Civitas Institut

Ahnungs- und kenntnisbefreites Mitquatschen PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 10. September 2016 um 15:58 Uhr

Ein gewisser Alan Rappaport, Journalist der bei Linken immer noch zitierfähigen New York Times, hat ganz bösartig Gary Johnson, den dritten US-Präsidentschaftskandidaten, bloßstellen wollen. Es ging auch bei uns durch die Qualitätsmedien: auf die Frage, was er als Präsident hinsichtlich Aleppos tun würde, antwortete dieser: „Aleppo? Was ist das?“

Rappaport belehrte ihn, Aleppo sei „de facto die Hauptstadt des Islamischen Staates“; er musste sich jedoch alsbald korrigieren: „eine Bastion des Islamischen Staates.“

Wieder daneben.

Neue Korrektur: „eine vom Krieg zerrissene syrische Stadt“. - Nun  gut.

In einer Fußnote unterhalb des Artikels, in welcher Rappaport seinen Irrtum zugibt, erklärte er dann Aleppo zur Hauptstadt Syriens. Neue Korrektur erfolgte: „Das ist Damaskus“.

Völlig blamiert hatte sich somit eher der halbgebildete, aber meinungssichere Journalist.

Woher kommt dieses kenntnisfreie Mitreden? Woher kommt es, dass so viele unserer Mitmenschen in bestimmten Bereichen mitreden zu können glauben?

Jeder ist in die Schule gegangen. Somit ist er Insider und kann, auch wenn er seinen ehrenwerten Hauptschulabschluß so eben geschafft hat (wenn nicht, sind die Lehrer schuld), bei jedem Schul- und Erziehungsthema mitreden.

Man meint, den Arzt auf neue Behandlungsmethoden hinweisen zu können, von denen man in der Fernsehzeitung gelesen hat. Oder in der Rentner-Bravo, der Apotheken-Umschau.

Völlig ahnungslose Protestanten reden inkompetent, aber umso energischer bei katholischen Themen mit (der umgekehrte Fall ist quasi inexistent) und tun ebenso ungefragt wie entschlossen ihre Meinung kund.

Im Bereich der Politik wird es noch auffälliger: hier kann jeder, absolut jeder – wir leben ja in einem freien Land! - seine „Meinung“ kundtun und muß sie noch nicht einmal begründen. Diese Meinung kann abstrus oder hochgefährlich, intelligent oder einfach strohdumm sein, das ist völlig irrelevant. Und wie oft hört man nichts weiter als halbverdaute Worthülsen aus dem Fundus des Bundesphrasenamtes, unter das Volk gebracht von Presse, von Rundfunk und Fernsehen, von schnell produzierten Propaganda-Spielfilmen und Serien.

In diesem Zusammenhang erschreckt es, verwundert aber nicht, daß der Geschichtsunterricht in Sachsen-Anhalt - laut Eigenwerbung "Ursprungsland der Reformation" - zukünftig ohne Zahlen und Fakten auskommen soll. Die Umschreibung und Begründung dieser weiteren Senkung der Urteilsfähigkeit mit einem scheinpädagogischen Geschwurbel macht nur eines deutlich: solides Grundwissen, das erst zu wirklicher Urteilsfähigkeit führt, soll durch Gesinnung ersetzt werden. Oder ist es wieder ein "gefestigter Klassenstandpunkt"? Die Landesregierung Sachsen-Anhalt (bloß nicht abkürzen!!) ist eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen; Bildungsminister ist ein gewisser Herr Marco Tullner (CDU).

Der Historiker, der sich abseits von vorgefertigten Beurteilungs- und Begründungsschablonen eine gewisse Neugier bewahrt hat (die ihn ja erst auf diese Tätigkeit gestoßen hat!), erinnert sich: es hat eine Zeit gegeben, in der diese Entwicklung vielleicht nicht ihren Anfang nahm – es ist so eine Sache mit der Bestimmung von Anfang und Ende in der Geschichte -, aber ganz deutlich spürbar wurde. Der Christ, so hieß es da, brauche gar keine Auslegung der Bibel, diese lege sich selbst aus und sei jedem Menschen verständlich. Ein Studium derselben, die Interpretation derselben durch die Theologie wurde regelrecht lächerlich gemacht, es war die Rede von der Freilegung des „lauteren“, des reinen Evangeliums, und das könne nun wirklich jeder verstehen. Daher ja die Möglichkeit, daß in der protestantischen Gemeinschaft jeder, wirklich jeder das Recht hat, zu predigen.

