Civitas Institut

Unsere armen Kinder PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 11. März 2010 um 15:32 Uhr

Ein Jahr „nach Winnenden“ ist die Betroffenheit über diesen entsetzlichen Amoklauf noch lange nicht weniger geworden. Mehr oder weniger berufene Fachleute geben mehr oder weniger kluge und kompetente Einschätzungen ab, runde Tische erörtern, wie eine solche Tat denn überhaupt geschehen konnte. Und die Betroffenen (den Opfern und ihren Familien gilt unser ganzes Mitleid und Gebet) geben ihrer Trauer durch hilflose Rituale Ausdruck.

 

Nun haben wir sicherlich auch keine vollkommene Lösung, keine wirklich befriedigende Antwort auf die Warum-Frage. Wir haben aber Beobachtungen, die wenigstens Anstöße sein können.

Die Welt unserer Kinder, ein wenig verallgemeinert... Zunächst ist sie Verlust: der Verlust der häuslichen Geborgenheit bei der Mutter, oft in einem so frühen Alter, daß zwangsläufig Schaden entstehen muß. Auch die liebevollste Betreuung in der „KiTa“ ersetzt nicht die Zuwendung desjenigen Menschen, der noch der wichtigste in unserem Leben ist.

Übergang in die Schule. Immer schwerer wird es, schon den Kleinsten Grundbegriffe von Benehmen und Rücksicht beizubringen, die sie früher bereits von zu Hause mitbrachten. Fernseher und Nintendo haben längst Konzentrationsdefizite erzeugt, die nicht mehr zu beheben sind. Die Pädagogik spricht von Kanälen, die im Grundschulalter schon verschüttet sind und nicht mehr geöffnet werden können.

Scheitern gibt es nicht, und darum kann man sich auch nicht daran gewöhnen, obwohl es zum menschlichen Leben gehört wie Essen und Schlaf. Man wird nicht mehr zur Frustfähigkeit erzogen, weil vielfach die Ansprüche auf ein absolutes Minimum gesenkt sind. Googeln Sie mal, wieviel Worte in einer noch dazu von einer Gruppe von Legasthenikern verhunzten Rechtschreibung Grundschulkinder heute noch lernen müssen. Und vergleichen Sie das mit dem, was noch zwei, drei Generationen vorher gelernt wurde.

Ganz alleingelassen von Eltern und Schulen wird die Pubertät erlebt, jenes Alter, in dem unsere Kinder jede Autorität genauso heftig ablehnen, wie sie sie brauchen und eigentlich wünschen. Sehr viele von ihnen haben in diesem Alter schon fast alles erlebt. Der erste (und weiterer) Sex, Kiffen ist sowieso üblich, Schlimmeres wird immer salonfähiger. Zugleich wird im Rahmen einer unsinnigen Schulzeitverkürzung gerade die Entwicklungsphase mit teilweise ideologiebefrachtetem Unterricht vollgestopft, die am meisten einer ruhigen und zugewandten Hilfe zur Selbstfindung offensein sollte.

Dabei besucht der junge Mensch eine Schule, die ihn oft wesentlich mehr ideologisch indoktriniert und zu Wohlverhalten gegenüber einigen Tabus erzieht, statt ihm solides Wissen und echte Werte zu vermitteln. Solides Wissen und echte Werte würden ihn widerstandsfähiger gegen manche Verführung, gegen manche Manipulation machen – und wären auf Dauer interessanter als das Wiederholen dessen, was gesagt werden soll.

Die endlose Langeweile einer sterbenslangweiligen Gesellschaft, die ihr Mitglieder eigentlich wie Hausvieh satt und warm und befriedigt hält („Arbeiten! Konsumieren! Klappe halten!“), wird in zugedröhnten Wochenenden auf Partys oder in Discos vergeblich bekämpft: der nächste Montag kommt bestimmt.

Beziehungen? Aus Liebe ist Sex geworden, aus Verantwortungsbewußtsein ist Genuß geworden: ex und hopp. Müssen wir an die Scheidungsraten denken? Und: Kinder in diese Welt setzen? Nächte durchwachen am Bett des kranken Kindes? Alle die Schwierigkeiten der Erziehung auf sich nehmen? Auf Freizeit, Malle und Antalya verzichten?

Och nee.

Wir müssen gar nicht weiter aufzählen, was uns nur zu bekannt, aber in seinem Zusammenwirken nur allzu wenig bewußt ist.

Dazu kommt: die Sterbenslangeweile dieser Gesellschaft wird „ausgeglichen“ durch immer mehr „Kampf“. Diese Gesellschaft kämpft mutig für den Weltfrieden, gegen BSE, Klimawandel, Vogelgrippe, Schweinegrippe, Ozonloch, Waldsterben, Kampfhunde, sauren Regen, Glühbirnen, Windmühlen und was es noch alles so an Bedrohungen gibt. Der junge Mensch, der all das kritisch beobachtet, landet in einem echten Zwiedenken: so recht ernstnehmen kann man diese inszenierten „Kämpfe“ nicht. Sie sind nichts als Propaganda bis in die Schulen hinein.

