Civitas Institut

Laßt uns Kathedralen bauen! (3) PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 25. Januar 2018 um 16:03 Uhr

2. Europäische Völker und Nationen

Volk und Nation sind Begriffe, die immer wieder neu und unterschiedlich definiert wurden. Wenn auch Franzosen keinerlei Identitätsprobleme haben, dann liegt das an einer relativ offenen Definition des Begriffes: die Revolution von 1789 bestimmte (es sei erlaubt, zu vereinfachen; die Geschichte ist etwas komplizierter), daß Franzose sei, wer auf französischem Territorium geboren wird. Daß dem so einfach nicht ist, erfährt das Land ganz aktuell, indem es nämlich nunmehr Franzosen gibt, die weder in der kulturellen Tradition Frankreichs stehen noch auch nur die Sprache annehmbar beherrschen.

Ein anderes Beispiel: wenn wir annehmen (im Sinne von „akzeptieren“), daß das Elsässische ein deutscher Dialekt ist; wenn wir feststellen, daß das Elsaß teilweise ein Bilderbuch von Typischem ist, so haben wir doch jetzt keine Probleme damit, zu sagen, daß von der Staatlichkeit her das Elsaß und die Elsässer Franzosen sind. Sind nun die Elsässer französisierte Deutsche? Sind sie einzig Elsässer? Vom Volkstum deutsch, von der Staatsangehörigkeit Franzosen? Nichts von alledem?

Wie steht es mit den Bewohnern der ostbelgischen Kantone, die von Dialekt, Lebensweise und Charakter ihren ripuarischen Nachbarn jenseits der deutsch-belgischen Grenze so ähnlich sind, und die seit 1919 denn doch unbestritten zur belgischen Staatlichkeit gehören? Und jene Belgier in Fouron, an der Grenze zu den Niederlanden, deren Dialekt von ihnen selbst als ein deutscher bezeichnet wird, die aber als Hochsprache französisch reden und schreiben (da sie in wallonische Schulen gegangen sind), deren Zuweisung zum ihnen völlig fremden flämischen Teil Belgiens zu wütendem Aufruhr geführt hat und bis heute nicht verziehen ist?

Und die Dänen im deutschen Schleswig? Und die Deutschen im dänischen Schleswig? West-, Ost-, Nordfriesen in den Niederlanden, in Deutschland und in Dänemark? Sorben?

Es muß sicher nicht betont werden, daß mit diesen Beispielen niemand „heim ins Reich“ geholt werden soll – nichts liegt ferner. Die Problematik in diesem Bereich ist uns auch in unserem eigenen Vaterland deutlich genug: wie sehr unterscheiden wir uns, wie unterschiedlich sind unsere Prägungen! Romanisch geprägt, slawisch geprägt, nordisch geprägt, und doch so typisch deutsch, daß man uns in aller Verschiedenheit relativ schnell identifiziert. Der Kölner, der noch heute dem vermutlichen Erbe seiner Vorfahren aus jener römischen Legion aus der Gascogne frönt, die lange im römischen Köln lag (die Gascogner sind noch heute in ganz Frankreich für ihre Neigung zu Scherz und Spott bekannt), dieser Kölner ist nicht mehr oder weniger deutsch als der Niedersachse, der sich immer noch, dem Brauche seiner germanischen Vorfahren folgend, gekreuzte Pferdeköpfe (inzwischen Gott sei Dank aus Holz) an den Hausgiebel nagelt.

Wir sind dem Geheimnis auf der Spur, und wir wollen es an zwei Enden „begreifen“: ganz spontan fällt ein, daß der hl. Augustinus, nordafrikanischer Kirchenvater aus dem 4./5. Jahrhundert, vermutlich eine erheblich dunklere Hautfarbe als unsereins hatte. Mit der größten Selbstverständlichkeit, ohne irgendeine Bedeutung für Rasse, gar „Nation“ (die gab es ja noch nicht) war er christlich, war er katholisch. Und am anderen Ende finden wir jemanden, der aus einer deutschen Kaufmannsfamilie stammte, sich selbst als Deutscher empfand; gemeint ist Nikolaus Kopernikus, dessen ostpreußische Heimat im 16. Jahrhundert noch ein Lehen des polnischen Königs war. Das aber, und darum geht es, bedeutete nun ganz und gar nicht, daß Kopernikus Pole gewesen sei, ebenso wenig, wie etwa die Straßburger 1682 Franzosen geworden sind. Er war Untertan seines Lehensherren, so wie die Straßburger dann eben Untertanen des französischen Königs waren.

