Civitas Institut

Dieses verfluchte Heimweh, oder: warum der Sozialismus das Wort „Heimat“ haßt PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 06. Juli 2018 um 16:37 Uhr

altIn einer Fernsehsendung über das wunderschöne, winzige Rotwein-Ländchen Ahrtal wurde vor Jahren auch berichtet, daß dort nach dem Krieg Ermländer angesiedelt wurden, Vertriebene aus dem katholischen Teil Ostpreußens. Eine reizende junge Dame, die im Ahrtal geboren und aufgewachsen war und ihre genetische Heimat noch nie gesehen hatte, sprach darüber, daß sie sich wohl im Ahrtal zuhause fühle, aber doch spüre, daß ihre Mentalität irgendwie anders sei als die Mentalität der Leute „von hier“.

Allein diese wenigen Sätze dürften einem Sozialisten massiv mißfallen. Erstens: deutsche Vertriebene gibt es in seiner Welt nicht. Man erinnert sich an zynische Begriffe wie „erzwungene Wanderung“, an abstoßende Bemerkungen wie „die hatten es doch hier besser als in ihrer eigenen Gegend, wo sie keine Chance hatten“. Und an den verächtlichen Begriff des „Berufsvertriebenen“: als ob man den Verlust des Eigenen mit irgendwelchen Entschädigungen wieder gutmachen könnte, als seien das damals nichts anderes gewesen als Wirtschaftsflüchtlinge. Jüngere Generationen werden sich möglicherweise an diese demütigende Beschreibung der Vertriebenen-Wirklichkeit nicht erinnern, deshalb sei sie hier erwähnt. Man könnte auch schaudererregende Berichte über die Verbrechen an der deutschen Bevölkerung anführen – aber das wäre hier nicht unser Thema und würde sozialistischerseits sowieso mit der erbärmlichen Bemerkung quittiert, das sei eben die Folge des von Deutschland begonnenen Krieges gewesen. Dazu nur: wer von denen, die auf der Flucht entsetzlich gelitten haben, die gestorben sind, wer von denen hat denn den Krieg angefangen?

Es geht aber noch um weiteres. Die junge Dame, von der wir sprachen, ist im Ahrtal geboren und aufgewachsen, dort „sozialisiert“, wie es im Soziologen-Deutsch heißt. Nach sozialistischer Doktrin ist der Mensch aber, wenn er zur Welt kommt, ein völlig unbeschriebenes Blatt und wird nur durch seine Umwelt geprägt. Wenn dem so ist, kann die junge Dame aus sozialistischer Sicht gar nicht so empfinden, wie sie es offenbar tut. Und sobald man von Genetik spricht, hat der Sozialist ein Problem: es gibt nichts, das sich mehr widerspricht als die wissenschaftlich fundierte Genetik und der eben nicht wissenschaftlich fundierte Sozialismus mit seinen absurden Menschheitstheorien. Gleiches gilt übrigens auch für Begriffe wie „Mentalität“ oder „angeboren“. Unterschiede, gar angeborene und vererbte Unterschiede kommen in dem unmenschlichen sozialistischen Menschenbild nicht vor, dürfen nicht sein. Alles ist gleich, alle sind gleich. Daher ja auch die unsinnige sozialistische Forderung „Allen das Gleiche“, statt der christlichen Maxime „Jedem das Seine“. Aber auch hier halten wir ein, weil es nur begrenzt unser Thema ist.

Spüren, daß man irgendwie nicht zuhause ist. Heimat ist nämlich nicht zwangsläufig der mehr oder minder zufällige Geburtsort. Und auch der Gegend, in der man aufgewachsen ist, kann man unter Umständen sehr reserviert gegenüberstehen. Es kann sein, daß man lange in einer Gegend lebt, dort auch durchaus glücklich ist, und daß man dann doch irgendwann das Bedürfnis verspürt, weiterzuziehen. Nicht, weil wir nur Gast auf Erden sind, sondern weil vielleicht irgend etwas fehlt, das einen dort hält, wo man gerade ist. Oder, um sie ein letztes Mal zu erwähnen: jene Ermländerin aus dem Ahrtal war sicherlich dort zuhause. Aber allem Anschein nach war das Ahrtal dann doch nicht ihre Heimat.

