Civitas Institut

Volkszählung, facebook, Digitalisierung und China: vom Protest zur vollkommenen Überwachung PDF Drucken E-Mail
Montag, den 02. April 2018 um 10:04 Uhr

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Volkzählungen vergangener Jahrzehnte, sei es, daß sie sich als "Zähler" ein paar Mark zum Taschengeld dazuverdienten, sei es, daß sie auf der "anderen Seite" teils sehr heftig dagegen protestierten, daß der Bürger zunehmend gläsern gemacht wurde. Heutzutage ist das anders. facebook und auch die Telekom (z.B.) handeln längst mit den intimsten Daten ihrer Mitglieder bzw. Kunden, und die finden nichts dabei. Aus China wird berichtet, daß dort mit Hilfe der Digitalisierung schon die nächste Stufe der totalen Überwachung gezündet wird.

 

 

"Die chinesische Führung arbeitet zielstrebig auf das sogenannte Social Credit System (SCS) hin, das ab 2020 für alle Chinesen verpflichtend sein soll. Es ist die realexistierende Dystopie in statu nascendi: Dieses Gesellschaftsranking überwacht alles, „Einkäufe, Zahlungsfähigkeit, Pünktlichkeit am Arbeitsplatz, TV- und Videospielkonsum. Die gesammelten Daten ergeben ein individuelles Ranking, das öffentlich zugänglich ist und die 'Vertrauenswürdigkeit' von 1,3 Milliarden Chinesen abbilden soll“, wie Juljan Krause, der an der Universität Southampton zum Big-Data-Komplex forscht, zusammenfaßt. Das Ziel, das die chinesische Regierung vorgibt zu erlangen, sei “eine Kultur der Ehrlichkeit und des Vertrauens zu errichten“. Totale Transparenz und Kontrolle werden moralisch begründet: Der Circle von Dave Eggers kann als Blaupause gelesen werden.

Vor allem auch für das Politische droht eine eklatante Zäsur, denn Kontakt zu „nicht vertrauenswürdigen“ Personen sorgt für Punktabzüge, die jedermann öffentlich einsehen kann. Angesichts der Verfaßtheit des Mängelwesens Mensch und seinem Streben nach Unauffälligkeit und Akzeptanz durch seine Umgebung ist damit zu rechnen, daß andersdenkende Akteure effektiv sozial isoliert werden können, zumal in einem traditionell autoritätsorientierten Land wie China. Was auf den ersten Blick abschreckend wirkt, stößt dort bereits vor 2020 auf großes Interesse: Millionen Chinesen in über 40 Testregionen nutzen das SCS schon jetzt - freiwillig, als Zeichen ihres guten Willens. Sie lassen sich auch davon nicht abschrecken, daß bei schlechten Werten der Erwerb einer Wohnung oder der Kindergartenplatz unmöglich wird, daß Versicherungen den Abschluß verweigern dürfen, daß die Kreditwürdigkeit anhand des Rankings beurteilt wird, ja daß das soziale Bonitätssystem auch dort eingreift, wo sich der Nutzer ganz im Privaten wähnt: In sozialen Netzwerken wie auch in Messenger-Diensten sorgen fortan regierungskritische Kommentare ebenso für Punktverlust wie mangelnder Besuch bereits erwachsener Kinder bei ihren Eltern.

Jeder Bürger startet dabei mit 1000 Punkten. Die beste Stufe erreicht man bereits ab 1050 Punkten („AAA“), die schlechteste bei unter 599 Punkten („D“). Mit A-Bewertung gelangt man auf eine rote Liste, mit D auf eine schwarze. Die Zwischengruppen um die Einstufung C werden regelmäßiger kontrolliert. Die Folgen sind - noch – unabsehbar, aber schon jetzt darf bezweifelt werden, daß das Punktesystem aus Datensammlung, -kontrolle, -bewertung samt folgender Belohnung respektive Bestrafung dem alten Ideal der „harmonischen Gesellschaft“ wirklich entspricht. Sicher ist, daß die VR China damit global gesehen Vorreiter der digitalen Umgestaltung des Überwachungsstaats in alle Sphären der Gesellschaft hinein ist. Die neue Klasse setzt um, die Bürger folgen bereitwillig, weil die Interessen - ein moralisch sauberes, erfolgreiches, prosperierendes China - deckungsgleich wirken. Interessant für den sozialen Zusammenhalt in China wird es dann, wenn die „Klasseninteressen“ der Führungselite nach vorläufigem Abschluß der erfolgreichen ökonomischen Nachholbewegung nicht mehr deckungsgleich mit jenen Interessen verschiedener anderer Schichten sein wird. In eventuell aufkommenden politischen Kämpfen um Verteilung, Teilhabe oder Einfluß droht dann das böse Erwachen seitens der Dissidenten: die totale Überwachung wäre bereits installiert, nachhaltige Opposition unmöglich. Daß entsprechende Entwicklungen in Deutschland und Europa gar nicht erst forciert werden können, bedarf präventiver Analyse und Aufklärung."

aus: Benedikt Kaiser: Chinas neue Klasse im Zeitalter der Digitalisierung, in: Sezession 83 / April 2018, S. 46

JV

 

Zeitschrift

Newsletter

Aktuell online

Wir haben 90 Gäste online

Termine


Aktuell stehen keine Termine an.

PayPal-Spende

Jedes Engagement, jede Aktion hat auch eine finanzielle Seite, die unsere Einsatzmöglichkeiten begrenzt. Um uns zu helfen, unsere Ausstrahlung zu vergrößern oder unseren Einsatz zu vervielfältigen benötigen wir Ihre finanzielle Unterstützung.
Herzlichen Dank für Ihre Spenden!