Civitas Institut

Der totalitäre Dämon der Demokratie PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 14. Dezember 2017 um 12:44 Uhr

Osteuropäer, die lange Zeit unter einer kommunistischen Diktatur gelebt haben, sind oftmals empfindsamer und nachdenklicher, wenn es um eine politische Analyse der modernen liberal-demokratischen Gesellschaft geht, die sie seit den 1990er Jahren kennenlernten. Eine der besten Analysen dieser Gesellschaftsordnung, die inzwischen die gesamte westliche Welt erobert hat, findet sich in dem soeben in deutscher Übersetzung erschienen Buch des polnischen Philosophen Ryszard Legutko: Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften. (Karolinger Verlag). Die Analyse des Katholiken Legutko ist in nahezu allen Punkten deckungsgleich mit den Studien des Civitas Instituts und sei hiermit unseren Freunden und Lesern dringend zur Lektüre empfohlen.

 

Kommunismus und liberale Demokratie haben die gleichen Wurzeln

Ausgangpunkt der Analyse der liberalen Demokratie ist die These des Autors, die er bereits in den 1980er Jahren bei Besuchen in Westeuropa entwickelt hat, dass der Kommunismus und die liberale Demokratie die gleichen Wurzeln haben. Das bedeutet natürlich nicht, dass beide dasselbe sind. Beide Systeme sind allerdings hinsichtlich des Totalitarismus, der in ihnen liegt, nicht wesentlich, sondern nur graduell verschieden. Selbstverständlich gibt es in den liberalen Demokratien keine Verhaftungen, Gefängnisstrafen oder Folter wegen abweichender Meinungen, wie im Kommunismus. Auch andere abartige Erscheinungsformen des Kommunismus sind dem Liberalismus fremd, doch der Liberalismus ist gerade deswegen viel erfolgreicher in der Durchsetzung seiner Ideologie. Menschen die nicht mitmachen werden sozial isoliert, für extrem rückständig erklärt, als Rechtsradikale verunglimpft und auf vielfache andere Weise aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, das dadurch immer einförmiger und gleichgeschalteter wird. Immer weniger Menschen wagen es so, grundsätzlich die liberale Demokratie in Frage zu stellen und passen sich an. Dies gilt besonders auch für kirchliche Gemeinschaften. Die europäischen katholischen Kirchen haben inzwischen mehr oder weniger vollständig sich der Ideologie der liberalen Demokratie unterworfen und gehören oft zu den entschlossensten Verteidigern derselbe, was besonders in der gebetsmühlenartigen Wiederholung der „Menschenrechte“ zum Ausdruck kommt, die eine der wichtigsten ideologischen Bestandteile der liberalen Demokratie ist.

 

Die Ideologie der Gleichheit

Das gemeinsame Fundament von liberaler Demokratie und Kommunismus ist nach Legutkos Analyse die Ideologie der Gleichheit. Diese Ideologie ergreift immer weitere Bereiche des gesellschaftlichen und privaten Lebens und dringt bis in die Schlafzimmer der Eheleute ein. Es geht dabei schon lange nicht mehr um eine Gleichheit vor dem Gesetz, sondern um eine Gleichheit in allen Bereichen, um eine totale Gleichschaltung des gesamten Lebens. Von hier aus sind die Ideologien des Feminismus, des Genderismus, der „Ehe für alle“, der Menschenrechte und vieles mehr zu erklären, aber ebenso der Hass gegen jede Hierarchie und Ordnung in der Gesellschaft, der Hass gegen die Familie und alle natürlichen Gemeinschaften wie Volk und Nation, die stets in sich hierarchisch gegliedert sind und deshalb nach Auffassung der Kommunisten und der liberalen Demokraten vernichtet werden müssen.

 

Das Buch gliedert sich in fünf Kapiteln, einem Vorwort und einen sehr pessimistischen Schlusswort. Die in sich mit verschiedenen nummerierten Unterkapiteln versehenen Kapitel lauten: 1. Geschichte, 2. Utopia, 3. Politik, 4. Ideologie und 5. Religion. Das Buch ist bereits 2012 in Polen erschienen, daher sind neuere Entwicklungen seit dieser Zeit nicht berücksichtigt, doch die Analyse bestätigt voll und ganz, was in den seither vergangenen fünf Jahren geschehen ist.

