Civitas Institut

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Samstag, den 27. Januar 2018 um 16:32 Uhr

4. Europäische Bildung

Der Historiker Walter Brandmüller weist darauf hin, daß im frühen Europa eigentlich drei Institutionen prägend gewesen sind: neben das sacerdotium, das Priestertum, und das imperium, die weltliche Herrschaft, tritt die Universität, das studium. Die Universitäten sind die Orte, an denen die Kultur weitergegeben wird, und sie sind eine der größten Früchte, die das Christentum hervorgebracht hat. Henri Pirenne hat es zwar negativ gemeint, und doch hat er (und zwar positiv) recht, wenn er schreibt: „Bis zur Renaissance ist die Geistesgeschichte Europas lediglich ein Kapitel der Kirchengeschichte“. Genau so ist es.

Die Universität ist eine in einer bestimmten Stadt errichtete Körperschaft, welche Studenten und Professoren welcher Herkunft auch immer umfaßt. Die Wurzeln dieser Einrichtung gründen sich in den Bischofs- und Klosterschulen, in denen schon am Ende des ersten Jahrtausends die Sieben Freien Künste gelehrt wurden: das Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik) und das Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie). Karl der Große und sein Kreis kirchlicher Gelehrter (diesem Kreis stand der angelsächsische Mönch Alkuin von York vor, der von etwa 730 bis 804 lebte) schrieben für das gesamte Reich die karolingische Minuskel vor, eine Schrift. Und diese Schrift trug zur Vereinheitlichung der entstehenden europäischen Kultur bei: die vorher stark variierenden Schriften der verschiedenen Landschaften, Klöster, Länder waren nicht nur äußerst kompliziert, sondern auch schwer zu lesen.

Noch vor der weltlichen schuf die kirchliche Macht die Universitäten und übertrug ihnen Vorrechte und einen rechtlichen Status.

Die Pariser Sorbonne zum Beispiel hat ihren Namen von dem Kanonikus Robert von Sorbon, dem Kaplan des heiligen Königs Ludwig. Sie hatte einen vollständig kirchlichen Charakter: die Professoren waren alle Kleriker, und die beiden großen Orden, die das 13. Jahrhundert erhellten (gemeint sind natürlich die Franziskaner und Dominikaner), brachten den heiligen Bonaventura und den heiligen Thomas von Aquin hervor. Aus allen Teilen der Erde kamen die Studenten und Professoren: Sigier von Brabant und Johannes von Salisbury zeigen das schon durch ihre Namen, der heilige Albert der Große kam aus dem Rheinland, der hl. Thomas und der hl. Bonaventura kamen aus Italien.

Die Probleme, für die die Studenten sich begeistern, sind dieselben in Paris wie in Edinburg und in Köln, und es ist ein und dieselbe Sprache, derer man sich bedient: das Lateinische; es ist überall dasselbe curriculum studiorum, derselbe Lehrplan; die von der jeweiligen Universität vergebenen Titel sind in ganz Europa allgemein anerkannt. Neben den Pilgern und Händlern verbreiten hauptsächlich Studenten und Professoren jene außerordentliche Lebendigkeit und Beweglichkeit, die das christliche Europa im Mittelalter beherrscht.

Man kann sich die Ausbreitung der europäischen Institution „Universität“ sehr schön mit Hilfe einer Karte verdeutlichen – der zeitliche Rahmen macht sowieso erstaunen, wenn man an die technischen Möglichkeiten der Zeit denkt. Welche große geistige Kraft muß hinter dieser Entwicklung gestanden haben: Bologna wird 1088 gegründet und wird berühmt wegen des römischen Rechts; Paris (1150) wird die berühmteste Universität wegen der Dialektik und der Theologie (der hl. Thomas lehrte dort; die sogenannt französische Revolution schloß sie und raubte alles, die letzten Lehrer wurden vertrieben, als 1801 der Louvre, in dem sie lebten, als Museum eingerichtet wurde), Salerno (1173) wird Mittelpunkt der Medizin, und dann geht es Schlag auf Schlag: Valencia 1208, Oxford 1214, Padua 1222, Toulouse 1229, Salamanca 1243, Lissabon 1290 (sie wurde 1537 nach Coimbra verlegt), Rom 1303, Prag (die erste deutsche Universität) 1348, Wien 1363, Krakau 1364, Heidelberg 1385, Löwen 1424, Basel 1459, Uppsala 1477, Kopenhagen 1478. Kurz nach der Entdeckung Amerikas entstanden. nach dem Vorbild der Universität von Salamanca, die Universitäten von Mexico (1553) und Lima (1555).