In der DDR übrigens war das Kinder- und Jugendfernsehen vom Staat mit paradiesischen finanziellen und technischen Mitteln ausgestattet, um eine andere als die existierende Realität vorzugaukeln . Andere Sparten waren neidisch. Und was hat es geholfen? Die Jugend durchschaute das Spiel und schaute weg. (Das ist jetzt aber nur so ein Einschub, gänzlich ohne Bedeutung. Ehrlich...!).

Im Grunde merkt unser junger Mensch unbewußt, daß diese Gesellschaft etwas aus ihm machen will, das er gar nicht sein will. Nicht das Bild Gottes soll er sein, sondern das, was der Gesellschaft als Bild von ihm vorschwebt und das sie aus ihm formen will, weil sie ihn für Material hält statt für ein von Gott beseeltes Wesen.

Und in seinem Schulalltag erfährt der junge Mensch zunehmend, daß auch die überall gepredigte und gepriesene Toleranz z.B. eine ziemlich einseitige Leistung ist. Das alles macht Frust. Frust, den er gar nicht zu ertragen gelernt hat. Er hat auch keine Strategien und schon gar keine Möglichkeiten (außer der Betäubung), diesen Frust zu verarbeiten, gar: ihn fruchtbar zu machen.

Die Betäubung: das ist es. Im Grunde fährt unser junger Mensch auf einer Autobahn ohne Schilder, ohne Wegweiser, ohne Leitplanken, ohne Fahrbahnmarkierung, ohne warnende Geschwindigkeitsbegrenzung. Ihm wird eingeredet, das sei sie, die Freiheit. Er kennt einige Tabus, die einzuhalten sind, aber das kann er ohne große Probleme leisten, weil er sich dafür nur ein wenig verbiegen muß und ansonsten diese scheinbare Freiheit auskosten kann. Bis er sie ausgekostet hat, die Freiheit, die nur in Betäubung besteht. Die Autobahn-Freiheit hat nämlich einen ganz entscheidenden Mangel: sie hat kein Ziel, eigentlich noch nicht einmal eine Richtung. Man rast schnell – aber wohin?

Wer den Film „Truman-Show“ gesehen hat, kennt einen Teil des Problems.

Machen wir uns klar: in sehr, sehr vielen Fällen (ach – es ist die ganz große Mehrheit!) sehen wir Menschen vor uns, die durch Aufwachsen, Erziehung und Umwelt unfähig sind, Scheitern zu ertragen, Beziehungen auch durch Schwierigkeiten hindurch zu führen, sich anzustrengen bis an die Grenzen der eigenen Kraft. Es ist aber gänzlich unmöglich, Menschen auf längere Zeit mit reiner Bedürfnisbefriedigung zufriedenzustellen. Und Probleme ergeben sich auch immer. Immer. Wer niemals gelernt hat, sie auszuhalten, sie zu lösen, mit ihnen zu leben: der kann nur ausrasten!

In den Zeiten vor dieser Zeit gab es auch große Probleme und Schwierigkeiten. Niemals war Großwerden, war Schule, war Erwachsenwerden ein perpetuierter Kindergeburtstag, und manche hatten es viel schwerer als z.B. die, die heute langsam aber sicher alt werden, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.

Aber es ist uns nicht bekannt, daß in jenen möglicherweise anstrengenderen Zeiten in Schulen Amok gelaufen wurde.

Vielleicht – nein: sicher auch deshalb, weil vor der Machtübernahme durch die Alt68er auf der „Autobahn“ die Geschwindigkeiten so geregelt waren, daß jeder auf seine eigene Weise und nach der Kraft seines Motors vorankam. Weil klare, allgemein bekannte und verbindliche Verkehrsregeln das Vorankommen überhaupt erst möglich machten. Weil bis vor vielen Jahrzehnten auch das Ziel eindeutig und klar war.

Schulen sicherer machen? Waffenkontrolle am Schultor? Videoüberwachung? Gibt es schon alles (vor allem in den USA), und es hilft nichts.

Denn: wenn wir es nicht schaffen, wieder etwas ähnliches aus und auf den zusammengehauenen Ruinen zu bauen wie allgemein anerkannte Autoritäten, durchgesetzte Regeln und akzeptierte Werte, dann dürfen wir uns nicht etwa wundern, daß es Amokläufe gibt, sondern vielmehr, daß es so relativ wenige Amokläufe gibt.

Die Grundlagen dafür sind bekannt. Seit Jahrtausenden. In Rom gibt es eine große Institution, die diese Grundlagen bewahrt und erklärt. Und weit über Rom gibt es den, der sie uns verkündet hat, weil sie sein Wille sind für ein trotz unserer Schwächen weitgehend mögliches Gelingen. Die Geschichte kennt eine solche Zeit.

Die Revolution wollte eine Welt ohne Ihn. Zur Strafe hat Er zugelassen, daß die Revolution diese Welt bekommt.

JV

 

 

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