalismus zu überwinden, schien ihm nichts angezeigter für die soziale Wirtschaft als die Annahme einer Satzung öffentlichen Rechtes, das sich gerade auf die gemeinsame Verantwortung aller, die an der Produktion beteiligt sind, gründet. In diesem Punkte der Enzyklika sehen die einen ein Zugeständnis an die neuzeitlichen politischen Strömungen, die anderen einen Rückfall ins Mittelalter. Viel ver­nünftiger wäre es gewesen, die alteingewurzelten, haltlosen Vor­urteile aufzugeben, und sich guten Glaubens und guten Willens an die Verwirklichung der Sache selbst und ihrer vielfachen praktischen Anwendung zu machen.

 

Verstaatlichung

Es scheint uns jedoch heute dieser Teil der Enzyklika leider ein Beispiel für jene günstigen Gelegenheiten geworden zu sein, die ver­paßt werden, weil man sie nicht rechtzeitig zu nützen versteht. Zu spät denkt man sich andere Formen einer öffentlichen politischen Organisation der sozialen Wirtschaft aus; unter ihnen stehen zur Zeit die Verstaatlichung und die Rationalisierung der Industrie im Vordergrund. In den rechten Grenzen erlaubt auch die Kirche die Verstaatlichung; sie sagt, daß gewisse Gruppen von Gütern recht­mäßigerweise der Staatsgewalt vorbehalten bleiben können, näm­lich jene, die mit solcher Macht ausgestattet sind, daß sie nicht an einzelne übertragen werden können, ohne das Gemeinwohl in Ge­fahr zu bringen. Aber diese Verstaatlichung zur normalen Regel der öffentlichen Organisation der Wirtschaft zu machen, hieße die Ordnung der Dinge verkehren. Aufgabe des öffentlichen Rechts ist es, dem privaten Recht zu dienen, nicht, es zu absorbieren. Die Wirt­schaft ist, wie übrigens ein jeder andere Zweig menschlichen Wir­kens, nicht wesentlich eine staatliche Einrichtung, sondern im Gegen­teil das lebendige Produkt freier Initiative von einzelnen und von frei gebildeten Gruppen.

Gleichfalls irren würde, wer behaupten wollte, jedes beliebige Einzelunternehmen sei von Natur aus eine Gesellschaft, in der die Beziehungen unter den Gliedern der Gesellschaft von den Normen der verteilenden Gerechtigkeit bestimmt würden und alle ohne Unterschiede — ob Eigentümer der Produktionsmittel oder nicht — das Recht auf ihren Anteil am Eigentum hätten oder wenigstens auf den Gewinn daraus. Eine solche Auffassung geht von der Voraus­setzung aus, jedes Unternehmen stände seiner Natur nach im Be­reich des öffentlichen Rechts. Diese Voraussetzung aber ist ungenau: Mag es als Stiftung oder als Genossenschaft aller Arbeiter in ihrer Eigenschaft als Miteigentümer gegründet worden sein, oder mag es Privateigentum eines einzelnen sein, der mit anderen einen Arbeits­vertrag schließt, beide Male fällt das Unternehmen unter die privat-rechtlichen Normen des Wirtschaftslebens.

Kapitalbildung und Lösung der sozialen Frage

Was Wir gesagt haben, gilt für die rechtliche Natur des Unter­nehmens als solchen, aber für die Angehörigen kann es gleichfalls eine Reihe von Beziehungen persönlicher Art und von gemeinsamer Verantwortung mit sich bringen, über die man sich Rechenschaft geben muß. Wer immer über die Produktionsmittel verfügt — sei es ein Privatmann oder eine Genossenschaft oder eine Stiftung —, muß Herr der eigenen wirtschaftlichen Entschlüsse bleiben, immer in den Grenzen des öffentlichen Rechts der Wirtschaft. Daraus folgt, daß sein eigener Nutzen größer sein muß als der der eigenen Mit­arbeiter, aber um so mehr muß ihm das materielle Wohlergehen aller einzelnen, was ja der Zweck der sozialen Wirtschaft ist, zur gleichen Zeit die Pflicht auferlegen, mit der Ersparnis zur Mehrung des Volksvermögens beizutragen. Man darf auch nicht vergessen, daß es höchst nützlich für eine gesunde soziale Wirtschaft ist, wenn diese Mehrung des Vermögens aus möglichst vielen Quellen kommt, und daß es also höchst wünschenswert ist, daß die Arbeiter mit den Früchten ihrer eigenen Ersparnisse zur Bildung des Volksvermögens beitragen können.

Viele Industrielle, katholische wie nichtkatholische, haben aus­drücklich bei verschiedenen Gelegenheiten erklärt, daß nur die Lehre der Kirche imstande sei, die wesentlichen Elemente zur Lösung der sozialen Frage zu liefern. Ausführung und Anwendung dieser Lehre kann natürlich gewiß nicht von heute auf morgen geschehen. Von allen fordert ihre Verwirklichung ein vorausschauendes und klar­sichtiges Verhalten, eine große Dosis gesunden Menschenverstands und guten Willens. Sie fordert vor allem, daß man mit allen Mitteln der Versuchung widerstehe, den eigenen Vorteil zu suchen, sei es auf Kosten der anderen — welcher Art und Natur auch immer die Beteiligung der anderen sein mag—, sei es zum Schaden des Gemein­wohls. Sie fordert endlich jene Uneigennützigkeit, die nur aus echter christlicher Tugend kommen kann, die von der Hilfe und Gnade Gottes gestützt ist.1

Die Enzyklika Rerum Novarum spricht über Eigentum und Lebens­unterhalt des Menschen Grundsätze aus, die mit dem Ablauf der Zeit nichts von ihrer ursprünglichen Kraft verloren haben und heute, nach fünfzig Jahren, immer noch ihre tiefe und lebenspendende Fruchtbarkeit bewahren. Auf den grundlegenden Punkt derselben haben Wir selbst die allgemeine Aufmerksamkeit in Unserer an die Bischöfe der Vereinigten Staaten von Amerika gerichteten Enzyklika Sertum Laetitiae hingewiesen. Der grundlegende Punkt liegt, wie Wir sagten, in der unabdingbaren Forderung, „daß die Güter, die Gott für alle Menschen geschaffen hat, allen in gleicher Weise zu­fließen müssen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Liebe".

 

Das Recht auf die materiellen Güter

Jeder Mensch hat als lebendiges Vernunftwesen von Natur aus das grundlegende Recht, die materiellen Güter der Erde zu gebrauchen. Daran ändert nichts, daß es dem menschlichen Willen und den Rechtsformen der Völker überlassen ist, die praktische Ausfüh­rung näher zu regeln. Dieses Recht des einzelnen darf auf keine Weise unterdrückt werden, auch nicht durch andere sichere und un­bestreitbare Rechte auf die materiellen Güter. Ohne Zweifel fordert die von Gott herrührende natürliche Ordnung auch das Privateigen­tum und den freien gegenseitigen Güterverkehr mit Austausch und Schenkung wie auch die Ordnungsaufgabe der öffentlichen Gewalt diesen beiden Einrichtungen gegenüber. All dies bleibt jedoch dem natürlichen Zweck der materiellen Güter untergeordnet und kann sich nicht von dem ersten und grundlegenden Recht unabhängig machen, das allen deren Gebrauch zugesteht; viel eher hat es dazu zu dienen, daß die Verwirklichung seinem Zweck entsprechend möglich gemacht wird. Nur so kann und muß erreicht werden, daß Eigentum und Gebrauch der materiellen Güter der Gesellschaft fruchtbaren Frieden und Beständigkeit bringen und nicht unsichere Verhältnisse schaffen, die Unfrieden und Eifersucht hervorrufen und der Gewalt eines erbarmungslosen Spiels zwischen Stark und Schwach preisgegeben sind.

Das ursprüngliche Recht auf die Nutznießung der materiellen Güter bietet, da es in enger Verbindung mit der Würde und den übri­gen Rechten der menschlichen Person steht, mit den oben ange­führten Formen dieser eine sichere materielle Grundlage von höch­ster Bedeutung zur Erfüllung der sittlichen Pflichten des Menschen. Der Schutz dieses Rechts wird seine persönliche Würde sichern und es ihm erleichtern, in gerechter Freiheit jener Gesamtheit fester Ver­pflichtungen und Entschließungen nachzukommen, für die er dem Schöpfer unmittelbar verantwortlich ist. Dem Menschen obliegt ja tatsächlich die ganz persönliche Pflicht, sein materielles und geistiges Leben zu erhalten und zur Vollkommenheit zu führen, um das reli­giöse und sittliche Ziel zu erreichen, das Gott allen Menschen ge­steckt und als oberste, immer und in jedem Fall und vor allen an­deren Pflichten bindende Richtschnur gegeben hat.

Das Gemeinwohl

Den unantastbaren Bereich der Rechte der menschlichen Person zu schützen und ihr die Erfüllung ihrer Pflichten zu erleichtern, hat wesentliche Aufgabe der öffentlichen Gewalt zu sein. Liegt darin nicht der wirkliche Sinn des Gemeinwohls, das zu fördern der Staat berufen ist? Daraus ergibt sich, daß die Sorge um dieses Gemeinwohl nicht eine sogenannte Macht über die Glieder der Gemeinschaft nach sich zieht, als ob es der öffentlichen Gewalt ihretwegen erlaubt wäre, die Entwicklung des oben geschilderten persönlichen Handelns zu schmälern, unmittelbar über Beginn oder (wir sehen hier ab vom Fall der gesetzlichen Strafe) über Ende des menschlichen Lebens zu entscheiden, die Art seiner physischen, geistigen, religiösen und moralischen Bewegung nach eigenem Ermessen im Gegensatz zu den persönlichen Pflichten und Rechten des Menschen zu bestimmen und zu diesem Zweck das natürliche Recht auf die materiellen Güter zu tilgen oder seiner Wirksamkeit zu berauben. Eine solche Ausdeh­nung der Macht aus der Sorge um das Gemeinwohl abzuleiten, hieße den Sinn des Gemeinwohls verkehren und die irrige Behaup­tung vertreten, das eigentliche Ziel des Menschen auf Erden sei die Gesellschaft, die Gesellschaft sei Selbstzweck und der Mensch habe kein anderes Leben, das ihn erwarte, wenn das irdische endet.

Reichtum und Armut der Völker

Auch die Wirtschaft eines Landes zielt, da sie die Frucht des Wir­kens der Menschen ist, die in der staatlichen Gemeinschaft zusam­menarbeiten, demnach auf nichts anderes als darauf, ununterbrochen die materiellen Bedingungen aufrechtzuerhalten, unter denen sich das individuelle Leben der Bürger voll entfalten kann. Wo dies er­reicht wird, und zwar für die Dauer, wird ein Volk in Wahrheit wirtschaftlich reich sein, weil das allgemeine Wohlergehen Wirk­lichkeit wird und somit auch das persönliche Recht aller auf den Gebrauch der irdischen Güter gemäß den Absichten des Schöpfers.

Hieraus ist leicht zu ersehen, daß der wirtschaftliche Reichtum eines Volkes nicht eigentlich in einem Überfluß der Güter besteht, gemessen nach der rein materiellen Berechnung ihres Wertes, son­dern darin, daß dieser Überfluß wirklich und wirksam die hin­reichende materielle Grundlage für die persönliche Entfaltung seiner Glieder ist. Wenn eine solche gerechte Verteilung der Güter nicht verwirklicht oder nur unvollkommen durchgeführt wird, kann man das wahre Ziel der Wirtschaft nicht erreichen. Denn, so groß auch der Überfluß der verfügbaren Güter wäre, das Volk ist, wenn es nicht an ihm teilhaben darf, wirtschaftlich nicht reich, sondern arm. Wirket also darauf hin, daß eine solche gerechte Verteilung tatsäch­lich und auf die Dauer durchgeführt werde und ihr werdet ein Volk sehen, das, selbst wenn es über weniger Güter verfügt, wirtschaftlich gesund werden und gesund sein wird!

Diese Grundbegriffe über Reichtum und Armut der Völker zur Erwägung zu empfehlen, scheint Uns heute besonders angebracht; man ist nämlich geneigt, Reichtum und Armut mit rein quantita­tiven Maßstäben zu messen und den gleichen Gesichtspunkten zu beurteilen wie Raum oder Gütermenge. Erwägt man jedoch das Ziel der Wirtschaft auf die rechte Weise, so wird es zum Licht für die Staatsmänner und Völker und wird sie erleuchten, freiwillig einen Weg zu beschreiten, der nicht beständig Verluste an Gut und an Blut fordert, sondern Früchte des Friedens und des allgemeinen Wohlergehens bringen wird.

Die Arbeit

Mit der Nutzung der materiellen Güter verbindet sich die Arbeit. Die Enzyklika Rerum Novarum lehrt, daß die menschliche Arbeit Eigenschaften hat: sie ist persönlich, und sie ist notwendig. Sie ist persönlich, weil sie durch die Übung der besonderen Kräfte des Menschen vollführt wird; sie ist notwendig, weil ohne sie das nicht geschaffen werden kann, was zum Leben unerläßlich ist, was herbeizuführen und zu bewahren eine natürliche, ernste Pflicht des einzelnen ist. Der persönlichen Pflicht zur Arbeit, die von der Natur auferlegt ist, entspricht das natürliche Recht jedes Einzelmenschen, mit Hilfe der Arbeit das eigene Leben und das der Kinder zu be­streiten; so tief ist der Befehl der Natur auf die Erhaltung des Menschen hingeordnet.

Merket aber wohl, daß diese Pflicht und das ihr entsprechende Recht auf Arbeit dem Einzelmenschen in erster Linie von der Natur zukommt, und nicht von der Gesellschaft, als sei der Mensch nichts weiter als einfacher Diener oder Angestellter der Gemeinschaft. Daraus folgt, daß die Pflicht und das Recht, die Arbeit des Volkes zu ordnen, vor allem den unmittelbar Beteiligten zusteht: den Ar­beitgebern und den Arbeitern. Erfüllen sie ihre Aufgabe nicht oder können sie dieselbe wegen besonderer außerordentlicher Umstände nicht erfüllen, dann ist es Sache des Staates, in den Bereich der Arbeit, ihrer Einteilung und Verteilung einzugreifen, in der Form und in dem Maße, wie es das wohlverstandene Gemeinwohl er­fordert.

Auf jeden Fall wird jeder gesetzmäßige und wohltätige Eingriff des Staates in den Bereich der Arbeit Rücksicht darauf nehmen, ihren persönlichen Charakter möglichst weitgehend in den Grenzen des Möglichen zu erhalten und zu achten, sei es im Grundsätzlichen, sei es in der Ausführung. Und dies wird dann der Fall sein, wenn die staatlichen Vorschriften ebenso persönliche Rechte und Pflichten nicht aufheben oder ihre Ausübung unmöglich machen: nämlich das Recht auf die wahre Gottesverehrung, das Recht zur Ehe, das Recht der Ehegatten, des Vaters und der Mutter, ein häusliches Eheleben zu führen; das Recht einer vernünftigen Freiheit in der Standeswahl und in der Ausübung eines richtigen Berufes. Dies letztere ist mehr denn jedes andere ein persönliches Recht des geistigen Menschen, und ein erhabenes, wenn sich mit ihm die höheren und unaufgebbaren Rechte Gottes und der Kirche verbinden, wie bei der Wahl und Ausübung von Priester- und Ordensberufen.

Die Familie

Nach der Lehre der Enzyklika Rerum Novarum hat die Natur das Privateigentum eng mit dem Bestand der menschlichen Gesellschaft und ihrer wahren Kultur und in noch höherem Maße mit dem Be­stand der Entwicklung der Familie verbunden. Diese Verbindung ist mehr als offenkundig. Soll denn nicht das Privateigentum dem Familienvater die gesunde Freiheit sichern, die er braucht, um die ihm vom Schöpfer zugewiesenen Pflichten zu erfüllen, die sich auf das leibliche, geistige und religiöse Wohlergehen der Familie be­ziehen?