Diese Beispiele zeigen, wie wenig wichtig diese Dinge im christlichen Zeitalter waren. Diese Kultur war universal, sie legte Wert auf ganz andere Werte. Die Zeiten haben sich erst seit dem französischen Staatsmann Richelieu geändert, der im 17. Jahrhundert die Interessen des eigenen Staates über alles andere stellte, und natürlich seit der Revolution von 1789, die Begriffe wie Staat, Volk, Nation uminterpretierte und für ihre Ziele nutzte. An diesen neuen Bedeutungen leiden wir noch heute, an den Trennungen, an den Abgrenzungen, an den künstlich erzeugten Feindschaften zwischen Völkern, die Feindschaften in diesem Sinne vorher nie gekannt hatten. Warum denn gegen die Franzosen ins Feld ziehen? Oder gegen irgendwelche Völker sonst? Welchen Sinn sollte das denn haben? Seinen Lehensherrn, seinen Beschützer zu verteidigen (genau das!), seine Pflicht in seinem jeweiligen Beziehungsgeflecht zu tun, das hat Sinn. Aber mit dem eigenen Volk gegen ein ganzes anderes Volk kämpfen, gegen einen „Feind“, den man nicht einmal kennt? Das konnte jene Epoche vor Richelieu, vor der Revolution nicht begreifen. Deshalb mußten unsere jeweiligen Vorfahren ja künstlich aufgeputscht werden mit Haßreden und Haßliedern. - Übrigens wurde auch der Mohammedaner damals nicht etwa deshalb bekämpft, weil er Mohammedaner oder Araber oder Türke war; dazu ist an anderer Stelle viel zu sagen.

Das christliche Zeitalter hatte ganz andere Werte, und die waren nichts anderes als faszinierend. Da die Gesellschaft nicht aus staatlicher Organisation, sondern aus Beziehungen von Menschen untereinander bestand, setzte die Kirche alles daran, in diese Beziehungen Frieden hineinzubringen. Der „Gottesfriede“, die treuga Dei hatte auch handfeste Bedeutung: am Donnerstag sollte wegen der Einsetzung des Altarssakramentes Frieden herrschen, der Tod des Herrn verbot natürlich Kämpfe am Freitag, desgleichen die Grabesruhe Christi Kämpfe am Samstag, und ein kampffreier Sonntag versteht sich von selbst. Im Laufe der Zeit wurden mit Festen, Feiern, Gedenktagen immer mehr Gründe gefunden, Kampf zu verbieten. Wiederum zeigt sich die segensreiche Wirkung der Christianisierung: die Zeiten und das Leben werden objektiv friedlicher. Das christlich geprägte Zeitalter kennt keine Auseinandersetzungen in den Dimensionen neuzeitlicher Kriege, weil es eben ein christliches Zeitalter war. Das war eine jahrhundertelange Friedensbewegung, die es schaffte, kriegerischen Raufbolden das Ideal des christlichen Ritters zu vermitteln, eine Leistung, die sogar in unserer heutigen Sprache noch einen Nachhall hat, wenn wir von ritterlichem Verhalten sprechen. Welche Strahlkraft bis in unsere Zeit!

Andere Werte. Der böhmische Herzog Wenzel wird nach seiner Taufe von seinen Untertanen erschlagen, desgleichen Olaf von Norwegen 1036, der Dänenkönig Knut IV 1086 (zusammen mit seinem Bruder, nach der Beichte vor dem Altar knieend!!), Erich IX. von Schweden, der Ungarnkönig Stephan (Weihnachten 1000). Sie alle werden als Heilige verehrt und haben ihren Völkern den Weg ins christliche Europa geebnet. Vor allem Stephan von Ungarn ist ein schönes Beispiel, deswegen ist er chronologisch unrichtig an letzter Stelle genannt: die Ungarn sind von ihrem Herkommen her kein europäisches Volk. Erst des Königs Blutopfer, erst die Christianisierung hat sie zu Europäern gemacht, und dies vollständig, nachdem sie lange, lange die Geißel Europas waren. Interessanterweise erfolgte die Christianisierung aus dem heute frankobelgischen Wallonien – vor kurzer Zeit erst hat man Gemeinsamkeiten bis in Volkslieder hinein erkannt und wissenschaftlich erforscht. Ähnliches gilt für Bulgarien: ursprünglich kein europäisches Volk, wurden die Bulgaren von den hll. Kyrill und Methodius bekehrt, christianisiert – und ihre Zugehörigkeit zu Europa ist heute unbestreitbar, damals dienten sie gewissermaßen als Glaubensbrücke für die anderen Völker des Ostens.

