Civitas Institut

Enzyklika Caritas in Veritate: Eine kritische Stellungnahme PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, den 09. Juli 2009 um 21:00 Uhr

Am 7. Juli erschien die dritte Enzyklika des hl. Vaters Papst Benedikt XVI., die mit den Worten Caritas in veritate, Liebe in der Wahrheit anfängt. Die Enzyklika hat, je nach Drucklegung, etwa 70 Seiten und ist damit eine der umfangreichsten Sozialenzykliken der katholischen Kirche. Umfang und Inhalt stehen jedoch bekanntermaßen nicht immer in einem proportionalen Verhältnis, und vor allem seit dem Zweiten Vatikanische Konzil hat der Umfang kirchlicher Schreiben erheblich zugenommen, ohne daß der Inhalt klarer und tiefer geworden ist. Leider trifft dies auch für die neue Enzyklika zu.

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Eine ausführliche Analyse ist im Rahmen eines Beitrags für eine Internetveröffentlichung sicher nicht möglich; diese Aufgabe muß für eine spätere Veröffentlichung vorbehalten bleiben. Hier wollen wir nur einige Grundlinien der Enzyklika darstellen und vor dem Hintergrund der überlieferten kirchlichen Lehre, insbesondere der Soziallehre seit Leo XIII., kritisch hinterfragen.

Das Civitas Institut sieht seine besondere Aufgabe in der Verbreitung und Verteidigung der überlieferten päpstlichen Soziallehre und des authentischen Naturrechts, wie es, angefangen bei den Griechen, über das römische Recht und das große Naturrechtsdenken des Mittelalters, stets wirksam gewesen ist. Diese Lehren sind der Maßstab für die Beurteilung von Caritas in veritate.

1. Der wohl grundsätzlichste Mangel des Lehrschreibens ist seine sehr starke Allgemeinheit. Ausführlich wird über viele Seiten die Bedeutung der Liebe im christlichen Sinne dargelegt, wie dies bereits in der ersten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. geschehen ist. Dabei wird die Bedeutung der Wahrheit für die Liebe und umgekehrt betont und die Bedeutung der für Gott offenen menschlichen Vernunft. Diese Motive wiederholen sich an vielen Stellen des päpstlichen Rundschreibens, allerdings fast durchgehend so, daß die spezifischen Konsequenzen dieses Ansatzes nur schwer erkennbar sind, bzw. ihr Unterschied von verschiedenen anderen Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft, bzw. für die derzeitige Krise und die Globalisierung. Dieses Mangels sich offenbar bewußt, heißt es unter Paragraph 21 „Die Kirche hat keine technischen Lösungen anzubieten“. Es geht aber auch nicht primär um technische Lösungen, sondern um konkrete Folgerungen aus den gültigen Grundprinzipien der katholischen Soziallehre, wie Subsidiarität, Gemeinwohl, Solidarität. Vermutlich ist der Ausgangspunkt bei Liebe und Wahrheit auch zu allgemein, um zu konkreten Hinweisen für die Gefahren und Nöte der Zeit, insbesondere der Globalisierung, zu gelangen.

2. Eine spezifisch katholische Position ist in dem Schreiben nicht erkennbar. Es bleibt stets bei allgemein-christlichen Auffassungen, sofern theologische Fragen berührt werden, die von allen christlichen Konfessionen im großen und ganzen geteilt werden können. Ein Papst spricht aber im Namen der katholischen Kirche, oder er sollte dies zumindest tun. Insofern ist in dieser Enzyklika vermutlich der moderne Ökomenismus, der die Gemeinsamkeiten betont, ohne die Differenzen zu nennen, im Hintergrund wirksam gewesen.