In der Familie findet das Volk die natürliche und fruchtbare Wur­zel seiner Größe und Macht. Wenn das Privateigentum zum Wohl der Familie führen soll, müssen alle öffentlichen Maßnahmen, auch alle vom Staat erlassenen Normen, die dessen Besitz regeln, nicht nur diese Funktion möglich machen und erhalten — eine Funktion in der natürlichen Ordnung, die in gewisser Hinsicht jeder anderen übergeordnet ist—, sondern sie müssen sie auch immer mehr vervoll­kommnen. Schließlich wäre ein vielgerühmter bürgerlicher Fort­schritt unnatürlich, der — entweder durch übermäßige Belastung oder durch allzu viele unmittelbare Einmischungen — den Sinn des Privateigentums aushöhlen würde, indem er praktisch der Familie und ihrem Oberhaupt die Freiheit nimmt, das von Gott gesteckte Ziel eines vollkommenen Familienlebens zu erreichen.

Grund und Boden

Unter allen Gütern, die Gegenstand des Privateigentums sein kön­nen, ist nach der Lehre der Enzyklika Rerum Novarum keines der Natur gemäßer als der Grund und Boden, auf dem die Familie lebt und aus dessen Früchten sie ihren Lebensunterhalt ganz oder wenig­stens zum Teil bestreitet. Und es liegt im Sinne von Rerum No­varum zu behaupten, daß in der Regel nur die Stabilität, die vom eigenen Grundbesitz kommt, aus der Familie die vollkommenste und fruchtbarste Lebenszelle der Gesellschaft macht, indem sie durch ihren fortwachsenden Zusammenhalt die gegenwärtigen und die zukünftigen Geschlechter wunderbar verbindet. Wenn heute Begriff und Schaffung von Lebensraum im Mittelpunkt der sozialen und politischen Ziele stehen, sollte man dann nicht vor allem an den Lebensraum der Familie denken und den Druck von Verhältnissen von ihr nehmen, die nicht einmal den Gedanken an ein beschei­denes Eigenheim erlauben?2

1 Aus der Ansprache an die Internationale Union des Associations Patronales Catholiques, 27. April 1941

² Aus der Radiogedenkrede über die Enzyklika „Rerum Novarum", 1. Juni 1941

 

AN DIE GEWERKSCHAFTEN

 

Die Gewerkschaft und die christlichen Arbeitervereinigungen verfolgen das gemeinsame Ziel, die Lebensbedingungen des Arbeiters zu heben. Die Leiter der neuen Einheitsgewerkschaft haben den „hohen geistigen Beitrag" anerkannt, „den die katholischen Arbeiter zu der Arbeit des Gewerkschaftsbundes leisten".

Welchen Anteil werden die christlichen Arbeitervereinigungen an der neuen Sozialordnung haben? Sehen wir hier von dem gegenwär­tigen Stand der Dinge ab. Er ist nicht normal und läßt für den Augen­blick nur die Möglichkeit, nach den Regeln von Recht und Billigkeit den jeweiligen Anteil der Last zu bestimmen, den Arbeitgeber und Arbeiter — und diese nach ihren verschiedenen Kategorien — an den erhöhten Kosten der Lebenshaltung zu tragen haben. Im übrigen wissen die christlichen Arbeitervereinigungen, daß es sich auch un­ter normalen Bedingungen nicht darum handeln kann, den bloßen Vergleich oder ein bloßes Übereinkommen zwischen den beiden Par­teien — Arbeitgebern und Arbeitnehmern — als festes Prinzip der sozialen Ordnung aufzurichten, auch wenn dieses von dem reinsten Geist der Billigkeit diktiert wäre. Denn dieses Prinzip wäre von dem Augenblick an fehlerhaft, in dem das Übereinkommen, im Wider­spruch zu seinem eigentlichen Sinn, den Pfad der Gerechtigkeit ver­ließe oder sich in Bedrückung oder unerlaubte Ausbeutung des Ar­beiters verwandelte, oder wenn es zum Beispiel aus dem, was man heute Nationalisierung oder Sozialisierung des Betriebs und Demo­kratisierung der Wirtschaft nennt, eine Waffe zum Kampf gegen den privaten Arbeitgeber als solchen machen würde.

Sozialisierung

Die christlichen Arbeitervereinigungen stimmen der Sozialisierung nur in den Fällen zu, in denen sie wirklich als vom Gemeinwohl ge­fordert erscheint, das heißt als das einzige tatsächlich wirksame Mittel, um einen Mißbrauch abzustellen oder um eine Verschwendung der Produktivkräfte des Landes zu vermeiden, die organische Ord­nung eben dieser Kräfte zu sichern und sie zum Vorteil der wirt­schaftlichen Interessen der Nation zu dem Ziel zu lenken, daß die Wirtschaft des Landes in ihrer normalen und friedlichen Ent­wicklung den Weg zur materiellen Wohlfahrt des ganzen Volkes öffne, eine Wohlfahrt, die zugleich ein gesundes Fundament für das kulturelle und religiöse Leben bildet. Auf jeden Fall erkennen sie dann an, daß die Sozialisierung die Pflicht zu einer angemessenen Entschä­digung einschließt, die also danach berechnet werden muß, was unter den gegebenen Umständen für alle Beteiligten recht und billig ist.

Die Demokratisierung der Wirtschaft ist nicht weniger vom Mo­nopol oder der wirtschaftlichen Despotie einer anonymen Anhäu­fung von Privatkapital bedroht als von dem Machtübergewicht or­ganisierter Massen, die bereit sind, ihre Gewalt zum Schaden der Gerechtigkeit und des Rechts anderer zu gebrauchen.

Jetzt ist die Zeit gekommen, die leeren Phrasen aufzugeben und mit der Enzyklika Quadragesimo Anno an eine neue Ordnung der Produktivkräfte des Volkes zu denken. Das heißt, die Menschen müssen über der Unterscheidung von Arbeitgebern und Arbeit­nehmern jene höhere Einheit sehen und anerkennen, die alle unter­einander verbindet, die an der Produktion mitarbeiten. Man muß ihre Verbindung und ihre Solidarität in der Verpflichtung sehen, unter der sie stehen, gemeinsam für das Gemeinwohl und die Be­dürfnisse der ganzen Gemeinschaft zu sorgen.1

Jesus Christus wartet nicht, daß ihm der Weg in die sozialen Wirk­lichkeiten mit Systemen eröffnet wird, die nicht von ihm ausgehen, ob sie sich nun „Laien-Humanismus" oder „vom Materialismus ge­säuberter Sozialismus" nennen. Sein göttliches Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit ist auch in den Regionen gegenwärtig, wo der Klassengegensatz ständig die Oberhand zu gewinnen droht. Des­halb beschränkt sich die Kirche nicht darauf, eine gerechtere soziale Ordnung zu verlangen, sondern gibt auch deren beherrschende Grundsätze an und spornt die Regierungen, die Gesetzgeber, die Arbeitgeber und die Betriebsleiter an, sie zur Ausführung zu bringen.

Unser Wort wendet sich indes nunmehr besonders an die „Ent­täuschten" unter den italienischen Katholiken. Es fehlt tatsächlich nicht an solchen, zumal unter Jungmännern besten Willens, die vom Einsatz der katholischen Kräfte im öffentlichen Leben des Landes mehr erwartet hätten.

Wir reden hier nicht von jenen, deren Begeisterung nicht immer begleitet ist von einem ruhigen und praktisch nüchternen Sinn für bestehende und zu erwartende Gegebenheiten und für die Schwä­chen des Durchschnittsmenschen. Wir meinen vielmehr jene, die zwar die beachtenswerten Fortschritte anerkennen, die trotz der schwieri­gen Lage des Landes erreicht worden sind, die es aber schmerzlich empfinden, daß ihre ihnen voll bewußten Möglichkeiten und Fähig­keiten keinen Platz zur Auswirkung finden.

Es wird alles umsonst sein, wenn . ..

Wir brauchen auf dieses Thema, das Wir bei ändern Gelegenheiten schon genügend behandelt haben, nicht näher einzugehen. Wir möch­ten jedoch die Aufmerksamkeit jener Enttäuschten darauf lenken, daß weder neue Gesetze noch neue Einrichtungen genügen, um dem einzelnen die Sicherheit des Schutzes vor jeglichem mißbräuchlichen Zwang und die Möglichkeit freier Entfaltung im sozialen Leben zu geben. Es wird alles umsonst sein, wenn der einfache Mann in der Angst lebt, der Willkür ausgeliefert zu sein, wenn er sich nicht von dem Gefühl frei zu machen vermag, er sei dem guten oder bösen Willen derer ausgeliefert, welche die Gesetze praktisch ausführen oder als öffentliche Funktionäre von Einrichtungen und Organisationen walten; wenn er feststellt, daß im täglichen Leben alles abhängt von Beziehungen, die er vielleicht nicht hat, die aber andere haben, wenn er hinter der Fassade dessen, was Staat heißt, das getarnte Spiel mächtiger organisierter Gruppen argwöhnen muß.

Der Einsatz der christlichen Kräfte im öffentlichen Leben besagt also ganz gewiß, gute Gesetze und zeitgemäße Einrichtungen voran­zubringen. Aber er besagt noch mehr, die Herrschaft der hohlen Phrase und der maskierten Schlagworte zu ächten; er besagt, daß der einfache Mann in seinen rechtmäßigen Forderungen und Erwartun­gen der Stütze und Hilfe sich sicher fühle. Man muß eine öffentliche Meinung schaffen, die, ohne skandalsüchtig zu sein, mutig und herz­haft auf Personen und Verhältnisse hinweist, die den guten Gesetzen und Einrichtungen nicht entsprechen oder das, was wirklich ist, täu­schend verhüllen. Um dem einfachen Bürger Einfluß zu gewähren, genügt es nicht, ihm den Stimmzettel oder andere ähnliche Mittel in die Hand zu geben. Wenn er sich den führenden Schichten beige­sellen will, wenn er zum allgemeinen Wohl unter Umständen dem Mangel fruchtbarer Gedanken abhelfen und den eindringenden Egoismus überwinden will, muß er selbst die nötigen inneren Kräfte und den brennenden Willen besitzen, dazu beizutragen, daß in das gesamte öffentliche Wesen eine gesunde Moral einströme.

In der Arbeiterbewegung können wahrhaft enttäuscht nur die sein, die den Blick einzig auf das unmittelbar Politische, auf das Spiel der Mehrheiten richten. Euer Wirken vollzieht sich jedoch auf dem so entscheidenden Vorfeld des Politischen. Für euch handelt es sich darum, den wahren christlichen Arbeiter durch eure „soziale For­mung" für das gewerkschaftliche und politische Leben zu bilden und anzuleiten und seine ganze Existenz durch eure „soziale Aktion" und euren „Sozialdienst" zu stützen und zu erleichtern. Setzt also ohne Kleingläubigkeit die bis jetzt geleistete Arbeit fort! Damit werdet ihr Christus einen unmittelbaren Zugang zur Welt des Ar­beiters eröffnen und einen mittelbaren auch zu den anderen Ge­sellschaftsschichten. Das ist der grundlegende „Zugang"; ohne ihn wäre jeder andere „Zugang", jedes andere „Aufgeschlossensein", nach welcher Seite auch immer, nur eine Kapitulation der Kräfte, die sich christlich nennen.

Ja, geliebte Arbeiter, der Papst und die Kirche können sich der göttlichen Sendung nicht entziehen, zu führen, zu schützen, zu lieben, vor allem die Notleidenden, die ihnen um so teurer sind, je mehr sie des Schutzes und der Hilfe bedürfen, ob sie nun Arbeiter oder andere Kinder des Volkes sind.

Am ersten Mai

Diese Pflicht und Aufgabe wünschen Wir, der Stellvertreter Christi, sehr deutlich von neuem herauszustellen, und zwar heute, am i. Mai, den die Welt der Arbeit sich zuerkannt hat als eigenes Fest mit der Absicht, daß von allen die Würde der Arbeit anerkannt werde und sie dem auf der ausgleichenden Verteilung von Rechten und Pflich­ten ruhenden gesellschaftlichen Leben und den entsprechenden Ge­setzen ihren Geist aufpräge.

Wenn der 1.Mai so von den christlichen Arbeitern aufgefaßt wird und sozusagen die christliche Salbung empfängt, ist er weit davon entfernt, als Ursache von Zwietracht, Haß und Gewalttätigkeit zu wirken. Vielmehr wird er eine stets wiederkehrende Einladung an die moderne Gesellschaft sein, zu vollenden, was dem sozialen Frieden noch fehlt. Ein christliches Fest also, d. h. ein Tag des Jubels über den greifbaren und fortschreitenden Triumph der christlichen Ideale der großen Familie der Arbeit.

Damit dieser Sinn euch gegenwärtig sei, und in gewisser Weise als unmittelbare Gegengabe für die zahlreichen und kostbaren Ge­schenke, die Uns aus allen Gauen Italiens zugekommen sind, teilen wir freudigen Sinnes unseren Entschluß mit, das liturgische Fest des hl. Joseph des Handwerkers einzusetzen, und setzen es ein, indem wir ihm eben den 1. Mai zuweisen.2

1  Aus der Ansprache an die Christlichen Arbeiterverbände Italiens, 11. März 1945

2  Aus der Ansprache an die Christlichen Arbeiterverbände Italiens, 1. Mai 1955

 

DIE INTERNATIONALISIERUNG DES PRIVATRECHTS

Wer sich in der Geschichte der Kultur etwas auskennt und über die Natur des Rechts nachgedacht hat, wird sich kaum darüber wundern, daß die Kirche nie aufgehört hat, dem Recht ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

In einer Formel, deren kraftvolle Knappheit das Zeichen seines Genius trägt, fixiert Platon den Gedanken, der dem Geist des ganzen Altertums eigen war, mit folgenden Worten: „Gott ist für uns vor allem Maß aller Dinge, viel mehr, als irgendein Mensch es sein könnte." Eben dies lehrt auch die Kirche, aber in der ganzen Fülle und Tiefe der Wahrheit, wenn sie mit dem heiligen Paulus erklärt, jede Vaterschaft komme von Gott her, und folglich behauptet, daß, um die gegenseitigen Beziehungen im Schöße der großen mensch­lichen Familie zu regeln, jedes Recht seine eigentliche Wurzel in Gott habe.

Daher umgibt die Kirche, während sie den extremistischen juristi­schen Positivismus ablehnt, der dem Recht seine eigene und gleich­sam autonome „Heiligkeit" zuweist, das Recht mit dem Glanz einer wahrhaftigeren, erhabeneren Heiligkeit, indem sie letztlich jeden Menschen, der von dem Dasein und der Souveränität eines persön­lichen Gottes überzeugt ist, zur Treue gegen das Gesetz verpflichtet.

Könnte denn die Kirche, die ein großer gesellschaftlicher Organis­mus, eine festgegründete übernationale Gemeinschaft ist, etwa ohne ein bestimmtes Recht bestehen? Von dieser Erwägung abgesehen, die von unbestreitbarer Logik, aber rein natürlicher Ordnung ist, weiß sie, daß sie von ihrem göttlichen Stifter als eine sichtbare Gesellschaft gegründet worden ist, die mit einer Rechtsordnung aus­gestattet ist. Die Grundlage dieser Ordnung, dieses Rechtsstatuts ist also nichts anderes als das positive göttliche Recht.

Der Zweck des ganzen Lebens der Kirche, ihre Aufgabe, die Men­schen zu Gott zu führen, ihre Vereinigung mit Gott zu fördern, liegt ohne Zweifel in der Sphäre des Überirdischen, des Übernatürlichen. Sie ist also etwas, das sich unmittelbar zwischen Gott und dem Men­schen abspielt. Ja, aber längs des Weges, auf dem dieses Amt geübt wird und der zu diesem Ziele führt, wandert jeder Gläubige als Mit­glied der Kirchengemeinschaft unter der Führung der Kirche unter den besonderen Daseinsbedingungen. Wer aber Gemeinschaft und Führung einer Autorität sagt, der sagt: Macht des Rechts und des Gesetzes.

Ein einfacher Blick auf den Gegenstand des internationalen Privat­rechts und auf seine Geschichte genügt, um die Schwierigkeiten einer Koordination der verschiedenen Rechte ersichtlich zu machen.

