Civitas Institut

Wir erinnern an... Heinrich Vogeler (1872 - 1942) PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 11. November 2011 um 16:35 Uhr

Die meisten Weltverbesserer sind, so sie denn ehrlich sind und bis zuletzt an ihren Vorstellungen festhalten, ganz tragische Figuren. Sie machen denselben Fehler, den durchgängig alle Ideologen machen: um die Welt nach ihren Vorstellungen zu verbessern, leugnen sie, dass gewisse Eigenschaften und Gesetzlichkeiten vorgegeben sind – und dass man sie anerkennen und zur Grundlage jeden Wandels machen muss, weil ein gesellschaftliches Zusammenleben sonst nicht möglich ist. Ein solcher tragischer Mensch war der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler (1872 – 1942).

Mit Heinrich Vogeler verbinden sich die Begriffe Worpswede, Jugendstil und Barkenhoff: das Künstlerdorf Worpswede nördlich von Bremen muss ebenso wenig erklärt werden wie der Jugendstil, Barkenhoff hat schon eher Erklärungsbedarf. Nur kurz sei erwähnt, dass Worpswede anscheinend ein ganz eigenes Licht, ganz besondere Farben der Landschaft und des Himmels hat und wohl deshalb am Ende des 19. Jahrhunderts eine Handvoll Maler und Dichter anzog, die dort eine Künstlerkolonie gründeten, ein recht „freies“ Leben führten, das wir, eher zurückhaltend, „ungeordnet“ nennen würden. Die Worpsweder „Ureinwohner“ waren anscheinend schon vor der Erfindung des Begriffes „tolerant“.

Einer von diesen Künstlern war eben Heinrich Vogeler. Er wird als harmoniesüchtig beschrieben, zugleich als widersprüchlicher und facettenreicher Charakter. Sein Traum, sein Ziel war, eine Welt voller Harmonie und Gerechtigkeit zu schaffen. Zugleich aber duldete er in seiner Umgebung einzig und allein seine ästhetischen Regeln.

Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, kaufte er sich in Worpswede eine Bauernkate, und daraus wurde dann der Barkenhoff gestaltet; er wurde so etwas wie ein kleines Traumschloss. Seine Frau Martha spielte darin die Rolle der blonden, zarten Märchenfee, trug weich fallende Gewänder und zu einem Kranz aufgesteckte Haare. Drei Töchter bekam das Paar. Jeden Abend wurden auf der rosenberankten Terrasse Gäste empfangen, auch die anderen Mitglieder der Künstlerkolonie, die sich dann an die von Vogeler angeordneten Regeln hielten. Eine ganze Zeit währte ein Zauber, der dann aber dem einen zu künstlich und oberflächlich, dem anderen (hier: Rilke) zu langweilig wurde; Rilke setzte sich nach Paris ab: die Idylle wurde brüchig, Vogelers Ehe kritisch.

Spätestens seit 1907 war es vorbei mit dem Worpsweder Ästhetik-Experiment, Vogelers Absturz war nicht aufzuhalten, obwohl er es einfach nicht wahrhaben wollte und ruhelos umherzog, wieder nach Worpswede zurückkehrte, wieder davonlief. Freunde und Familie hatten sich seinem Diktat entzogen, dazu kamen Krankheiten, immer wieder Fluchten. Martha Vogeler blieb mit den Töchtern in Worpswede, auf dem Barkenhoff, die Ehe jedoch war innerlich bereits zerbrochen.

Wie alle Ideologen, so konnte auch Vogeler das Scheitern seiner Ideen nicht wahrnehmen, nicht zugeben. Was im Kleinen gescheitert war, das sollte nun im Großen funktionieren: Ästhetik für alle. Ästhetik für das Volk, für die Welt.

Im Jahre 1908 gründete er die Worpsweder Werkstätten: schöne, weiße Möbel nach seinen Entwürfen, schöne kleine Häuser, Pläne für ein schönes Arbeiterdorf. Nach seinen Plänen wurde der Worpsweder Bahnhof gebaut. Der Maler wurde zum Baumeister, für seine Mitmenschen wurde er aber lediglich ein Phantast. Seine Frau begann ein Verhältnis mit einem Liebhaber – und je mehr Vogeler litt, desto mehr floh er, erträumte sich mitten im Gegenwind der Realität eine neue, schönere Welt.

