Civitas Institut

Vor 70 Jahren: Hirtenwort der niederländischen Bischöfe zur Deportation der Juden PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 03. August 2012 um 09:50 Uhr

„Liebe Gläubige! Wir erleben eine Zeit großer Not, sowohl auf dem geistlichen wie auf dem materiellen Gebiet. Dabei drängen sich in der letzten Zeit vor allem zwei Nöte in den Vordergrund, die Not der Juden und die Not derer, die im Ausland zur Arbeit verpflichtet werden.

Dieser Not müssen wir uns alle tief bewußt werden: Darum werden sie durch dieses gemeinsame Hirtenschreiben ins Bewußtsein gerufen.
Diese Nöte müssen auch denen zur Kenntnis gebracht werden, die die Befehlsgewalt über diese Menschen ausüben: Darum hat sich der Hochwürdige Niederländische Episkopat in Vereinigung mit fast allen Kirchen in den Niederlanden an die Autoritäten der Besatzungsmacht gewandt; für die Juden unter anderem am Samstag, den 11. Juli des Jahres, in einem Telegramm folgenden Inhaltes:
Die hier unterzeichnenden Niederländischen Kirchen, tief erschüttert durch die Verordnungen gegen die Juden in den Niederlanden, wodurch diese von der Teilnahme am normalen Volksleben ausgeschlossen werden, haben mit Entsetzen Kenntnis genommen von den neuen Verordnungen, wodurch Männer, Frauen, Kinder und ganze Familien weggeführt werden sollen ins Deutsche Reich und die besetzten Gebiete.
Das Leid, das dadurch über Zehntausende gebracht wird, das Bewußtsein, daß diese Verordnungen dem tiefsten sittlichen Empfinden des Niederländischen Volkes widerstreiten, und vor allem das Widerstreben dieser Verordnungen gegen das, was Gott als Forderung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit aufgestellt hat, zwingt die Kirchen, an Sie die dringende Bitte zu richten, diese Verordnungen nicht zur Ausführung zu bringen.
Für die Christen unter den Juden wird uns diese dringende Bitte überdies noch eingegeben durch die Erwägung, daß ihnen durch diese Verordnungen die Teilnahme am kirchlichen Leben abgeschnitten wird.
De Nederlandsche Hervormde Kerk
Aartsbisschop en Bisschoppen der Roomsch-Katholieke Kerk in Nederland
De Gereformeerde Kerken in Nederland
De Christelijk Gereformeerde Kerk in Nederland
De Algemeene Doopsgezinde Societeit
De Remontstrantsche Broederschap
De Gereformeerde Kerken in Nederland in Hersteld verband
De Gereformeerde Gemeenten in Nederland
De Evangelisch Luthersche Kerk in het Koninkrijk der Nederlanden
De Hersteld-Evangelisch Luthersche Kerk in het Koninkrijk der Nederlanden.
Dieses Telegramm hat jetzt zur Folge gehabt, daß durch einen der Generalkommissare im Namen des Reichskommissars zugesagt wurde, daß die Christenjuden nicht weggeführt werden sollen, soweit sie vor Januar 1941 zu einer der christlichen Kirchen gehörten.
Liebe Gläubige, wenn wir das entsetzliche geistliche und körperliche Elend betrachten, das jetzt schon fast drei Jahre die ganze Welt mit Vernichtung bedroht, so denken wir wie von selbst an das Ereignis, das uns im Evangelium geschildert wird.
„In jener Zeit, als Jesus in die Nähe von Jerusalem kam und die Stadt vor sich liegen sah, weinte Er über sie und sprach: Ach, möchtest du wenigstens an diesem Tage noch einsehen, was dir zum Frieden dient! Aber jetzt ist das vor deinen Augen verborgen. Denn es werden Tage über dich kommen, wo deine Feinde dich mit einem Wall umgeben werden, sie werden dich umzingeln und von allen Seiten in die Enge treiben; sie werden dich und deine Kinder in deinen Mauern zu Boden schlagen, und sie werden bei dir keinen Stein auf dem anderen lassen, weil du die Zeit der Gnade nicht erkannt hast“ (Lk 19,41-44).
