Civitas Institut

Laßt uns Kathedralen bauen! (6) PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 28. Januar 2018 um 16:45 Uhr

5. Europa und die Kunst

Der St. Gallener Idealplan eines Klosters aus dem Jahre 820 läßt uns heute noch fast so sehr erstaunen, wie damals unsere Vorfahren über die Klöster gestaunt haben: das Kloster war eine völlig selbständige Einheit mit allem, was eine Gemeinschaft zum Leben braucht. Da gab es Bäckerei, Brauerei, Viehzucht, Gartenbau (mit Düngung, damals völlig neu!), Krankenhaus, Hotel, Arztpraxis, Schulen, Bibliothek, Schreibstube ... . Und da gab es die Kirche, den Kreuzgang, den Schlafsaal, den Speisesaal: eine abgeschlossene Welt innerhalb der selbständigen Einheit Kloster; jene draußen dem technischen Teil, diese innen dem geistlichen Teil des menschlichen Lebens gewidmet.

Da haben wir wiederum etwas entdeckt, das über Grenzen, Nationen, Völker hinweg in höchstem Maße europäisch und in dieser Ausformung in keiner anderen Kultur so ausgeprägt ist: die enge Verbindung von Arbeit und Reflexion, von Gefühl und Konstrukt, von innen und außen.

Das kann man besonders deutlich am typischsten Beispiel für katholisch-europäisches Denken verständlich machen, nämlich an der gotischen Kathedrale, entstanden eben in jener hohen Zeit des katholischen Europa und, von Frankreich ausgehend, über das gesamte Europa verbreitet. Wenn man sie von außen betrachtet, versteckt sie ihren technischen Charakter gar nicht. Ein ausgeklügeltes System von Strebepfeilern und Bögen leitet den Druck von Mauern und Gewölbe ab und ermöglicht kühnste Konstruktionen. Sie sei „am Horizont ganz nah“, sagen die Franzosen über die Kathedrale von Chartres, die man lange vor der Stadt Chartres selbst in der Ferne wahrnimmt – ähnliches gilt von der wohl reinsten, vollkommensten Kathedrale, dem Kölner Dom, der alle anderen Bauwerke des Nachkriegs – Köln nicht an Höhe, aber an Eindruck und Majestät auch aus der Ferne weit überragt.

Vielleicht können wir Heutigen ein wenig von dem nachvollziehen, was unsere Vorfahren beim Betreten dieser Bauten gefühlt haben müssen. Das Ebenmaß der Architektur, die genau berechnete Raumwirkung bringt den Blick unvermeidlich zum Hochaltar, von dort aus in die Höhe des Gewölbes, und dann wieder hinunter zum Altar: die gotische Kathedrale ist, wie man sieht, ein theologisches Programm, weit ausführlicher, als wir es hier fassen können.

Licht sei, so glaubte man im katholischen Zeitalter zur Zeit der gotischen Kathedralen, Licht sei der Abglanz Gottes aus dem Paradies. Und dieses Licht strahlt durch die riesigen Fenster der Kathedrale, färbt den aufsteigenden Feiertags – Weihrauch bunt, wirft Bilder an die Wände: welch' ein Wunder! Wir, denen ständig Wunder banalster Art vorgegaukelt werden, können nur noch wenig von den Gefühlen nachvollziehen, die unsere Vorfahren bewegt haben müssen. Wir sind arm, sehr arm im Vergleich zu ihnen.

Außen also ist die gotische Kathedrale unversteckte Technik zum Lobe Gottes: auch in höchster Höhe, wo man sie nicht sieht, sind die Bauteile und Statuen so sorgfältig ausgeführt wie die im sichtbaren Bereich. Innen jedoch ist die Kathedrale reine Religion, reine Mystik, ein wirkliches Stück Himmel auf Erden, ein Vorgeschmack des Paradieses, voller reichster, oft verborgener Symbolik. Gleiches gilt in Musik und Malerei. Europäische Musik war bis in die Neuzeit nach Gesetzen konstruiert, war später starke, stärkste Emotion: und doch kontrolliert. Sie ist Kunstwerk, weil sie strukturiert ist, gestaltet ist, weil sie geformte und sinnvolle Aussage ist. Gleiches gilt für die bildende Kunst. das Europäische daran ist immer das kontrollierte, strukturierte Gefühl, die (auch kämpferisch) beherrschte Emotion. Selbst in ihrer Spätphase sind Baukunst, Musik, Malerei – auch z.B. nach dem „Zerbrechen der Form“ bei Beethoven – immer strukturiert. Bestes Beispiel hierfür ist unsere polyphone, mehrstimmige Musik, eine Musik, die unserer Kultur und keiner anderen menschlichen Kultur eigen ist. Und die wiederum und trotzdem so universell ist, daß einige ihrer besten Interpreten heute nicht aus Europa, sondern aus asiatischen Ländern stammen. Im Gefolge eines Lan-lan und Yo-Yo-Ma lernen zehntausende junger Asiaten europäische Musik und bringen es zu atemberaubender Meisterschaft.

Begonnen aber hat die Mehrstimmigkeit im katholischen Zeitalter mit Perutin und Leonin in Paris, hat sich immer mehr entfaltet und wurde zu einem perfekten Mittel, große Grundwahrheiten des menschlichen Lebens kontrolliert und nachvollziehbar wiederzugeben: welch' eine intellektuelle Leistung, welche hohe Kultur. Von Malerei und Bildhauerei kann Gleiches gesagt werden.

Keine andere Kultur der Welt hat ihre Lebensäußerungen so überhöht, so intellektualisiert, so vergeistigt wie die europäische, wie die Kultur dieses erstaunlich kleinen, immer wieder existentiell bedrohten Anhängsels des unvergleichlich größeren Asien, Nachbarn des unvergleichlich reicheren Afrika. Europäer kann nur sein, wer sich dieses Erbe, dieses christlich begründete Erbe zu eigen macht, ganz bewußt zu eigen macht – wenn er es nicht, auch ohne es zu wissen oder auch nur zu ahnen, sowieso durch seine Herkunft und sein Lebensumfeld verinnerlicht hat.

 

 

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