3. Sehr bedauerlich und für die Qualität des Rundschreibens problematisch ist der fast ausschließliche Bezug auf die Enzyklika Papst Pauls VI. Populorum progressio von 1967, sowie der Enzyklika Pacem in terris von Johannes XXIII. Ansonsten kommen nur noch einige Bezüge zu verschiedenen Enzykliken von Papst Johannes Paul II. und das „Kompendium der katholischen Soziallehre“, das vor einigen Jahren erschien, zur Sprache. Diese fast vollständige Ausblendung der großen Tradition der kirchlichen Soziallehre von Papst Leo XIII. bis Papst Pius XII., deren Prinzipien und Grundsätze gerade auch heute noch wesentliche Beiträge zu den Problemen der Gegenwart hätten leisten können, wie wir gezeigt haben, führt zu dem sehr oberflächlichen Charakter der neuen Enzyklika. Die Enzyklika Populorum progressio ist sehr stark gekennzeichnet von dem Fortschrittsoptimismus der Pastoralkonstitution Gaudium et spes, die wohl heute kaum noch ernst zu nehmen ist. Gleichwohl wird auch dieses verhängnisvolle Dokument in der neuen Enzyklika mehrfach zitiert. Daß die Enzyklika Pauls VI. im Verdacht steht, –  um  uns vorsichtig auszudrücken – einen Bruch mit der traditionellen Soziallehre der Kirche herbeigeführt zu haben, ist der neuen Enzyklika offensichtlich bewußt, denn der Paragraph 12 geht darauf ein. Allerdings wird hier diese Behauptung nur zurückgewiesen, ohne das dafür ein Argument genannt wird.

4. Wo die Enzyklika konkreter wird, vor allem in den letzten Paragraphen, sind die Vorschläge zur Überwindung der Krise und der Probleme der Globalisierung fast durchweg bekannte, von verschiedenen Organisationen schon seit langem gestellte Forderungen, die sich auch im Arsenal verschiedener linker Gruppen und Parteien finden. Ein genuin christliche, ja prinzipiell katholische Antwort auf die modernen Herausforderungen, schimmert, wenn überhaupt, nur an wenigen Stellen hervor. Wesentliche Teile der Enzyklika wurden auch nicht vom Papst selbst geschrieben, sondern vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden, zu dem auch der Münchner Erzbischof Marx gehört, dessen letztes Buch, das von uns rezensiert wurde, eine sozialliberale Auffassung als christliche Soziallehre zu verkaufen versucht. Marx war wesentlich an der Abfassung von Caritas in veritate beteiligt.

5. Durch die Beteiligung verschiedener Personen und vatikanischer Institutionen bei der Abfassung der Enzyklika kommt es an verschiedenen Stellen zu deutlich erkennbaren Widersprüchen, auf die auch Professor Manfred Spieker in seinem Beitrag für die „Tagespost“ (9. Juli 2009, S. 5) hingewiesen hat. So weist der Sozialethiker darauf hin, daß zwischen der Forderung nach einer „echte(n) politischen Weltautorität“ – übrigens ein Wunschtraum der Freimaurer seit dem 18. Jahrhundert – und der Betonung der Subsidiarität ein Widerspruch klafft, der nicht gelöst wird.

6. Philosophisch-theologische Grundlage dieser Enzyklika ist zweifellos der Personalismus, der für die Entwicklung während und nach dem Zweiten Vatikanische Konzil, bis heute, eine verhängnisvolle Wirkung entfaltet. Der Personalismus ist in gewisser Weise der Weg, durch den der Liberalismus, der von den Päpsten der letzten Jahrhunderte entschieden verurteilt wurde, Zugang zur katholischen Glaubens- und Soziallehre gefunden hat. Er stellt die Person vor das Allgemeinwohl und behauptet, letzteres müsse ausschließlich im Dienst der Person stehen. Daß das Gemeinwohl im letzten durchaus der Person dienen muß, ist überlieferte Lehre der Kirche und wurde auch von Papst Pius XII. mehrfach wiederholt. Nur auf diese Weise läßt sich zum Beispiel rechtfertigen, daß der Staat, als Hüter des Allgemeinwohls, nichts unternehmen darf, was dem letzten Ziel des Menschen, der Gemeinschaft mit Gott, im Wege steht. Allerdings vertritt der Personalismus diese Lehre mit einer Ausschließlichkeit, die den liberalistischen Einschlag nicht verbergen kann, und verbindet diese Lehre mit einer falschen Auffassung von Freiheit. Nach personalistischer Lehre ist die Freiheit zur Entscheidung der Mittelpunkt der menschlichen Würde und seiner Personalität.