Um das Jahr 1000 herum entsteht ein berühmtes Bild, das Kaiser Otto III. auf dem Thron zeigt. Ihn stützen Bischöfe und Ritter, und ihm huldigen vier Frauen, die als Frankien, Germanien, Italien und Slawien gekennzeichnet sind. Damit ist umrißartig die damalige Christenheit in ihrer geographischen Ausdehnung dargestellt. Und etwas anderes ist dargestellt: die Kirche hat nie künstliche Gleichheit geschaffen, ein Egalitätsprinzip ist ihr völlig fremd. Wenn die Dänen Christen wurden, mußten sie nicht etwa ihr Dänentum aufgeben, sondern die Kirche förderte sie und machte eben bessere Dänen aus ihnen – desgleichen mit Franken in Ost und West, mit Germanen, Slawen und, wie wir gesehen haben, auch mit außereuropäischen Völkern. Ein Bild sei erlaubt: die Kirche hat, als Mutter der europäischen wie auch aller anderen Völker, in ihrer Weisheit den unterschiedlichen Charakter ihrer Kinder immer gekannt, und wie eine gute Mutter hat sie versucht, bei der Erziehung die guten Charaktereigenschaften des jeweiligen Kindes zu fördern, zu stärken, die schlechten Eigenschaften hingegen zu dämpfen, wenn sie schon nicht auszuschalten sind. Der Kontakt mit der Kirche, mit dem Glauben, schaffte weder die Völker ab noch die gottgegebenen und geschichtlich gewachsenen Unterschiede zwischen ihnen. Dieser Kontakt sorgte für ein Zusammenleben der christlichen Welt, welches, es sei noch einmal gesagt, selbstverständlich nicht konfliktfrei war, Konflikte wie die der Neuzeit aber gar nicht zuließ, weil man trotz aller Unterschiede im anderen, auch im anderen Volk grundsätzlich Gottes Geschöpf und den christlichen Bruder begriff. Und diese christliche Welt war so zusammenhängend, weil der katholische Glaube und die lateinische Sprache (die zumindest von den Gebildeten überall, auch auf den Inseln, verstanden und gesprochen wurde) ein starkes Band der Einheit waren. Das wird am Beispiel der europäischen Gelehrsamkeit und der europäischen Kunst (eigentlich bis zum modernen Bruch – deswegen ja der Bruch!!) zu zeigen sein.

Zwei Schilderungen privater Art seien erlaubt, weil sie diese Katholizität und ihre immer noch vorhandene Strahlkraft besonders eindrücklich verdeutlichen. Vor einiger Zeit näherte sich ein Bekannter seinem Wohnhaus, in dem seine Frau bei geöffnetem Fenster vernehmlich die gregorianischen Gesänge für den kommenden Sonntag übte. Vor dem Haus kehrte der türkische, keineswegs katholische Ladenbesitzer die Straße: und pfiff die Gregorianik mit! Das sagt nicht nur etwas über die Gregorianik, welche die katholische Musik überhaupt ist, sondern auch über den Glauben, der diese Musik geschaffen hat und dessen Ausdruck sie wiederum ist.

Und vor kurzem kniete im sonntäglichen Hochamt meiner Heimatgemeinde vor mir eine junge Russin mit offensichtlich polnischem Gebetbuch, neben ihr ein halbwüchsiger Russe, der offensichtlich von seiner Schwester (nicht jener anderen Russin neben ihm) mit Hilfe eines kleinen Meßbuches in kyrillischer Schrift in die Geheimnisse der Messe eingeführt wurde. Neben der Schwester eine junge Frau, von der ich weiß, daß sie aus Syrien kommt, und zwei Reihen davor eine schwarze Afrikanerin mit französischem Vornamen. Aus nostalgischen Gründen verfolge ich die lateinischen Meßtexte mit Hilfe eines „französischen Schott“ (es waren aber auch viele, viele weitere Deutsche in der Kirche!), und alle zusammen waren wir in unserer gemeinsamen Messe, dem Ausdruck unseres gemeinsamen Glaubens, und sangen in lateinischer Sprache. Weit, weit oberhalb von Nation, sogar oberhalb von Volk, allumfassend, wie das europäische, christliche Zeitalter.

 

 

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