 

Paneuropaidee, Europarat

Hätten die vergangenen Geschlechter den technischen Fortschritt der Verkehrsmittel für möglich gehalten oder ihn sich auch nur vor­stellen können, der in so kurzer Zeit alle Menschen einander in einem Grade nähergebracht hat, daß die geläufige Redensart, „die Welt sei zu klein geworden", wörtlich richtig geworden ist? Die Welt wird es und wird es immer mehr.

Die Paneuropaidee, der Europarat und andere Bewegungen sind eine Kundgebung der Notwendigkeit, die Starrheit der alten geo­graphischen Grenzen in politischer und wirtschaftlicher Beziehung zu brechen oder zu mildern und zwischen den Ländern große Gruppen gemeinsamen Lebens und Wirkens zu bilden. Man wird von die­sen praktischen Erwägungen auch absehen können. Aber als un­vermeidliche Kriegsfolgen, unter dem Druck der Ereignisse bringen die Übervölkerung gewisser Gegenden und die daraus sich ergebende Arbeitslosigkeit eine wirkliche Bevölkerungsvermischung mit Hilfe von Ein- und Auswanderung mit sich, die in der nächsten Jahrhun­derthälfte die Auswanderung nach Amerika im Laufe der letzten 150 Jahre an Bedeutung wahrscheinlich weit übertreffen wird. Wie nützlich wird dann die Koordination des Privatrechts sein!

Die Menschenrechte

Wird es aber immer möglich sein, sie auch für eine bestimmte Gruppe von Staaten auf ihren ganzen Bereich auszudehnen? Würde übrigens eine radikale Gleichstellung überall wirklich vorteilhaft sein? Es ist nicht leicht, das heute zu behaupten. Trotz allem könnten die wirtschaftlichen, sozialen oder allgemeinen kulturellen Verhältnisse in manchen Ländern so verschieden bleiben, daß eine Gleichförmigkeit zwischen allen Nationen und hinsichtlich des gesamten Bereichs des Privatrechts den Forderungen des Gemeinwohls nicht gänzlich ent­sprechen mag.

Wie dem auch sei. Wir empfehlen die folgenden drei Punkte:

Zuerst den immer aufmerksameren und wirksameren Schutz aller jener, die seiner in höherem Maße bedürfen, insbesondere die ver­lassenen Kinder und die alleingebliebenen Frauen; ihnen gegenüber vor allem müßte sich der Gesetzgeber nach dem Vorbild des Familien­vaters und der Mutter verhalten.

An zweiter Stelle: Vereinfachung des juristischen Status aller jener, die aus Familiengründen gezwungen sind, sich häufig und regel­mäßig von einem Land in ein anderes zu begeben.

Schließlich: Anerkennung und direkte und indirekte Verwirk lichung der ursprünglichen Menschenrechte, die, insofern sie der menschlichen Natur innewohnen, immer dem allgemeinen Interesse entsprechen, ja sogar als dessen wesentliche Elemente aufzufassen sind. Daher hat der Staat die Pflicht, sie zu schützen, zu fördern und darauf hinzuwirken, daß sie in keinem Fall einer vorgeblichen Staatsraison geopfert werden können.1

1 Aus der Ansprache an den 1. Kongreß für internationales Privatrecht, 15. Juli 1950

DER KRIEG UND SEINE FOLGEN

T it schrecken haben die völker eine neue Vervollkommnung L der Mittel und Verfahren zur Zerstörung ohne Maßen erleben müssen und zugleich waren sie Zuschauer eines inneren Verfalls, der durch Erkalten und Abirren der sittlichen Empfindlichkeit immer schneller der gänzlichen Unterdrückung jedes menschlichen Gefühls und einer solchen Verdüsterung der Vernunft und des Gesetzes zu­eilt, daß er das Wort aus dem Buch der Weisheit wahr macht: „Alle waren von der gleichen Kette der Finsternis umschlungen."

Christus allein kann die verhängnisvollen Geister des Irrtums und der Sünde entfernen, die die Menschheit einer erniedrigenden und tyrannischen Sklaverei unterworfen haben, indem sie sie in den Dienst eines Denkens und Wollens stellten, das von dem unersätt­lichen Begehren nach Gütern beherrscht wurde.

Christus allein, der uns von der traurigen Dienstbarkeit der Schuld befreit hat, kann uns den Weg lehren und ebnen zu einer edlen und disziplinierten Freiheit, die gestützt und gehalten wird von wahrer sittlicher Rechtschaffenheit und wahrem sittlichem Be­wußtsein. Christus allein, „auf dessen Schultern die Herrschaft ruht", kann mit seiner hilfreichen Allmacht das Menschengeschlecht von namenlosen Ängsten erlösen, die es in diesem Leben quälen, und ihm den Weg zur Seligkeit weisen.

Ein Christ, der sich von dem Glauben an Christus nährt und in ihm lebt, in der Gewißheit, daß er allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, trägt seinen Anteil an den Leiden und Widerwärtig­keiten der Welt vor die Krippe des Gottessohns und findet vor dem Neugeborenen einen Trost und eine Stütze, die der Welt unbekannt sind; die ihm Mut und Kraft geben, zu widerstehen und uner­schrocken auszuharren, ohne zu unterliegen inmitten der schwersten und qualvollsten Prüfungen.1

Es ist traurig und schmerzlich, daran denken zu müssen, daß un­zählige Menschen, die auf der Suche nach einem Glück, das ihnen in dieser Welt Zufriedenheit gibt, die Bitterkeit trügerischer Illu­sionen und schmerzvoller Enttäuschungen empfinden, ihr Leben jeder Hoffnung verschlossen haben und, fern vom christlichen Glau­ben lebend, den Weg zurück zu jenem Trost nicht zu finden ver­mögen, den die Helden des Glaubens in jeglicher Bedrängnis in Überfluß besitzen. Sie sehen das Gebäude des Glaubens, auf den sie menschlicherweise ihr Vertrauen und ihre Hoffnung gesetzt hatten, zertrümmert. Nie aber haben sie jenen einzigen wahren Glauben ge­funden, der es vermocht hätte, ihnen Trost und Erneuerung des inneren Menschen zu schenken.

In diesem Schwanken des Verstandes und des Willens ergreift sie eine deprimierende geistige Unsicherheit, und so leben sie in einem Zustande der Untätigkeit, der ihre Seele bedrückt und den nur jener tief verstehen und brüderlich mitempfinden kann, der in dem ver­trauten, lebendigen Glanz eines übernatürlichen Glaubens lebt, der über die Stürme aller zeitlichen Zufälligkeiten hinausreicht, um nur ans Ewige zu denken.

Sklaven materieller Reichtümer

Zu der Schar dieser Erbitterten und Enttäuschten kann man ohne weiteres jene rechnen, die ihr ganzes Vertrauen auf die weltweite Ausdehnung des Wirtschaftslebens setzten, das sie allein für fähig erachteten, die Völker brüderlich zu vereinen, und von dessen groß­artiger, immer mehr verfeinerter und vervollkommneter Organi­sation sie sich unerhörte und unerwartete Fortschritte für das Wohl der menschlichen Gemeinschaft versprachen.

Mit wieviel Wohlgefallen und Stolz betrachteten sie das Anwach­sen des Handels in der ganzen Welt, des Austausches aller Güter zwi­schen den Kontinenten, den Siegeszug der modernen Technik, die alle Grenzen des Raums und der Zeit überwindet! Aber was erfahren sie heute in der Wirklichkeit? Sie sehen jetzt, daß diese Wirtschaft mit ihren riesigen Beziehungen, weltweiten Verbindungen und der außerordentlichen Teilung und Vervielfältigung der Arbeit auf tau­send Arten dazu beigetragen hat, die Krisen der Menschheit noch umfangreicher und schwerer zu machen, während sie, von keinem sittlichen Maß gezügelt und ohne überirdische Erleuchtung, in un­würdiger und erniedrigender Ausbeutung der menschlichen Person und der Natur enden mußte, in drückender, trauriger Not auf der einen Seite und hoffärtiger und herausfordernder Üppigkeit auf der anderen, in einem quälenden und unversöhnlichen Zwiespalt zwi­schen Privilegierten und Habenichtsen.

Diejenigen, die das Wohl der Gesellschaft von dem Mechanismus

des Weltwirtschaftsmarktes erwarteten, sind enttäuscht worden, weil sie nicht Herren und Meister, sondern Sklaven der materiellen Reich­tümer geworden waren, denen sie gedient hatten, indem sie die­selben von der höheren Bestimmung des Menschen lösten und zum Selbstzweck machten.

Nicht anders dachten und handelten andere, die in der Vergangen­heit enttäuscht wurden, die Glück und Wohlstand einzig in einer Art von Wissenschaft und Bildung suchten und nicht geneigt waren, den Schöpfer des Weltalls anzuerkennen; nicht jene Pioniere und An­hänger der wahren Wissenschaft, die der wunderbare Widerschein des Lichtes Gottes ist, sondern einer hoffärtigen Wissenschaft, die dem Wirken eines persönlichen Gottes, der unabhängig wäre von aller Beschränkung und allem irdischen Überlegen, keinen Raum gibt und sich rühmt, die Geschehnisse der Welt einzig mit der starren, deterministischen Verkettung eiserner Naturgesetze erklären zu können.

Aber eine solche Wissenschaft kann kein Glück und kein Wohl­stand verleihen. Der Abfall vom göttlichen Wort, durch das alle Dinge erschaffen worden sind, hat den Menschen zum Abfall vom Geist geführt und es ihm dadurch schwer gemacht, Idealen und hoch­geistigen, sittlichen Zielen nachzustreben. So sieht sich die vom geist­lichen Leben abgefallene Wissenschaft, während sie sich in dem trü­gerischen Glauben wiegte, durch die Leugnung Gottes volle Freiheit und Eigengesetzlichkeit erobert zu haben, heute durch eine Knecht­schaft bestraft, wie sie noch nie erniedrigender gewesen ist. Denn sie ist die Sklavin und gleichsam die automatische Vollstreckerin von Weisungen und Befehlen geworden, die auf die Rechte der Wahrheit und der menschlichen Person keine Rücksicht nehmen. Was dieser Wissenschaft Freiheit schien, wurde zur Fessel der Erniedrigung und Demütigung; sie ist ihrer einstigen Würde beraubt und wird sie nur zurückgewinnen, wenn sie zum ewigen Wort zurückkehrt, dem Quell der Weisheit, den sie so töricht preisgegeben und vergessen hat.2

Das verlorene Lebensideal

Neben jenen, die in tiefer Verstörung über den Zusammenbruch sozialer und intellektueller Richtungen leben, denen Politiker und Männer der Wissenschaft vielfach folgten, steht die nicht weniger zahlreiche Schar derer, die durch die Auflösung ihres persönlichen Lebensideals in große Qual und Sorge geraten sind.

Es ist die große Zahl derer, denen die Arbeit der Zweck des Lebens und eine bequeme materielle Existenz Ziel ihrer Mühen waren, die aber im Kampf um dieses Ziel religiöse Erwägungen weit von sich gewiesen und es versäumt haben, ihrem Dasein eine gesunde und sittliche Ausrichtung zu geben. Der Krieg hat sie aus dieser gewohn­ten und geliebten Tätigkeit herausgerissen, die Preis und Stütze ihres Lebens war, hat sie ihrem Beruf oder ihrer Beschäftigung entzogen, so daß sie in sich eine beängstigende Leere verspüren. Und wenn auch manche bei ihrer Arbeit bleiben konnten, so hat ihnen doch der Krieg Arbeits- und Lebensbedingungen auferlegt, unter denen jede persönliche Eigenart verschwunden und ein geordnetes Familien­leben ebensowenig möglich ist wie jene Zufriedenheit der Seele, die nur aus der Arbeit entspringt, die von Gott geadelt und gewollt ist.3

Unglücklich sind auch jene, die ihre Hoffnungen auf ein Glück ge­scheitert sehen, das sie rein auf den Genuß des flüchtigen irdischen Lebens gegründet glaubten, das sie ausschließlich als Fülle von kör­perlichen Energien und Schönheit der Formen oder als Überfluß an Bequemlichkeit oder als Besitz von Macht und Gewalt auffaßten.

Die schreckliche Unregelmäßigkeit von Arbeit und Leben, das Fernsein von Gott und seiner Gnade, Verlockungen und Irreleitun­gen vom schlechten Beispiel, all dies schafft Anlaß und Grundlage zu einem verderblichen Erschlaffen der ehelichen und Familienbeziehun­gen, in der Weise, daß das Gift der Wollust heute viel mehr als einst die heilige Quelle des Lebens zu vergiften sucht. Aus diesen schmerz­lichen und gefährlichen Tatsachen ergibt sich mit harter Klarheit, daß zwar die Stärkung der Familie und des Volkes in vielen Natio­nen als eines der edelsten Ziele betrachtet wurde, in Wahrheit aber ein physischer Zerfall und eine geistige Verderbnis entsetzlich anwuch­sen, die nur eine heilende und erzieherische Behandlung durch meh­rere Generationen allmählich und zum Teil verschwinden lassen wird.

Wenn der kriegerische Konflikt soviele Zerstörungen an Leib und Seele angerichtet hat, so hat er die nicht verschont, welche nach Üppigkeit und purem Lebensgenuß gierten, die heute stumm und bestürzt vor den Verheerungen stehen, die auch über ihre Güter wie ein vernichtender Orkan hingebraust sind: Reichtümer und Heim­stätten, die mit Feuer und Schwert zerstört wurden, das Leben in Be­quemlichkeit und Vergnügen, das verschwunden ist; tragisch die Gegenwart, eine Zukunft mit wenig Hoffnungen und vielen Be­fürchtungen.

Noch trauriger ist die Vision, die jene verwirrt und erschreckt, die nach Macht und Vorherrschaft streben: Jetzt sehen sie mit Schrecken den Ozean von Blut und Tränen, der die Welt überflutet, Gräber und Massengräber in wachsender Zahl überall auf Erden und über die Inseln der Meere hin das langsame Erlöschen der Kultur, das fortschreitende Schwinden auch des materiellen Wohlstandes, die Zer­störung berühmter Denkmäler und edler Gebäude einer hohen Kunst, die man als das gemeinsame Erbe der zivilisierten Welt be­trachten konnte, den Haß, der die Völker immer tiefer und schärfer gegeneinander entbrennen und nichts Gutes für die Zukunft er­hoffen läßt.4

 

Wiederaufbau?

Je mehr das Ungeheuer des Krieges die materiellen Mittel an sich reißt und verschlingt, die unerbittlich in den Dienst der von Stunde zu Stunde wachsenden kriegerischen Notwendigkeiten gestellt wer­den, desto größer wird für die Nationen, die unmittelbar oder mit­telbar von dem Konflikt betroffen sind, die Gefahr einer, Wir möch­ten sagen tödlichen Blutarmut und desto dringender stellt sich die Frage: Wie wird nach dem Krieg eine erschöpfte und entkräftete Wirtschaft die Mittel für den wirtschaftlichen und sozialen Wieder­aufbau finden unter Schwierigkeiten, die von allen Seiten unge­heuer vermehrt werden und deren sich die Kräfte und Künste der Unordnung, die im Hinterhalt lauern, zu bemächtigen suchen — in der Hoffnung, den entscheidenden Schlag führen zu können?

Solche Betrachtungen der Gegenwart und der Zukunft müssen auch im Fieber des Kampfes die Regierenden und den gesunden Teil des Volkes anspornen, die Auswirkungen zu prüfen und über die zu rechtfertigenden Ziele und Zwecke des Krieges nachzudenken.6

Kein Volk ist sicher vor der Gefahr, sehen zu müssen, wie manche seiner Kinder sich von Leidenschaften hinreißen lassen und dem Dämon des Hasses opfern. Wichtig ist dabei vor allem das Urteil, das die öffentliche Autorität über solche Ausartungen und Ver­irrungen des Kampfgeistes fällt, und ihre Bereitschaft, ihnen ein Ende zu machen.