Diese Zeilen entspringen auch einer ganz persönlichen Erfahrung. Vor einigen Jahren lag ich unter lokaler Betäubung auf einem Operationstisch. Plötzlich fragte der Chirurg: „Sind Sie Ostpreuße?“ Ich hatte mich immer als Rheinländer begriffen, der durch eine Laune der Natur im südlichen Ruhrgebiet an der Grenze zum Rheinland geboren wurde. Die Antwort „Rheinländer“ hatte ich noch nicht ganz ausgesprochen, als mir siedend heiß einfiel, daß meine Familie ja aus dem Ermland stammt. Dementsprechend fiel meine Antwort aus. Das habe er daran gemerkt, sagte der Chirurg, daß ich an einer bestimmten Stelle in Schulternähe ein relativ feines Adergeflecht habe, wo „normale“ Menschen eine normal große Ader haben. Und das haben auf der ganzen Welt nur Ostpreußen! Das war mir eine Offenbarung: man kann alles verleugnen, aber nicht seine Gene.

In meiner Familie waren die Worte „Ermland“, „Mehlsack“ (der Heimatort der Familie, polnisch Pienięzno), „Walschtal“ und manche anderen mehr wie Zauberworte, zumindest für mich, den Ältesten – ob meine jüngeren Geschwister das alles so mitbekommen haben, weiß ich nicht. Ich kann meine Großmutter heute noch hören, wie sie in ihrem Dialekt erzählte, abends gehe sie in Gedanken in Mehlsack spazieren, und ich höre meinen Vater, der immer wieder sagte, im Ermland sei es schöner gewesen. Zugegeben: manchmal konnte man es nicht mehr hören, auch wir waren Kinder unserer Zeit, und da man nicht durch den Regen geht, ohne naß zu werden, hatten auch wir die Parolen der sozialistischen Vetriebenenfeinde und Verächtlichmacher im Ohr.

Und doch: etwas blieb. In den Vor-Internet-Zeiten war es ein relativ dünnes Buch, die „Chronik von Mehlsack“ aus den späten vierziger Jahren, das sich weigerte, aus der Erinnerung zu verschwinden. Zu den Internet-Zeiten komme ich später.

Mein Vater aß keine Blaubeeren, wenn sie aus Polen kamen. Sie könnten, meinte er, aus dem Walschtal kommen, wo sie damals im Überfluß wuchsen. Uns war klar: die Heimat meines Vaters war verloren. Mein Vater aber hatte es, dieses verfluchte Heimweh, das ihn nicht losließ. Es war verbunden mit dem Gefühl des Verlustes, das sich wohl auf der Flucht im Winter über die Ostsee und dann später, während der Jahre im Lager in Dänemark, in dem Sechzehnjährigen gebildet haben mag. Über die Grauen der Vertreibung hat er nie sprechen können, wie so viele seines Alters. Davon haben wir erst in den erschütternden, herzzerreißenden Berichten erfahren, die man z.B. in den Heften der Heimatbriefe des Kreises Braunsberg nachlesen und nachempfinden kann.

