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Maximilian Kaller (10.10.1880 – 07.07.1947), Bischof von Ermland PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 07. Juli 2017 um 04:11 Uhr

Selten erzählt die Biographie eines einzelnen Menschen in solcher Eindringlichkeit das Schicksal eines ganzen Volkes, und in diesem Fall auch das Schicksal der Menschen in einem relativ kleinen Landstrich Ostdeutschlands. Den sehr präsenten Spuren des Bischofs von Ermland zu folgen, der heute vor 70 Jahren verstarb, ist ein (nicht nur) historisches Abenteuer - gerade in der heutigen Zeit.

Maximilian Kaller wurde in Beuthen in Oberschlesien geboren. Dass er das zweite von acht Kindern einer wohl recht vermögenden Industriellenfamilie war, ist zweitrangig für seinen weiteren Lebensweg. Der Geburtsort spielt in mancher Hinsicht eine größere Rolle: ist doch Oberschlesien mit seiner Bevölkerung, die nicht so recht polnisch, nicht so recht deutsch, sondern auch im Eigenverständnis zunächst einmal „schlesisch“ ist, typisch für alle die Wechselfälle der deutsch-polnischen Geschichte. Zumindest war die Region seiner Geburt für den späteren Bischof ein Grund dafür, daß ihm „das Polnische“ nicht sehr fremd war.

Sein Landsmann Alfons Nossol (* 1932), Bischof wie er, beschrieb das einmal sinngemäß so, dass die Polen eher gefühlsorientiert seien, die Deutschen hingegen eher vernunftorientiert, und dass es zum Verständnis beider (und zum gegenseitigen Verständnis) ein denkendes Herz und eine fühlende Vernunft brauche.

Maximilian Kaller scheint das gekonnt zu haben. Die erste Pfarrstelle nach seiner Kaplanszeit in Berlin war auf Rügen, und das war echte Missionsarbeit. Nach den vorliegenden Berichten war das Gemeindeleben in der nur geographisch riesigen Pfarrei praktisch gleich Null; Kaller, seit 1905 dort Pfarrer, musste praktisch neu anfangen. Mit Energie, Eifer, Organisationstalent machte er sich an die Arbeit, und dabei kam ihm zugute, dass im Sommer auf dem protestantischen Rügen polnische Schnitter zu hunderten arbeiteten. Dass die Arbeitsbedingungen außerordentlich schwer waren, sei an dieser Stelle nicht verschwiegen. Die bisherige Seelsorge war durch die Sprachbarriere behindert. Pfarrer Kaller hatte den Vorteil, durch seine Herkunft bereits einige polnische Sprachkenntnisse zu haben; diese hatte er während seines Studiums vertieft. So gelang es ihm, in zwölf Jahren unter großem persönlichen Einsatz dem protestantisch geprägten Rügen einen tiefkatholischen Stempel aufzudrücken.

Er bewährte sich entsprechend auf weiteren Posten als Pfarrer und als Apostolischer Administrator von Schneidemühl, einer Prälatur, die nach dem Ersten Weltkrieg auf Grund von „Grenzverschiebungen“ aus Teilen der Bistümer Gnesen und Posen gebildet worden war.

Im Jahr 1930 wurde Maximilian Kaller Bischof von Ermland.

Das Ermland ist der katholische Teil Ostpreußens, ein Dreieck (oder Trapez, wenn man will) zwischen dem Frischen Haff (zwischen Frauenburg und Braunsberg) im Norden und den Städten Allenstein und Rößel im Süden. Katholisch ist es, weil es wegen einer hier nicht nachzuzeichnenden historischen Entwicklung bis 1772 unter der Herrschaft des polnischen Königs stand und auch deshalb von der Protestantisierung des übrigen Ostpreußen ausgeschlossen war: das Ermland blieb fest. Großen Anteil daran haben Kallers Vorgänger in der Reformationszeit, Stanislaus Hosius und Martin Kromer, beide Deutschpolen (oder Polendeutsche), die nicht aus dem Ermland kamen, sondern aus Krakau bzw. Biecz.

