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Im Herzen die Freiheit! PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 18. März 2018 um 16:03 Uhr

Manchmal fallen einem Bücher in die Hand, die regelrechte Augenöffner und Denkanreger sind: das gilt auch für ein nur vom Umfang, keineswegs aber vom Inhalt her schmales Buch, das der rührige, junge Renovamen-Verlag auf den Markt gebracht hat. Es stammt aus dem Jahr 1936 und hat den ungeheuren Reiz, eine Analyse der „Würde des Christentums und der Unwürdigkeit der Christen“ zu liefern, die mit dem Abstand von nunmehr über 80 Jahren überprüft werden kann.

In der ersten Hälfte des katastrophenträchtigen 20. Jahrhunderts führte sein Lebensweg den russischen Philosophen Nikolai Alexandrowitsch Berdiajew aus Russland, aus der Sowjetunion nach Westen, nach Berlin, wo er Spengler, Scheler und Tillich traf. Die Nationalsozialisten verboten seine Bücher wegen angeblicher prosowjetischer Einstellung, Berdiajew ging später nach Paris und starb 1948 in Clamart-sur-Seine bei Paris. Sein intellektueller Lebensweg führte von spätpubertärer Marxismus-Begeisterung (wer hatte die nicht?) zur Hinwendung zum russisch-orthodoxen Christentum, was ihm die Verbannung aus Lenins bolschewistischer Hölle eintrug.

Das vorliegende Buch ist eine komprimierte, aber eben deshalb verständliche und nachvollziehbare Analyse der Lage des Christentums in der heutigen Zeit, und das weit vor den völlig falschen Reaktionen des 2. Vatikanums auf eben diese Lage. In sehr gut lesbarer Form gibt Berdiajew eine scharfsinnige Diagnose. Gleich zu Beginn stellt er fest: „Heute, da der Glaube zu versiegen droht und der Unglaube eine allgemeine Verbreitung gefunden hat, pflegt man das Christentum nach den Christen zu beurteilen; in früheren Zeiten dagegen hat man das Christentum nach seinen ewigen Wahrheiten, nach seiner Lehre und seinen Dogmen gewertet. Unser Zeitalter ist aber von dem Menschen und dem Menschlichen zu sehr beherrscht.“ Was soll man da hinzufügen, außer: ja, es stimmt! Und das schreibt Berdiajew bereits 1936, es ist mehr als 80 Jahre her. Berdiajews Schlussfolgerung daraus erfolgt wenig später: „Die Verwirklichung der Religion der Liebe ist unendlich schwierig, aber diese Religion verliert dadurch weder an Erhabenheit noch an Wahrheit.“

Und so geht Berdiajew auf die ganze Bandbreite der nicht erst heute ebenso aktuellen wie hinfälligen Angriffe auf Glaube und Kirche ein. Die angeblich dunklen Kapitel der Kirchengeschichte? „Die äußere Geschichte der Kirche ist sichtbarer Natur; sie kann jedem zugänglich gemacht werden. Anders verhält es sich mit dem inneren und geistigen Leben der Kirche, mit der Wendung des Menschen zu Gott, der Entfaltung der Heiligkeit. Es ist schwer, diese Dinge darzustellen, weil die äußere Geschichte der Kirche sie verhüllt und in den Schatten stellt.“

So legt Berdiajew viele „umstrittene“ Punkte des Christentums im scheinbaren Konflikt mit der „Moderne“ dar, erklärt ruhig, sachlich und bestimmt, warum Glaube und Kirche letztlich überlegen sind – trotz der argen Fehler und Schwächen der Menschen in der Kirche. Immer wieder schweift der Leser ab, um eigene Gedanken, Erfahrungen, Beispiele in die Lektüre einzubeziehen, und das, genau diese aktuellen Bezüge machen die Lektüre zu einem großen Gewinn.

Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass der eine oder andere Punkt des Buches nicht ohne weiteres unkritisch gesehen werden kann. Des Autors Sicht auf das Mittelalter ist (zeitbedingt!) etwas zu naiv und vom damals verkündeten Vorurteil geprägt. Das hat sie mit der Sicht so bedrückend vieler heutiger Zeitgenossen gemein. Aber auch hier kann man positiv entdecken, dass Berdiajew das erzieherische Werk der Kirche kennt und nicht verschweigt, die aus vergleichsweise einfachen Völkern und Kulturen unsere Zivilisation geschaffen hat. - Ob man den ebenfalls zeitbedingt geprägten Begriff des „Bürgertums“ heute noch so verwenden würde, sei dahingestellt: darin zeigt sich dann doch, wie Berdiajew aus der Sicht seiner Zeit und seinen eigenen philosophischen Einsichten letztlich richtige, stimmige und uns Heutige überraschende Ergebnisse folgern konnte.

Insgesamt: ein schmales, ordnendes, auch als „Argumentationshilfe“ mit Gewinn zu lesendes Buch, das wir gerne zur Lektüre empfehlen.

Nikolai A. Berdiajew: Im Herzen die Freiheit. Das Bürgertum zwischen Sinnsuche und Selbstgeißelung. Aus dem Russischen übersetzt von J. Schor. Mit einem Vorwort von P. Michael Weigl FSSPX. Bad Schmiedeberg 2018, ISBN 978-3-95621-133-1.

JV

 

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