Dem ehrwürdigen Namen der Autorität selbst steht es daher wohl an, daß in der Ausdehnung der Schlachtfelder über die eigenen Grenzen hinaus die ungetrübte Würde der Vernunft nicht unter­gehe, die jene obersten Grundsätze zur Förderung des Guten und zur Bändigung des Bösen diktiert, die die Anordnungen des Be­fehlenden stärken und ehren und seinen Untergebenen willig und geneigter stimmen, seinen Willen und sein Wirken unter das Ge­meinwohl zu beugen. Je mehr sich die Schrecken derer ausbreiten, die der Krieg unter Fremdherrschaft zwingt, desto dringender wird die Pflicht, die rechtliche Ordnung einzusetzen, die in Überein­stimmung mit den Regeln des Völkerrechts und vor allem mit den Forderungen der Menschlichkeit und der Billigkeit anzuwenden ist.6

 

Besetzung fremder Länder

Den Mächtigen, die während des Krieges Länder besetzen, sagen Wir, ohne die ihnen gebührende Rücksicht außer acht zu lassen: Euer Gewissen und eure Ehre leite euch bei der Behandlung der Bevölkerung besetzter Länder auf gerechte, menschliche und um­sichtige Weise. Bürdet ihnen nicht Lasten auf, die ihr in ähnlichen Fällen als ungerecht empfunden habt oder empfinden würdet. Eine kluge und hilfreiche Menschlichkeit ist Lob und Ruhm weiser Führer, und die Behandlung der Gefangenen und der Bevölkerung besetzter Gebiete ist der sicherste Prüfstein und Gradmesser für die Kultur der Gemüter und der Nationen. Noch mehr aber denkt daran, daß Segen und Fluch Gottes für das eigene Vaterland von der Art und Weise abhängen können, wie ihr gegen jene verfahrt, die das Kriegsglück in eure Hände gegeben hat.7

Neue Waffen und ihre Vergeltung

Die Kriegführenden flehen Wir an, sich des Gebrauches immer mörderischerer Kriegswaffen bis zum letzten zu enthalten; jede Neuerung in solchen Mitteln führt unvermeidlich dazu, daß auch der Gegner dieselbe neue Waffe, und manchmal eine noch schärfere und schlimmere gebraucht.8

Im übrigen gilt eine Pflicht für alle, eine Pflicht, die kein Zögern, keinen Aufschub, keine Ausflucht duldet: nämlich alles Menschen­mögliche zu tun, um ein für allemal den Angriffskrieg als recht­mäßige Lösung internationaler Streitigkeiten und als Werkzeug nationaler Aspirationen zu verwerfen und zu ächten. Man hat in der Vergangenheit viele Versuche zu diesem Zweck gesehen. Alle sind gescheitert. Und auch alle weiteren werden scheitern, solange nicht der gesündere Teil der Menschheit den festen, beharrlichen Willen haben wird, als Gewissenspflicht die Sendung zu erfüllen, die die Vergangenheit ohne genügend Ernst und Entschlossenheit begonnen hat.

 

Krieg dem Kriege!

Wenn je eine Generation aus Gewissensgrund den Ruf gehört hat: „Krieg dem Krieg!", so ist es gewiß die gegenwärtige. Denn sie ist durch einen Ozean von Blut und Tränen gegangen, wie ihn frühere Zeiten vielleicht nie gekannt haben. Sie hat unsagbare Grau­samkeiten so stark erlebt, daß die Erinnerung an so große Greuel ihrem Gedächtnis und im tiefsten Grund ihrer Seele als Bild einer Hölle eingeprägt bleiben muß, deren Pforten für immer zu schließen jeder, der Gefühle der Menschlichkeit in seinem Herzen hegt, den heißesten Wunsch haben muß.

Ohne Zweifel ist der Fortschritt der menschlichen Erfindungen, der die Verwirklichung eines größeren Wohlstands für die ganze Menschheit hätte bezeichnen sollen, statt dessen zur Zerstörung dessen ausgeschlagen, was die Jahrhunderte erbaut hatten. Aber eben dadurch hat sich immer deutlicher die Unsittlichkeit des An­griffskrieges erwiesen, und wenn sich heute mit der Erkenntnis dieser Unsittlichkeit die Drohung eines juristischen Einschreitens der Nationen und einer von der Gesellschaft der Staaten dem An­greifer auferlegten Strafe verbindet, so daß sich der Krieg immer von der Ächtung bedroht, immer von einer vorbeugenden Handlung überwacht fühlt, dann wird die Menschheit aus der dunklen Nacht hervortreten, in die sie so lange getaucht war, und die Morgenröte einer neuen und besseren Epoche ihrer Geschichte grüßen können.9

Nichts ist mit dem Frieden verloren

Durch die Macht der Vernunft, nicht durch die der Waffen, bahnt sich die Gerechtigkeit ihren Weg. Und die Reiche, die nicht auf Ge­rechtigkeit gegründet sind, sind von Gott nicht gesegnet. Die Politik, die sich von der Sittlichkeit löst, verrät jene, die sie so wollen.

Nichts ist mit dem Frieden verloren. Alles kann verloren sein mit dem Krieg. Möchten die Menschen wieder anfangen, sich zu ver­stehen. Bei gutem Willen und bei Achtung der gegenseitigen Rechte werden sie bemerken, daß solchen aufrichtigen und mühevollen Ver­handlungen niemals ein ehrenhafter Erfolg versagt ist.

Und sie werden sich groß fühlen — wahrhaft groß —, wenn sie den Stimmen der Leidenschaft, der kollektiven wie der privaten, Schwei­gen gebieten und der Vernunft ihren Herrschaftsbereich lassen und dadurch das Blut der Brüder schonen und dem Vaterland Ver­wüstungen ersparen.

Möge der Allmächtige es geben, daß die Stimme des Vaters der christlichen Familie, dieses Knechts der Knechte, welcher, gewiß un­würdigerweise, aber in Wahrheit inmitten der Menschen die Person, das Wort, die Autorität Jesu Christi trägt, in den Geistern und den Herzen schnelle und bereitwillige Aufnahme finde.

Mögen Uns die Starken hören, damit sie nicht schwach werden in der Gerechtigkeit. Mögen Uns die Mächtigen hören, wenn sie wollen, daß ihre Macht nicht Zerstörung sei, sondern Stütze für die Völker und Schutz in der Ordnung und in der Arbeit.

Wir flehen sie an um des Blutes Christi willen, dessen siegreiche Kraft die Sanftmut im Leben und im Tode war. Und wenn Wir sie anflehen, so wissen und fühlen Wir, daß Wir alle für Uns haben, die rechtschaffenen Herzens sind, alle, die nach Gerechtigkeit hun­gern und dürsten, alle, die schon infolge der Übel des Lebens jeg­lichen Schmerz erleiden. Wir haben für Uns die Herzen der Mütter, die mit dem Unseren schlagen; die Väter, die ihre Familien ver­lassen mußten; die Unschuldigen, auf denen die furchtbare Drohung lastet; die Jugendlichen, die großherzigen Ritter der reinsten und edelsten Ideale. Und mit Uns ist die ganze Menschheit, die Gerech­tigkeit, Brot und Freiheit erwartet, nicht Eisen, das tötet und zerstört. Und mit Uns ist jener Christus, der die brüderliche Liebe zu seinem höchsten, grundlegenden Gebot gemacht hat: die Substanz seiner Re­ligion, das Versprechen des Heils für die einzelnen und die Nationen zu sein.10

1,2,3 und 4 aus der Weihnachtsbotschaft an die Welt, 24. Dezember 1943

5 und ß aus der Ansprache an das Heilige Collegium, 24. Dezember 1939

7 und 8 aus der Rundfunkbotschaft vom 13. April 1941

9 Aus der Weihnachtsbotschaft an die Welt, 24. Dezember 1943

10 Aus der Rundfunkbotschaft an die Welt, 24. August 1939

ATOMWAFFEN

Wenngleich zu weit anderen Zwecken geschaffen, hat der Menschengeist heute Kriegswerkzeuge von solcher Gewalt erdacht und angefertigt, daß jeder redliche Mensch in seiner Seele erschauern muß, vor allem, weil diese Waffen nicht nur die Heere treffen, sondern oft genug auch die Zivilbevölkerung, Kinder, Frauen, Greise, Kranke, und mit ihnen sakrale Gebäude und bedeutende Kunstdenk­mäler mit in den Untergang hineinreißen. Wen schaudert nicht bei dem Gedanken, daß neue Friedhöfe sich den vielen aus dem letzten Krieg zugesellen, daß rauchende Trümmer von Dörfern und Städten neue traurige Ruinenfelder schaffen könnten? Wer erzittert nicht bei der Erwägung, daß die Vernichtung neuer Reichtümer jene wirt­schaftliche Krise weiter verschärfen kann, unter der dann alle Völker, besonders aber die unteren Volksschichten, zu leiden haben?

Wir, die Wir über dem Walten menschlicher Leidenschaft stehen, hegen väterliche Gefühle für alle Völker und Nationen und wün­schen ihnen Unversehrtheit, ruhige Sicherheit und tägliches Wach­sen ihrer Wohlfahrt. Jedesmal, wenn Wir den heiteren Himmel sich mit drohenden Wolken verdüstern und neue Konfliktgefahren über der Menschheit heraufziehen sehen, unterlassen Wir es nicht, Unsere Stimme zu erheben, um alle zu ermahnen, die Zwietracht aufzugeben, Zwistigkeiten beizulegen und jenen wahren Frieden herzustellen, der die anerkannten Rechte der Religion, der Völker und der einzelnen Bürger sichert.

Wir wissen jedoch sehr wohl, daß die menschlichen Mittel einer so hohen Aufgabe nicht gewachsen sind; es gilt daher die Seelen zu erneuern, die Leidenschaften zu beherrschen, den Haß zu be­sänftigen, die Normen des Rechts wahrhaft zu verwirklichen, eine gerechte Verteilung des Reichtums zu erreichen, die gegenseitige Hilfe anzuspornen und einen jeden zur Tugend zu ermutigen. Um solch hohes Ziel zu erreichen, kann zweifellos nichts eine größere Hilfe bieten als die christliche Religion. Ihre von Gott gegebene Lehre sagt, daß die Menschen Brüder sind und eine Familie bilden, deren Vater Gott, deren Erlöser und Lebenspender Christus mit seiner himmlischen Gnade und deren unsterbliches Vaterland der Himmel ist. Würden diese göttlichen Lehren wirklich befolgt, so würden gewiß weder Krieg noch Zwietracht noch Unordnung noch Ver­letzung der bürgerlichen und religiösen Freiheit das öffentliche und private Leben so mühselig machen, sondern stiller und sich gleich­bleibender Frohsinn, der auf Gerechtigkeit gegründet ist, würde die Herzen erfüllen, und den Weg zu immer größerem Wohlstand an­bahnen.

Freilich ein schwieriges, aber notwendiges Beginnen! Und weil notwendig, darf nicht gezögert, sondern ungesäumt muß ans Werk gegangen werden. Und ist es schwer, geht es über die menschliche Kraft, so muß der Mensch sich mit Gebet und Flehen an den himm­lischen Vater wenden, wie es im Laufe der Jahrhunderte unsere Vorfahren in allen Nöten mit Erfolg getan.1

Die einzige Rechtfertigung der Kriegführung

Möge im internationalen Bereich jeder Krieg bestraft werden, der nicht durch die unbedingte Notwendigkeit gerechtfertigt ist. Zum Krieg kann man allein gezwungen sein, um sich gegen eine schwere Ungerechtigkeit zu verteidigen, die die Gemeinschaft trifft und die man nicht mit anderen Mitteln abwenden kann, weil sonst an Stelle internationaler Beziehungen brutale Gewalt und Gewissen­losigkeit freien Lauf hätten. Es genügt daher nicht, daß man sich gegen irgendeine Ungerechtigkeit verteidigen will, wenn man zu den Waffen greift. Wenn die Schäden, die der Krieg mit sich bringt, in keinem Verhältnis zu der ertragenen Ungerechtigkeit stehen, kann es Pflicht sein, das Unrecht hinzunehmen.

Das gilt vor allem für den ABC-Krieg (den Atombomben-, den biologischen und den chemischen Krieg). Es genügt für den Augen­blick, sich die Frage zu stellen, ob er notwendig werden kann, um sich gegen einen ABC-Krieg zu verteidigen. Die Antwort wird sich aus denselben Grundsätzen ergeben, die heute entscheidend dafür sind, einen Krieg im allgemeinen für erlaubt zu halten. Auf jeden Fall stellt sich da ganz besonders dringend eine andere Frage: Ist es möglich, auf dem Weg internationaler Vereinbarungen den ABC-Krieg wirksam zu bannen und zu vermeiden?

Nach den Greueln zweier Weltkriege haben Wir nur daran zu erinnern, daß jede Verherrlichung des Krieges als Verirrung des Geistes und des Herzens verurteilt werden muß. Gewiß, Mut und Tapferkeit, die bis zur Hingabe des Lebens gehen, wenn die Pflicht es erfordert, sind hohe Tugenden; aber den Krieg heraufzubeschwö­ren, weil er die Schule der großen Tugenden und eine Gelegenheit ist, sie zu verwirklichen, muß als Verbrechen und Wahnsinn be­zeichnet werden.

Was Wir gesagt haben, zeigt, in welcher Richtung die rechte Ant­wort auf jene andere Frage zu finden ist: Darf der Arzt seine Wissen­schaft und sein Wirken in den Dienst des ABC-Krieges stellen? Die „Ungerechtigkeit" kann er niemals unterstützen, wäre es auch, um seinem eigenen Lande zu dienen; und wenn ein solcher Krieg eine Ungerechtigkeit darstellt, kann der Arzt an ihm nicht mitwirken.2

1 Aus der Enzyklika „Mirabile illud", 6. Dezember 1950 a Aus der Ansprache an die Militärärzte, 19. Oktober 1953

„TECHNIZISMUS" UND MATERIALISMUS

Die technik verhilft in der Tat dem heutigen Menschen zu einer ' nie dagewesenen Höhe der Beherrschung der materiellen Welt. Die moderne Maschine gestattet eine Produktionsweise, die die menschliche Arbeitskraft ersetzt und ins Riesenhafte steigert, sich überhaupt vom Einsatz der organischen Kräfte loslöst und ein Höchst­maß an extensiver und intensiver Energie, zugleich aber auch an Genauigkeit sichert...

Die „technische Gesinnung"

Trotzdem scheint es unleugbar, daß gerade die Technik, die in un­serem Jahrhundert den Gipfel des Ruhmes und des Ertrages erreicht hat, sich durch von außen kommende Umstände in eine schwere gei­stige Gefahr verwandelt. Sie scheint dem modernen Menschen, der sich vor ihrem Altar zu Boden wirft, ein Gefühl des Sichselbstgenügens, der Erfüllung seines Verlangens nach grenzenloser Erkenntnis und Macht zu verleihen. Mit ihrer vielfachen Anwendung, dem uneingeschränkten Vertrauen, das sie einflößt, den unerschöpflichen Möglichkeiten, die sie verspricht, eröffnet die Technik um den Men­schen von heute eine so weite Schau, daß sie von vielen mit dem Unendlichen verwechselt wird. Infolgedessen wird ihr eine unmög­liche Eigengesetzlichkeit zugeschrieben, die sich ihrerseits in einem bestimmten Denken, in eine irrige Weltanschauung umwandelt, die man mit dem Namen „Technische Gesinnung" bezeichnet hat. Aber worin besteht sie genau? Darin, daß man es für den höchsten Wert des Menschen und des Lebens hält, den größtmöglichen Nutzen aus den Kräften und Grundstoffen der Natur zu ziehen, daß man sich die technisch möglichen Methoden mechanischer Erzeugung vor aller anderen menschlichen Betätigung zum Ziele setzt, und daß man in ihnen die Vollkommenheit der Kultur und des irdischen Glückes erblickt.

Sie sucht den Blick des Menschen nur auf die Materie einzuengen . ..