Im Jahr 1990 sind meine Eltern dann zum ersten Mal (wieder) ins Ermland gefahren. Eine organisierte Rundreise. Man muß wissen, daß ganz am Ende des Zweiten Weltkrieges gerade in Mehlsack eine der entsetzlichsten Schlachten des gesamten Krieges stattgefunden hatte, am Ende standen durch ein Wunder nur noch die Kirche, der Turm des protestantischen Bethauses und einige Häuser, darunter das Postamt, in dem mein Vater als Postjungbote zwei Jahre gelernt hatte. Nun, im Jahr 1990, ging er durch die völlig veränderte, für unsere Verhältnisse nur provisorisch aufgebaute Stadt (die dorthin verbrachten Polen, Litauer usw. mußten erst tausende von Leichen wegräumen und in zerstörten Gebäuden zu überleben versuchen – wie konnten sie Mehlsack lieben?) und fand fast nichts wieder. Sein Walschtal, in dem er als Junge Schlittschuh gelaufen war, ist zu einem Naturschutzgebiet geworden und ziemlich zugewachsen. In „seinem“ Postamt saß eine junge polnische Postbeamtin, und als mein Vater auf einen Zettel „1941“ schrieb und dann in Zeichensprache klarmachte, daß er 1941 hinter diesem Schalter gesessen hatte, da wurde er mit größter Selbstverständlichkeit wieder hinter den Schalter geholt, sollte sich wieder auf den Stuhl setzen, und die beiden unterhielten sich, keiner die Sprache des anderen beherrschend, eine halbe Stunde lang mit Zeichen und Gesten. Er verließ „sein“ Postamt innig versöhnt, mit einem geschenkten Briefmarkenblock mit dem damaligen Papst Johannes Paul II. in der Hand.

Nein, sagte er jedoch später immer wieder: das sei nicht mehr seine Heimat. Es sei ja alles weg.

Und da hat er sich massiv getäuscht. Es wird ihm geholfen haben, das so zu sehen, gab es doch aus verschiedensten Gründen keinerlei realistische Möglichkeit einer Heimkehr: sollte er denn, z.B., seine Kinder und Enkel im Westen zurücklassen? Keine Diskussion. Und dennoch: es war ein Irrtum.

Das Internet bietet viele schöne Möglichkeiten der Bildersuche. Bilder und Informationen müssen nur aufgelesen und in eine vernünftige Ordnung gebracht werden. Das habe ich mit wachsender Begeisterung getan, Bilder über das damalige und heutige Mehlsack findet man zuhauf, seit in Polen die deutsche Vergangenheit Ermlands und Masurens nicht mehr verleugnet wird (in Wormditt wurden vor wenigen Jahren am Rathaus die zugemörtelten Gedenktafeln für die deutschen Gefallenen unter hohen Kosten wiederhergestellt, bezahlt von Polen).

Der Wendepunkt aber war eben jene Operation, die mich so umwerfend über nicht zu leugnende Gene belehrte.

Unsere erste Reise in die Heimat (der Vorfahren) fand ein Jahr später statt. Wir wohnten in einem netten Hotelchen in Wormditt, das wir empfehlen können. Der erste Weg, noch am Abend der Ankunft, führte natürlich nach Mehlsack. Von Wormditt kommend sieht man zuerst den Kirchturm, schon von weitem. Hinter Wojnitt, kurz parallel zur Eisenbahnlinie fahrend, sieht man dann das Städtchen, das früher so wunderschön war. Und dann dieses unbeschreibliche Glücksgefühl, diese umwerfende, überwältigende, unvergeßliche Freude, die in dem Satz liegen kann: „Ich bin da! Ich bin angekommen!“ Und der Himmel ist ganz, ganz blau, mit strahlend weißen Wolken: „Nu, Lorbaß, biste jekommen met dejnem Marjellchen“ sagt der Kirchturm ganz leise. „Heißt heute übrigens hier: Cześć, Warmiak!“ - „Merke ich mir“, gebe ich leise zurück.

Morgens im Hotel erzähle ich der jungen Bedienung beim Frühstück in meinem rudimentären Polnisch, das ich mir kurz angelernt hatte, daß mein Vater aus Mehlsack stammte. „Meine Mama ist auch aus Pienięzno!“ sagt sie erfreut. Wir verstehen uns. Und auch in der Folgezeit habe ich gemerkt, daß diese Leute das Land genauso lieben wie ich. Das haben wir schonmal gemeinsam. Warum nicht?