Vor allem im Süden von Maximilian Kallers Bistum lebte eine recht starke polnische Minderheit, die von der ermländischen Verwaltung nach den großen Bevölkerungsverlusten durch die Kriege des 15. Jahrhunderts in das Land gerufen worden war und einen eigenen, ermländischen Dialekt des Polnischen entwickelte. Nach allem, was uns vorliegt, war das Zusammenleben der deutschen und der polnischen Ermländer recht unbelastet. Schließlich hatte man denselben Glauben, dieselben Gebete, gemeinsame Lieder und dieselbe starke Neigung zu Wallfahrten an die dort zahlreichen Orte der Marienverehrung. Insbesondere Dietrichswalde (Gietrzwałd) bei Allenstein ist da ein schönes Beispiel: dort erschien die Muttergottes im Jahr 1877 zwei polnischsprachigen ermländischen Mädchen. Die Mädchen standen einer zweisprachigen Untersuchungskommission Rede und Antwort; ihre polnischen Aussagen wurden auf deutsch protokolliert. Alsbald setzte eine große Wallfahrtsbewegung ein, von der es in einer zeitgenössischen Quelle heißt: „„Stehend, sitzend und kniend auf dem vom Regen aufgeweichten Lehmboden des Kirchhofes, der groß genug war, die ganze Menschenmenge zu fassen, hatten die Wallfahrer bald je nach Sprache, Stammverwandtschaft und Heimat sich zusammen gefunden; die deutschen und die polnischen Ermländer, die Litauer und die Masuren, die Koschneider und die Kaschuben, die Oberländer und die Niederunger, überaus zahlreich die Polen, nicht nur aus dem preußischen Anteil und aus Galizien, sondern auch aus Russland, trotz der Sperre und der Grenzsoldaten.“

So wurde also Maximilian Kaller der Bischof dieser katholisch-“multikulturellen“ Diözese. Er predigte deutsch und polnisch, beeindruckte alle durch seine menschliche Wärme, seine Frömmigkeit (er soll außer dem „normalen“ Brevier noch täglich den Psalter gebetet haben), und die Klarheit und Eindeutigkeit seiner Predigt. Während einer der von ihm organisierten Diözesanwallfahrten nach Dietrichswalde im September 1934 hielt er die Predigt auf Deutsch, nach der Messe dann auf Polnisch. Im November 1934 begann er eine polnische Predigt mit den Worten „Geliebtes polnisches Volk“ - und das in der zunächst unseligen, dann katastrophalen Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Das brachte ihm übrigens eine Beschwerde des Gauleiters Erich Koch ein, eines Mannes, den man als Ermländer und Ostpreuße nur mit Verachtung nennt.

Kaller war ein Mann des Widerstands. Seine Hirtenbriefe sprechen eine eindeutige Sprache, einer wurde beschlagnahmt. 30 000 Exemplare der gegen den Nationalsozialismus gerichteten Enzyklika „Mit brennender Sorge“ aus dem Jahr 1937 wurden im Ermland gedruckt, die Druckerei wurde daraufhin von den Nationalsozialisten enteignet.

Im katholischen Ermland hatte der Nationalsozialismus keine Chance. Bei allen Wahlen gab es nur verschwindend geringe Stimmenanteile für die Hitlerpartei, grundsätzlich wählte die breite Mehrheit der Ermländer das katholische Zentrum. Da wundert es nicht, dass die Nationalsozialisten spätestens ab 1937 diese sturen und halsstarrigen ermländischen Katholiken an die Kandarre nehmen wollten: es erfolgen Verhaftungen von Priestern und Laien, alle katholischen Vereine wurden verboten, der verpflichtende „Dienst“ der Hitlerjugend z.B. wurde grundsätzlich auf die Zeit des Sonntagshochamts gelegt (weshalb die obstinate Jugend des Ermlands dann in den Frühmessen zu finden war). „Wir sind vogelfrei; andere dürfen uns höhnen und lästern. Wir dürfen kein Wort der Erwiderung bringen. Von Gewissensfreiheit kann nicht mehr die Rede sein.“ (Bischof Kaller im Fastenhirtenbrief 1938)

In der Kriegszeit sah sich Kaller allerdings gezwungen, manchen Forderungen der nationalsozialistischen Behörden nachzugeben, und wir Nachgeborenen, die wir noch keine Kriegszeiten erlebt haben und deren Widerstand gegen tödliche Entwicklungen unserer Zeit viel zu gering ist, wir Nachgeborenen also sollen uns hüten, über Maßnahmen und Äußerungen von Verantwortungsträgern jener Zeit zu richten.

