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Grundlagen: Soziale Gerechtigkeit PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 24. März 2009 um 15:20 Uhr
thomas_aquin.jpgSeit Jahren beherrscht die Diskussion um soziale Gerechtigkeit die Medien und die öffentliche Debatte. Dabei wird diese Diskussion vor allem geprägt durch eine sozialistische und linke Ideologie, die inzwischen auch in weiten Teilen der CDU Einzug gehalten hat. Die katholische Soziallehre und das Naturrecht haben aber bereits seit Jahrhunderten eine Theorie der sozialen Gerechtigkeit entwickelt, die besonders auf Thomas von Aquin zurückgeht. .
 
Üblicherweise unterscheidet man zwischen Gerechtigkeit in einem rechtlichen, bzw. gesetzmäßigen Sinne und der sozialen Gerechtigkeit. Im ersten Sinne handelt es sich bei der Gerechtigkeit um eine Tugend, deren besonderer Gegenstand das öffentliche Interesse bzw. das Gemeinwohl ist. Die Tugend der Gerechtigkeit ermöglicht es sowohl den Herrschern als auch den Bürgern ihre persönlichen und privaten Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen. Nach dem hl. Thomas von Aquin ist die gesetzliche Gerechtigkeit eine Tugend zur Vervollkommnung und Stärkung des Willens, eine bewegende oder antreibende Tugend, deren wesentliche Funktion darin besteht, unsere Handlungen und Tätigkeiten auf das Gemeinwohl auszurichten.

Thomas stellt die Frage, ob die Gerechtigkeit eine allgemeine Tugend ist. Darauf antwortet er in folgender Weise: Gerechtigkeit hat ein Ziel, sie ordnet die Beziehungen zwischen den Menschen. Ein Mensch kann in Beziehung zu anderen Menschen in zwei verschiedenen Weisen stehen: individuell und sozial. Mit der sozialen Beziehung meint man die Beziehung zu Anderen sofern sie einer sozialen Gemeinschaft dient und durch diese Gemeinschaft all denen, die zu dieser Gemeinschaft gehören. Denn es ist evident, daß alle, die in einer Gemeinschaft leben zu ihr in der Beziehung eines Teiles zum Ganzen stehen. Der Teil als solcher ist etwas vom Ganzen. 

Deshalb sollte der Wert jeder Tugend, sowohl der Tugenden, die uns persönlich vervollkommnen, als auch der Tugenden, die uns in Beziehung zu anderen setzen, ausgerichtet sein auf das Gemeinwohl, auf das uns die Gerechtigkeit orientiert. Daraus folgt nun, daß die Akte aller Tugenden von der Gerechtigkeit abhängen, die uns auf das Gemeinwohl hin lenken. Insofern ist die Gerechtigkeit eine allgemeine Tugend.

Doch dieser allgemeine Charakter der Gerechtigkeit verhindert nicht, daß die Gerechtigkeit auch eine besondere Tugend ist. Ebenso wie die Nächstenliebe als allgemeine Tugend beschrieben werden kann, weil sie alle Handlungen auf das göttliche Gut lenkt, so ist die Gerechtigkeit eine allgemeine Tugend, insofern sie die Handlungen aller Tugenden auf das Gemeinwohl orientiert. Weil wir wissen, das in der übernatürlichen Ordnung eine tugendhafte Handlung nur verdienstvoll ist, sofern sie unter der Einfluß der Nächstenliebe geschieht, so kann man schlußfolgern, daß die individuelle Tugend aufhören würde eine  Tugend zu sein, wenn sie nicht den Eindruck der Gerechtigkeit trägt. Die allgemeine Funktion der Nächstenliebe verhindert keineswegs, daß diese eine besondere Tugend ist, weil ihr besonderer Gegenstand die göttliche Güte ist. Dasselbe kann man auch von der gesetzlichen Gerechtigkeit sagen. In ihrem Wesen ist sie eine besondere Tugend, denn ihr ausgezeichneter Gegenstand ist das Gemeinwohl.

Thomas von Aquin stellt sich dann die Frage, abgesehen von dieser Tugend, ob es nicht andere Tugenden der Gerechtigkeit gibt, die nicht das Gemeinwohl oder das Gut einer Gemeinschaft zum Ziel haben, sondern das persönliche Gut der Individuen, die die Gemeinschaften bilden. Zur Beantwortung dieser Frage unterscheidet Thomas zwei Arten der Gerechtigkeit: die kommutative und die distributive Gerechtigkeit.