Vor allen Dingen liegt in dieser vom angeblichen Geist der Technik verkehrten Weltanschauung ein fundamentaler Irrtum. Die Gesamtschau — auf den ersten Blick grenzenlos —, die die Technik vor den Augen des modernen Menschen entfaltet, bleibt doch nur ein Teilausschnitt der ganzen Wirklichkeit, so ausgedehnt er auch sein mag, denn er erfaßt sie nur in ihrer Beziehung zur materiellen Welt: Ein blendendes Panorama, gewiß, das den zu leicht an die Unermeßlichkeit und Allmacht der Technik glaubenden Menschen am Ende in ein zwar weiträumiges, aber begrenztes Gefängnis ein­schließt, das deshalb dann auf lange Sicht für seine echte Geistigkeit unerträglich wird. Sein Blick, weit davon entfernt, zur unendlichen Wirklichkeit vorzudringen, die eben nicht nur Materie ist, wird sich peinvoll beengt fühlen von den Schranken, die diese ihm notwendig entgegensetzt. Daher stammt auch die geheime Qual des heutigen Menschen, der blind geworden ist, weil er sich freiwillig mit Fin­sternis umgeben hat.

... sie macht blind für die religiöse Wahrheit

Noch viel schwerer sind die Schäden der „technischen Gesinnung" für den von ihr berauschten Menschen auf dem Felde der eigentlich religiösen Wahrheit und seiner Beziehungen zum Übernatürlichen. Das sind auch die Finsternisse, auf die der hl. Evangelist Johannes anspielt, die das fleischgewordene Wort Gottes zu zerstreuen gekom­men ist und die das geistige Verständnis der göttlichen Geheimnisse verhindern.

Nicht als ob die Technik in sich folgerichtig die Leugnung der reli­giösen Werte fordere. Nein, sie führt, wie Wir gesagt haben, im Gegenteil zu ihrer Entdeckung. Aber es ist die „technische Gesin­nung", die den Menschen in einen Zustand versetzt, der dem Suchen, Sehen und Annehmen der übernatürlichen Wahrheiten und Werte ungünstig ist. Der Geist, der sich verführen läßt von der „techni­schen Lebensauffassung", bleibt unempfindlich, nicht angesprochen und schließlich blind gegenüber den Werken Gottes, die wie die Geheimnisse des christlichen Glaubens ihrer Natur nach von der Technik ganz verschieden sind. Das Heilmittel, das in einem verdop­pelten Bemühen bestünde, den Blick über die Schranken der Finster­nis hinauszurichten und in der Seele das Verlangen nach den über­natürlichen Wirklichkeiten zu fördern, wird schon am Ausgangs­punkt von eben dieser „technischen Gesinnung" unwirksam gemacht, denn sie nimmt dem Menschen den kritischen Sinn für die eigen­artige Unruhe und Oberflächlichkeit unserer Zeit: ein Versagen, das als eine ihrer Folgen leider auch die zugeben müssen, die wirklich und aufrichtig den Fortschritt der Technik billigen.

Die von der „technischen Gesinnung" erfüllten Menschen finden nur schwer noch jene Ruhe, Klarheit und Innerlichkeit, die Vorbe­dingung sind, wenn man den Weg zum menschgewordenen Gottes­sohn finden soll. Sie werden so weit kommen, den Schöpfer und sein Werk anzuklagen, indem sie die Menschennatur als Fehlkonstruktion bezeichnen werden, wenn die notwendig begrenzte Leistungsfähig­keit des Gehirns und der anderen menschlichen Organe die Verwirk­lichung technologischer Berechnungen und Pläne verhindert. Noch weniger vermögen sie die tiefen Geheimnisse des göttlichen Lebens und Heilswirkens zu verstehen und zu werten, wie etwa das Weih­nachtsgeheimnis, in dem die Verbindung des Ewigen Wortes mit der Menschennatur noch ganz andere Wirklichkeiten und Größen schafft als die von der Technik ins Auge gefaßten. Ihr Denken folgt anderen Wegen und anderen Methoden unter dem einseitigen Ein­fluß jener „technischen Gesinnung", die als Wirklichkeit nur aner­kennt und schätzt, was sich in Zahlenverhältnissen und Nützlichkeitsberechnungen ausdrücken läßt. Sie glauben so die Wirklichkeit in ihre Elemente aufzulösen, aber ihr Erkennen bleibt an der Ober­fläche haften und bewegt sich nur in einer Richtung. Es leuchtet ein, daß die Anwendung der technischen Methode als des einzigen Mit­tels der Wahrheitssuche darauf verzichten muß, etwa in die tiefen Wirklichkeiten des organischen und mehr noch des geistigen Lebens einzudringen, in die lebendigen Wirklichkeiten des Einzelmenschen und der menschlichen Gesellschaft, weil diese sich ja nicht in Men­genverhältnisse auflösen lassen. Wie soll man von einer solchen Einstellung Zustimmung und Bewunderung für die gewaltige Wirk­lichkeit erwarten, in die wir durch Jesus Christus, seine Menschwer­dung und sein Erlösungswerk, seine Offenbarung und seine Gnade emporgehoben sind? Auch abgesehen von der religiösen Blindheit als Folge der „technischen Gesinnung", bleibt der von ihr besessene Mensch verkümmert in seinem Denken, gerade insofern er ein Eben­bild Gottes ist. Gott ist die unendlich umfassende Erkenntniskraft, während die „technische Gesinnung" alles tut, im Menschen das freie Ausstrahlen des Erkennens zu hemmen. Dem lehrenden wie dem lernenden Menschen der Technik, der sich vor dieser Geistes­verkümmerung retten will, muß man nicht nur eine tiefgehende geistige Erziehung, sondern vor allem auch eine religiöse Bildung wünschen, die ganz im Gegensatz zu geläufigen Behauptungen der beste Schutz der Erkenntnis gegen einseitige Beeinflussung ist. Dann wird die Enge seines Erkennens gesprengt; dann offenbart sich ihm die Schöpfung in allen ihren Ausmaßen, besonders wenn er vor der Krippe zu begreifen sucht, was es ist um die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe und die Erkenntnis der Liebe Christi (vgl. Eph. 3, 18—19). Sonst wird das technische Zeitalter die Ungeheuerlichkeit vollbringen, den Menschen zum Riesen der physischen Welt zu machen — auf Kosten seines Geistes, den sie zum Zwerg der Welt des Übernatürlichen und Ewigen einschrumpfen läßt.

Der Einfluß der „technischen Gesinnung" auf die natürliche

Lebensordnung der heutigen Menschen und ihre gegenseitigen

Beziehungen ...

Aber der Einfluß des technischen Fortschritts macht hier noch nicht halt, wenn er einmal in das Bewußtsein als etwas Autonomes, als Selbstzweck aufgenommen ist. Niemand entgeht der Gefahr einer „technischen Lebensauffassung", d. h. der Haltung, das Leben aus­schließlich zu betrachten unter der Rücksicht seiner technischen Werte, als technischen Stoff und als technische Kraft. Sie wirkt sich aus auf die Lebensweise der modernen Menschen und ihre gegen­seitigen Beziehungen.

Achtet einmal darauf, wie sie daran ist, sich im Volk auszu­breiten, und erwägt besonders, wie sie den menschlichen und christ­lichen Begriff der Arbeit umgewandelt hat, dann, welchen Einfluß sie ausübt in Gesetzgebung und Verwaltung. Das Volk hat mit gutem Recht den Fortschritt begrüßt, weil er die Last der Arbeit erleichtert und ihre Ergiebigkeit erhöht. Man muß aber offen sagen, daß, wenn diese Haltung nicht innerhalb der rechten Grenzen bleibt, die menschliche und christliche Auffassung vom Begriff der Arbeit notwendig Schaden leidet. Gleicherweise führt die falsche technische Lebensauffassung und darum auch eine solche von der Arbeit dazu, die Freizeit als Selbstzweck zu betrachten, anstatt sie anzusehen und auszunützen als Erholung und Kräftesammlung, wesentlich gebunden an den Rhythmus eines geordneten Lebens, in dem Ruhe und Arbeit sich in eins verflechten und gegenseitig eben­mäßig ergänzen. Noch deutlicher wird der Einfluß der „technischen Gesinnung" auf die Arbeit, wenn dem Sonntag seine einzigartige Würde als Tag der Gottesverehrung und der leiblichen wie seeli­schen Ruhe für den einzelnen wie für die Familie verlorengeht und wenn er statt dessen lediglich einer der durch die Woche gleitenden freien Tage wird, für jedes Glied der Familie vielleicht ein anderer, entsprechend dem größeren Gewinn, der sich von der technischen Kombination materieller und menschlicher Energie erhoffen läßt, oder wenn die Berufsarbeit so in den Gang der Maschine und Apparatur eingeschaltet wird, daß der arbeitende Mensch schnell verbraucht wird, wie wenn ein einziges Jahr der Berufsausübung die Kraft von zwei oder mehr Jahren eines normalen Lebens verbraucht hätte.

... auf ihre persönlichen Würden und ebenso auf die Weltwirtschaft...

Wir wollen nicht weiter darauf eingehen, wie dieses System, das ausschließlich auf technische Gesichtspunkte achtet, gegen alle Er­wartung ein Raubbau ist an den materiellen Hilfsquellen wie ebenso an den vornehmsten Energiequellen — zu denen sicher der Mensch zu rechnen ist — und sich folgerichtig auf die Dauer als kostspielige Belastung der Weltwirtschaft herausstellen muß. Wir können aber nicht umhin, auf die neue Form des Materialismus aufmerksam zu machen, den die „technische Gesinnung" in das Leben hineinträgt.

Es mag genügen, anzudeuten, daß sie das Leben seines Inhalts be­raubt, denn die Technik ist ausgerichtet auf den Menschen und die Gesamtheit der geistigen und materiellen Werte, die seiner Natur und seiner menschlichen Würde zukommen. Wo die Technik unein­geschränkt autonom herrscht, würde sie alsbald die menschliche Gesellschaft in eine farblose Masse umwandeln, in etwas Unper­sönliches und Schematisches, im Gegensatz also zum deutlichen Zweck der Natur und zur Absicht des Schöpfers.

. .. und auf die Familie . ..

Ohne Zweifel sind große Teile der Menschheit noch nicht erfaßt von der sogenannten „technischen Lebensauffassung". Aber es steht zu befürchten, daß überall, wo der technische Fortschritt ohne Sicherungen eindringt, auch bald die Gefahr der angezeigten Unord­nungen auftaucht. Wir denken mit besonderer Sorge an die Gefahr, die der Familie droht. Die Familie ist im sozialen Leben die sicherste Grundlage der Ordnung, insofern sie in ihren Gliedern eine täglich sich wiederholende Fülle persönlicher Dienste zu wecken weiß, sie mit Banden des Gemüts an Haus und Herd fesselt und in der Er­zeugung wie im Bewahren von Dingen des Gebrauchs in jedem von ihnen die Liebe zur Familientradition weckt. Wo aber die technische Lebensauffassung eindringt, verliert die Familie das persönliche Band ihrer Einheit, es schwindet ihre Wärme und ihre Beständigkeit. Sie bleibt Einheit nur, insoweit die Erfordernisse der immer stärker zu­nehmenden Massenproduktion es erzwingen. Die Familie bedeutet nicht mehr ein Werk der Liebe und eine Zuflucht der Herzen, son­dern je nach den Umständen eine trostlose Sammelstelle von Ar­beitskräften für jene Erzeugung oder von Verbrauchern der erzeug­ten materiellen Güter.

Die „technische Lebensauffassung" als besondere Form des Materialismus

Die „technische Lebensauffassung" ist also nichts anderes als eine besondere Form des Materialismus, insofern sie als letzte Antwort auf die Frage nach dem Dasein eine mathematische Formel und eine Nützlichkeitsberechnung bietet. Deshalb offenbart die heutige Ent­wicklung der Technik — wie wenn sie sich bewußt der Finsternis wäre, die sie umhüllt, Unruhe und Angst. Sie melden sich beson­ders in den Maßnahmen derer an, die sich in der fieberhaften Suche nach immer verwickelteren und gewagteren Systemen abmühen. Eine so gelenkte Welt kann nicht behaupten, erleuchtet zu sein von dem Licht, noch belebt von dem Leben, die den Menschen zu bringen das Wort, der Abglanz der Herrlichkeit Gottes (vgl. Hebr. i, 3), in seiner Menschwerdung gekommen ist.

Im Morgengrauen der Kirchengeschichte, unter der Herrschaft Trajans, schrieb der heilige Ignatius von Antiochien einen Gedanken nieder, der auch die modernen Gemüter als Entdeckung eines zwei­tausendjährigen Erfahrungsschatzes fasziniert: „In den Zeiten, in denen das Christentum der Gegenstand des Hasses der Welt ist, kommt es nicht auf überzeugende Worte an, sondern auf Größe."

In der religiösen Krise unserer Zeit — vielleicht der schwersten, die die Menschheit seit den Anfängen des Christentums durchgemacht hat — genügt die vernunftgemäße wissenschaftliche Darlegung der Glaubenswahrheiten an sich nicht mehr, so wirksam sie auch in Wirklichkeit sein mag oder ist. Und es würde auch nicht das allzu oft so kärgliche Maß eines christlichen Lebens genügen, das vom Herkommen und der Gewohnheit diktiert wird. Heute ist die Größe eines in seiner Fülle mit ausdauernder Standhaftigkeit gelebten Christentums nötig, nötig ist die kühne und tapfere Schar jener Männer und Frauen, die, inmitten der Welt lebend, jeden Augen­blick bereit sind, für ihren Glauben, für das Gesetz Gottes, für Christus zu kämpfen ...

Kirche und technischer Portschritt

Man hat auch neuerdings dem Christentum den Rat gegeben — wenn es noch eine gewisse Bedeutung behalten, wenn es den toten Punkt überwinden wolle —, sich dem modernen Leben und Denken anzupassen, den wissenschaftlichen Entdeckungen und der außer­ordentlichen Macht der Technik, der gegenüber seine geschichtlichen Formen und seine alten Dogmen nichts anderes mehr als fast er­loschene Lichter der Vergangenheit wären.

Welch ein Irrtum, und wie deckt er die eitle Täuschung oberfläch­licher Geister auf! Sie wollen anscheinend die Kirche in die engen Belange der rein menschlichen Organisationen wie in ein Prokrustes­bett zwängen. Als ob die neue Gestaltung der Welt, als ob die gegen­wärtige Herrschaft der Wissenschaft und der Technik das ganze Feld besetzt hielten und keinen Raum mehr für das übernatürliche Leben ließen, das überall aufbricht! Sie sind nicht imstande, es abzuschaf­fen oder aufzusaugen; im Gegenteil, jene wunderbaren wissenschaft­lichen Entdeckungen (welche die Kirche begünstigt und fördert) lassen mit größerer Stärke und Wirkung als zuvor Gottes ewige Macht erkennen.

Aber das moderne Denken und Leben muß für Christus wieder­gewonnen und zu ihm zurückgeführt werden. Christus, seine Wahr­heit, seine Gnade, sind notwendig für die Menschheit unserer Zeit, für die von gestern und vorgestern und aller vergangenen und künf­tigen Jahrhunderte. Er ist die einzige Quelle des Heils.