 

Grundidee von der Geschichte: ständiger Fortschritt

Im Kapitel „Geschichte“ zeigt der Autor, dass die Grundidee von Geschichte als ständiger Fortschritt hin zu einer immer besseren Welt, die aber durch menschliche Aktivität durchgesetzt werden muss, beim Kommunismus und Liberalismus identisch ist. Solch eine Vorstellung der Geschichte beinhaltet bereits den Totalitarismus, weil alle Kräfte, die diesen Fortschritt behindern, beseitigt werden müssen um das endgültige Glück zu erreichen. „So ist die liberale Demokratie – wie der Kommunismus – zu einem System geworden, das alle Lebensbereiche durchdringt“ (31). „In gewisser Weise ist die liberale Demokratie eine viel heimtückischere ideologische Mystifikation als der Kommunismus.“ (34)

 

„Menschenrechte“

Ausführlich kommt der Autor auch auf die Ideologie der Menschenrechte zu sprechen, die von liberalen Demokraten ununterbrochen herausgestellt wird. Allein dies sollte Grund genug sein, dass Christen sich von diesem Begriff fernhalten. Es beginnt mit der Veränderung des Begriffs der menschlichen Würde, die jedem bedingungslos zukommt, was eine wesentliche Veränderung dieses Begriffs im Vergleich zur Antike und zum Mittelalter darstellt. Der klassische Würdebegriff ist mit einer Verpflichtung verbunden, er hängt mit einem tugendhaften Leben zusammen. Von dem „angenommen wurde, er besitze Würde“, von dem „wurde erwartet, dass er sich seiner höheren Stellung entsprechend benahm“. Würde musste erworben werden durch ein vorbildliches und tugendhaftes Leben und konnte auch wieder verloren gehen, wenn er würdelos handelt. „Die Idee, dass menschliche Wesen unveräußerliche Rechten haben sollen, ist nicht einleuchtend und extrem schwer zu begründen. Sie hätte einen gewissen philosophischen Sinn, wenn sie von einer starken Theorie der menschlichen Natur abgeleitet worden wäre, wie sie in der klassischen Metaphysik zu finden ist.“ (43) Genau dies ist die Position des Civitas Instituts, die wir bereits seit über 10 Jahren zu vermitteln suchen: Nur das Naturrecht bietet ein Fundament für wirkliche Rechte des Menschen und für eine menschliche Würde. Doch genau dagegen wendet sich die Menschenrechtsideologie und die dazu gehörende „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948, wie der Autor des Buches zeigt (42f.). „Die Würde, so wie sie in der „Deklaration der Menschenrechte“ interpretiert wird, hat nichts mehr mit Verpflichtungen zu tun, sondern mit Ansprüchen und Berechtigungen.“ (44).

Immer wieder weist Legutko auf den „anthropologischen Minimalismus“ hin, der sowohl Kommunismus als auch Liberalismus kennzeichnet. Die Theorie ist geradezu primitiv, sie basiert, wie gesagt, auf die Idee der totalen Gleichheit und der Unvermeidlichkeit des Fortschritts in der Geschichte.

 