Die kommutative Gerechtigkeit regelt die Gerechtigkeit zwischen Individuen, während die distributive Gerechtigkeit den Beitrag des Gemeinwohls zu den Gliedern der Gemeinschaft regelt, die durch die gesellschaftliche Autorität, entsprechend der sozialen Werte und Rechte geregelt wird.

Zwischen dem Gemeinwohl der Gemeinschaft und dem besonderen Gut der individuellen Mitglieder derselben besteht dieselbe besondere Differenz wie zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. Das Gemeinwohl unterscheidet sich nicht vom besonderen Gut bloß hinsichtlich der Quantität. Es ist kein summarisches Ganzes der einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft, das durch Addition der Einzelinteressen entsteht. Deshalb kann man sagen, daß die gesetzliche Gerechtigkeit in Hinsicht auf ihre allgemeine motivierende Funktion eine besondere Tugend ist, deren Ziel das Gemeinwohl ist, die alle einzelnen Tugenden daraufhin orientiert. Die anderen moralische Tugenden, ungeachtet ihres besonderen Gegenstandes, sind soziale Tugenden, insofern als die Gerechtigkeit sie zum Gemeinwohl dienlich macht.

Doch warum spricht Thomas von der gesetzlichen Gerechtigkeit anstatt von sozialer Gerechtigkeit? Die Antwort lautet: Diese Gerechtigkeit hält den Menschen in Übereinstimmung mit dem Gesetz dessen Aufgabe es ist, alle Handlungen aller Tugenden auf das Gemeinwohl hin auszurichten.

Diese Antwort wird erst verständlich, wenn man die thomistische Lehre vom Gesetz beachtet. Jedes Gesetz, ob das ewige, das natürliche oder das menschliche (positive) Gesetz ist eine Ordnung in Übereinstimmung mit der rechten Vernunft in Hinsicht auf das Gemeinwohl. Die bindende Kraft der menschlichen Gesetze ergibt sich aus der Tatsache, daß es auf das Gemeinwohl gerichtet ist und es verliert seine verpflichtende Macht im Gewissen, wenn dies nicht der Fall ist. Auf der anderen Seite verpflichten alle positiven, d.h. vom Menschen gemachten Gesetze im Gewissen, insofern sie im Blick auf das Gemeinwohl erlassen wurden.

Wegen dieser Ausrichtung aller Gesetze auf das Gemeinwohl gebraucht Thomas den Begriff der gesetzmäßigen Gerechtigkeit, doch könnte er dafür ebenso das Wort soziale Gerechtigkeit verwenden. Das Gemeinwohl ist das wirkliche Ziel der Gesellschaft. Deshalb kannn Thomas sagen, daß die gesetzmäßige Gerechtigkeit primär im Herrscher ist als dem Oberhaupt der Gemeinschaft und sekundär in den Mitgliedern der Gemeinschaft als den Handelnden als den Ausführenden. Die Herrscher sind direkt genötigt das Gemeinwohl der Gesellschaft zu schützen und zu bewahren. Es gehört zu ihnen um die Gesetze zu erlassen, die das Verhalten der Mitglieder der Gemeinschaft anleiten und ordnen und ausschließlich das Gemeinwohl anzielen.

Soziale Gerechtigkeit ist deshalb in erster Linie eine Tugend der Regierenden, aber es ist ebenso die Tugend der Regierten, d.h. all derjenigen, die als Teile die Gesellschaft bilden und gerade deshalb, weil sie Teil der Gesellschaft, des Ganzen sind.

Obwohl das Gesetz alle Handlung der Tugenden in Hinsicht auf das Gemeinwohl regelt, kann es nicht jede einzelne Handlung regeln. Zudem wäre es auch nicht unbedingt wünschenswert, wenn der Staat jede unserer Handlungen regeln würde, was zu einer ständigen Staatsintervention führen müßte und die private Initiative paralysieren würde. Die Glieder der Gesellschaft müssen sich ihrer Pflichten bewußt werden als Glieder dieser Gesellschaft und so alle ihre Handlungen auf das Gemeinwohl ausrichten. In diesem Sinne handeln sie dann sozial gerecht.


So zeigt sich die soziale Gerechtigkeit als eine erhabene Tugend, die Kontrolle über die Gedanken, Gefühle und Handlungen der Bürger ausübt und diese aus eigenem Antrieb der Gesellschaft unterordnet. Weit davon entfernt die Persönlichkeit zu vernichten, bekämpft die soziale Gerechtigkeit den Individualismus. Sie fordert, daß die Bürger der Gesellschaft dienen um auf diese Weise das Recht zu erlangen, selbst Nutzen aus der Gesellschaft zu ziehen.

 

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