Civitas Institut

Papst, Freude an der Liebe, Polizei und rote Ampel PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 13. April 2016 um 13:58 Uhr

Gestern morgen hatte ich einen wichtigen Termin und verließ das Haus recht früh. Ich war ein wenig spät dran, war also etwas eilig, und wie üblich stand die Ampel in der Nähe meines Hauses auf „rot“. Diese Ampel kenne ich recht gut, ich komme immer wieder daran vorbei: sie ist völlig unnötig, denn man kann die Kreuzung von allen Seiten gut einsehen, und Verkehr gibt es dort recht wenig. Wie sonst auch, wenn wenig Verkehr ist, schaute ich genau nach allen Seiten, fuhr langsam in die Kreuzung, über den Stopstreifen weg, achtete darauf, dass niemand kam und fuhr schnell weiter. Gestern morgen jedoch stand hundert Meter hinter der Ampel unglücklicherweise eine Polizeistreife. Rote Ampel. Man wollte meine Papiere sehen, und innerhalb weniger Sekunden hatte ich eine Strafe am Hals, dazu ein Fahrverbot und viele Punkte in Flensburg.

Da wollte ich doch dem Polizisten, der so vor mir stand, ein wenig zum Nachdenken geben: „Stimmt“, sagte ich, „ich bin bei „rot“ drübergefahren, und das ist ein schweres Vergehen; aber ich kenne diese Ampel gut, ich habe mich ganz aufmerksam umgeschaut, bevor ich losfuhr, weil ich nämlich in Eile war, weil ich nämlich einen Termin habe, der für mich sehr wichtig ist und weil ich nicht zu spät kommen darf.“ - „Aber Sie haben bewusst und absichtlich gegen ein Gesetz verstoßen“, antwortet mir der Polizist, „ihre Gründe interessieren mich nicht. Was mich interessiert, sind die Fakten, und dabei bleiben wir.“ - „Das ist richtig, aber sie können mich doch nicht wie jemanden behandeln, der mit hundert Sachen hier ankommt und weiterfährt, ohne auch nur anzuhalten!“ gab ich ihm zurück. „Dieselbe Strafe zu bekommen, dieselben Punkte zu bekommen wie so jemand, das ist nicht gerecht, die Fälle sind viel zu unterschiedlich.“

Der Polizist schaut mich aufmerksam an, ich glaube, ich habe ihm den Wind aus den Segeln genommen. Er denkt ein wenig nach, und dann antwortet er: „Mein lieber Herr, ich verhänge eine Strafe nicht deshalb, weil ich Ihre Absichten beurteile oder wegen der Art und Weise, wie Sie die Kreuzung überquert haben, sondern ganz einfach deshalb, weil Sie sie überquert haben. Sehen Sie, ich laufe schon lange Jahre Streife, und ich weiß sehr wohl, aus welchen Gründen Vergehen begangen werden, sie sind zahllos, und sie sind oft mildernd oder verschärfend, aber stellen Sie sich einmal vor, was geschehen würde, wenn wir akzeptieren würden, dass man in bestimmten Fällen bei "rot“ über eine Ampel fahren darf (und wer würde das denn auch entscheiden?): da würde das Chaos ausbrechen, es würde unmöglich, den Verkehr ordentlich am Laufen zu halten, und es wäre eine Einladung an alle die, welche das Gesetz brechen wollen und die Sicherheit aller gefährden würden.“

Doch, diesmal hatte er getroffen, aber plötzlich kam mir eine Erleuchtung. Glücklicherweise hatte ich zwei Tage zuvor das apostolische Schreiben „Amoris laetitia“ und vor allem die Kommentare der renommiertesten Theologen gelesen und hatte sogar alles bei mir. Ich nahm es und zeigte es dem Polizisten: „Sie sehen, Ihre Theorie ist abstrakt und ideologisch, weil sie nur die objektive Norm berücksichtigt – die ich gar nicht bestreite –, aber sie bezieht nicht den einzelnen Menschen ein, der bei „rot“ über die Ampel fährt: seine Sorgen, seine Ängste, die ihn zwingen, diese Tat zu begehen, die Vorsicht, mit der er vorgeht und darauf achtet, niemandem etwas Unrechtes zu tun, und die Tatsache, dass das unter den Umständen, unter denen er lebt, das Beste ist, was er tun kann - selbst wenn es das Ideal wäre, zu warten, bis die Ampel „grün“ zeigt.“

Ich sehe, dass er ein wenig schwankt, und ich lege nach: „Es ist eine Sache, anzuerkennen, dass es ein objektives Vergehen gegeben hat, eine andere Sache ist aber meine persönliche Verantwortung. Ernsthaft, ich glaube, dass Sie mich nicht strafen sollten, sondern dass Sie die Art, wie ich über die rote Ampel gefahren bin, schätzen sollten. Und das Gesetz, das vorschreibt, auf „grün“ zu warten, wird doch dadaurch überhaupt nicht in Frage gestellt. Schauen Sie einmal,“ - und ich hielt ihm die Zeitung unter die Nase - „nicht ich sage das, sondern die Blüte der Experten: Pater Spadaro in der „Civilta Cattolica“, Enzo Bianchi, der Prior von Bosa, „Famiglia cristiana“, „Avvenire“... Die sagen das, und es ist doch offensichtlich: der Verkehr wird sicherlich nicht dadurch besser, dass man weiterhin all denen Strafen aufbrummt, die bei „rot“ über die Ampel fahren...“

Jetzt, so meine ich, hängt er in den Seilen, aber anscheinend habe ich seinen Gesichtsausdruck falsch interpretiert. Ergebnis: Strafe, Fahrverbot, Punkte in Flensburg, und eine Klage wegen Beamtenbeleidigung. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum, aber er war völlig überzeugt, dass ich ihn für doof verkaufen wollte.

JV

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