Diese Weissagung Jesu ist buchstäblich in Erfüllung gegangen: Vierzig Jahre später wurde das Gottesgericht über die Stadt Jerusalem vollzogen. Sie hatte leider die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Auch jetzt weist alles um uns herum auf ein Strafgericht Gottes hin. Aber Gottdank, für uns ist es noch nicht zu spät. Wir können es noch von uns abwenden, wenn wir die Zeit der Gnade erkennen, wenn wir jetzt noch einsehen, was uns zum Frieden dient. — Und das ist allein die Rückkehr zu Gott, von dem ein Teil der Welt sich bereits jahrelang abgewandt hat. Alle menschlichen Mittel sind umsonst gewesen: Gott allein kann noch Hilfe bringen.
Liebe Gläubige, gehen wir an erster Stelle in uns selbst mit einem tiefen Gefühl der Reue und Demut. Sind wir denn selber nicht auch mitschuldig an den Katastrophen, die uns heimsuchen? – Haben wir immer zuerst das Reich Gottes gesucht und seine Gerechtigkeit? – Haben wir immer die Pflichten der Gerechtigkeit und Nächstenliebe gegen unseren Mitmenschen geübt? – Haben wir nicht vielleicht Gefühle unheiligen Hasses und der Verbitterung genährt? Haben wir wohl immer unsere Zuflucht gesucht bei Gott, unserem himmlischen Vater?
Wenn wir in uns gehen, dann werden wir erkennen müssen, daß wir alle gefehlt haben. Peccavimus ante Dominum Deum nostrum: Wir haben gesündigt vor dem Herrn unserem Gott.
Doch wir wissen auch, daß Gott ein reuevolles und demütiges Herz nicht verschmäht. Cor contritum et humiliatum non despicies. Und darum wenden wir uns zu Ihm und bitten Ihn um Erbarmung voll kindlichem Vertrauen. Er selbst sagt es uns: ,Bittet und ihr werdet empfangen, suchet und ihr werdet finden, klopfet an und es wird euch aufgetan werden‘ (Mt 7,7).
Im Introitus der heiligen Messe von heute ruft die Kirche es uns zu mit den Worten des Psalmisten: ,Siehe, Gott ist mein Helfer. Es ist der Herr, der mein Leben erhält‘ (Ps 54,6). – Und in der Epistel wiederholt sie die so trostvollen Worte des Apostels: ,Keine Prüfung möge euch treffen, die nicht menschlich ist; doch Gott ist getreu und Er wird nicht zulassen, daß ihr geprüft werdet über eure Kräfte; sondern mit der Prüfung wird Er auch Hilfe geben, damit ihr sie bestehen könnt‘ (1 Kor 10,13).
Darum, liebe Gläubige, flehen wir zu Gott, durch die Fürsprache der Mutter der Barmherzigkeit, daß Er der Welt bald einen gerechten Frieden schenken möge. Daß Er das Volk Israel, das in diesen Tagen so bitter geprüft wird, stärken möge und es zur wahren Erlösung in Christus Jesus bringen möge. Daß Er jene beschirmen möge, deren Los es ist, in der Fremde zu arbeiten und fern von den Lieben daheim zu leben. Er möge sie beschirmen an Leib und an Seele, sie bewahren vor Verbitterung und Mutlosigkeit, sie treu erhalten im Glauben und Gott möge auch ihre zurückgebliebenen Angehörigen stärken. Flehen wir zu Ihm um Hilfe für alle Geprüften und Unterdrückten, für Gefangene und Geiseln, für so viele, über die die Wolken der Drohung und Lebensgefahr hängen. — Pateant aures misericordiae tuae Domine, precibus supplicantium: Mögen die Ohren Deiner Barmherzigkeit offen stehen den Gebeten der Flehenden (Ps 65,3).
Dieses unser gemeinsames Hirtenschreiben soll am kommenden Sonntag, dem 26. Juli, in allen zu unserer Kirchenprovinz gehörenden Kirchen und in allen Kapellen, für die ein Rektor angestellt ist, in allen festgesetzten heiligen Messen in der gewohnten Weise verlesen werden.
Gegeben zu Utrecht, am 20. Juli im Jahre des Herrn 1942.
Dr. J. de Jong, Erzbischof von Utrecht,
P. A. W. Hopmans, Bischof von Breda,
Dr. J. H. G. Lemmens, Bischof von Roermond,
J. P. Huibers, Bischof von Haarlem,
W. P. A. M. Mutsaerts, Bischofskoadjutor von ‘s-Hertogenbosch.“