Das ist Kallers persönliche Leidenszeit. Von der SS wegen des Herannahens der Roten Armee aus seinem Bistum deportiert, kehrte er nach der Niederlage Deutschlands zurück, wurde gezwungen, auf sein Bistum zu verzichten und somit wiederum vertrieben – und zwar unter offenem Bruch des Kirchenrechts, durch Lüge und Verdrehung durch den polnischen Primas Kardinal Hlond, der den Krieg in Frankreich verbracht hatte - und das nicht etwa als Vertriebener.

Der Bischof teilte das Schicksal von Millionen deutschen (und tatsächlich auch polnischen!) Vertriebenen. In Frankfurt, wohin es ihn verschlagen hatte, lebte er mit seiner Schwester und einem Sekretär in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung (ein Zimmer war sein Schlaf- und Arbeitszimmer, das Zimmer des Sekretärs diente als Büro und die Schwester erledigte die anfallenden Hausarbeiten in ihrem Zimmer) – der Bischof der Vertriebenen wollte nicht besser leben als seine Gläubigen.

In den zwei Jahren, die ihm noch blieben, war er der unvergessene Seelsorger und Tröster, der Halt jener, die alles, alles verloren hatten, die Entsetzliches erlebt und überlebt hatten. Wiederum: wir Nachgeborenen können überhaupt nicht ermessen, was in der Seele dieses Bischofs und was in den Seelen seiner Gläubigen vor sich gegangen ist. Wir können aber die Haltung bewundern, mit der das alles ertragen worden ist, und wir können manches besser verstehen, wenn wir an diese entsetzlichen Zeiten denken, in denen Unschuldige auch für die Schuld anderer gebüßt haben.

Heute vor siebzig Jahren starb Maximilian Kaller, Bischof von Ermland, in Frankfurt an einem Herzinfarkt. Sein Grab ist hinter der Marienkirche in Königstein im Taunus zu finden, dort zieht er auch heute noch seine Ermländer an sich, so auch den Verfasser dieser Zeilen. Der Grabstein trägt seinen Wappenspruch „Caritas Christi urget me“, die Liebe Christi drängt mich, und: „Venerunt ex magna tribulatione“, sie kamen aus großer Drangsal.

Das Seligsprechungsverfahren läuft seit 2003, es gibt ein Gebet für die Seligsprechung:

Vater im Himmel!

Du hast Deinen Diener Maximilian zum Priester erwählt und ihn in schwerer Zeit zum Seelsorger in Berlin, Oberhirten von Schneidemühl und Bischof von Ermland bestellt.

In Deiner Kraft hat er unerschrocken das Evangelium verkündet, den Armen und Entrechteten gedient, sich für die Verwirklichung Deines Reiches auf Erden verzehrt.

In der schweren Prüfung der Heimatlosigkeit war er als Päpstlicher Sonderbeauftragter der ihm Anvertrauten ein Vorbild unerschütterlicher Glaubenstreue.

Nach seinem Tod haben viele Gläubige an seinem Grab gebetet, ihn um Fürsprache angerufen und Erhörung gefunden.

In Demut bitten wir Dich, barmherziger Gott, schenke uns Bischof Maximilian als besonderen Schutzpatron der Flüchtlinge und Heimatlosen Europas.

Möge er sich unserer Nöte bei Dir annehmen und der Versöhnung der Völker und dem Frieden unter den Menschen dienen.

Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Amen.“

(Der Förderkreis Seligsprechung Bischof Kaller ist hier zu finden)

JV

 

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