Kommunismus und Liberalismus sind Ideologien

Im zweiten Kapitel mit den Titel „Utopia“ zeigt der Autor, dass sowohl der Kommunismus als auch die liberale Demokratie Utopien sind und das dieser utopische Charakter ein weiterer Schlüssel zum Verständnis des Totalitarismus der Demokratie ist. „Der liberale Demokrat meint: Sollte die liberale Demokratie abgelehnt werden, wird die Gesellschaft einem autoritären Regierungssystem, dem Faschismus und der Theokratie zum Opfer fallen.“ (55) Dies erklärt die Terminologie der „Alternativlosigkeit“ in liberalen Demokratien, der von den meisten Menschen geteilt wird und den weltweiten „Kampf gegen Rechts“ in allen liberal-demokratischen Staaten. Diese sind Bestandteile der Ideologie des Liberalismus und haben nichts mit der Realität zu tun. Allein die Suche nach einer Alternative zur liberalen Demokratie gilt bereits als gefährlich und als „verantwortungsloses Unterfangen“. Oft wird zur Stützung der Alternativlosigkeit der liberalen Demokratie ein Zitat von Churchill angeführt, das, wie der Autor zeigt, stets verfälscht und nicht im Kontext wiederholt wird. Wenn man den Satz in Sinne liest von „Demokratie ist nicht gut, aber es ist kein anderes, besseres System erfunden worden.“ (68) führt der Autor dagegen an: „Auch wenn viele diesen Satz für unstrittig richtig halten, ist er trotzdem falsch. Denn das bessere System ist erfunden worden. Er wurde konzeptionell in der Antike als Ergebnis langer Debatten über das beste politische System entwickelt. Das Konzept erschien zuerst in den späten Werken Platos und wurde von Aristoteles weiterentwickelt.“ (68). Thomas von Aquin hat dieses System – einer Kombination aus Demokratie, Aristokratie und Monarchie – auf der Grundlage des Aristoteles noch einmal weiterentwickelt. Davon ist freilich heute nichts mehr übriggeblieben. Die frühen demokratischen Staaten und selbst die BRD, und besonders die USA, wurden zunächst als solche hybriden Republiken gegründet, doch entwickelten sie sich dann oft recht schnell zu liberalen Demokratien. Republik und Demokratie sind nicht identisch, worauf der Autor in einer kurzen Untersuchung hinweist. Auch dies ist heute längst „vergessen“. In einer Republik steht das Gemeinwohl im Zentrum – eine Idee, die bereits von Anfang an in der Antike ins Zentrum der Politik gestellt wurde. Der Liberalismus zerstört den Gedanken des Gemeinwohls, weil er keine Gemeinschaften anerkennt, sondern nur Individuen. „Als Endprodukt dieser Entwicklung hört der Staat in der liberalen Demokratie auf, das Gemeinwohl zu vertreten. Er wurde stattdessen zur Geisel von Gruppen, die ihn ausschließlich als Instrument ihrer eigenen Interessen behandelten.“ (75). Dieser Satz erklärt die Politik der „Minderheiten“ in der gegenwärtigen Politik: Politik für Frauen, Schwule und Lesben und alle weiteren Gruppeninteressen, denen Privilegien zugesprochen werden, die dem Gemeinwohl oftmals sogar deutlichen Schaden zufügen.

 

Volonté générale und radikaler Totalitarismus

„Wir beobachten seit einigen Jahrzehnten die Entstehung eines liberal-demokratischen allgemeinen Willens“, einer Idee, die auf Rousseau zurückgeht und an die Stelle des Gemeinwohls tritt. Diese Idee des „allgemeinen Willens“ impliziert einen radikalen Totalitarismus, der das gesamte öffentliche und private Leben durchdringt. „Durch die Tätigkeit und den Geist der Menschen kann der liberal-demokratische allgemeine Wille allem und jedem seinen Stempel aufdrücken, auch denen, die entschlossen für andere Richtungen sein sollten.“ (80) Kommunisten und Sozialisten verteidigen ihre Positionen, doch sie versuchen zu zeigen, dass sie noch viel toleranter, demokratischer, liberaler, pluralistischer, inklusiver usw. usf. sind, als die anderen Parteien. Und selbst die Konservativen entziehen sich nicht dieser Toleranzideologie des allgemeinen Willens der liberalen Demokraten. Hier ist die Erklärung für die Entwicklung der CDU/CSU, bzw. aller ehemaliger konservativen Parteien Europas: „Die Konservativen, die eigentlich sowohl den Sozialisten als auch den Liberal-Demokraten widersprechen müssten, argumentieren allen Ernstes, dass auch sie offen, pluralistisch und tolerant seien, alle Leistungsansprüche unterstützen und auch für die Forderung von feministischen und homosexuellen Aktivisten offen seien. Auch in dem, was sie verurteilen, sind sich Liberal-Demokraten, Sozialisten und Konservative einig: Sie verurteilen Rassismus, Sexismus, Homophobie, Diskriminierung und Intoleranz so wie all die anderen Sünden, die im liberal-demokratischen Katechismus aufgelistet sind. Zugleich dehnen sie die Begriffe unendlich aus…“ (80). Es ist ungemein schwierig geworden, sich diesem Druck zu entziehen, aber Konservative und Christen, die dies wahrhaft bleiben wollen, sollten sich diesem Druck nicht unterwerfen. Sagen Sie lieber: „Ja, wir sind intolerant, rassistisch, homophob und was auch immer. Doch was bedeutet das denn? Wir unterwerfen uns niemals dieser kranken liberal-demokratischen Ideologie!“ Man wird uns des „Hate speech“ bezichtigen, doch auch dies ist nur ein Mittel der Unterwerfung. Ohne Widerstand wird dieses System immer schneller seinen totalitaristischen Anspruch durchsetzen, zumal im Hintergrund dieser gesamten Entwicklung die brutalste und totalitärste Organisation steht, die es derzeit gibt: die Europäische Union. Der Autor weist darauf hin: „Eine europäische Perestroika würde die EU nicht überleben.“ (85). Für die Zukunft der EU gibt es nur eine Perspektive: Die völlige Zerschlagung. Eine Reformierung ist nicht möglich, sie wird ihre Ansprüche durchsetzen und sich mehr und mehr zu einer EUdSSR verwandeln.