Seine Suche nach dieser Welt führte ihn 1912 nach Berlin. Er war jetzt vierzig Jahre alt; der Weltkrieg brach zwei Jahre später aus. Möglicherweise sah Vogeler in ihm zunächst eine Chance auf einen Neuanfang nach einem Zusammenbruch, der die Gesellschaft Deutschlands, vielleicht Europas auf den Kopf stellen würde. Neuanfang, neuer Lebenssinn nach dem grandiosen Scheitern der harmonischen, brüderlichen Menschengemeinschaft in Worpswede. Drei Wochen nach Kriegsbeginn meldet sich Vogeler als Kriegsfreiwilliger. Die Realität erwischt ihn natürlich auch hier: er hat den Auftrag, Dörfer und Landschaften zu zeichnen, die das Heer durchzieht. Was er sieht, ist Zerstörung, Angst, Not. Auch dieser Aufbruch in eine neue Menschengesellschaft scheitert natürlich. 1918 wird Vogeler als wehruntauglich entlassen, wenige Wochen vor Kriegsende kehrt er nach Worpswede zurück - und baut an einem neuen Wunschgebäude.

Die kommunistische Revolution in Rußland fasziniert ihn: es geht also doch!

1920 verläßt ihn seine Frau mit den Kindern, als er aus dem Barkenhoff, aus dem ehemaligen Jugendstil-Paradies eine Kommune und Arbeitsschule nach sowjetischem Vorbild machen will. Wie alles, was man ohne Beachtung der menschlichen Natur künstlich herbeizwingen will, so scheitert auch dieses Experiment. Anfänglich funktionieren Selbstversorgung und Selbstverwaltung einigermaßen, alsbald aber gewinnen Selbstzerfleischung, Grabenkämpfe und Geldsorgen die Oberhand und beenden recht schnell, nach nur drei Jahren, das Leben dieser revolutionären Landkommune. Ein neuer Rückschlag, der aber den besessenen Vogeler nicht weiter in der Verfolgung seiner Ideologie behindert.

Zu dieser Zeit reist er zum ersten Mal in die Sowjetunion.

Nach dem grandiosen Scheitern dieses nunmehr dritten Barkenhoff-Experiments lebt Vogeler zunächst wieder in Berlin; er hat ein Verhältnis mit der Tochter eines Moskauer Kommunisten, aus dem ein Sohn hervorgeht, als Vogeler bereits einundfünfzig Jahre alt ist. Er beschließt, in die Sowjetunion zu gehen. Dort, so meinte er, werde der neue Mensch, der Sowjetmensch erschaffen, während in Deutschland die nationalen Sozialisten immer mehr an Einfluss gewannen.

Und doch: auch in der Sowjetunion endet die Schaffung eines Paradieses mit dem neuen Menschen so, wie alle diese Experimente enden und enden müssen. Stalin errichtet eine jahrzehntelange, mörderische Diktatur. Vogeler ordnet sich unter. Um des höheren Zieles willen malt er, was von „der Partei“ verlangt wird. Nichts soll ihm seinen Glauben an die friedliche Weltgemeinschaft wiederum nehmen, und das steht er zehn Jahre lang durch.

Als das nationalsozialistische Deutschland 1941 die allerdings keineswegs friedliche Sowjetunion angriff, wurde das zum Schicksalsjahr Vogelers. Einen Deutschen wollte nun niemand, brauchte niemand, auch wenn er Kommunist und linientreuer Künstler war. Im September 1941 wurde er in die Steppe verbracht, nach Kasachstan, wurde dort gegen Bezahlung von russischen Bauern aufgenommen und lebte in bescheidensten Umständen. Nach einem halben Jahr war kein Geld mehr vorhanden; er bettelte, hungerte, fror. Mit neunundsechzig Jahren starb er im Mai 1942, krank, vom Hunger ausgezehrt. Auch seine russische Ehe war zerbrochen, eine Witwe gab es nicht.

Heinrich Vogeler ist das schlagende Beispiel eines Ideologen, der bis zum bitteren, bittersten Ende nicht seine Ideologie aufgibt, der bis zum Ende die Realität nicht als gegeben annimmt, und wenn sie ihm noch so sehr als Gegenwind ins Gesicht bläst. Organisch nach gegebenen und vernünftigen Regeln Gewachsenes nach unserem schwachen Erkennen rücksichtslos umwälzen, revolutionieren zu wollen – das kann nur enden wie Heinrich Vogeler.

Seine Bilder allerdings, seine Bilder sind wirklich schön, auch wenn sie oft steril wirken. Ideologien sind steril. Unfruchtbar. Und am Ende tödlich.

JV

 

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