Civitas Institut

Feiern fördert Volkserziehung PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 17. Juli 2010 um 07:40 Uhr

Da wird eine der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands gesperrt, damit die Anwohner und viel Volks von überallher feiern können. Eine enorme Logistik ermöglicht, daß das Volks essen, Musik hören, trinken und tanzen – kurz: feiern kann. Das ganze Spektakel findet im Rahmen der Kulturveranstaltung „Ruhr 2010“ statt, und da es sich um Kultur und Feiern handelt, vermuten wir instinktiv, daß es nicht ohne volkserzieherischen Hintergrund abgeht. Wie recht wir doch haben!

Mit dem türkischen Nachbarn solle man seine Pizza teilen, einen „crashkurs“ Griechisch könne man doch mitnehmen, heißt es von seiten eines der Verantwortlichen in einem WDR-Interview von heute morgen. Das erst sei die wirkliche Kultur: alle Kulturen kommen zusammen, feiern zusammen.

Na gut. Wenn man das unter „Kultur“ versteht... Uns erinnert es an zweierlei: zunächst an die Umdeutung von Begriffen. Wer nämlich die Deutungshoheit über Begriffe hat, der bestimmt den Inhalt und die moralische Bewertung des Inhaltes. Das wußte bereits Konfuzius. Noch das 19. Jahrhundert empfand den Begriff der politischen „Mitte“ als anstößig. In der „Mitte“ stehe doch nur der, welcher sich nicht richtig entscheiden könne. Sei dem, wie es sei: wer sich noch an den Bundeskanzler Schröder, Gerhard, erinnert, der erinnert sich auch daran, daß dieser Bundeskanzler für sich in Anspruch nahm, die „neue Mitte“ zu repräsentieren. Und wer sich heute noch traut, öffentlich zu erklären, er stehe „rechts“, der kann sich danach bei uns melden, falls er das noch schafft. Er bekommt dann eine Belobigung für Zivilcourage. Noch ein Beispiel: die Begriffe Nation, Vaterland, Patriot und Patriotismus wurden in der Zeit der unseligen, weil für hunderttausende tödlichen französischen Revolution so uminterpretiert, daß jeder, der gegen diese Schlächterei war, ein Feind der Nation, des Vaterlandes und eben kein Patriot war. Solche Leute erfuhren dann recht schnell das Schicksal, das die Revolution den „Verrätern“ und „Vaterlandsfeinden“ zugedacht hatte. Spätestens dann nämlich, wenn das Fallbeil sauste (was es heute und hier nicht mehr tut, Gott sei Dank).

Die französische Revolution bringt uns auf den zweiten Gedanken. Sehr schnell entwickelte sie nämlich so etwas wie eine Feierkultur, mit der das Volks belehrt, also umerzogen werden sollte. Mit kaum zu übertreffender Banalität inszenierte man Feiern für zehntausende, in welchen über Jugend, Alter, Freiheit, Vernunft (in Notre Dame de Paris sinnvollerweise durch eine käufliche „Dame“ dargestellt), das Menschengeschlecht, das Volk, die Republik und so weiter in ebenso leicht faßlichen wie unerträglich plattflachen Bildern belehrt wurde. In Paris wurde anläßlich einer solchen Feier (wie immer wieder gern) auf dem Marsfeld ein Erdhügel errichtet, oben saßen „Greise“ (das waren Männer über 40. Nun ja.), von unten erklammen junge Frauen mit ihren Babys den Hügel auf einem ihn umrundenden Weg, um dann den zu Tränen gerührten Greisen die Babys zu reichen. Die Greise legten dann die Babys dem Vaterland symbolisch zu Füßen. Solche Bilder erschließen sich nun wirklich jedem. Jedem. Und das war auch der Sinn.

So feierte das Volks gerne, es gab während der Revolution wenig Brot, dafür um so mehr Spiele dieser Art. Die größte Feierdichte erreichte die Revolution in der Terrorphase (von der Ermordung des Königs im Januar 1793 bis Mitte 1794) unter dem Massenmörder Robespierre – während zehntausende ihr Leben verloren.

Selbstverständlich verliert man sein Leben heute nicht so leicht. Schließlich leben wir in einem demokratischen Rechtsstaat. Und doch könnte man fast meinen, daß von der französischen Revolution lernen heißt, Siegen zu lernen: man ernennt zu „Kunstwerken“, was unsere Vorfahren bedenkenlos entsorgt hätten, und wenn Nachbarschaftsfeste mit mitbürgerlichen kulinarischen Spezialitäten nicht mehr so der Renner sind und eher einseitig genossen werden, dann muß eben etwas größeres her. Zum Beispiel eine gesperrte Autobahn mitten in einem der mitbürgerlichsten Gebiete unserer Republik. Wäre doch gelacht, wenn das nicht irgendwann einmal klappt! Sperrt viele, viele Autobahnen! In der Revolution, damals, da haben die Leute doch auch gerne gefeiert.

Na dann: viel Vergnügen! Hoffentlich regnet's nicht.

JV

 

 

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