Der Historiker Jacques LeGoff schreibt, daß die Universitäten das Idealbild einer wissenschaftlichen und intellektuellen Organisation darstellen, und das bis in unsere Zeit hinein. An ihnen wurde die Scholastik ausgearbeitet, deren Methoden der Analyse, der Synthese und der philosophisch-wissenschaftlichen Forschung den modernen kritischen Geist und die Entwicklung der heutigen Wissenschaften erst ermöglicht haben. Der hl. Thomas schuf dank seines Genies die Form des Denksystems, welches auch heute noch das vernunftorientierte Fundament des christlichen Europa bildet.

Eine wesentliche Rolle spielte die offizielle christliche Sprache, das Lateinische. Latein einigte Europa in kultureller, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Nach und nach förderte die Kirche auch die europäischen Nationalsprachen, zunächst die neolateinischen, romanischen Sprachen, die Kultur und kulturelles Leben des Kontinents bereicherten. Die klassische Bildung und der christliche Glaube wurden so in nationale Traditionen, Gebräuche, Gesetze und Institutionen übertragen. - Übrigens waren die ersten Texte in den Nationalsprachen meist religiöse Texte. Der hl. Franz von Assisi schrieb nach 1200 sein Cantico, den Sonnengesang, und von dieser Dichtung ging nicht nur die religiöse Dichtkunst in Italien im 13. und 14. Jahrhundert aus. Lange währte die Strahlkraft dieses mystisch inspirierten Ursprungs auf die italienische Nationalliteratur.

Die christliche Universität, die christliche Wissenschaft ist die Grundlage auch für die heutige Sicht der Realität. Auch in dieser Beziehung steht unsere moderne Kultur immer noch und stark auf den Schultern des christlichen Zeitalters: so wäre auch die moderne Naturwissenschaft nicht möglich ohne die vernunftbetonte Weltwahrnehmung der christlichen Zeit. Keine andere Kultur der Welt hat diese Weltwahrnehmung in diesem Maße besessen, sie hat uns geformt und geprägt: ob wir es wollen oder nicht, ob wir es verleugnen oder nicht, ob wir es verfälschen oder nicht. Keine Macht der Welt kann uns von diesem Erbe trennen, und der erklärten Nicht-Christin Oriana Fallaci ist zuzustimmen, wenn sie trotz aller Ablehnung der Kirche und des Glaubens von ihrer kulturellen christlichen, katholischen Identität als dem wesentlichem Teil ihrer italienischen, europäischen Identität spricht.

Die christlichen Wurzeln und die jahrhundertelange christliche Geschichte dieses Kontinents definieren ihn. Wer diese christlichen Wurzeln nicht hat, wer diese Geschichte nicht hat, kann nicht im eigentlichen Sinne Europäer sein: ihm fehlt die europäische Identität. Es ist nicht so, daß man das nicht ändern will. Man kann das nicht ändern: es geht nicht. Ein Europa ohne seine christlichen Wurzeln, ohne seine christliche Geschichte, ein Europa gar, welches sich selbst fremd würde: es würde sterben im wörtlichen Sinne. Vielleicht sinkt deshalb die Geburtenrate in ganz Europa dramatisch, vielleicht sinkt deshalb die Lebenskraft Europas so ersichtlich, vielleicht ist Europa deshalb so wehrlos.

 

 

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