7. An verschiedenen Punkten der Enzyklika wird von einer „wahren Autonomie“ gesprochen. Was das nun genauer sein soll, bleibt unverständlich. Der Gedanke der Autonomie ist die Grundlage der revolutionären Entwicklung der vergangenen 200 bis 250 Jahre, und einer „wahren Autonomie“ kann man keinen Sinn abgewinnen, denn jede Autonomie besteht in der Behauptung, daß der Mensch oder die menschliche Gesellschaft restlos unabhängig von allem ist und ihre Geschicke selbst bestimmt. Daran ändert auch das Prädikat „wahr“ oder „echt“ nichts. Sie dienen nur dem Zweck, einen Begriff der modernen Unkultur in die kirchliche Sprache einzuführen.

8. Im Sinne des Personalismus und wie schon im „Kompendium der katholischen Soziallehre“ ständig wiederholt, wird auch in diesem Lehrschreiben die Soziallehre der Kirche als „Humanismus“ bezeichnet. Zur Unterscheidung von anderen „Humanismen“ wird das Prädikat „christlich“ hinzugefügt. Der Humanismus ist allerdings eine nicht katholische Ideologie. Da sie den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht Gott, bleibt er auch durch das Prädikat „christlich“ ein Humanismus. Die Folgen dieses christlichen Humanismus und der „anthrologischen Wende“ des II. Vatikanums kann jeder in der Entwicklung der Kirche der letzten vierzig Jahre beobachten. Die Menschen werden erst dann wieder zu Christus und Seiner Kirche zurückkehren, wenn Er wieder ausschließlich im Mittelpunkt steht.

9. An verschiedenen Stellen der Enzyklika finden sich verschiedene Allgemeinplätze, die wohl von niemandem auf diesem Planeten in Frage gestellt werden und deshalb eher peinlich wirken könnten. So heißt es z.B.: „Die Unterentwicklung hat eine Ursache, die noch wichtiger ist als die Unzulänglichkeit des Denkens: Es ist das „Fehlen des brüderlichen Geistes unter den Menschen und unter den Völkern“ (§ 19). Im § 21 wird von einer „neuen humanistischen Synthese“ gesprochen und dann die Kompliziertheit und Schwere der augenblicklichen wirtschaftlichen Krise betont, die aber mit „Realismus, Vertrauen und Hoffnung“ in Verantwortung übernommen werden muß usw. „So wird die Krise Anlaß zu Unterscheidung und neuer Planung“. In ähnlicher Weise sind ganze Abschnitte gefaßt, die man ohne Verlust einfach hätten streichen können. Oder würde irgend jemand ernsthaft bestreiten, „daß ein Fortschritt allein unter wirtschaftlichen und technologischen Gesichtspunkten nicht genügt. Es ist notwendig, daß die Entwicklung vor allem echt und ganzheitlich ist.“ ?

10. Positiv anzuerkennen ist, neben vielen anderen Punkten daß die Enzyklika die Rede von einem Ende des Staates klar zurückweist. Der Staat ist nicht durch überstaatliche, transnationale Institutionen zu ersetzen, was auch für das Subsidiaritätsprinzip einen schweren Schaden bedeutete. Demgegenüber betont das Lehrschreiben, daß sich hinsichtlich der Lösung der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise sogar „ein Wachstum seiner Rolle ab(zeichnet), indem er viele seiner Kompetenzen wiedererlangt“. Hier stellt sich freilich die Frage, welche Kompetenzen dies sein sollen, denn nach der überlieferten Lehre der Kirche stehen dem Staat nur sehr eingeschränkte Kompetenzen im Bereich Wirtschaft und Finanzen zu. Die Wirtschaft, so die Lehre z.B. von Pius XI. gehört zu den vorstaatlichen Bereichen, da sie durch die Berufsgemeinschaften reguliert werden soll. Die Berufsgemeinschaften, oder wie es in der Enzyklika Quadragesimo anno heißt, die Berufsstände, sind natürliche Gemeinschaften, die das Recht haben, alle in ihren Bereich gehörenden Aufgaben, selbständig und ohne staatliche Eingriffe zu ordnen. Gerade wo Caritas in veritate von der Bedeutung nicht staatlicher Organisationen für das Gemeinwohl und auch für die internationale Zusammenarbeit spricht, hätte ein Hinweis auf die Enzyklika Pius XI. und dem Modell der berufsständischen Ordnung weiterführend sein können. Dieses Modell für unsere Zeit wieder aufzugreifen und für die Globalisierung weiterzuentwickeln, wäre ein echter katholischer Beitrag zur Soziallehre. Es ist allerdings bekannt, daß die moderne(istische) Soziallehre sich geradezu für dieses Modell schämt, das noch bis Ende der 1950iger Jahre von fast allen Sozialethikern und von Papst Pius XII. vertreten wurde.