Keine Trennung zwischen Religion und Leben

Eine scharfe Trennungslinie zwischen Religion und Leben, zwi­schen Übernatürlichem und Natürlichem, zwischen Kirche und Welt ziehen wollen, so als hätten sie nichts miteinander zu tun, als hätte das Reich Gottes keine Geltung in der ganzen vielfältigen Wirk­lichkeit des täglichen Lebens, des menschlichen und des sozialen Le­bens, das ist dem katholischen Denken völlig fremd, das ist offen antichristlich. Je mehr also dunkle Mächte ihren Druck verstärken, je mehr sie sich bemühen, die Kirche und die Religion aus der Welt und aus dem Leben zu verbannen, um so mehr ist auf selten der Kirche ein einziges, ausdauerndes Bemühen nötig, alle Bereiche des menschlichen Lebens der milden Herrschaft Christi zurückzugewin­nen und zu unterwerfen, damit sein Geist dort weiter wehe, sein Gesetz souveräner herrsche, seine Liebe siegreicher triumphiere.1

1 Aus der Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1953

AN DIE CHRISTEN IN RUSSLAND

Als der letzte furchtbare Krieg ausbrach, haben Wir alles unternommen, was in Unserer Macht lag, durch Wort, Ermah­nung und Tat dazu beizutragen, damit die Zwistigkeiten durch einen gerechten Frieden beigelegt würden und alle Nationen freund­schaftlich zusammenwirkten, um ein besseres Wohlergehen der Völ­ker zu erreichen. Niemals, auch in jenen Zeiten nicht, ist aus Un­serem Munde ein Wort gekommen, das einem Teil der Kriegführen­den ungerecht oder hart erscheinen konnte. Sicherlich haben Wir, wie es Unsere Pflicht war, jede Ungerechtigkeit und jede Rechtsver­letzung getadelt. Aber Wir taten dies so, daß Wir mit peinlicher Sorgfalt alles vermieden, was Ursache größerer Leiden für die un­terdrückten Völker hätte werden können. Und als Uns von man­chen Seiten nahegelegt wurde, Wir sollten mündlich oder schriftlich jenen Krieg gutheißen, der im Jahre 1941 gegen Rußland unter­nommen worden war, haben Wir niemals dies zu tun eingewilligt, und haben das in einer Ansprache vor dem Heiligen Collegium und dem diplomatischen Korps am 25. Februar 1946 offen ausgesprochen.

Verteidigung der Religion in Sowjetrußland

Wenn es sich darum handelt, die Sache der Religion, der Wahr­heit, der Gerechtigkeit und der christlichen Kultur zu verteidigen, so dürfen Wir gewiß nicht schweigen. Unsere Gedanken und Ab­sichten sind immer darauf gerichtet, daß alle Völker nicht mit Waf­fengewalt, sondern durch das Recht regiert werden. Jedes Volk möge in bürgerlicher und religiöser Freiheit im eigenen Innern in Eintracht und Frieden leben. Unsere Worte und Ermahnungen gehen alle Völker an, und daher auch euch, die ihr Unserem Herzen immer nahe seid, und deren Nöte und Bedürfnisse Wir nach Kräften zu er­leichtern wünschen. Jene, die nicht die Lüge, sondern die Wahrheit lieben, wissen, daß Wir Uns während des gesamten Verlaufs des letzten Krieges unparteiisch gegen alle Kriegführenden gezeigt ha­ben, und haben dies oft in Wort und Tat bewiesen. Wir haben in Unsere Liebestätigkeit alle Völker eingeschlossen, auch jene, deren Regierung sich als Feinde des Heiligen Stuhles bekennen, und sogar jene, in denen die Feinde Gottes alles Christliche und Göttliche be­kämpfen und es aus den Herzen ihrer Bürger auszutilgen suchen. Denn nach dem Auftrag Jesu Christi, der dem heiligen Petrus — des­sen unwürdiger Nachfolger Wir sind—die gesamte Herde des christ­lichen Volkes anvertraut hat, lieben Wir mit inniger Liebe alle Völ­ker und wünschen die irdische Wohlfahrt und das ewige Heil eines jeden. Daher werden alle, ob sie nun untereinander mit Waffen Krieg führen oder durch ernste Streitigkeiten entzweit sind, von Uns als gleichgeliebte Kinder betrachtet. Und Wir flehen zu Gott in Unseren Gebeten für sie um nichts anderes als um wechselseitige Eintracht, um den gerechten und wahren Frieden und um eine immer größere Wohlfahrt...

Wir haben, wie es die Pflicht Unseres Amtes erfordert, die Irr­tümer zurückgewiesen und verurteilt, die von den Verfechtern des atheistischen Kommunismus gelehrt und zum großen Schaden der Völker verbreitet werden. Wir sind aber weit davon entfernt, die Irrenden zurückzustoßen, sondern wünschen vielmehr, daß sie zur Wahrheit zurückfinden und auf den rechten Weg zurückkehren. Wir haben auch jene Lügen bloßgestellt und getadelt, die recht oft unter dem falschen Anschein von Wahrheit angepriesen werden, und dies gerade, weil Wir euch gegenüber eine väterliche Zuneigung hegen und nur euer Bestes anstreben...

Wir wissen, daß viele von euch in ihrem Innersten den christli­chen Glauben bewahren und sich auf keine Weise verführen lassen, den Feinden der Religion zu weichen, ja daß sie vielmehr glühend begehren, die christliche Lehre, das einzige und sichere Fundament des gesitteten Lebens, bekennen zu dürfen, und das nicht nur im privaten Leben, sondern ganz offen, wie es freien Menschen zu­kommt. Es ist für Uns sodann eine tiefe Freude und gereicht Uns zu größtem Trost, daß ihr mit inniger Liebe der Jungfrau Maria und Gottesmutter anhängt, sie liebt und ihre Bilder verehrt. Es ist Uns bekannt, daß sogar im Kreml ein Tempel erbaut worden ist — der heute leider dem göttlichen Kult entzogen ist — welcher der in den Himmel aufgenommenen allerseligsten Jungfrau Maria geweiht war. Das ist ein offenes Zeugnis der Liebe, die eure Vorfahren und ihr- der erhabenen Mutter Gottes entgegenbringt.

Die Gottesmutter und Rußland

Wir wissen, daß die Hoffnung auf Errettung da nicht zuschanden werden kann, wo sich die Herzen in aufrichtiger und innigster Frömmigkeit der Allerseligsten Gottesmutter zuwenden. Denn wie sehr sich auch die Menschen mühen mögen, und seien sie noch so skrupellos und mächtig, aus den Herzen der Staatsbürger Religion und christliche Tugend auszureißen, wie sehr auch Satan selbst ver­suchen mag, diesen gotteslästerlichen Kampf mit allen Mitteln vor­anzutreiben, gemäß dem Worte des Völkerapostels: „... wir haben nicht gegen Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Mächte und Gewalten, gegen die finsteren Weltherrscher, gegen die bösen Geister ..." (Eph. 6,12), so werden doch, wenn Maria mit ihrem machtvollen Schütze dazwischentritt, die Pforten der Hölle nicht die Oberhand behalten können. Denn sie ist die allergütigste und mäch­tigste Mutter Gottes und unser aller Mutter, und nie hat man ge­hört, daß sich einer flehend an sie gewandt und nicht ihre mächtige Hilfe erfahren hätte. Fahrt also fort, sie, wie ihr es gewohnt seid, mit glühender Frömmigkeit zu verehren, sie innig zu lieben und sie mit den Worten anzurufen, die euch vertraut sind: „Nur dir, hei­ligste und reinste Mutter Gottes, ist es gewährt, immer erhört zu werden."

Wir aber erheben zusammen mit euch Unsere flehenden Anru­fungen zu ihr, auf daß die christliche Wahrheit, Zierde und Stütze des menschlichen Gemeinschaftslebens, stärker werde und in Kraft sei unter den Völkern Rußlands, aller Trug der Feinde der Religion, alle ihre Irrtümer und gleisnerischen Künste mögen von euch weit zurückgewiesen werden. Öffentliche und private Sittlichkeit mögen zum Einklang mit den Geboten des Evangeliums zurückkehren, da­mit insbesondere jene unter euch, die sich als Katholiken bekennen, wenn auch ihrer Oberhirten beraubt, mit furchtlosem Starkmut den Angriffen der Ruchlosigkeit widerstehen — wenn nötig, bis in den Tod —, damit jene gerechte Freiheit, die der menschlichen Person, den Staatsbürgern und den Christen zukommt, allen zurückgegeben wird, wie es ihr Recht ist. Vor allem auch der Kirche, die den gött­lichen Auftrag hat, die Menschen in den religiösen Wahrheiten und in der Tugend zu unterweisen. Dadurch erstrahle endlich wahrer Friede für die gesamte Menschheit, der, auf Gerechtigkeit gegrün­det und von Liebe genährt, alle Stämme glücklich zu jenem gemein­samen Gedeihen der Menschen und Völker hinführe, das sich aus echter Eintracht der Herzen ergibt.

Möge es unserer liebevollsten Mutter gefallen, mit gütigen Augen auch auf jene zu schauen, die die Scharen der kämpfenden Atheisten organisieren und bemüht sind, ihren Unternehmungen jeden nur mög­lichen Ansporn geben. Möge sie ihre Geister mit dem Licht erleuchten, das von oben kommt, und ihre Herzen mit der göttlichen Gnade zum Heile lenken.

Flehentlich bitten sodann wir die allergütigste Mutter, sie möge jedem von euch in der gegenwärtigen Not beistehen und von ihrem göttlichen Sohn für euch jenes Licht erlangen, das vom Himmel kommt, und euch jene Tugend und jene Stärke erflehen, mit der ihr, von der göttlichen Gnade aufgerichtet, die Gottlosigkeit und den Irrtum siegreich überwinden könnt.1

1 Aus dem Apostolischen Brief „Sacro Vergente Anno", 7. Juli 1952

DIE KIRCHEN DES OSTENS

Alle Ostkirchen sind — wie die Geschichte lehrt — von den römischen Päpsten stets mit großer Liebe umgeben worden. Aus Schmerz über ihre Trennung von der einen Herde Christi und „getrieben, nicht von menschlichen Interessen, sondern allein von der göttlichen Barmherzigkeit und von der Sehnsucht nach dem ge­meinsamen Heil", haben die Päpste sie zu wiederholten Malen ein­geladen, doch möglichst bald zu jener Einheit zurückzukehren, von der sie sich unglücklicherweise getrennt haben. Denn die Päpste wis­sen aus Erfahrung, welche Fülle von Segen aus dieser glücklich wie­derhergestellten Einheit für die ganze christliche Gesellschaft und ins­besondere für die Ostkirchen selbst ersprießen wird. Und in der Tat muß aus der vollen und vollkommenen Einheit aller Christen ein machtvolles Gedeihen für den mystischen Leib Jesu Christi und seine einzelnen Glieder hervorgehen.

Kein Verzicht auf Riten und Bräuche

Hierzu ist zu bemerken, daß die Orientalen in keiner Weise zu fürchten brauchen, sie würden bei der Rückkehr zur Einheit des Glaubens und der kirchlichen Leitung gezwungen, ihre rechtmäßigen Riten und Bräuche aufzugeben: dies haben Unsere Vorgänger mehr als einmal offen ausgesprochen. „Es besteht also kein Grund zu der Befürchtung, daß Wir oder Unsere Nachfolger irgend etwas von eurem Rechte, von den Privilegien der Patriarchen und von den rituellen Bräuchen der Kirchen fortnehmen werden."

Obgleich der glückverheißende Tag noch nicht gekommen ist, an dem es Uns vergönnt sein wird, mit väterlicher Liebe alle Völker des Orients zu umfangen, die zur einen Herde Christi zurückgekehrt sind, so sehen Wir doch mit Freude, daß nicht wenige Kinder dieser Gebiete, die den Stuhl Petri als den Felsen der katholischen Einheit erkannt haben, mit Standhaftigkeit darin beharren, eben diese ihre Einheit zu verteidigen und zu befestigen.1

Die Ostkirchen sind in der jüngsten Zeit, und auch in der unseren, immer auf ganz besondere Weise der Gegenstand Unserer Hirten­sorge gewesen, wie allen bekannt ist. In der Tat haben Wir, kaum daß Wir, ohne alles Verdienst, durch den geheimen Ratschluß Gottes auf den Stuhl des Apostelfürsten erhoben worden waren, Unseren Sinn und Unser Herz denen zugewandt, die „außerhalb der katholi­schen Kirche leben" und von denen Wir aufs sehnlichste wünschen, daß sie so bald wie möglich zur Hürde des gemeinsamen Vaters, der Heimstatt ihrer Vorväter, zurückkehren mögen. Verschiedenste Er­weise väterlichen Wohlwollens haben Wir ihnen während Unseres Pontifikats gegeben. Jetzt aber rufen leider andere Gründe nach Un­serer Sorge und Anteilnahme. Denn in vielen Gebieten, in denen der orientalische Ritus vorherrschend verbreitet ist, ist ein neuer Sturm losgebrochen, der blühende christliche Gemeinden zu ver­heeren und zu vernichten sucht. Wenn in den vergangenen Jahrhun­derten ein einzelnes Dogma der katholischen Lehre angegriffen wurde, so geht man heute mit Verwegenheit weit darüber hinaus. Man sucht aus der bürgerlichen Gemeinschaft, aus den Familien, den Universitäten, den Schulen und aus dem Leben des Volkes alles das zu tilgen, was göttlich ist oder eine Beziehung zur Gottheit auf­weist, als ob es sich um Fabeln und unheilvolle Dinge handelte, und Rechte, Einrichtungen und heilige Gesetze werden mit Füßen getreten. Wir wissen, daß es sehr viele Christen des orientalischen Ritus gibt, die heute bitter weinen, wenn sie sehen, wie ihre Bischöfe getötet oder vertrieben oder in ihrem Amt behindert werden, daß sie nicht mehr frei das Wort an ihre Herde richten noch ihre Auto­rität über sie ausüben können, wie es sich gebührt; wenn sie sehen, wie nicht wenige ihrer Gotteshäuser weltlichem Gebrauch übergeben werden oder elend verwahrlosen; wenn sie sehen, daß sich aus die­sen Kirchen nicht mehr die wunderbar nach den Regeln ihrer Li­turgie modulierten Stimmen all derer zum Himmel erheben können, die beten, um den Tau der himmlischen Gnaden herabzuflehen zur Erhebung der Geister, zur Tröstung der Herzen und zur Heilung so übergroßer Übel.

Wir wissen, daß viele in die Kerker oder Konzentrationslager ge­worfen worden sind oder, wenn sie zu Hause leben, nicht mehr ihre geheiligten Rechte ausüben können. Es handelt sich hier nicht nur um das Recht, den Glauben im innersten Heiligtum des Gewissens zu bekennen, sondern auch das weitere, ihn im Kreis der Familie zur rechten Erziehung der Nachkommen und in der Schule zur rechten Ausbildung der Jugend verteidigen und verbreiten zu können.

Wir wissen aber auch, daß die Kinder der Ostkirchen, in brüder­licher Verbundenheit mit den Gläubigen des lateinischen Ritus, in Festigkeit die Kämpfe der gegenwärtigen Verfolgungen ertragen und gemeinsam des Martyriums, wie auch des Triumphes und der Glorie, die ihnen folgen, teilhaftig sind. Mit heldenhaftem Mut harren sie aus in ihrem Glauben; sie widerstehen den Feinden des Christentums mit derselben unbesiegten Stärke, mit der einst ihre Vorfahren wi­derstanden. Sie senden ihr Flehen zum Himmel empor, wenn nicht in aller Öffentlichkeit, so doch wenigstens jeder für sich; sie bleiben dem Papst treu und ihren Oberhirten verbunden.

Alsdann verehren sie in ganz besonderer Weise die heilige Jung­frau Maria, die liebevolle und mächtige Königin des Himmels und der Erde, deren unbeflecktem Herzen Wir sie alle geweiht haben. All dies ist ohne Zweifel ein Vorzeichen des sicheren künftigen Sieges, der aber nicht aus dem Blute von Menschen entspringt, die einander bekämpfen, der nicht von zügelloser Gier nach irdischer Macht genährt wird, sondern der sich auf die wahre, rechtmäßige Freiheit gründet, auf Gerechtigkeit, die nicht durch Worte, sondern durch Taten geübt wird, und zwar den Staatsbürgern wie den Völ­kern und Nationen gegenüber; des Sieges, der gegründet ist auf Frieden und brüderliche Liebe, die alle durch Bande der Freundschaft vereinen; auf die Religion vor allem, die in rechter Weise die Sitten ordnet, die Bestrebungen der einzelnen mäßigt, indem sie diese in den Dienst des Gemeinwohls stellt, den Geist zum Himmel erhebt und endlich die bürgerliche Gemeinschaft und die Eintracht aller schützt.

Dies ist Gegenstand Unserer lebhaftesten Hoffnungen. Unter­dessen sind jedoch die Nachrichten, die zu Uns gelangen, solcher Art, daß sie Unseren Schmerz noch bitterer machen. Tag und Nacht wen­den Wir Unseren Geist und Unser Herz mit väterlicher Sorge jenen zu, die Uns durch göttlichen Auftrag anvertraut worden sind, und von denen Wir wissen, daß sie an manchen Orten auf so unwürdige Weise behandelt werden, daß sie wegen ihrer unerschütterlichen An­hänglichkeit an den katholischen Glauben Gegenstand von Ver­leumdungen sind und ihrer gesetzlichen Rechte beraubt werden.