 

Nicht Auswüchse der liberalen Demokratie, sondern deren Wesen

Es müsste noch viel mehr über dieses großartige Buch gesagt werden und wir haben erst die Hälfte des Bandes vorgestellt, aber schon jetzt unsere Leser etwas überbeansprucht. Das Besondere dieser Analyse liegt (a) in der Zusammenschau und Begründung all der Phänomene, mit denen Konservative und Christen heute ständig konfrontiert werden und (b) in dem Ergebnis der Analyse, dass alle diese grauenhaften Erscheinungen und der zunehmende Druck auf Konservative und Christen, die zunehmende Unterdrückung von Gegnern der modernen Ideologie und die Gleichschaltung aller Medien keine Auswüchse des Systems sind, sondern genau das Wesen der liberalen Demokratie widerspiegeln. Daher ist es nicht mit einer Kritik an einzelnen Auswüchsen getan, wie sie z.B. von der AfD und anderen Konservativen heute geübt wird, wobei man ständig zugleich versichert, man sei doch tolerant und liberal etc. Die Kritik muss grundsätzlicher ansetzen und die liberale Demokratie selbst in Frage stellen. Dies wird selbstverständlich dazu führen, dass Personen und Organisationen, die dies tun, zu Verfassungsfeinden und Nazis erklärt werden, obwohl das deutsche Grundgesetz nicht für eine liberale Demokratie geschaffen wurde, sondern von diesen liberalen Demokraten in Beschlag genommen und für ihre totalitären Zwecke verfälscht wurde. Aber ohne die Bereitschaft zu Opfern, ohne die Bereitschaft, seine eigene Identität zu bewahren und nicht der Ideologie zu unterwerfen, wird es keine Änderung zum Besseren geben.

 

Ist die liberale Demokratie das letzte Stadium des Menschen?

Aber auch dann, wenn man Widerstand leistet, z.B. gegen die Gleichschaltung der Sprache und den ständigen Meinungsterror der liberalen Demokratie, kann man nicht viel erwarten. Der Autor ist sehr pessimistisch, was eine Überwindung der liberalen Demokratie angeht:

„Sicherlich werden noch neue Rechte erfunden werden, damit alle noch gleicher werden, die feministische Ideologie wird noch absurdere Wege einschlagen und die Menschen, die so stolz auf ihre intellektuelle Unabhängigkeit sind, werden wieder alles schlucken und akzeptieren.“ (187) … Dieses Kapitel wird auch die Erfüllung dessen beinhalten, was der Kommunismus geplant hatte, jedoch zum großen Bedauern seiner Anhänger nicht verwirklichen konnte: die Verschmelzung des Menschen mit dem System und des Systems mit dem Menschen.“

Vielleicht führt der Widerstand nicht zu Alternative. Doch die Wenigen, die trotzdem Widerstand leisten, können erhobenen Hauptes ihre Identität bewahren und widerstehen so dem Massenwahn der liberalen Demokratie. Anders lässt sich wohl auch nicht das Recht Gottes, seine Königherrschaft in Staat und Gesellschaft, verteidigen.

 

Ryszard Legutko

Der Dämon der Demokratie

Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften

ISBN 978-3-85418-176-7

Karolinger Verlag, Wien und Leipzig 2016

188 Seiten, gebunden, 23,00 Euro

Zu beziehen bei Sarto Verlag

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