11. Hinsichtlich des Subsidiaritätsprinzips führt die Enzyklika einen neuen Akzent ein, der allerdings wenig sinnvoll erscheint. Gemeint ist die dort so bezeichnete „steuerliche Subsidiarität“. Damit gemeint ist das Recht der Bürger „über den Bestimmungszweck von Anteilen ihrer dem Staat erbrachten Steuern zu entscheiden“. Was das bedeutet kann man durch den Hinweis auf ein ähnliches Modell bei der Kirchensteuer in verschiedenen Ländern klarmachen. In Österreich z.B. können die Kirchensteuerzahler sich entscheiden, wofür sie diese Steuer, oder einen Tei, davon, eingesetzt sehen möchten. Der Zweck dieser Neueinführung in der Enzyklika ist die Hoffnung, daß dadurch mehr Geld für die Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt wird. Abgesehen davon, daß dies durchaus bezweifelt werden kann, hat Manfred Spieker richtig darauf hingewiesen, „daß er (der Vorschlag) die parlamentarische Demokratie mit der Budgethohheit des Parlaments in Frage stellt und im übrigen dem Populismus in der Politik Tür und Tor öffnet“. (Ibid)

12. Klare Aussagen finden sich zum Ende der Enzyklika hinsichtlich der Biomedizin. Diese wird in ihrer gewaltigen Bedeutung für die weitere kulturelle Entwicklung und Auseinandersetzung erkannt. In diesem Bereich macht sich heute der „Absolutheitsanspruch der Technik“ am deutlichsten bemerkbar. „Die wissenschaftlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet und die Möglichkeiten technischer Eingriffe scheinen so weit vorangekommen zu sein, daß sie uns vor die Wahl zwischen den zwei Arten der Rationalität stellt: die auf Transzendenz hin offene Vernunft oder die in der Immanenz eingeschlossene Vernunft.“ (§74). Weiter heißt es mit erfreulicher Klarheit, die dem Dokument, wie gesagt, im übrigen fehlt: „In der heutigen Kultur der totalen Ernüchterung, die glaubt, alle Geheimnisse aufgedeckt zu haben, weil man bereits an der Wurzel des Lebens angelangt ist, kommt es zur Entwicklung und Förderung von In-vitro-Fertilisation, Embryonenforschung, Möglichkeiten des Klonens und der Hybridisierung des Menschen. Hier findet der Absolutheitsanspruch der Technik seinen massivsten Ausdruck.“ (§ 75). Die Aufforderung an die Gläubigen und alle Menschen guten Willens, alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um diese perverse Entwicklung zu stoppen, fehlt hier allerdings.

Das Fazit: Insgesamt eine schwache, eher oberflächliche und wenig konkrete Enzyklika, die vermutlich nach kurzer Zeit aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verschwunden sein wird. Dies zeigt sich schon an den Reaktionen in den Medien, wo jeder seine eigene Meinung bestätigt gefunden hat und sich deshalb auch nicht genötigt fühlt, irgend etwas zu ändern. Wir hätten uns, nach den vielen sehr positiven und erfreulichen Entscheidungen des hl. Vaters in den vergangenen Jahren, die besonders durch einen stärkeren Rückbezug auf die Tradition gekennzeichnet waren, eine Enzyklika gewünscht, die nicht die postkonziliare Entwicklung zum Maßstab nimmt, sondern die große Tradition der katholischen Soziallehre.

 

 

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