Ihr habt die Welt besiegt

All dies ist für Uns Grund bitteren Schmerzes. Wir können die Tränen nicht zurückhalten, wenn Wir den gütigen Gott und Vater der Barmherzigkeit bitten, er möge diejenigen, die für diese traurige Lage verantwortlich sind, erleuchten und so vielen Übeln ein Ende setzen.

Jedoch inmitten des großen Unheils, das Uns wie euch betrübt, finden Wir dennoch manchen Trost in den Nachrichten, die zu Uns gelangen. Es ist Uns bekannt, daß alle, die sich in so beklagens­werten Verhältnissen befinden, dennoch in ihrem Glauben mit furcht­loser Standhaftigkeit ausharren. Sie erwecken Unsere und aller Auf­rechten Bewunderung. Ihnen allen gilt Unser väterliches Lob; ihre Kraft möge sich immer mehr festigen, sie mögen fest davon über­zeugt sein, daß Wir als ihr gemeinsamer Vater, den die Sorge um alle Kirchen bewegt und „die Liebe Christi antreibt", jeden Tag flehende Bitten zum Himmel emporsenden, auf daß das Reich Christi, der den Seelen, den Völkern und Nationen den Frieden bringt, über­all siegreich herrsche.

Bei dem traurigen Anblick all dieser Leiden, die nicht nur Unsere Kinder im Laienstand, sondern vor allem die Priester getroffen ha­ben — damit wahr werde, was in der Heiligen Schrift zu lesen: „Er wird den Hirten schlagen und die Schafe der Herde werden zerstreut werden" —, können wir nicht umhin, die Aufmerksamkeit aller dar­auf zu lenken, daß im Lauf der Jahrhunderte bei allen Völkern die Priester als Mittler zwischen Gott und den Menschen immer mit ge­bührender Verehrung umgeben worden sind. Als uns dann der göttliche Erlöser, nachdem die Finsternisse des Irrtums zerstreut waren, die himmlische Wahrheit gelehrt hatte und uns in unend­licher Güte an seinem ewigen Priestertum teilnehmen ließ, da wuchs diese Verehrung machtvoll an, daß Bischöfe und Priester wie Väter betrachtet wurden, die nach nichts anderem streben als nach dem Wohl des ihnen anvertrauten Volkes.

Jedoch derselbe göttliche Erlöser hat auch gesagt: „Kein Jünger ist über dem Meister"; „Wie sie mich verfolgt haben, so werden sie auch euch verfolgen"; „Selig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen und verfolgen und um meinetwillen euch lügnerisch alles Böse nach­sagen. Freuet euch und frohlocket, denn groß wird euer Lohn im Himmel sein."

 

Christenverfolgung

Es besteht also kein Grund, sich zu wundern, wenn in unseren Tagen, und vielleicht sogar mehr als in den vergangenen Jahrhun­derten, die Kirche Jesu Christi und im besonderen ihre Diener Ver­folgung, Lügen, Verleumdung und Betrübnisse jeder Art erleiden; aber Wir setzen Unsere Hoffnung um so mehr auf ihn, der das künf­tige Unheil vorhergesagt, aber uns zugleich mit diesen Worten im voraus ermahnt hat: „In der Welt werdet ihr zu leiden haben; aber fasset Mut, ich habe die Welt überwunden."

Wenn Wir auch für die unzählbaren Scharen, die in jenen Ge­bieten Krankheit, Schmerzen und Ängste erdulden oder im Kerker schmachten, die Worte Christi nicht in die Tat umsetzen können: „Ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Kerker und ihr seid zu mir gekommen", so können Wir doch eines tun: Mit Un­seren Gebeten und Bußübungen können Wir von dem allbarmher­zigen Gott erbitten, er möge seine trostbringenden Engel zu jenen leidenden Brüdern, Unseren Söhnen und Töchtern, senden und ihnen reichste himmlische Gaben spenden, die ihre Seelen trösten und stärken und zu himmlischen Dingen erheben.

Insbesondere wünschen Wir, daß alle Priester, die täglich das eucharistische Opfer darbringen, all jener Bischöfe und Priester ge­denken, die, fern von ihren Kirchen und Gläubigen, keine Möglich­keit haben, an den Altar zu treten, um das Opfer Christi zu feiern und sich und ihre Gläubigen mit göttlicher Speise zu nähren, aus der unsere Seele eine Süßigkeit schöpft, die alles Verlangen über­steigt, und jene Kraft empfängt, die zum Siege führt.2

1  Aus der Enzyklika „Orientales omnes Ecclesias", 23. Dezember 1945

2  Aus der Enzyklika „Orientale Ecclesia", 15. Dezember 1952

AUFGABEN DER CHRISTLICHEN PRESSE

Die Presse muß gradlinig der Wahrheit treu sein, soll sich ihr ungeheurer Einfluß nicht zugunsten des Irrtums auswirken. Die Wahrheit, von der Wir sprechen, ist die Wahrheit der Anschau­ung, die man von den Ereignissen hat, und die Wahrheit der Dar­stellung, die sich dann verwirklicht, wenn die Ereignisse getreu dar­gestellt werden, wie sie gesehen worden sind, und wenn sie einzig im Lichte der Gerechtigkeit und der Liebe gedeutet werden.

Die Wahrheit ist leidenschaftslos, nicht parteiisch, sie ist konkret und nicht phantastisch. Die Wahrheit ist nicht käuflich. Sie fürchtet nicht die Öffentlichkeit, sie verlangt nur, in dem hellen, klaren Licht der Objektivität dargestellt zu werden und nicht in irgendeiner Spek­tralfarbe des Vorurteils oder der Vermutung. Die Wahrheit ist auch diskret und weiß, daß die Wirklichkeit zuweilen mit Vorbehalten umschrieben werden muß, daß das Böse nicht ausgeschmückt werden darf, während das Gute besudelt wird. Die Wahrheit ist bescheiden und weiß, daß der Tod durch die Fenster der Augen in die Seele ein­treten kann. Lehrt nicht leider die Erfahrung, daß aus einer Presse ohne ethisches Niveau, die die Forderungen der Wahrheit aus den Augen verliert, unberechenbarer Schaden für die bürgerliche Gesell­schaft und die häusliche Gemeinschaft entstehen kann?1

Der katholische Publizist

Der moderne Mensch gefällt sich darin, unabhängig und unbefan­gen zu scheinen. Aber sehr oft ist das nur eine Fassade, hinter der sich armselige, leere, schlaffe Wesen verbergen, ohne geistige Kraft, die Lüge zu entlarven, ohne die Stärke, der Gewalttätigkeit jener zu widerstehen, welche fähig sind, alle Errungenschaften der modernen Technik, die ganze raffinierte Kunst der Überredung aufzubieten, sie der Freiheit des Denkens zu berauben und sie den gebrechlichen „Schilfrohren im Winde" ähnlich zu machen.

Könnte man ohne Furcht behaupten, die Mehrheit der Menschen sei fähig, Tatsachen und Strömungen nach ihrem wahren Wert zu beurteilen und zu verstehen, und zwar so, daß ihre Meinung von der Vernunft geleitet wird?

Zahlreich sind diejenigen Menschen, deren begrenztes Gesichts­feld nicht über das eigene beschränkte Spezialwissen oder die rein technische Fähigkeit hinausreicht. Gewiß nicht von solchen Menschen kann man normalerweise eine Erziehung der öffentlichen Meinung und Festigkeit einer listigen Propaganda gegenüber erwar­ten, die sich das Vorrecht anmaßt, die öffentliche Meinung zu formen, wie es ihr beliebt. In dieser Hinsicht sind die Menschen von christ­lichem Geist, der schlicht, rechtschaffen und klar ist, obgleich oft ohne viel gelehrte Bildung, ihnen weitaus überlegen.

Daher sehen sich die Menschen, denen die Aufgabe überlassen werden sollte, die öffentliche Meinung zu bilden und zu führen, oft in einer Lage — die einen aus schlechtem Willen oder Unfähigkeit, andere, weil es ihnen unmöglich gemacht wird oder sie behindert werden — die es ihnen schwer macht, ihre Aufgabe frei und glücklich zu lösen. Diese ungünstige Lage schadet vor allem der katholischen Presse in ihrem Wirken im Dienst an der öffentlichen Meinung . . .

Wie die katholische Presse sein soll

Hier liegt also das Übel, das der katholische Publizist am meisten zu fürchten hat: Kleinmut und Mutlosigkeit. Schaut auf die Kirche! Seit fast zwei Jahrtausenden hat sie sich durch die mannigfaltigsten Schwierigkeiten, durch Widersprüche, Unverständnis, versteckte oder offene Verfolgung niemals niederdrücken lassen, niemals hat sie den Mut verloren. Nehmt euch ein Beispiel an ihr! Betrachtet in all den beklagenswerten Mängeln, die Wir angedeutet haben, das doppelte Bild dessen, was die katholische Presse nicht sein darf, und dessen, was sie sein soll.

In jeder Situation gegenwärtig und bereit zu handeln, muß sie dem wachsenden Rückschritt, dem Schwinden der Grundbedin­gungen für eine gesunde öffentliche Meinung ein unüberwindliches Hindernis entgegenstellen und all das konsolidieren und stärken, was noch am Leben geblieben ist. Sie verzichte gern auf unsichere Vorteile eines vulgären Interesses oder einer niedrigen Popularität. Sie widerstehe mit Energie und edler Würde allen direkten oder indirekten Versuchungen der Korruption. Sie habe den Mut — auch um den Preis finanzieller Opfer — aus ihren Spalten ohne Klage jede Anzeige, jede Publizität zu verbannen, die den Glauben und die Moral beleidigt. Wenn sie so verfährt, wird sie an innerem Wert gewinnen, sie wird sich schließlich Achtung und dann Vertrauen erwerben; sie wird die oft wiederholte Parole rechtfertigen: „In jedes katholische Heim die katholische Zeitung!"

Die Bildung der Meinung

Selbst wenn die öffentliche Meinung sich unter besten äußeren und inneren Voraussetzungen entwickeln und ausbreiten kann, ist sie nicht unfehlbar und kann beeinflußt werden.

Die Komplexität oder die Neuheit der Ereignisse und der Situa­tionen kann einen merklichen Einfluß auf ihre Gestaltung ausüben, ganz abgesehen davon, daß sich viele leicht von den vorgefaßten Urteilen und von dem herrschenden Strom der Ideen befreien, auch wenn die Gegenströmung objektiv gerechtfertigt wäre oder sich geradezu aufdrängte. Hier hat die Presse eine hervorragende Auf­gabe zu erfüllen, um die Meinung zu bilden, nicht um sie zu beherr­schen, sondern um ihr mit Nutzen zu dienen.

Diese heikle Aufgabe setzt bei allen, die sich mit der katholischen Presse befassen, Urteilsvermögen, Allgemeinbildung, vor allem philosophische und theologische Bildung, stilistische Begabung und psychologischen Takt voraus. Aber an erster Stelle ist dafür ein edler Charakter unerläßlich, das heißt die tiefe Liebe und unwandelbare Achtung vor der göttlichen Ordnung, die alle Gebiete des Lebens umfaßt und durchdringt; eine Liebe und eine Achtung, die der katho­lische Journalist nicht nur geheim im eigenen Herzen, fühlen und nähren darf, sondern im Herzen seiner Leser pflegen muß. Oft wird die so entzündete Flamme genügen, um den fast erloschenen Funken von Überzeugung und Gefühl, die auf dem Grunde des Gewissens schlummern, wiederanzufachen und zu beleben. In anderen Fällen wird ihnen die Großzügigkeit seiner Ansichten und seines Urteils die Augen öffnen, die allzu ängstlich in veralteten Vorurteilen befan­gen waren.

Wir glauben, daß diese katholische Auffassung von der Bildung der öffentlichen Meinung, ihrer Pflege und von den Diensten, die ihr die Presse erweist, auch geeignet und notwendig ist, um den Menschen gemäß eurem Ideal den Weg der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens zu weisen ...

Diese katholische Auffassung der öffentlichen Meinung und des Dienstes, den ihr die Presse leistet, ist auch eine sichere Bürgschaft des Friedens. Dieser erhält Bestand durch die rechte Freiheit des Denkens und durch das Recht der Menschen auf das eigene Urteil, jedoch im Lichte des göttlichen Gesetzes.

Wo sich die öffentliche Meinung nicht mehr frei ausdrücken kann, ist der Friede in Gefahr.

Öffentliche Meinung gibt es auch im Bereich der Kirche

Endlich möchten Wir noch ein Wort über die öffentliche Meinung im Bereich der Kirche selbst hinzufügen in bezug auf jene Fragen, die der freien Diskussion überlassen sind. Darüber kann sich nur wundern, wer die Kirche nicht oder nur schlecht kennt. Denn sie ist ein lebendiger Organismus, und ihrem Leben würde etwas fehlen, wenn es in ihm nicht eine öffentliche Meinung gäbe, deren Fehlen den Seelsorgern und Gläubigen zur Last zu legen wäre. Aber auch hier kann die katholische Presse sehr nützliche Dienste leisten. Vor allem jedoch muß in diesem Dienste der Journalist jenen Charakter haben, von dem Wir sprachen, und der aus unwandelbarer Ach­tung und tiefer Liebe zur göttlichen Ordnung gebildet ist. Das heißt im vorliegenden Fall zur Kirche, nicht nur, wie sie in den ewigen Plänen besteht, sondern auch im konkreten Leben hienieden, in Raum und Zeit; gewiß göttlich, aber aus menschlichen Gliedern und mensch­lichen Organen gebildet.

Hat er diesen Charakter, so wird sich der katholische Publizist vor stummem Servilismus ebenso zu hüten wissen wie vor unkontrol­lierter Kritik. Mit fester Umsicht wird er zur Bildung einer katholi­schen Meinung in der Kirche beitragender allem, wenn, wie es heute vorkommt, diese Meinung zwischen den beiden gleich gefährlichen Polen eines illusionären und irrealen Spiritualismus und eines defai-tistischen und materialistischen Realismus hin und her schwankt. Die katholische Presse wird, wenn sie sich diesen beiden Extremen fern­hält, unter den Gläubigen ihren Einfluß auf die öffentliche Meinung ausüben müssen. Nur so können alle falschen Ideen über Sendung und Möglichkeiten der Kirche in der zeitlichen Ordnung sowie, heute vor allem, in der sozialen Frage und dem Problem des Friedens aus­geschaltet werden.2

1   Aus der Ansprache an die Vertreter der Presse der Vereinigten Staaten, vom
27. April 1946

2   Aus der Ansprache an den Kongreß der Internationalen katholischen Presse, vom
1. Februar 1950

 

DIE EUROPÄISCHE EINIGUNG

Als nach dem letzten Krieg die führenden Männer einiger Län­der beschlossen, internationale Einrichtungen ins Leben zu rufen, welche die Aufgabe haben sollten, den Frieden zu organi­sieren, lastete die grausame Erfahrung des vergangenen halben Jahr­hunderts auf ihren Beratungen und erinnerte sie unaufhörlich daran, daß eine große Idee nicht genüge, die Wahrscheinlichkeit eines Er­folgs zu verbürgen. Die praktische Verwirklichung der Einigung Europas, deren Dringlichkeit alle bemerkten, nach der sie sich fast instinktiv orientierten, stieß auf zwei Haupthindernisse: das eine ist mit der Struktur des Staates gegeben, das andere ist psychologi­scher und moralischer Art. Das erste bringt eine Reihe von wirt­schaftlichen, sozialen, militärischen und politischen Problemen mit sich. Die Länder, die sich zu vereinigen wünschen, stehen auf ver­schiedenen Stufen, sei es unter dem Gesichtspunkt natürlicher Reich­tümer industrieller Entwicklung, sei es unter dem Gesichtspunkt der sozialen Verwirklichungen: Sie können kein gemeinsames Leben be­ginnen, ohne zuerst für die nötigen Mittel zur Aufrechterhaltung des allgemeinen Gleichgewichts gesorgt zu haben. Aber als viel wichtiger erweist sich die Forderung des sogenannten europäischen Geistes, des Bewußtseins der inneren Einheit, gegründet nicht auf die Befriedigung wirtschaftlicher Notwendigkeiten, sondern auf die Wahrnehmung gemeinsamer geistiger Werte, die klar genug ist, um den festen Willen zum Leben in Einigkeit zu rechtfertigen und auf­rechtzuerhalten.