Der Künder dieser Lehre, Martin Luther, bekam die Auswirkungen dieser zumindest fahrlässigen Meinung sehr bald selbst zu spüren, spaltete sich die von ihm gegründete Glaubensrichtung doch alsbald in eine fast so große Anzahl von Richtungen, wie sie Gläubige hatte. Und keiner wollte sich so recht vorschreiben lassen, was er denn so zu glauben habe. Sehr bald sah der Gründer sich genötigt, Wittenberg zum Rom-Ersatz zu machen und Irrlehrer zu maßregeln.

Eindeutig: wenn es keinen Papst in Rom mehr gibt, wenn es keinen erklärend richtungweisenden (natürlich zu diskutierenden) Theologen, wenn es keine definierte Lehre mehr gibt, dann bleibt eben nichts über als die persönliche Meinung, die sich noch nicht einmal auf den typisch protestantischen Satz reduzieren muß, man nehme Jesus als seinen Herrn und Erlöser an. Wenn es keine Begriffe mit klar definierter Aussage und Bedeutung mehr gibt, dann bleibt nur die „eigene Meinung“ als Kriterium, und sei sie noch so einfältig, und stehe sie auf noch so tönernen Füßen. Und: eine „Meinung“ kennt keinen Irrtum, sie kann ja gar nicht falsch sein.

Welch' ein Despot war also jener Lehrer, der – wenn ein Schüler den Satz „Meiner Meinung nach“ gebrauchte, sofort entgegenhielt: „Mich interessiert nicht Ihre Meinung, sondern Ihr begründetes Urteil!“. Welch' ein mittelalterlicher, vorreformatorischer, undemokratischer Saurier!

Wenn also bestimmte Kreise im nächsten Jahr das 500ste Jubiläum der sogenannten Reformation feiern, dann feiern sie sichtlich und nachweisbar unter anderem den Beginn eines hemmungslosen Subjektivismus, der heute der Maßstab ist. Sie feiern den Sieg einer tödlichen Beliebigkeit, die auf „wahr“ und „falsch“ keinen Wert mehr legt, die Welt in „rechts“ (= pfui!) und „links“ (= Mitte, = gut) einteilt, einen völlig willkürlichen und überdehnten Freiheitsbegriff hat und letztlich einem ungehemmten Egoismus das Wort redet. Es scheint uns ganz so, als ob diese allem Anschein nach niedergehende Gesellschaft genau deshalb moribund ist, weil der heutige Freiheits-Egoismus Ziele und Lebensweisen wie Opfer, Hingabe, Verzicht Selbstaufgabe abqualifiziert und lächerlich gemacht hat. Solche Begriffe, solche Einstellungen sind heute schlechterdings unvorstellbar geworden. Warum? Wofür denn? Was habe ich davon?

„Sagen Sie doch, Herr Doktor, wie kommt es, daß wir unter dem Papsttum viel mehr und andächtiger gebetet haben als jetzt?“, soll die entsprungene Nonne Katharina von Bora den abgefallenen Mönch Martin Luther gefragt haben.

„Mal ehrlich: wenn die Vorschrift nicht wäre, was würdest Du denn freiwillig tun?“ fragte der heutige traditionelle katholische Priester.

Das ist der Unterschied. Und genau das ist heute nicht mehr so recht vorstellbar, in allen Bereichen des modernen Lebens. Wenn man infolge der Gedanken von 1517 und derer, die sich daraus ergeben haben, alles, aber auch alles der so sehr beschränkten eigenen Einsicht unterwirft und dabei die Urteile und Erfahrungen der vergangenen, ganz und gar nicht dummeren Generationen vor uns lächerlich macht und auf den Misthaufen wirft, wenn alles den eigenen, egoistischen Kriterien unterworfen wird, dann endet – ja: endet! - man da, wo wir heute sind.

Wie gesagt: all das und das, was daraus folgt, nimmt einen ersten sichtbaren Anfang im Jahr 1517. Es gibt Leute, die werden das nicht feiern. Sondern trauern.

JV

 

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