Es handelt sich hier um eines der eindrucksvollsten katholischen Dokumente des 20. Jahrhunderts: das Hirtenwort des niederländischen Episkopats vom 20. Juli 1942 wurde vom Erzbischof von Utrecht, J. de Jong, verfasst und unter seiner Verantwortlichkeit veröffentlicht. Dieses recht kurze Dokument ist erfüllt von Erbarmen und Zuneigung für alle jene, die am meisten unter der deutschen Besetzung die Niederlande litten.

Dieser Hirtenbrief wurde am Sonntag, 26. Juli 1942, von den Kanzeln aller niederländischen Kirchen verlesen – am selben Tag, als der selige Titus Brandsma, der wichtigste Berater des Erzbischofs und künftigen Kardinals de Jong und ehemalige Rektor der katholischen Universität Nimwegen, der zuvor in Dachau interniert worden war, dort ermordet wurde.

Dieser Brief und seine öffentliche Verlesung hatten harte Konsequenzen: auch jene Juden, die Katholiken waren und bis dahin vor der Verschleppung bewahrt geblieben waren, wurden nun, ebenso wie eine unbekannte Anzahl Niederländer und Flüchtlingen in den Niederlanden, von einer neuen schrecklichen Welle der Verfolgung durch die deutsche Besatzungsmacht erfasst, die ihrerseits von örtlichen Kollaborateuren der Nationalsozialisten unterstützt wurden.

Eines der Opfer war die in Schlesien geborene Karmeliterin Sr. Teresia Benedicta a Cruce. Sie wurde wenige Tage nach der Veröffentlichung dieses Hirtenwortes aus dem Karmel von Echt, nahe der deutschen Grenze gelegen, wegtransportiert und kurz darauf in Auschwitz getötet.

P. Gumpel, als Relator der Heiligsprechung Pius' XII. sicherlich der beste Kenner der Materie, schrieb 1999:

„Eigentlich hatte die Führer aller christlichen Kirche in Holland einem solchen öffentlichen Protest zugestimmt. Als jedoch die GeStaPo informiert wurde, drohte sie augenblicklich mit der Deportation auch getauften von Juden, die die bis dahin nicht betroffen waren. Einzig die römisch-katholischen Bischöfe gaben dieser Erpressung nicht nach. Die Folgen waren desaströs: Juden, die in die lutherische, calvinistische oder in eine andere christliche Kirche eingetreten waren,, wurden im August 1942 nicht deportiert, wohingegen solche sehr wohl verschleppt wurden, welche katholisch geworden waren. Die GeStaPo zwang die niederländischen Zeitungen, eine Stellungnahme zu veröffentlichen des Inhalts, dass wegen des Protestes des katholischen Klerus Juden, die Katholiken geworden waren, von nun an als unsere schlimmsten Feinde betrachtet und bei nächster Gelegenheit deportiert würden. (…). Das Vorgehen der niederländischen Bischöfe hatte einen bedeutenden Nachhall. Pius XII. hatte bereits den Text eines öffentlichen Protests gegen die Judenverfolgung vorbereitet. Kurz bevor dieser Text an den Osservatore Romano geschickt werden sollte, erreichten ihn die Nachrichten über die desaströsen Folgen der Initiative der niederländischen Bischöfe. Daraus schloss er, dass öffentliche Proteste das Schicksal der Juden nicht nur nicht erleichtern, sondern sogar ihre Verfolgung verschlimmern würden. So entschied er, dass er die Verantwortung für seine eigene Intervention – die ähnliche und wahrscheinlich noch ernstere Konsequenzen haben würde, nicht tragen könne. Deshalb verbrannte er den Text, den er vorbereitet hatte. Das Internationale Rote Kreuz, der entstehende Weltkirchenrat und andere christliche Kirchen waren sich der Folgen eines vehementen öffentlichen Protestes sehr wohl bewusst. Wie Pius XII. vermieden sie ihn klugerweise.“

(Übersetzung aus dem englischen Original durch uns)

JV

 

 

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