Der europäische Geist

Da Wir nicht alle die vielfachen Gesichtspunkte untersuchen kön­nen, möchten Wir wenigstens einen hervorheben, der zu den größ­ten Anliegen und täglichen Sorgen Unserer Aufgabe als Seelenhirt gehört. Wir haben auf den europäischen Geist hingewiesen. Es be­steht kein Zweifel, daß er ein Ziel von entscheidender Wichtigkeit ist, ohne das nichts Dauerhaftes errichtet werden kann. Es sei Uns erlaubt, die Bedingungen hervorzuheben, unter denen er verwirk­licht werden kann.

Es ist leicht, zu erkennen, daß alle Befürworter eines geeinten Europa ernste Zugeständnisse fordern: Verlegung von Industrien, Qualifikation der Arbeitskraft, Schwankungen und örtliche Schwie­rigkeiten in bestimmten Sektoren "Her Produktion: Das sind einige Möglichkeiten, denen sich Regierungen und Völker gegenüber sehen werden. Es können zeitweilige Schwierigkeiten entstehen, aber auch dauernde, die sicher nicht immer in kurzer Frist durch wirtschaftliche

Vorteile ausgeglichen werden, so wie innerhalb eines Landes die ärmeren Gegenden lediglich durch den Beitrag der reicheren in den Genuß des gleichen Lebensstandards kommen. Man wird daher der öffentlichen Meinung jeder Nation Verzichtleistungen, vielleicht so­gar solche für immer, annehmbar machen, ihr die Notwendigkeit erläutern, ihr den Wunsch einflößen müssen, dennoch mit den an­deren vereint zu bleiben und ihnen weiter zu helfen.

Gemeinsame Verteidigung und Behauptung geistiger Werte

Die natürliche Reaktion der Egoismen ist leicht zu erraten, das fast instinktive Sich-in-sich-selbst-verschließen, eine gefährliche Waffe in den Händen der Opponenten und aller jener, deren zwei­deutige Ziele aus den Klagen anderer Nutzen ziehen wollen. Man muß daher von Anfang an überzeugt sein, daß die Aussicht auf ma­terielle Vorteile nicht den Willen zu den Opfern verbürgen wird, die für ein gutes Gelingen unerläßlich sind. Früher oder später wird sich diese Aussicht als trügerisch und falsch erweisen. Man wird die Inter­essen der gemeinsamen Verteidigung anführen: die Furcht ruft ohne Zweifel eine heftige, aber gewöhnlich nur kurze Reaktion ohne kon­struktive Kraft hervor, die unfähig ist, die verschiedenen Energien auf ein und dasselbe Ziel hinzuleiten und zu koordinieren.

Sucht man sichere Garantien für die Zusammenarbeit zwischen den Völkern, wie übrigens für jede menschliche Zusammenarbeit im privaten oder im öffentlichen Bereich, in begrenzten Sektoren wie auf internationaler Ebene — so werden sich nur die Werte geistiger Ordnung als wirksam erweisen. Nur sie werden es ermöglichen, über die Wechselfälle zu triumphieren, die zufällige Umstände oder, häufiger, die menschliche Schlechtigkeit alsbald hervorrufen werden. Ob zwischen Nationen oder zwischen Individuen: nichts dauert an ohne wahre Freundschaft.1

Ernst der gegenwärtigen Stunde, besonders für Europa

Unsere schwere Sorge um Europa hat ihren Grund in den unauf­hörlichen Enttäuschungen, in denen nun schon seit Jahren der sehn­liche Wunsch seiner Völker nach Frieden und Entspannung gerade durch die materialistische Ausrichtung der Friedensfrage Schiffbruch leidet. Wir denken besonders an die, für die der Friede eine Frage der Technik ist und die das Leben der einzelnen wie der Nationen nur unter technisch-wirtschaftlicher Rücksicht betrachten. Diese ma­terialistische Lebensauffassung droht zur Richtschnur geschäftiger Friedensmacher und das Rezept ihrer Friedenspolitik zu werden.

Nach ihrer Meinung liegt das Geheimnis der Lösung darin, allen Völkern materielle Wohlfahrt durch ständige Erhöhung der Er­giebigkeit der Arbeit und der Lebenshaltung zu geben, genau wie vor hundert Jahren eine andere ähnliche Losung das unbedingte Vertrauen der Staatsmänner fand: durch Freihandel zum ewigen Frieden.

 

Der geeignete Weg zum Frieden

Aber kein Materialismus war je ein geeigneter Weg zum Frieden, da dieser vor allem eine Geisteshaltung ist und erst in zweiter Linie ein ausgeklügeltes Gleichgewicht äußerer Kräfte. Es ist also ein Grundirrtum, den Frieden dem modernen Materialismus anzuver­trauen, der den Menschen in seiner Wurzel verdirbt und sein per­sönliches wie geistiges Leben erstickt. Zu demselben Mißtrauen führt übrigens auch die Erfahrung, die auch für unsere Zeit wieder den Be­weis liefert, daß das kostspielige Potential technischer und wirtschaft­licher Kräfte, wenn es sich mehr oder weniger gleichmäßig auf beide Seiten verteilt, zur gegenseitigen Abschreckung dient. Was heraus­käme, wäre ein Friede der Furcht, nicht aber der Friede einer ge­sicherten Zukunft. Das ist unaufhörlich zu wiederholen, und die im Volk sind davon zu überzeugen, die sich leicht den Irrtum vorspie­geln lassen, der Friede bestehe im Überfluß an Gütern, während doch der sichere und beständige Friede vor allem eine Frage geistiger Ein­heit und sittlicher Gesinnung ist. Er verlangt bei Strafe einer neuen Katastrophe der Menschheit, daß man die trügerische Autonomie der materiellen Kräfte aufgebe, die sich in der modernen Zeit wenig von den eigentlichen Kriegswaffen unterscheiden. Die augenblickliche Lage wird keine Wendung zum Besseren nehmen, wenn nicht alle Völker die gemeinsamen geistigen und sittlichen Ziele der Mensch­heit anerkennen, wenn sie sich nicht helfen, sie zu verwirklichen, und sich infolgedessen nicht gegenseitig dazu bereitfinden, dem zer­setzenden Mißverhältnis entgegenzutreten, das unter ihnen in Sachen der Lebenshaltung und der Produktivität der Arbeit herrscht.

Die Einigung der Völker Europas

All dieses kann geschafft werden, ja es muß vordringlich verwirk­licht werden in Europa, durch die kontinentale Einigung seiner Völ­ker, die zwar unter sich verschieden sind, aber geographisch und geschichtlich zusammenhängen. Eine starke Ermutigung zu solcher Einigung ist der offenbare Zusammenbruch der entgegengesetzten Politik und die Tatsache, daß die Völker selbst in ihren unteren Schichten ihre Verwirklichung erwarten, sie für notwendig und

durchführbar halten. Die Zeit scheint also reif, die Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Deshalb ermahnen Wir zur Tat vor allem die christlichen Politiker, die man nur daran zu erinnern braucht, daß jede Art friedlicher Einigung der Völker immer eine Aufgabe des Christentums war. Warum noch zögern? Das Ziel ist klar, die Nöte der Völker liegen vor aller Augen. Wer im voraus eine absolute Ge­währ des Erfolges verlangte, dem müßte man antworten, daß es sich gewiß um ein Wagnis handelt, jedoch um ein notwendiges; ein Wag­nis, aber im Bereich der heutigen Möglichkeiten; ein vernünftiges Wagnis. Es braucht zweifelsohne behutsames Vorangehen, ein Vor­angehen in wohlüberlegten Schritten. Aber warum gerade jetzt Miß­trauen hegen gegen den hohen Stand der politischen Wissenschaft und Praxis, die doch genugsam die Hindernisse vorauszusehen und die Gegenmittel anzuwenden wissen? Zur Tat dränge vor allem die gefahrdrohende Stunde, in der Europa sorgenvoll steht: für Europa gibt es keine Sicherheit ohne Wagnis. Wer unbedingte Sicherheit verlangt, beweist nicht den guten Willen zu Europa . . .

Echte christliche Soziallehre

Der christliche Politiker dient also nicht dem inneren und folglich auch nicht dem äußeren Frieden, wenn er die feste Grundlage der sachlichen Erfahrung und der klaren Grundsätze aufgibt, sich gleich­sam in einen charismatischen Verfechter einer neuen sozialen Welt verwandelt und dadurch beiträgt zu noch schlimmerer Verwirrung der schon unsicheren Gemüter. Dessen macht sich schuldig, wer glaubt, mit der sozialen Ordnung Experimente anstellen zu können, und besonders, wer nicht entschlossen ist, in allen Schichten die recht­mäßige Autorität des Staates und die Einhaltung der gerechten Ge­setze zur Geltung zu bringen. Muß man vielleicht noch beweisen, daß die Schwäche der Autorität mehr als alle anderen Schwierigkei­ten die Festigkeit eines Landes untergräbt und daß die Schwäche eines Landes die Schwächung Europas nach sich zieht und den all­gemeinen Frieden in Gefahr bringt?

Die Autorität des Staates

Es ist also notwendig, der irrigen Meinung entgegenzutreten, als ob das rechte Behaupten der Autorität und der Gesetze notwendig der Tyrannei den Weg bahne. Wir selbst haben vor einigen Jahren beim gleichen Anlaß wie heute (am 24. Dezember 1944), als Wir von der Demokratie sprachen, darauf hingewiesen, daß in einem demokratischen Staat, nicht weniger als in jedem anderen wohlge­ordneten Staat, die Autorität wahr und wirksam sein muß. Die Demokratie will zweifellos das Ideal der Freiheit verwirklichen, ideal ist aber nur jene Freiheit, die sich von jeder Zügellosigkeit fernhält, jene Freiheit, die mit dem Bewußtsein des eigenen Rechts die Ach­tung vor der Freiheit, der Würde und dem Recht der anderen ver­bindet und sich der eigenen Verantwortung für das allgemeine Wohl bewußt ist. Natürlich kann solche echte Demokratie nur leben und gedeihen in einer Atmosphäre der Ehrfurcht vor Gott und der Beob­achtung seiner Gebote, wie der christlichen Solidarität oder Bruder­liebe.2

 

Beziehungen zwischen Gemeinden

Eine unwiderstehliche Bewegung treibt heute die Nationen, sich zum Zwecke ihrer Sicherheit und zur Gewährleistung ihrer wirt­schaftlichen Entwicklung zu vereinigen. Niemand kann hoffen, in der Isolierung zu verharren, ohne ernste Gefahren zu laufen oder der Gemeinschaft, die seine Unterstützung erwartet, zu schaden ... Es ist ein Irrtum zu glauben, daß den Gemeinden für diese Probleme keine Verantwortung zufällt, da sie ihre Zuständigkeit überschritten. ... Wenn man einen europäischen Geist zu schaffen wünscht, sollte man mehr auf die Beziehungen zwischen den Gemeinden der ver­schiedenen Länder als auf die zwischen den engen Gruppen oder Regierungsorganen zählen. Nichts hindert daran, daß diese Bezie­hungen auch den europäischen Rahmen überschreiten. Die Gefühle aufrichtiger Zuneigung kennen weder politische Grenzen noch Unter­scheidungen der Rasse und der Kultur. Die christliche Liebe hat diese Barrieren immer mißachtet und fährt fort, sie zu mißachten.8

Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Wer Wirtschaftsleben sagt, sagt soziales Leben. Das Ziel, zu dem es seiner Natur nach strebt und dem die einzelnen gleichfalls in den verschiedenen Formen ihrer Tätigkeit zu dienen verpflichtet sind, besteht darin, allen Mitgliedern der Gesellschaft auf dauer­hafte Weise die materiellen Bedingungen an die Hand zu geben, die zum Gedeihen ihres kulturellen und geistigen Lebens erforderlich sind. Hier ist es also nicht möglich, zu irgendeinem Ergebnis zu kom­men ohne eine äußere Ordnung, ohne soziale Grundsätze, auf die die dauerhafte Erreichung dieses Zieles gerichtet sind. Der Rückgriff auf einen magischen Automatismus ist eine Schimäre, die im Wirtschafts­leben nicht weniger eitel ist als in jedem anderen Lebensbereich.

Wirtschaftsleben, soziales Leben, ist Leben von Menschen und kann daher nicht ohne Freiheit gedacht werden. Aber diese Freiheit kann weder die bezaubernde, jedoch trügerische Formel aus der Zeit vor hundert Jahren sein, das heißt einer rein negativen Freiheit von dem ordnenden Willen des Staates, und auch nicht die Pseudofreiheit unserer Tage, sich dem Befehl riesenhafter Organisationen zu unter­werfen. Echte und gesunde Freiheit kann nur die Freiheit von Men­schen sein, die sich solidarisch an das objektive Ziel der sozialen Wirtschaft gebunden fühlen und daher das Recht haben, zu fordern, daß die soziale Ordnung der Wirtschaft, weit entfernt, auch nur im geringsten ihre Freiheit in der Wahl der Mittel zu diesem Zweck an­zutasten, sie vielmehr garantiere und schütze. Das gilt in gleicher Weise, ob es sich um abhängige oder unabhängige Arbeit handelt, weil im Hinblick auf den Zweck der sozialen Wirtschaft jedes pro­duzierende Mitglied Subjekt und nicht Objekt des Wirtschaftsle­bens ist.

Zusammenschluß mehrerer Nationalwirtschaften?

Die Nationalwirtschaft, das heißt die Wirtschaft eines in die Ein­heit eines Staates zusammengefaßten Volkes, ist selbst eine natio­nale Komponente, die die möglichst harmonische Entwicklung aller ihrer Produktionsmittel auf dem ganzen von dem Volk bewohnten Gebiet erfordert. Folglich haben die internationalen wirtschaftlichen Beziehungen eine positive und notwendige, aber nur subsidiäre Funk­tion. Die Zerstörung dieser Beziehungen ist einer der großen Irr­tümer der Vergangenheit gewesen. Ihre Auswirkung, die heute eine große Zahl von Völkern gezwungenermaßen verspürt, könnte leicht eine Rückkehr begünstigen. In dieser Lage wäre es vielleicht ange­bracht, zu prüfen, ob ein regionaler Zusammenschluß mehrerer Na­tionalwirtschaften es ermöglichen würde, die jeweiligen Produktions­kräfte wirksamer als vorher zu entwickeln.

Vor allem aber ist erforderlich, daß der Sieg über das verhäng­nisvolle Prinzip der Einheit als Grundlage und Regel des Rechts, der Sieg über jene Konfliktkeime, die in allzu schroffen und oft mit Ge­walt aufrechterhaltenen Unterschieden im Bereich der Weltwirt­schaft bestehen, der Sieg über den Geist kalter Selbstsucht jene auf­richtige rechtliche und wirtschaftliche Solidarität herbeiführt, die in der brüderlichen Zusammenarbeit der Völker nach den Vorschriften des göttlichen Gesetzes besteht, von Völkern, die ihre Eigengesetz­lichkeit und Unabhängigkeit gesichert wissen. Allein der Glaube an Christus und die Beobachtung seines Gebots der Liebe werden zu einem so wohltätigen und heilbringenden Sieg führen können!4

1  Aus einer Ansprache an die Vertreter der Europa-Union aus Brügge, 15. März 1953

2  Aus der Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 19S3

5 Aus der Ansprache an den 12. Internationalen Gemeindekongreß, 30. September 1955

4 Aus der Ansprache an die Delegierten der Konferenz für Internationale Wirt­schaftsbeziehungen, 7. März 1948




 

 

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