Wir sind auf den Spuren von Bischof Kaller gewandelt, der seine Predigten oft auf Polnisch wiederholte und dann mit den Worten „Geliebtes polnisches Volk“ begann. Mitten in der NS-Diktatur. Wir sind auf dem Bischofsweg bei Balden gewandert, wir haben die Kirchen gesehen, die unsere Vorfahren gebaut haben, in denen sie gebetet und die Sakramente empfangen haben, in denen sie dieselbe Messe gehört haben, wie wir sie hören (die Großmutter kam aus Lichtenau – eine hübsche Kirche, die sonntags voll ist). Wir haben in Dietrichswalde den Rosenkranz gebetet, ein herrliches Konzert mit polnischen Volksliedern gehört und gelernt, daß es allem Anschein nach zwischen den polnischen und den deutschen Ermländern keine ernsthaften Probleme gab; die kamen erst viel später. Mit dem Kriegsende und danach. Da hatten die polnischen Ermländer auch keine leichte Zeit.

Und ich kann bisher überhaupt nicht erklären, warum ich in Sonnwalde bei Mehlsack besonders ergriffen war. Sicher, dort hatte mein Urgroßvater eine Seilerei, die ich bisher noch nicht wiedergefunden habe, das wird Aufgabe eines der nächsten Aufenthalte dort sein. Irgendwie hatte ich ganz intensiv und sicher das Gefühl, angekommen zu sein. Ich kann es nicht anders als mit der Genetik erklären: jahrhundertelang hat dieses Land meine Vorfahren ernährt, im Wortsinn: das Getreide, das Gemüse, die Früchte wuchsen hier, das Fleisch („das Gemüse des Ostpreußen“, sagte mein Vater) stammte von Tieren, die hier das Gras gefressen hatten. Ist es nicht so, wenn man es genau nimmt, daß wir wohl schon rein chemisch, von den „Stoffen“, von der Materie her von hier stammen? Daß man das ganz intensiv spürt, wenn man dafür offen ist?

Wir sind wieder im Ermland gewesen. Das „Gefühl“ ließ nicht nach, es bleibt. Es bleibt, dieses verfluchte Heimweh. Wir haben in Allenstein Flinsen mit Schmand und auch Pierogi gegessen (bei Brunner, auf dem Marktplatz), und mir ist es inzwischen egal, ob man polnisch singt: „O Warmio, moja miła“ - O Ermland, meine Liebe (nun ja, der Text ist in den beiden folgenden Strophen nicht immer sehr deutschfreundlich), oder „Mein Ermland will ich lieben, so lang ich leb' und bin“. Die Sozialisten schaffen es nicht, die Liebe zur genetischen Heimat wegzuleugnen. Es gibt sie, es gibt diese enge (Ver)Bindung. Wir Menschen haben Wurzeln, und die sind eben Familie und Heimat. Mit entwurzelten Menschen ohne gemeinschaftliche Identität und Zugehörigkeit hat der Sozialismus dann sein Ziel des nicht vorgeprägten Menschen erreicht, den er nach seinem Willen umformen kann. Das ist tödlich für unsere Zivilisation. Ganz nebenher: die Polen haben das begriffen, die Ungarn auch.

Jetzt denke ich darüber nach, ob genau das der Sinn der Vertreibung nach dem Krieg und der Durcheinanderwürfelung der Menschen in ganz Deutschland war: die Kappung eben dieser Wurzeln bei den Vertriebenen und bei denen, die sie, wenn zunächst auch sehr widerwillig, aufnahmen. Dann folgt das Nachdenken darüber, ob das vielleicht nicht gereicht hat, um die Identität zu zerstören, und ob nicht wohl deshalb aktuell... Nein. Jetzt höre ich auf.

Heimat. Hört mal, ihr Sozialisten: welch' ein schönes Wort: Heimat! Ich werde mir jetzt die Bilder der Ermland-Urlaube anschauen und mich auf (hoffentlich noch) viele Aufenthalte in der genetischen Heimat freuen. Nur schade: im Winter auf der vereisten Walsch Schlittschuh zu laufen – dafür bin ich inzwischen viel zu alt.

Joachim Volkmann

 

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